„Der, die, das. Wer, wie, was?
Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm.

Der, die, das. Wer, wie, was?
Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm.

1000 Tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen, manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen.“

So beginnt die deutsche Titelmusik der Sesamstraße.¹

„Wer, wie, was“ und „warum“ sind typische W-Fragen. Die W-Fragen-Methode kennt mit „wann, wo und wozu“ noch drei weitere und somit insgesamt sieben Fragen. Die im Lied besungenen „Wieso, weshalb, warum“ liegen semantisch sehr nah beieinander und dürften vermutlich dem Reim der folgenden Zeile geschuldet sein: „Wer nicht fragt bleibt dumm.“

Was Kindern schon früh vermittelt wird, gilt im Erwachsenenalter ebenso. Im gesellschaftlichen Miteinander, in der Politik, im Beruf. „Wer nicht fragt bleibt dumm.“ ist zwar eine überspitzte Aussage, aber der Kern der Aussage trifft auf viele Menschen – vielleicht auf Sie und sicherlich auf mich – zu. Nicht immer werden Fragen gestellt, obwohl Zusammenhänge unklar sind und Antworten fehlen. Wieso ist das so und wie lässt sich die Kunst der Frage wieder erlernen?

Die Macht der Frage

Es ist schon einige Jahrzehnte her, da war im mit meinem Vater im Auto unterwegs. Über was wir sprachen, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich aber noch gut an den Verlauf der Unterhaltung erinnern. Es ging hin und her – zumindest dachte ich dies seinerzeit. Je länger das Gespräch dauerte, desto mehr sah ich mich in eine Ecke gedrängt, so dass ich meinen Vater irgendwann fragte, warum er denn bei jeder Aussage eine andere Meinung vertreten würde? „Das stimmt nicht.“ – lautete seine Antwort. „Ich habe gar keine Meinung geäußert. Ich habe Dich in den letzten 30 Minuten nur gefragt, warum Du Dich mit dem Thema beschäftigst, was Deine Lösung wäre und wie Du sie umsetzen wollen würdest.“ Wer, wie, was, warum, wann, wo und wozu.

W-Fragen haben eine besondere Macht. Natürlich ist mir dies heute klar und oftmals lässt sich gut beobachten, wer diese Macht beherrscht. Vielfach wird in Diskussionen per „Whataboutism“ versucht, von Fragen abzulenken und andere Schwerpunkte in Diskussionen zu setzen. Ein geübter Diskutant erkennt dies jedoch leicht und kehrt zügig zum ursprünglichen Thema zurück. Das Mittel dazu ist relativ einfach: es sind die W-Fragen.

Die Frage im Beruf

Es gibt unzählige Beispiele im Berufsalltag, bei denen W-Fragen helfen, Wünsche und Bedürfnisse zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen und Lösungswege zu identifizieren. Bei der Entwicklung von Produkten, Systemen oder Software ist es bspw. wichtig, Anforderungen zu definieren. Es gilt die Anforderungen zu erheben, die technisch, finanziell und auch personell realisierbar sind. Anforderungen müssen vollständig und widerspruchsfrei dokumentiert sein. Die Qualität der Anforderungen muss geprüft werden und je mehr Anforderungen es gibt, desto umfassender fällt die Prüfung aus. Zusätzlich müssen die richtigen Adressaten – im Kontext der Softwareentwicklung also die Stakeholder – ermittelt werden. Der Systemkontext muss bestimmt werden. Lastenhefte werden untersucht und Pflichtenhefte formuliert. Ein großer Prozess mit vielen einzelnen Schritten und sehr vielen Fragen.²

Ganz gleich, ob es sich es in der Softwareentwicklung um die Definition von Minmal Viable Products, um eine Sprint Planung oder die Gestaltung von Prototypen handelt – nur mit Fragen lässt sich die zugrunde liegende Intention, die konkrete Herausforderungen oder eine Good Practice zur Umsetzung einer Aufgabe ermitteln. Leider klingt dies in der Theorie – und das nicht nur bei der Entwicklung von Software, sondern praktisch in allen Geschäftsfeldern und Unternehmensdiziplinen – deutlich leichter als es in der Praxis tatsächlich ist. Woran liegt das?

Die Ängste der Fragensteller

„Wer nicht fragt bleibt dumm.“ Je länger ich über diesen Satz nachdenke, desto mehr Wahrheit steckt darin. Einerseits liegt es auf der Hand, dass Fragen grundsätzlich Antworten hervorrufen, die zu mehr Wissen und Verständnis beitragen können. In einfachen Worten ausgedrückt: Eine Antwort beseitigt Unwissen. Besteht Unwissen, hilft die Frage und in der Folge die Antwort, dieses zu beseitigen. Ohne Frage bleibt das Unwissen allerdings bestehen. Andererseits impliziert der Satz „Wer nicht fragt bleibt dumm.“ auch noch etwas anderes: Der Fragensteller ist unwissend. Er kennt die Antwort nicht. Er ist „dumm“. Niemand möchte sich die Blöße geben, als „dumm“ zu gelten. Wer also nicht fragt, mag zwar „dumm“ sein, aber es fällt nicht auf.

Wieso, weshalb, warum - wer nicht fragt bleibt dumm.

Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm.

Im Zuge der „New Work“ und der „Working out Loud“ Bewegungen entsteht oftmals der Eindruck, Unternehmen befinden sich in einer elementaren Transformation. Querdenker und Organisationsrebellen werden gesucht, und eine Fehlerkultur wird propagiert. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt oftmals, dass zahlreiche Unternehmen sich (noch) nicht mit solchen Themen beschäftigen. Im Gegenteil: wer nach Querdenkern und Organisationsrebellen ruft, wünscht sich im ersten Schritt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Mut aufbringen und etablierte Aspekte im Wirken von Unternehmen hinterfragen. Häufig ist es in diesen Unternehmen schwer, Fragen über Hierarchien hinweg zu stellen. Wenn Sie bspw. in einer Aktiengesellschaft arbeiten, können Sie Ihrer oder Ihrem Vorstandsvorsitzenden eine Frage stellen und sämtliche Hierarchiestufen dazwischen ignorieren? Falls das möglich ist: Glückwunsch. In vielen Unternehmen funktioniert dies nicht. Wie sollen sich Unternehmen in Richtung Fehlerkultur entwickeln, wenn das Stellen von Fragen schon schwer bis unmöglich ist?

Es ist leicht und billig, mit Fingern auf die Unternehmen zu deuten, die auch heute noch mit Command and Control operieren, die traditionelle Werte leben und klassische Führungsmodelle nutzen. Ich vermute, Sie waren auch schon mal auf einer Konferenz, oder? Am Ende eines jeden Vortrags wird eine typische Frage in den Raum gerufen: „Wer hat noch Fragen?“. Heben Sie in solchen Situationen regelmäßig die Hand? Manchmal? Nie? In der Öffentlichkeit Fragen zu stellen, ist nicht einfach. Unter vier Augen würden vermutlich viele von uns mit dem Referenten über seine Erfahrungen und Äußerungen diskutieren. Fragen und Antworten würden ausgetauscht. Aber in aller Öffentlichkeit ist es häufig anders. Ängste schwingen mit. Ausreden werden gefunden: „Meine Frage ist nicht so wichtig.“ Oder: „Ich frage es einfach hinterher in der Pause.“ Manchmal lässt sich in solchen Situationen die Qualität des Moderators erkennen: ein guter Moderator hat sich im Laufe des Vortrags eine oder zwei Fragen überlegt, die er zu Beginn der Fragerunde stellt. Ein sehr guter Moderator nutzt dann die Antworten des Referenten entweder als Überleitung ans Publikum oder fragt beim Referenten nach.

Übrigens: was passiert, wenn ein Fragensteller nach einer Antwort des Referenten im Anschluss noch eine Frage stellt? Gibt es ein Raunen im Publikum? Verdrehen die Nachbarn in Ihrer Sitzreihe ihre Augen? Offensichtlich gibt es sogar eine Art „Fragenkontrolle“ durch die anonyme Allgemeinheit, die signalisiert: „Eine Frage ist gut, mehrere Fragen sind es aber nicht.“ Eventuell sollten Sie bei nächster Gelegenheit in der Pause das Gespräch mit diesem Fragensteller suchen: es könnte ein Querdenker oder Organisationsrebell sein.

Die Unterstützung der Antwortengeber

Was ist die typischen Antwort auf die Aussage „Ich hab‘ da mal eine dumme Frage.“? In vier von fünf Fällen lautet sie vermutlich „Es gibt keine dummen Fragen.“. Das ist meist sehr nett gemeint und dennoch schlicht falsch. Natürlich gibt es dumme Fragen. Eine Frage, die eine allgemein bekannte Antwort liefern wird oder etwas erfragt, was bereits unmittelbar zuvor dargestellt wurde, ist keine kluge Frage. Doch unabhängig von der Qualität der Frage hat der Antwortengeber eine große Verantwortung im Kontext des Dialogs: er sollte den Fragensteller ermuntern, seine Frage unabhängig von einer qualitativen Einordnung zu stellen. Idealerweise führt eine Antwort zur Vermehrung von Wissen. In manchen Situationen kommt es sogar vor, dass der Antwortengeber keine Antwort geben kann. Das kann mindestens zwei Konsequenzen haben:

  • Der Antwortengeber (also der Referent, der Vortragende, der Vorgesetze) denkt über die Frage nach und versucht sie im Laufe der Zeit, zu einem vereinbarten Zeitpunkt zu beantworten. Damit gewinnen im Idealfall Fragensteller und Antwortengeber, denn beide Parteien mehren ihr Wissen.
  • Der Antwortgeber blockt weitere Fragen, denn auch er hat Ängste und möchte sich keine Blöße geben.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich arbeite lieber mit Menschen zusammen, die nicht auf alle Fragen eine Antwort haben.

Der Mut zur Nachfrage

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass sich die ersten Zeilen im Lied der Sesamstraße wiederholen. Indirekt geht es im Austausch zwischen Sender und Empfänger, zwischen Fragensteller und Antwortengeber und zwischen Antwortengeber und Fragensteller auch um eine Art Wiederholung: Wenn eine Frage darauf abzielt, Wissen zu mehren, den Gegenüber besser zu verstehen, Motive zu erkennen etc. dann braucht es Mut, diese Frage zu stellen. Gerade im Unternehmensumfeld werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oftmals argwöhnisch betrachtet, wenn sie zu viele Fragen stellen. Ihnen wird gerne vorgeworfen, sie würden die Fragen lediglich stellen, um sie zu stellen. Die Vorwürfe an den Fragensteller lauten: „Du willst Dich wichtig machen.“ Oder: „Du suchst doch nur das Haar in der Suppe.“ Solche Vorwürfe machen etwas mit ihr oder ihm. Beim nächsten Mal wird sie oder er sich überlegen, nochmals eine Frage zu stellen. Tatsächlich erfordert es gerade in solchen Situationen, aber auch in vielen anderen gesellschaftlichen und/oder beruflichen Situationen Mut, Fragen zu stellen.

Und wann wird noch mehr Mut benötigt? Beim anschließenden Nachfragen. Bei der Wiederholung, bei der nächsten oder übernächsten Frage. Eine Frage zu stellen ist gut, weitere Fragen zu stellen kann aber noch viel wichtiger sein. Leider wird die Kunst der Frage und der notwendige Mut für die übernächste Frage in Unternehmen selten gefördert. Doch die gute Nachricht lautet: Es liegt an Ihnen, dies zu ändern. Alles was es dazu braucht, ist eine W-Frage. Und noch eine.

 

Hinweise:

Der Beitrag erscheint im Zuge der #Mutland Blogparade. #MutLand ist eine Gruppe von Menschen aus ganz Deutschland, die einen Beitrag für eine offene und mutige Gesellschaft leisten wollen. Gerne unterstützen wir diese großartige Initiative.

[1] Interessanterweise unterscheidet sich der Text im englischen Original der Sesame Street deutlich von der deutschen Version:

Sunny Day, sweepin‘ the clouds away,
on my way to where the air is sweet.
Can you tell me how to get, how to get to Sesame Street?

Come and play, everything’s A-OK.
Friendly neighbors there, that’s where we meet.
Can you tell me how to get, how to get to Sesame Street?

[2] Welches Vorgehen zur Anforderungserhebung ist ideal und welche Schritte sind wesentlich? Ein Antwort liefert der Blogbeitrag Der beste Prozess im Anforderungsmanagement.

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