Das „Why“ im Requirements Engineering

von | 03.10.2022

„Start with Why“ fordert Simon Sinek beim Thema Leadership. Lässt sich diese Forderung ins Requirements Engineering von Unternehmen übertragen?  

In der Musikbranche ist es passiert und im Filmbusiness auch. In der Automobilbranche passiert es, bei der Personenbeförderung und in der Lebensmittelbranche auch. Viele Bereiche und Industrien haben es mit Disruptionen zu tun, die Märkte verändern, verschwinden oder neu entstehen lassen. Früher wurde Musik per Schallplattenspieler, Kassettenrekorder, Walkman, Discman oder MP3-Player gehört. Heute besitzen die meisten Menschen Schallplatten und CDs nur noch aus sentimentalen Gründen, denn der Besitz von Tonträgern ist für das Hören von Musik nicht mehr wichtig. Musik wird heute per Flatrate gestreamt.

Zeiten ändern sich. Bedürfnisse und technische Möglichkeiten auch. Unterschiedliche Szenarien, Chancen und Märkte zu erkennen, ist eine sehr wichtige Aufgabe für Hersteller und Dienstleister im Prozess des Requirements Engineerings. Doch wie können Unternehmen diese Szenarien überhaupt erfassen und welche grundsätzlichen Fragen helfen beim Verstehen der Bedürfnisse zukünftiger Anwenderinnen und Kunden?

Der Golden Circle übertragen ins Requirements Engineering

Bei der Beantwortung der Fragen nach dem Bedürfnis zukünftiger Anwender und Kundinnen gibt es verschiedene Methoden. Das Kano-Modell beschreibt bspw. den Zusammenhang zwischen Kundenzufriedenheit und der Erfüllung von Kundenanforderungen, indem es fünf Produktmerkmale definiert, auf die Anwender unterschiedlich reagieren. Die MoSCoW-Methode ist ein Verfahren zur Gewichtung von Anforderungen, Zielen oder Aktivitäten, das vier Kategorien (Must, Should, Could und Won’t) definiert. Und die Pugh-Matrix ist eine Entscheidungshilfe zur Bewertung konkurrierender Konzepte im Vergleich zu einem Basiskonzept. Sie basiert auf einem Set an definierten, gewichteten Kriterien, der Bewertung von Alternativen im Vergleich zu einer Basislösung, der Multiplikation der Bewertungen mit den jeweiligen Gewichtungen und der anschließenden Addition der gewichteten Bewertungen.

Der Golden Circle von Simon Sinek, einem britischen Autor, Journalist und Unternehmensberater, ist kein Konzept, das sich beim Thema Anforderungen sofort aufdrängt. Mit Sicherheit liegt dies auch an der klaren Positionierung des Themas: „Start with Why: How great Leader inspire everyone to take action“¹, lautet der entsprechende Buchtitel, mit dem Sinek „What“, „How“ und „Why“ und so den sogenannten Golden Circle in den Fokus von Führungskräften rückt. Lässt sich dieser Golden Circle dennoch im Requirements Engineering nutzen? Meiner Meinung nach: Ja,

  • denn die meisten Unternehmen wissen sehr genau, „What“ – also „Was“ – sie tun. Sie entwickeln Autos, produzieren Skateboards oder entwickeln Mobilitätskonzepte für Einwohner in deutschen Großstädten.
  • Auch das „How“ – also das „Wie“ – ist in den Unternehmen bekannt. Sie definieren Prozesse, verändern Produktionstechniken und verwenden moderne Tools.

Beim „What“ und „How“ besitzen Organisationen sehr viel Expertise, hier werden Effizienzziele definiert, Alleinstellungsmerkmale herausgearbeitet und Nutzenversprechen definiert. Hier arbeiten Vertrieb, Marketing und Produkt- oder Dienstleistungsentwicklung Hand in Hand.

Und wie sieht es beim „Why“ bzw. dem „Warum“ aus?²

Die Bedeutung von „Warum“

„Warum“ ist eine relativ wichtige Frage für Unternehmen. Intern und evtl. auch extern.³

Wer sich die Frage nach dem „Warum“ ernsthaft stellt, wird schnell feststellen, dass sie nicht leicht zu beantworten ist. Warum entwickelt ein Unternehmen Autos? Was ist das Motiv und der Antrieb hinter dieser Tätigkeit? Häufig fällt es den Ansprechpartnerinnen und -partnern aus der Geschäftsleitung, dem Marketing oder der Produktentwicklung trotz vorhandener Vision- und Mission-Statements schwer, diese Frage wirklich exakt und eindeutig zu beantworten.

Und „warum“ ist das so? Weil die Frage nach dem „Warum“ die größte aller Fragen ist. Sowohl für Menschen als auch für Organisationen. Möglicherweise ist die Antwort für Organisationen sogar noch etwas schwieriger, denn eine Organisation besteht häufig aus vielen Menschen. Vermutlich wissen die meisten Menschen, „warum“ sie arbeiten, sei es

  • das Bezahlen von Rechnungen durch die Entlohnung für die von ihnen investierte Arbeitszeit,
  • das gemeinsame Wirken mit Gleichgesinnten,
  • die Verbesserung der Welt im Kleinen oder
  • die Schaffung von neuen Möglichkeiten, Produkten oder Services.

Für eine Organisation ergibt sich daraus aber nur sehr selten eine Antwort auf die Frage nach ihrem „Warum“.

Beschäftigen sich Unternehmen mit dem „Why“, dann häufig von außen nach innen. Sie kennen ihr „What“ und beschäftigen sich im Detail mit dem „How“ und versuchen dann daraus abzuleiten „warum“ sie eigentlich Autos bauen oder Schallplattenspieler produzieren. Nach Simon Sinek ist jedoch die umgekehrte Richtung vorteilhaft und erstrebenswert: Aus dem „Why“ ergeben sich „How“ und What“. Ob dies insbesondere bei größeren oder älteren Unternehmen wirklich funktioniert, zumal sich das „Warum“ im Laufe der Zeit auch verändern kann, steht vielleicht auf einem anderen Blatt.

Why - the big question

Das „Why“ bei der Erhebung und Realisierung von Anforderungen

Kennen Sie Unternehmen, die trotz hervorragender Produkte oder Services ganz oder teilweise vom Markt verschwunden sind? Vermutlich fallen Ihnen neben Kodak, Quelle, Nokia, Grundig, Horten, Praktiker, Commodore, Maybach, Hamburg-Mannheimer, Yes Torty, Zündapp, Fokker oder Bilka viele weitere ein. Das ist nicht verwunderlich, denn Unternehmen befinden sich im Wettbewerb und Erfolg in der Vergangenheit ist keine Garantie für Erfolg in der Gegenwart oder Zukunft. Die Märkte und Gewohnheiten ändern sich stellenweise so dramatisch, dass viele Unternehmen nur wenige Überlebenschancen hatten.

Halt! Tatsächlich kommt hier der Golden Circle ins Spiel.

  • Musikliebhaber wollen Musik hören, nicht besitzen.
  • Menschen wollen komfortabel, schnell und sicher von A nach B kommen – muss man dafür ein Auto kaufen?
  • Urlauber wollen ein schönes Urlaubsdomizil finden – benötigen sie dafür ein Reisebüro?
  • Menschen benötigen Lebensmittel, wieso sollten sie diese persönlich in einem Supermarkt einkaufen?

Unternehmen tun sich mit diesem Perspektivwechsel manchmal schwer. Sie optimieren Prozesse, Komponenten und Produkte, die für ihren Erfolg wichtig waren, also das „Was“ und das „Wie“.

  • Wie kann ein Walkman die Kassette noch schneller nach vorne spulen?
  • Wie können die Besucherströme im Supermarkt besser gesteuert werden?
  • Was sind die besten Öffnungszeiten für eine Videothek?

Anwender, Nutzerinnen, Kunden verändern jedoch ihre Gewohnheiten, Ansprüche und Erwartungen. Und wenn SIE kurz über Ihre Gewohnheiten, Ansprüche und Erwartungen nachdenken, dann werden Ihnen vermutlich auch geänderte Erwartungen einfallen.

In meiner Wahrnehmung beschäftigen sich viele Hersteller zu selten im Detail mit ihren Kunden und möglichen Szenarien einer Anwendung. Es reicht nicht aus, lediglich Anforderungen im bestehenden Kontext zu erheben und an die Implementierung von Basis- und Leistungsfaktoren zu denken. Das große „Warum“ ist die Frage, THE BIG QUESTION. Es geht nicht mehr nur um ein kurzfristiges und kurzsichtiges Verständnis von Ihnen und von Kunden oder Anwenderinnen im Allgemeinen. Ganzheitlich hinterfragt und beantwortet eröffnet das „Why“ neue Einsichten, neue Perspektiven und neue Chancen für Hersteller und Dienstleister.

Fazit

Aus meiner Sicht ergibt es nicht nur viel Sinn, sich mit Simon Sineks Golden Circle beim Arbeiten mit Anforderungen zu beschäftigen, es ist essenziell. „Why“ machen wir als Unternehmen, was wir tun? Werden wir das morgen auch noch tun? Und übermorgen auch? In fünf, sieben oder zehn Jahren?

Im Tagesgeschäft mag es schwierig sein, immer den Blick auf die Zukunft zu richten. Eine Geschäftsidee lässt sich häufig nicht quick & dirty umsetzen, durch Techniken wie Pretotyping oder Minimum Viable Products können Unternehmen immerhin Ideen und Produkte frühzeitig testen und dabei Anwenderinnen und Anwender der Zielgruppe in den Mittelpunkt stellen. Unternehmen gewinnen so viele nützliche Einsichten und können so nicht nur schneller und effizienter bestehende Produkte optimieren. Sie erhalten die Chance, sich für die Zukunft aufzustellen, diese sogar selbst zu gestalten. Und das alles durch die Beantwortung der Frage nach dem „Warum“.

 

Hinweise:

[1] Simon Sinek: Start with Why
[2] Im deutschsprachigen Raum gibt es immer wieder Diskussionen, dass „Wozu“ ein viel nützlicherer Ausdruck als „Warum“ wäre, da dieser Begriff als Frage formuliert weniger „angreifend“ wirkt. In diesem Blogbeitrag meint „warum“ aber einfach „warum“, gänzlich ohne angreifende Intention.
[3] Das „Warum“ wirkt nach innen und nach außen. Für manche Kundin ist es im Zuge einer Kaufentscheidung wichtig, anderen Kunden ist es hingegen egal. Gleiches gilt intern: Für Mitarbeitende kann das „Warum“ das „Was“ und „Wie“ erleichtern, aber auch das muss nicht so sein. (Danke an Dr. Jürgen Schüppel für diesen Gedanken!)

Heiko Rössel hat einen anderen Ansatz in unserem Blog beschrieben: In Positionierung für Selbstständige fordert er: Start with What! Definitiv lesenswert!

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Dieser Beitrag wurde überarbeitet bzw. „remastered“. Das Original wurde hier im Blog am 14.12.2017 veröffentlicht.

Michael Schenkel hat im t2informatik Blog weitere Beiträge zum Umgang mit Anforderungen veröffentlicht, u. a.

t2informatik Blog: Der beste Prozess im Anforderungsmanagement

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Michael Schenkel
Michael Schenkel

Leiter Marketing, t2informatik GmbH

Michael Schenkel hat ein Herz für Marketing - da passt es gut, dass er bei t2informatik für das Thema Marketing zuständig ist. Er bloggt gerne, mag Perspektivwechsel und versucht in einer Zeit, in der vielfach von der sinkenden Aufmerksamkeitsspanne von Menschen gesprochen wird, nützliche Informationen - bspw. hier im Blog - anzubieten. Wenn Sie Lust haben, verabreden Sie sich mit ihm auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen mit ihm; mit Sicherheit freut er sich darauf!