Ich liebe es, wenn ein Plan NICHT funktioniert

Gastbeitrag von | 07.05.2020 | Projektmanagement | 4 Kommentare

In meiner Jugend war ich ein großer Fan des A-Teams. Legendär war der Spruch des Anführers Hannibal mit einer riesigen Zigarre im Mund:

„Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!“

Schaut man sich in Unternehmen um, sieht man häufig das genaue Gegenteil. Da ist eher Wilhelm Busch an der Tagesordnung:

“Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.”

In wie vielen Situationen kam ihnen diese Redewendung in den letzten Tagen und Wochen in den Sinn? Wer hätte gedacht, dass die Topreiseziele in 2020 dank Corona Balkonien und Gardenien heißen? Wer hätte gedacht, dass unsere Kinder über Wochen Schule von zu Hause machen werden? Unser Leben ist voll von Überraschungen.

In der Unternehmenswelt lautet die Devise meist – Nichts dem Zufall überlassen! Es werden Pläne geschmiedet, Risiken bewertet und Prognosen für die Zukunft erstellt. In einer immer komplexeren Welt steigt kontinuierlich der Aufwand für die Vermeidung ungeliebter Überraschungen. Ist es da sinnvoll Überraschungen aus dem Privat- und Geschäftsleben fernzuhalten?

Schimmel und andere komische Überraschungen

Fehlschläge können viel Geld kosten. Im schlimmsten Fall kosten sie einem Unternehmen sogar die Existenz. Die folgenden drei Geschichten handeln von Losern, bei denen es anders kam als gedacht. In vielen Unternehmen hätte man sie wahrscheinlich längst vor die Tür gesetzt oder zumindest auf eine Position, wo sie nicht so großen Schaden anrichten können.

Schimmel im Labor

Meine Lieblingsgeschichte ist die von Dr. Alexander Fleming. Fleming experimentierte in seinem Labor mit Staphylokokken. Vor seinem Sommerurlaub vergaß er einige Petrischalen, in denen er das Bakterium angesetzt hatte. Nach seiner Rückkehr stellte er fest, dass in einigen der Schalen ein Schimmelpilz wuchs, der die Staphylokokken an ihrem Wachstum hinderte. Das Penicilin war zufällig gefunden.

Gott sei Dank gab es in diesem Labor keine Clean-Desk-Policy. Wer weiß wie lange wir sonst noch auf dieses lebensrettende Medikament gewartet hätten. Eigentlich wissen auch wir ganz genau, dass nicht in allen unseren “Petrischalen” etwas Großes entsteht. Trotzdem sorgt die Optimierung finanzieller Kennzahlen und Effizienzmaximierung dafür, dass wir „Petrischalen“ einsparen. Lieber investieren wir Zeit und Geld in Maßnahmen zur Vermeidung von Risiken und Fehlschlägen.

C22H30N6O4S – Das missglückte Medikament

Bleiben wir bei Medikamenten. Haben Sie schon einmal von Sildenafil gehört? Ein sprichwörtlich blaues Wunder erlebte ein Forscherteam aus Südengland bei der Suche nach einem Wirkstoff gegen koronare Herzerkrankungen. Sildenafil erzielte in den klinischen Studien ein enttäuschendes Ergebnis. Weniger enttäuscht waren allerdings die männlichen Probanden. Bei einigen stellten sich nach Verwendung von Sildenafil wieder Erektionen ein. Auch wenn Ihnen Sildenafil nichts sagt, von Viagra haben Sie sicherlich schon mal gehört. Dieses “blaue Wunder” bescherte dem Pharmakonzern Pfizer in den Folgejahren Milliardenumsätze.

Der Kleber, der nicht richtig klebt

Ein weiterer Pechvogel war Dr. Spencer Silver von der Minnesota Mining and Manufacturing Company, besser bekannt als 3M. Das Ziel war stärkere Klebstoffe zu entwickeln. Seine Entdeckung ließ sich aber leicht ablösen und entsprach somit ganz und gar nicht den Vorgaben. Ein klassischer Fail! Dr. Silver war aber etwas ignorant und hörte nicht auf, seinen Kollegen von der Entdeckung zu erzählen (damit ist er vermutlich auch der inoffizielle Erfinder von Fuckup-Nights).

Einer dieser Kollegen war Art Fry. Der hatte jeden Sonntag eine negative Überraschung. Beim Sonntagsgottesdienst waren die Lesezeichen aus dem Chorbuch gefallen. Könnte man nicht den Kleber von Spencer Silver…? Das Produkt, das die beiden entwickelten, hatte vermutlich jeder von uns schon mal in der Hand – das Post-It. Der Legende nach ist die Farbe Kanariengelb übrigens auch nur Zufall. Im Labor nebenan war noch gelbes Schmierpapier vorrätig.

Mit Überraschungen zum Unternehmenserfolg?

Offensichtlich sind Überraschungen gar nicht so schlecht. Den Losern aus den drei Geschichten verhalfen sie jedenfalls zu großem Erfolg. Die folgenden drei Theorien und Denkmodelle sollen Sie ermuntern, Überraschungen im Unternehmen willkommen zu heißen statt sie durch exzessive Planung zu verhindern.

Überrasche Sie Ihre Kunden

Das Kano-Modell ist den regelmäßigen Lesern dieses Blogs schon mehrfach über den Weg gelaufen. Die sogenannten Begeisterungsmerkmale werden von Kunden nicht erwartet und ihr Fehlen erzeugt auch keine Unzufriedenheit. Sind sie aber vorhanden, hat man Kunden positiv überrascht. Die blaue Wunderpille aus dem missglückten Herzmedikament sorgte für Hunderte von Dankesbriefen beglückter Probanden in der Erprobungsphase. Es kam sogar zu einem Einbruch ins Labor von Pfizer. Einige Kunden waren offensichtlich bereit, einen sehr hohen Preis für dieses Medikament zu bezahlen.

If life gives you lemons, make lemonade

Was ist aber wenn einem das Leben (privat oder geschäftlich) mit negativen Überraschungen konfrontiert? Das Prinzip Effectuation hat die Antwort parat – Nutze den Zufall. Gibt dir das Leben Saures in Form von Zitronen, mach einfach Limonade daraus. Dieses Motto nahm sich der Schwede Yngve Berqvist zu Herzen. Der Geschäftsmann hatte ein florierendes Rafting-Business. Da die Winter lang und eisig sind, suchte er sich eine weitere Umsatzquelle. Mit Eisskulpturen-Workshops und den dazugehörigen Ausstellungen fand er ein Geschäft für die Wintermonate. Mutter Natur gab ihm allerdings Saures und eines Tages zerstörte Regen die Skulpturen. Aus der Not machte Berqvist eine Tugend und das Eishotel war geboren. Zu Beginn des Winters wird das Eishotel aufgebaut und im Frühling schmilzt das Hotel wieder dahin. So entsteht jährlich ein neues Eishotel. Berqvist hat bewiesen, dass man aus einer negativen Überraschung ein profitables Business machen kann. Seit über 30 Jahren ist das Tauwetter ein steter Begleiter des Unternehmens.

Fragil, robust, antifragil

Noch einen Schritt weiter geht Nicholas Taleb in seinem Buch “Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen”. Er ist überzeugt, dass die konsequente Vermeidung von Überraschungen mehr als verpasste Chancen sind. Es ist schädlich. Organisationen, die Zufälle und Ungewissheit abwehren sind fragil. Über kurz oder lang werden diese Organisationen zerbrechen wie ein Weinglas. Das Gegenteil von fragil ist für Taleb übrigens nicht robust. Robustheit bedeutet lediglich, einem externen Einfluss über lange Zeit Stand zu halten. Deshalb hat er den Begriff antifragil geprägt. Etwas wird durch externe Einflüsse immer besser. Ein prominentes Beispiel sind für den Hobbygewichtheber Taleb Muskeln und Knochen. Viel hilft übrigens nicht viel. Nicholas Taleb empfiehlt Risiken zu vermeiden, die einen Totalverlust bedeuten. Es geht vielmehr darum, viele kleine Risiken einzugehen und sich nicht zu früh auf eine Option festzulegen.

Und jetzt?

Die Geschichten sind ja ganz nett. Die Theorien sind interessant. Wie fängt man aber jetzt konkret an? Leider ist mir kein 5-Schritte-Plan für mehr Überraschungen bekannt.

Wollen Sie erstmal für sich persönlich Überraschungen mehr Raum geben? Wie wäre es mit diesen drei Ideen:

  • Viele Menschen schreiben in dieser Zeit ein Tagebuch, oder zu neudeutsch Journal. Schreiben Sie doch mal auf, welche Überraschungen Ihnen während der Woche so widerfahren sind. Was waren die positiven Überraschungen? Wo kam es anders als gedacht? Wo könnten Sie aus Zitronen Limonade machen?
  • Google Earth befördert Sie an spannende Orte rund um die Welt. Einfach das Symbol mit dem Würfel drücken und schon wird man mit Städten und Sehenswürdigkeiten überrascht. Die ganz Mutigen suchen so ihr nächstes Reiseziel aus.
  • Lassen Sie sich vom Restaurant um die Ecke überraschen. Fragen Sie nicht nach der Speisekarte, sondern lassen Sie den Kellner das Gericht aussuchen.

Auch als Team oder ganze Organisation lohnt es sich das Thema Überraschungen auf die Tagesordnung zu setzen:

  • Nehmen Sie doch mal das Thema Überraschungen mit in die nächste Retrospektive. Wo gab es im letzten Sprint Überraschungen? Waren das positive Überraschungen oder haben uns die Überraschungen aus der Bahn geworfen? Mit welchem Begeisterungsmerkmal könnten Sie Ihren Kunden überraschen?
  • Erzeugen Sie überraschende Begegnungen. In meinem Unternehmen gibt es einen Connecting Lunch. Per Zufall werden zwei Menschen zu einem gemeinsamen Mittagessen ausgelost. Natürlich funktioniert das auch mit Kaffeepausen oder remote.
  • Oder wie wäre es mit überraschenden Lösungen für hartnäckige Probleme? Spielen Sie doch mal Impro-Theater. Die Anleitung finden Sie bei Liberating Structures.

Natürlich sind diese ersten Schritte kein Garant für den nächsten Nobelpreis, die nächste Wunderpille oder die Milliarden-Dollar-Geschäftsidee. Wahrscheinlich werden manche Überraschungen sogar alles andere als angenehm sein. Aber es werden auch richtig tolle Überraschungen dabei sein. Dann denken Sie an Hannibal vom A-Team, gönnen Sie sich eine Zigarre oder ihr Lieblingsgetränk und sagen sich:

“Ich liebe es, wenn ein Plan NICHT funktioniert.”

 

Hinweise:

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Tobias Leisgang
Tobias Leisgang

Als CompanyPirate inspiriert Tobias Leisgang auf dem gleichnamigen Blog und in Vorträgen Menschen in Unternehmen neue Wege zu beschreiten. Er ist überzeugt, dass erfolgreiches und nachhaltiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert radikale Veränderungen braucht.

Die Unternehmenswelt kennt Tobias bestens aus seiner hauptberuflichen Tätigkeit. Seit November 2018 verantwortet er bei einem globalen Automobilzulieferer Innovation mit externen Partnern - vom Konzern bis zum Startup. Vorher war er 15 Jahre bei einem amerikanischen Technologiekonzern in Rollen vom Entwickler bis zum Leiter System Engineering tätig und hatte dabei Einblick in Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Die Herausforderungen wurden  in globalen Teams gelöst.

4 Kommentare

  1. Alexander Gerber

    Es gibt keine Zufälle!
    Es gibt nur Situationen und Reaktionen.
    Es kommt darauf an, wie man mit den Umständen umgeht und was man daraus macht.

    Deine Zusammenstellung an unbeabsichtigten Innovationen erinnerte mich an eine Geschichte, die ich einst hörte.
    Es war gar nicht so leicht, überhaupt Belege für diese Geschichte zu finden. Warum das so sei, darf jeder mit Interesse selbst ergründen.

    Mir gefällt diese Version:
    Ein Arbeiter überzog seine Mittagspause, weil er zu lang mit den Kollegen Karten spielte.
    Die „ruinierte“ Charge wurde dennoch verkauft, weil er aus Angst vor Repression diesen Vorfall nicht gemeldet hatte.
    Niemand anders bemerkte die Veränderung – eine „Qualitätsabteilung“ gab es damals so nicht.
    Die begeisterten Kunden schickten Dankesbriefe an den Hersteller.
    Erst dadurch fiel auf, dass durch die Verlängerung der Rührzeit „whipped soap“ entstand.

    Diese Innovation ist kein „Zufall“. Es kann jeder Schritt erklärt und nachvollzogen werden.
    Allerdings waren die ersten 3 Schritte eine vollkommen unwahrscheinliche Verkettung unbeabsichtigt herbeigeführter Umstände.
    Erst durch die willentliche Handlung der Verwender und Kunden (Feedback) sowie deren Häufung wurde die Innovation als solche erkannt und fortan willentlich wiederholt.

    Gemäß dieser Quelle war alles – natürlich! – ganz anders:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Ivory_(soap)

    Warum?
    Darüber lässt sich nur spekulieren. Meiner – niemals beweisbaren – Vermutung zur Folge deswegen:
    „Not invented here!“

    Danke für diesen Beitrag, Tobias.

    Antworten
    • Michael Schenkel

      Hallo Herr Gerber,

      „etwas, was man nicht vorausgesehen hat, was nicht beabsichtigt war, was unerwartet geschah“ – so definiert der Duden „Zufall“. Ich möchte Ihnen also zumindest in dem Punkt widersprechen, es gäbe keine Zufälle. Natürlich passieren „Dinge“ unerwartet, natürlich kann „man“ „Dinge“ nicht vorhersehen. Tatsächlich würde ich sogar glauben, dass es so etwas wie einen „individuellen“ Zufall gibt, sprich Sie sehen etwas voraus, was ich nicht gesehen habe. In der Folge passiert etwas – eine Reaktion in Ihrem Verständnis – die Sie möglicherweise im Vorfeld durchdacht haben, die mich aber überrascht.

      Dass sich Dinge im Nachgang erklären lassen, ist aus meiner Sicht auch kein Beweis, dass es keinen Zufall gibt. Im Gegenteil. Es ist lediglich die Rekonstruktion einer Situation, die Zerlegung eines Kontexts in seine Einzelteile. Diese Rekonstruktion ist oftmals sinnvoll, da Menschen gerne aus Situationen lernen wollen, um Handlungen für künftige Situationen abzuleiten. Und das ist genau das Argument im Artikel: „Es gibt keinen 5-Punkte-Plan“. Gäbe es den, gäbe es tatsächlich keine Zufälle.

      Sonnige Grüße
      Michael Schenkel

      Antworten
  2. Alexander Gerber

    Hallo Herr Schenkel,

    das mit dem „es gibt keine Zufälle“ ist so etwas wie ein Running Gag zwischen Tobias und mir.

    Man kann auf den „Zufall“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln sehen.
    Der eine, den Tobias hier aufgreift, betrachtet den Zufall als Mangel an Planung.
    S. auch „A-Team, der Film (2010)“ in etwa bei 08:00.
    „Ich glaube nicht an Zufälle.“ John H. Smith

    Was in dem ganzen A-Team-Universum nicht thematisiert wird:
    Wo kommt die Information her und wie vertrauenswürdig ist sie?

    Meine Sicht vereint eine fernöstliche Sicht mit der westlichen, dualen Welstsicht.
    Die einen nehmen so etwas wie Karma an.
    Wenn man Newton folgt, dann ist das so etwas wie die „Physik des Schicksals“.
    Jede Einwirkung hat eine Auswirkung zur Folge.

    Ich nehme das zu Anlass zu postulieren: „Das Leben kann jederzeit gestaltet werden“
    … nur eben nicht durch einen allein.

    Der große Unterschied zwischen Natur und Kultur liegt in dem Unterschied von Regel und Prinzip.
    Die so genannten „Naturgesetze“ sind nach diesem Verständnis Prinzipien, die immer dann gelten, wenn die Voraussetzungen in den Dingen vorliegen.
    Regeln auf der anderen Seite sind Einschränkungen, die „Erwartbarkeit“ des Beabsichtigten verstärken und das Auftreten des Unbeabsichtigten schwächen sollen.

    Dazu müssen diese Regeln jedoch allgemein bekannt und von jedem befolgt werden.
    Und das macht dann den Unterschied zwischen äußerer Natur und der so genannten Kultur aus.

    Die Natur kümmert sich nicht um Absichten oder Erwartungen.
    Die Dinge passieren und die Naturwissenschaftler helfen uns, sie zu verstehen, indem sie beschreiben, wie die Natur funktioniert.

    Kultur auf der anderen Seite ensteht durch Verabredung und Einhaltung dieser Verabredungen.
    Kultur ist „Wort halten“.

    Bei der MINT-Lastigkeit in den Bereichen, in denen wir uns hier geschäftlich bewegen, wird das gern außer Acht.
    Viele mit naturwissenschaftlicher Ausbildung meinen, dass die Dinge nur genau so sein könnten, wie sie sind und übersehen dabei, dass Sprache (Duden!), Symbole und Laute meist lang zurückliegende Verabredungen sind, die den meisten von uns einstmals gelehrt wurden und die wir fortleben lassen, indem wir sie nutzen.

    Worum es Tobias und mir geht ist „Code“.
    Code ist ein abstrahiertes Abbild der Wirklichkeit und deren Interpretation im Moment der Impuls-Verarbeitung.
    Nur was bis dahin gelernt und verabredet wurde, kann in die Interpretation mit einfließen.

    Der so genannte Zufall entscheidet dann, ob jemand „unmittelbar“ versteht oder eine Lücke durch Lernen ausfüllen wird.
    Wer sich durch Lernen anpasst und wer vermittelt, das ist dann ebenfalls kein „Zufall“, sondern eine Folge „des Systems“ und der „Haltung“ seiner Systemträger.
    Muss sich die übergeordnete Hierarchieebene „durchsetzen“ oder versteht es ein Systemelement (Mensch!) als Lernimpuls, wenn es zu einer Irritation kommt?

    „Zufall“ ist am Ende nur eine „Verteilung im Möglichkeitsraum“
    „Organisation“ ist dagegen die Erhöhung von Wahrscheinlichkeit des Erwartbaren.
    Und wenn man Kant folgt und postuliert „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ dann ist Organisation die Verabredung von Gesetzen im Sinne von Regeln, die nicht nur für den jeweiligen Anwender von persönlichen Vorteil sind, sondern für alle, sofern sich jeder in der gleichen Weise verhält.

    Das markiert dann einen Unterschied zwischen narzistischem Vorteilsstreben und der Größe jenseits der #EgoBarriere.

    Antworten
  3. Silke Nierfeld

    Hallo Herr Gerber,

    Ihrem Kommentar und der Differenzierung von Code und Kultur kann ich nur zustimmen. Allerdings sind ihre Schlussfolgerungen auf eine systemische Sichtweise reduziert und die fernöstliche Sicht der Dinge ist meta-systemisch.

    Wenn Sie „Interpretation der Impuls-Verarbeitung“ wörtlich verstehen, als einen Akt des diskursiven Verstandes, dann ist Ihre Aussage wahr. Nur wird in allen östlichen Weisheitstraditionen die Existenz einer weiteren Dimension angenommen, des universellen Geistes, den C. G. Jung das kollektive Unbewusste nannte, heute auch als Noospähre oder Infosphäre bekannt.

    Dieses Feld wird durch Intuition erschlossen, also ohne Gebrauch des Verstandes, wodurch Informationen oder Handlungsempfehlungen abrufbar sind, die außerhalb des Individuums und seines Wissens liegen.
    Es mag nicht einmal sinnvoll sein, dass aus solchen Ereignissen Lernen erwächst, denn die Kennzeichen von Komplexität sind unter anderem Erstmaligkeit und Einmaligkeit.

    Die Natur basiert auf Prinzipien und Gesetzen. Anpassung an Veränderung ist eine Strategie, die nur für einen Teil der Wirklichkeit sinnvoll ist. Das Verständnis der Prinzipien der Lebendigkeit führt da schon weiter. Interessanterweise scheint es eine Korrelation zu geben zwischen dem trans-rationalen Erkenntnisvermögen und der Intention ohne dass diese bislang erforscht wurde.

    „Alle“ muss größer gedacht werden, als „Alles“ als die Allverbundenheit aller Lebewesen, weil Geist nicht teilbar ist. Solange Denken die meta-systemische Komponente nicht integriert wird der Aufruf zu Wertewandel letztlich an individuellen Bedürfnissen und Ängsten scheitern, welche die Grundlage von Egoismen sind.

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