A fool with a tool…

von | 29.08.2022

„A fool with a tool is still a fool.“ So lautet eine Redewendung, die relativ häufig in Gesprächen über den Sinn und Unsinn von Produkten – insbesondere Software – gebraucht wird. Und natürlich ist und bleibt ein Fool – frei übersetzt ein Narr oder Dummkopf – ein Fool, selbst wenn er ein Tool – also ein Hilfsmittel oder Werkzeug – nutzt. Allerdings stimmt die Aussage auch anders herum: A fool without a tool is still a fool.

Berater propagieren Beratung, Softwarehersteller propagieren Software

Was ist der beste Sport? Wenn Sie diese Frage einem Handballer stellen, was wir er wohl antworten? Handball?! Stellen Sie diese Frage einer Fußballerin, was wird sie wohl sagen? Fußball?! Interessant wären die Antwort vermutlich erst, wenn der Handballer von dem einen Moment schwärmt, der im Fußball über Unentschieden oder Sieg entscheidet. Oder sich die Fußballerin für die schnelle Mitte und Kempa-Tricks begeistert. Im Einzelfall mag es solche Antworten auf entsprechende Fragen geben, Einzelfälle sind aber nicht die Regel.

Übertragen auf die Geschäftswelt bedeutet dies: Berater propagieren Beratung, Softwarehersteller propagieren Software. Natürlich ergibt es aus Sicht einer Beraterin Sinn, zuerst Hintergründe zu thematisieren und zu verstehen, bevor sie – mithilfe von Tools – in die Tat umgesetzt werden. Getreu dem Motto, wer keine Ahnung von Terminplanung hat, benötigt auch kein Tool für Gantt-Charts. Andererseits funktioniert eine Terminplanung aus dem Blickwinkel eines Softwareherstellers möglichweise auch ohne agile Transformation des Unternehmens, Arbeit am System oder Veränderung von  Mindsets. Es geht schlicht um die Planung von Aufwänden und Terminen und die Visualisierung auf einer Zeitachse.

Was bedeutet dies für „unseren“ Fool? Durch (externe) Beratungsunterstützung wird er idealerweise im Laufe der Zeit schlauer und versteht Zusammenhänge, Notwendigkeiten oder Optionen besser. Allerdings kaum über Nacht und mit einem Fingerschnippen. Evtl. kann er mithilfe eines Tools Aufgaben mit etwas elektronischer oder mechanischer Unterstützung lösen. Und möglicherweise erhält er in Form von Tutorials oder Video-Snippets kontextuelle Unterstützung, so dass während der Nutzung dedizierter Features Wissen vermittelt wird. Es liegt jedoch in der Natur der Sache, dass ein Toolhersteller lediglich dokumentiert, wie eine Anwenderin die Dauer eines Terminbalkens verändert, aber selten vermittelt, wie ein Team gemeinsam eine Aufwandsschätzung durchführt. A fool with or without a tool is still a fool.

Individuen sind wichtiger als Tools. Oder: A fool with a false tool…

„Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge.“ So formuliert es das Agile Manifest, das ein Fundament an Werten und Prinzipien für die agile Softwareentwicklung und für die Entwicklung von Produkten definiert. Seit der Veröffentlichung des Agilen Manifests im Jahre 2001 wurde allgemein sehr viel zu den Werten und speziell auch zu diesem Satz geschrieben. Fast möchte ich laut „Und die Erde ist eine Kugel“ rufen. Natürlich sind die Menschen wichtiger, als die die Werkzeuge, die sie nutzen. Warum sollte der Pinsel wichtiger als Pablo Picasso, der Tennisschläger wichtiger als Roger Federer sein? Warum sollte das Format eines Dialogs wichtiger als die Erkenntnisse des Dialogs sein? Und obwohl Individuen und Interaktionen wichtiger als Prozesse und Werkzeuge sind, Pinsel und Tennisschläger sind sehr nützliche Dinge in den Händen von Picasso oder Federer. „Jeder ist ein Genie! Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.“, hat es Albert Einstein treffend formuliert. Ich weiß nicht, ob Pablo Picasso Tennis spielte oder Roger Federer malt, ich bin aber sicher, dass selbst Federer besser Tennis mit einem Tennisschläger als mit einem Pinsel spielt. Kurzum: A fool with a false tool is still a fool.

Ein Anwendungsfall oder gefühlt unendliche Optionen

Ein Hammer ist ein einfaches Werkzeug für ziemlich genau einen einzigen Anwendungsfall: Ein Nagel muss in eine Wand. Bumm. Fertig. Er ist ein Mittel zum Zweck. Er ist nicht wichtiger als der Nagel und auch nicht wichtiger als das Objekt, das später am Nagel hängen soll. Haben Sie sich mit einem Hammer schon einmal aus Versehen auf einen Finger geschlagen? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Aua.  A fool with a tool… 

Im Gegensatz zu einem Hammer bieten zahlreiche Produkte – insbesondere Software – viele Funktionen für viele Anwendungsfälle. MS Excel hat bspw. mehr als 400 Funktionen. Und mit meinem Web-Browser lassen sich Fenster benennen, die Größe von automatischen Untertiteln anpassen, fokussierte Elemente kurz hervorheben oder Downloads in Abhängigkeit des Dateitypen automatisch öffnen. Das muss einen User nicht stören, kann aber auch ein negativen Eindruck hinterlassen: A tool can make you feel like a fool. 

Der Blickwinkel eines Softwareentwicklungsdienstleisters

Wer für die Lösung eines Problems nach einer passenden Software sucht, muss frühzeitig eine strategische Entscheidung treffen: soll eine Software gekauft oder individuell entwickelt werden? Während eine Standard-Software von einem Hersteller für einen Markt oder eine Branche und damit für anonyme Kunden entwickelt wurde, wird eine Individual-Software im Auftrag für ein konkretes Unternehmen entwickelt. Fragen Sie einen Softwarehersteller, der vom Lizenzgeschäft lebt, wird er Ihnen vermutlich zum Kauf einer Standard-Software raten. Fragen Sie ein Unternehmen, das sich auf die individuelle Entwicklung von Lösungen spezialisiert hat, wird es häufig eine Maßanfertigung empfehlen. Die Entscheidung ist nicht leicht.“¹

Es gibt eine Reihe von Kriterien zur entsprechenden Entscheidungsfindung:

  • Verfügbarkeit, Reifegrad und Skalierung,
  • Schnittstellen, Customizing und Dokumentation,
  • Pflege und Wartung, Schulungen und Kosten, sowie
  • Spezialisierung.

Insbesondere die Spezialisierung ist interessant, denn sie ist wesentlich für die Funktionsmenge. Ein Standard-Softwarehersteller wird häufig versuchen, möglichst viele Anwendungsfälle mit Features abzudecken, um so zusätzliche Anwender und Anwenderinnen anzusprechen. Ein Softwareentwicklungsdienstleister liefert hingegen ein Programm für konkret definierte Anwendungsfälle. Passgenau, dediziert auf Bedürfnisse zugeschnitten. Zumindest theoretisch unterstützt eine individuelle Programmierung Userinnen und User besser bei ihren Tätigkeiten.

Und das Fazit der Geschichte: Beratungsunterstützung kann sinnvoll sein. Die Nutzung von Tools kann sinnvoll sein. Die Entwicklung von individuellen Lösungen kann sinnvoll sein. Und vielleicht trifft auch folgender Satz zu: A fool with a smart tool, becomes a smart fool.

 

Hinweise:

[1] Auszug aus Software kaufen oder entwickeln lassen

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Michael Schenkel
Michael Schenkel

Leiter Marketing, t2informatik GmbH

Michael Schenkel ist Diplom-Betriebswirt (BA) und macht Marketing mit Leidenschaft. Er bloggt gerne über Projektmanagement, Requirements Engineering und Marketing. Und er freut sich, wenn Sie ihn auf eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen treffen.