Wie neutral muss Moderation wirklich sein?

Gastbeitrag von | 17.09.2026

Was Projektleitung, Scrum Master und KI über gute Moderation zeigen

„Moderation muss neutral sein! Oder? Klingt erst einmal vernünftig. Doch ist Neutralität bei der Moderation überhaupt möglich?“ Mit diesen Worten eröffnete Heiko Bartlog vor kurzem einen Beitrag auf LinkedIn. [1]

Eine gute Frage.

Von Moderator*innen wird häufig erwartet, dass sie neutral sind. [2] Doch was bedeutet das eigentlich? Sollen sie keine eigene Meinung haben, sich nicht einmischen oder alle Beteiligten gleich behandeln? Und ist vollständige Neutralität überhaupt möglich?

Aktuell zeigt sich diese Frage besonders deutlich in der Diskussion über Lehrkräfte. Immer wieder wird darüber gestritten, ob für sie ein Neutralitätsgebot gilt und was ein solches Gebot im Alltag bedeuten würde. Teilweise wird sogar absolute Neutralität gefordert. Doch kann ein Mensch überhaupt vollkommen neutral handeln?

Heiko Bartlog betrachtet in seinem Beitrag unter anderem die Rolle der Bundestagspräsidentin und weist auf einen wichtigen Punkt hin: „… wer moderiert, entscheidet mit: Wer erhält wann das Wort? Wann wird eine Diskussion unterbrochen? Welche Aussage wird aufgegriffen? Welcher Zwischenruf wird überhört? Jede Intervention verändert den Verlauf. Das Ausbleiben einer Intervention ebenfalls. Moderation ist wirksam.“

Er kommt deshalb zu dem Schluss, dass Neutralität möglicherweise der falsche Anspruch an Moderator*innen ist. Schließlich sind sie immer Teil der Situation, in der sie moderieren.

Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Ist Neutralität ein sinnvoller Maßstab für gute Moderation oder verlangen wir damit etwas, das Menschen gar nicht leisten können?

Diese Frage betrifft weit mehr als Bundestagspräsident*innen oder Lehrkräfte. Auch Projektleitungen, Mediator*nnen, Journalist*innen, professionelle Moderator*innen und Führungskräfte übernehmen Moderationsaufgaben. Viele von ihnen müssen dabei gleichzeitig moderieren, eigene Interessen vertreten, Verantwortung tragen oder Entscheidungen treffen.

Gerade deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf den Begriff Neutralität, denn je nach Rolle und Situation können ganz unterschiedliche Anforderungen gemeint sein.

Die Dimensionen der Neutralität

Neutralität ist kein eindeutiger Begriff. Je nach Situation kann damit etwas anderes gemeint sein. Deshalb lohnt es sich, verschiedene Formen zu unterscheiden:

  • Inhaltliche Neutralität bedeutet, keine eigene Position zu vertreten und keine bestimmte Lösung zu bevorzugen.
  • Prozessneutralität bedeutet, Regeln transparent zu machen, sie einzuhalten und den Ablauf fair zu gestalten. Niemand wird bevorzugt oder benachteiligt.
  • Persönliche Neutralität bedeutet, die eigene Meinung nicht in die Moderation einfließen zu lassen und auch in schwierigen Situationen professionelle Distanz zu bewahren.
  • Wertneutralität bedeutet, bei der Beurteilung eines Sachverhalts keine ethischen oder moralischen Maßstäbe anzulegen.

Welche Form von Neutralität wichtig ist, hängt von der jeweiligen Rolle ab. In vielen beruflichen Situationen ist Prozessneutralität deutlich wichtiger und realistischer als vollständige inhaltliche Neutralität.

  • Eine Bundestagspräsidentin hat selbstverständlich eine politische Haltung und gehört einer Partei an. Während der Sitzungsleitung muss sie dennoch die Geschäftsordnung unparteiisch anwenden und alle Fraktionen fair behandeln.
  • Ähnlich ist es bei einer Team- oder Abteilungsleitung, die ein Meeting moderiert. Wenn sie am Ende selbst entscheiden oder eine Entscheidung verantworten muss, kann sie nicht ergebnisneutral sein. Sie kann aber unterschiedliche Meinungen zulassen, den Prozess fair gestalten und ihre Entscheidung nachvollziehbar begründen.
  • Externe Moderator*innen können inhaltliche Neutralität leichter wahren, weil sie meist weder Teil der fachlichen Diskussion noch der Organisation sind. Dennoch dürfen und sollen sie kritisch nachfragen, Widersprüche sichtbar machen und darauf achten, dass wichtige Perspektiven nicht verloren gehen.
  • Auch bei öffentlichen Diskussionen zeigt sich, dass Neutralität Grenzen hat. Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse und unbelegte Behauptungen gleichwertig nebeneinanderzustellen, wäre keine gute Moderation. Aufgabe eines Moderators kann es deshalb sein, den Stand des Wissens deutlich zu machen und gleichzeitig Raum für unterschiedliche politische oder gesellschaftliche Bewertungen zu lassen.
  • Ähnliches gilt für Lehrkräfte. Für sie bedeutet Neutralität nicht, dass sie keine Haltung haben dürfen. Sie sollen unterschiedliche Positionen ausgewogen darstellen und Schüler*innen dabei unterstützen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Gleichzeitig sind sie ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag sowie den demokratischen Werten des Grundgesetzes verpflichtet. Wertneutral können sie deshalb nicht sein.

Schon diese Beispiele zeigen: Gute Moderation verlangt nicht in jeder Situation dieselbe Form von Neutralität.

Entscheidend ist vielmehr, welche Rolle eine Person gerade einnimmt, welche Verantwortung sie trägt und welchen Auftrag sie hat. Ein fairer und transparenter Prozess bleibt dabei ein zentraler Maßstab.

Genau hier beginnt allerdings ein weiteres Problem: Viele Menschen wechseln im Berufsalltag ständig zwischen unterschiedlichen Rollen. Mit jeder Rolle verändern sich auch die Erwartungen an Neutralität, Verantwortung und eigenes Handeln. Besonders deutlich wird dieses Spannungsfeld bei Projektleitungen. Sie moderieren, bringen Fachwissen ein, steuern das Projekt und müssen Entscheidungen treffen. Ein Blick auf diese unterschiedlichen Rollen zeigt, warum der Anspruch vollständiger Neutralität schnell an seine Grenzen kommt.

Moderation ist nur eine Rolle der Projektleitung

Bei Projektleitungen zeigt sich besonders deutlich, wie stark der Anspruch an Neutralität von der jeweiligen Rolle abhängt. Denn Projektleitung ist weit mehr als Moderation. Sie wechselt je nach Situation zwischen vier Rollen:

  • Moderator*in
  • Fachexpert*in
  • Projektmanager*in
  • Entscheider*in

Diese Rollen gehen oft fließend ineinander über. Problematisch wird das vor allem dann, wenn für die Beteiligten nicht erkennbar ist, in welcher Rolle die Projektleitung gerade spricht. Manchmal ist das sogar der Projektleitung selbst nicht bewusst.

Als Moderatorin soll sie den Prozess steuern, ohne das gewünschte Ergebnis vorzugeben. Sie achtet darauf, dass alle Beteiligten zu Wort kommen, wichtige Informationen berücksichtigt werden und die Diskussion sachlich bleibt. Bringt sie eine eigene Position ein, sollte sie das deutlich machen und weiterhin offen für andere Argumente bleiben.

Als Fachexpertin ist eine andere Haltung gefragt. Hier soll die Projektleitung ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen. Neutralität wäre in dieser Rolle sogar hinderlich. Eine Fachexpertin darf und soll Position beziehen, solange sie diese fachlich begründen kann.

Als Projektmanagerin trägt sie Verantwortung für Ziele, Termine, Ressourcen, Qualität und Risiken. Deshalb kann sie nicht ergebnisneutral sein. Sie sollte Interessen und Personen dennoch fair behandeln und transparent machen, welche Anforderungen und Rahmenbedingungen ihre Entscheidungen beeinflussen.

Als Entscheiderin muss die Projektleitung schließlich Entscheidungen treffen und deren Folgen verantworten. Auch hier ist Ergebnisneutralität kaum möglich. Entscheidend ist vielmehr, dass die Grundlagen einer Entscheidung nachvollziehbar sind.

Die Herausforderung liegt also nicht darin, in jeder Situation neutral zu bleiben. Viel wichtiger ist es, die eigene Rolle zu kennen und sie für andere sichtbar zu machen.

Ein Moderator soll den Prozess nicht manipulieren, ein Fachexperte soll sein Wissen nicht zurückhalten, ein Projektmanager darf die Projektziele nicht aus dem Blick verlieren und ein Entscheider kann nicht so tun, als müsse er keine Entscheidung treffen.

Gerade bei schwierigen oder konfliktbeladenen Themen kann es deshalb sinnvoll sein, die Moderation zeitweise abzugeben. Hier kann ein externer Facilitator unterstützen. [3]

Ein Facilitator schafft die Rahmenbedingungen dafür, dass eine Gruppe selbst zu guten Lösungen und Entscheidungen kommt. Seine Aufgabe geht über die klassische Moderation hinaus. Neben Ablauf, Beteiligung und Zeit richtet er den Blick stärker auf Zusammenarbeit, Denkprozesse, Gruppendynamik und Entscheidungsfähigkeit. Dazu nutzt er Fragen, Methoden und ein bewusst gestaltetes Prozessdesign.

Inhaltlich bleibt ein Facilitator möglichst neutral und ergebnisoffen. Wertneutral ist er jedoch nicht. Sein Auftrag besteht darin, einen fairen Prozess zu ermöglichen und die Gruppe dabei zu unterstützen, selbst tragfähige Ergebnisse zu entwickeln. Für eine Projektleitung kann das eine große Entlastung sein, weil sie sich vorübergehend auf ihre anderen Rollen konzentrieren kann.

Auch der Scrum Master wird häufig mit einer Projektleitung oder einem Moderator gleichgesetzt, doch seine Rolle unterscheidet sich deutlich davon. [4] Vereinfacht gesagt ist der Scrum Master Experte für das Scrum-Framework und dafür verantwortlich, dass Scrum als Arbeits- und Zusammenarbeitsmodell funktioniert. Er unterstützt das Team dabei, möglichst selbstorganisiert und effektiv zu arbeiten und Hindernisse sichtbar zu machen oder zu beseitigen.

Dabei ist ein Scrum Master weder klassische Projektleitung noch Entscheider. Er trägt keine Verantwortung für Projektbudget oder fachliche Ergebnisse und ist auch keine Führungskraft im klassischen Sinn. Seine Aufgabe besteht nicht nur darin, Meetings zu moderieren. Er coacht, stellt Fragen und greift ein, wenn Zusammenarbeit oder Scrum-Prozess nicht funktionieren. Auch hier zeigt sich deshalb: Vollständige Neutralität ist nicht der passende Maßstab. Ein Scrum Master ist nicht für eine bestimmte fachliche Lösung oder einzelne Personen parteilich. Er steht aber sehr wohl für einen funktionierenden Scrum-Prozess und die dahinterstehenden Prinzipien ein.

Damit wird deutlich, dass Neutralität, Unparteilichkeit und Fairness nicht dasselbe bedeuten. Um professionelles Handeln genauer beurteilen zu können, lohnt sich deshalb ein genauerer Blick auf diese Begriffe.

Dimensionen professionellen Handelns

Die Rolle des Scrum Masters ist ein gutes Beispiel dafür, dass „Neutralität“ und „Unparteilichkeit“ nicht dasselbe sind. Auch Begriffe
wie Fairness, Objektivität oder Allparteilichkeit können nicht einfach synonym verwendet werden.

Begriff Kurzdefinition
Neutralität Keine eigene inhaltliche Position einnehmen bzw. sich nicht auf eine Seite stellen.
Unparteilichkeit Keine Partei bevorzugen oder benachteiligen; gegenüber den Beteiligten gleich eingestellt sein.
Fairness Den Prozess und die Beteiligten gerecht und angemessen behandeln – nicht zwingend identisch.
Objektivität Urteile möglichst unabhängig von persönlichen Vorlieben, Sympathien oder Interessen anhand nachvollziehbarer Kriterien treffen.
Allparteilichkeit Sich aktiv in die Perspektive aller Beteiligten hineinversetzen und jede Seite in ihrem Anliegen unterstützen, ohne sich dauerhaft mit einer Seite zu identifizieren.

Diese Begriffe lassen sich nicht einfach auf einer Skala von „sehr neutral“ zu „weniger neutral“ anordnen. Tatsächlich beschreiben sie verschiedene Dimensionen professionellen Handelns. Ein Projektleiter kann beispielsweise

  • inhaltlich nicht neutral,
  •  gegenüber Personen unparteilich,
  • im Vorgehen fair,
  • bei der Bewertung objektiv und
  • in der Moderation allparteilich

sein.

Das ist kein Widerspruch.

Ist Allparteilichkeit der geeignetere Maßstab für gute Moderation?

Wenn Neutralität nicht immer möglich oder sinnvoll ist, stellt sich die nächste Frage: Ist Allparteilichkeit der bessere Maßstab für gute Moderation?

Ein gutes Beispiel ist die Mediation. Eine Mediatorin soll keine eigene inhaltliche Lösung vorgeben und gegenüber dem Ergebnis neutral bleiben. Gleichzeitig wendet sie sich allen Konfliktparteien gleichermaßen zu.

Genau darin liegt der Unterschied: Neutralität kann bedeuten, sich inhaltlich nicht einzumischen. Allparteilichkeit geht einen Schritt weiter. Sie verlangt, die Interessen, Bedürfnisse und Perspektiven aller Beteiligten ernst zu nehmen und sich zeitweise in ihre Sichtweisen hineinzuversetzen. Dabei unterstützt die moderierende Person alle Seiten, ohne sich dauerhaft mit einer davon zu identifizieren.

Diese Haltung ist besonders dort sinnvoll, wo Menschen zwischen unterschiedlichen Interessen oder Perspektiven vermitteln, ohne selbst über das Ergebnis entscheiden zu wollen. Das gilt zum Beispiel für Mediator*innen, Coaches, Supervisor*innen, Konfliktberater*innen, Moderator*innen oder Facilitator*innen.

Allparteilichkeit passt allerdings nicht zu jeder Rolle.

Ein Projektleiter kann beispielsweise Lösung A bevorzugen und damit inhaltlich nicht neutral sein. Trotzdem kann er die Argumente für Lösung B ernst nehmen, beide Lösungen anhand transparenter Kriterien bewerten und den Beteiligten angemessene Möglichkeiten zur Einflussnahme geben. Er handelt damit fair und unparteiisch, ohne seine eigene Position aufgeben zu müssen.

Für Projektleitungen und Führungskräfte kann der Anspruch vollständiger Allparteilichkeit deshalb schnell zu weit gehen. Sie tragen Verantwortung für Ziele, Ergebnisse und Ressourcen und müssen häufig selbst Entscheidungen treffen. Wichtig ist dann vor allem, die eigene Position deutlich zu machen und andere Perspektiven trotzdem fair zu berücksichtigen.

In anderen Rollen ist wiederum größere Distanz gefragt. Richter*innen oder Schiedsrichter*innen müssen Regeln und festgelegte Maßstäbe für alle Beteiligten gleichermaßen anwenden. Sie sollen sich gerade nicht zeitweise mit einer Seite identifizieren, sondern möglichst sachlich und unparteiisch entscheiden. Ähnliches gilt für die Sitzungsleitung im Bundestag.

Auch Allparteilichkeit ist also kein allgemeingültiger Maßstab für gute Moderation.

Professionelles Handeln entsteht vielmehr aus einer passenden Kombination von Unparteilichkeit, Fairness, Transparenz und je nach Rolle auch Objektivität oder Allparteilichkeit. Welche Haltung angemessen ist, hängt davon ab, welchen Auftrag die moderierende Person hat und welche Verantwortung sie trägt.

Damit wird noch einmal deutlich: Gute Moderation braucht nicht möglichst viel Neutralität, sondern Klarheit darüber, welche Form professionellen Handelns in der jeweiligen Situation gefragt ist.

Wenn die KI moderiert

Wenn Neutralität, Fairness und Rollenbewusstsein für gute Moderation entscheidend sind, stellt sich eine naheliegende Frage: Könnte eine KI diese Aufgabe nicht besonders gut übernehmen? Schließlich hat sie keine persönlichen Interessen, keine Sympathien und keine Angst vor unangenehmen Konsequenzen.

Tatsächlich bieten inzwischen verschiedene KI-Tools Funktionen an, die klassische Moderationsaufgaben unterstützen, vor allem in Online-Meetings.

Tool Was die KI während des Meetings übernimmt
Microsoft Teams Facilitator Echtzeit-Notizen, Überwachung von Agenda und Zeit, Erinnerungen, Action Items und Zusammenfassungen
MeetingTango Agendaerstellung, Zeitsteuerung, Dokumentation von Entscheidungen und Action Items, Erinnerungen und Nachverfolgung
Fellow KI-gestützte Notizen, Entscheidungen und Action Items sowie Unterstützung bei Meeting-Struktur und Rollen
AgendaGenie Dynamische Agenda, Echtzeit-Zusammenfassung, Action-Item-Tracking und Follow-up
ClickUp Meeting-Struktur, Rollen, Action Items, Aufgaben und Follow-up im Projektmanagement
Miro Unterstützung bei Workshops, Beteiligung, Strukturierung und der Überführung von Diskussionen in Maßnahmen
Workshop-AI Unterstützung für Facilitator*innen und Scrum Master bei Vorbereitung, Methoden, Live-Sessions, Retrospektiven und Coaching
Grob lassen sich solche Lösungen in drei Gruppen einteilen:

  • AI-Notetaker dokumentieren, was im Meeting passiert, und erstellen zum Beispiel Protokolle oder Zusammenfassungen.
  • AI-Meeting-Assistenten unterstützen bei der Vorbereitung und Nachbereitung, etwa bei Aufgaben, Verantwortlichkeiten oder Follow-ups.
  • AI-Facilitatoren beobachten stärker den Ablauf und greifen in bestimmten Situationen ein, zum Beispiel beim Zeitmanagement oder bei offenen Aufgaben.

Vor allem die ersten beiden Gruppen können heute bereits hilfreiche Co-Facilitatoren sein. Interessant wird es dort, wo eine KI nicht mehr nur dokumentiert oder organisiert, sondern aktiv in den Prozess eingreift. Microsofts Facilitator entwickelt sich beispielsweise in diese Richtung. Er kann sich über den Chat zu Wort melden, unbeantwortete Fragen erkennen oder zusätzliche Informationen anbieten.

Genau an diesem Punkt wird die Frage nach Neutralität wieder spannend.

Heiko Bartlog formulierte zu Beginn des Beitrags: „Wer moderiert, entscheidet mit.“ Das gilt auch für eine KI. Sobald sie selbst entscheidet, wann sie eingreift, muss sie Situationen bewerten:

  • Was ist gerade relevant?
  • Wer sollte noch zu Wort kommen?
  • Wann dauert eine Diskussion zu lange?
  • Welche Frage ist noch offen?
  • Wann sollte ein Thema zurück auf die Agenda?
  • Welche Entscheidung wurde tatsächlich getroffen?
  • Was ist ein Action Item?
  • Welche Frage sollte als Nächstes gestellt werden?

Das sind keine rein technischen Aufgaben. Es sind Moderationsentscheidungen.

Eine KI kann dabei neutral erscheinen, weil sie keine persönlichen Interessen verfolgt. Trotzdem ist sie nicht automatisch wertneutral, unparteiisch oder fair. Trainingsdaten, Regeln, Prompts und Algorithmen beeinflussen, was sie als gute Moderation erkennt und wie sie reagiert.

Auch Prozessneutralität lässt sich nicht einfach einprogrammieren. Denn was als fairer Prozess gilt, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Ein Kirchenvorstand kann andere Maßstäbe an gute Moderation anlegen als eine Tierschutzorganisation, ein Jugendzentrum, ein agiles Start-up, ein Wissenschaftsforum oder ein Fachverband.

Hinzu kommt: Gute Moderation besteht aus mehr als Struktur, Zeitmanagement und der Verteilung von Redeanteilen. Menschen können Situationen wahrnehmen und einordnen, die für eine KI nur schwer vollständig erfassbar sind. Dazu gehören unter anderem:

  • Wahrnehmung und Intuition
  • Einordnung wechselnder Kontexte
  • Empathie und ein Gespür für Gerechtigkeit
  • Aufbau von Vertrauen und psychologischer Sicherheit
  • situationsgerechte Interventionen
  • bewusste Perspektivwechsel
  • Auswahl geeigneter Moderationsmethoden
  • Umgang mit Gruppendynamiken
  • Wahrnehmung nonverbaler Kommunikation
  • Umgang mit Widerständen und starken Emotionen
  • Konfliktmanagement
  • flexible Anpassung von Ablauf und Zeitplanung
  • transparente Begründung von Entscheidungen
  • Übernahme von Verantwortung

KI kann Moderation damit bereits an vielen Stellen sinnvoll unterstützen. Je stärker sie jedoch selbst in den Verlauf eingreift, desto weniger reicht es aus, nur auf ihre technische Leistungsfähigkeit zu schauen. Dann stellen sich dieselben Fragen wie bei menschlicher Moderation: Nach welchen Regeln entscheidet sie? Welche Werte liegen ihren Entscheidungen zugrunde? Und wer trägt am Ende die Verantwortung?

Fazit

Je mehr Verantwortung eine Person für Inhalte, Entscheidungen und Ergebnisse trägt, desto weniger sinnvoll ist der Anspruch vollständiger Neutralität. Gute Moderation bedeutet deshalb nicht, keine eigene Haltung zu haben. Entscheidend ist vielmehr, die eigene Rolle zu kennen, die persönliche Meinung nicht unbemerkt zum Maßstab zu machen und den Prozess fair und transparent zu gestalten.

Welche Form von Neutralität dabei sinnvoll ist, hängt von der jeweiligen Situation ab. Manchmal ist inhaltliche Neutralität wichtig, manchmal Unparteilichkeit, Objektivität oder Allparteilichkeit. In anderen Rollen ist eine eigene Position sogar ausdrücklich gefragt. Der Maßstab für professionelle Moderation ist deshalb nicht größtmögliche Neutralität. Wichtiger sind Fairness, Transparenz, Verantwortung und ein bewusster Umgang mit der eigenen Rolle.

Auch Werte lassen sich dabei nicht einfach ausblenden. Respekt, Gerechtigkeit und demokratische Grundsätze schaffen überhaupt erst den Rahmen, in dem ein fairer Austausch möglich wird. Gute Moderation ist deshalb nicht wertneutral.

Kurz gesagt: Gute Moderation braucht nicht möglichst viel Neutralität, sondern die passende Haltung für die jeweilige Rolle.

Das gilt auch für KI. Sie kann Meetings strukturieren, dokumentieren und moderierende Aufgaben übernehmen. Doch sobald sie selbst in den Prozess eingreift, trifft auch sie Entscheidungen auf Grundlage bestimmter Regeln und Werte. KI kann menschliche Moderation deshalb sinnvoll unterstützen, sie aber derzeit nicht vollständig ersetzen.

 

Hinweise:

Interessieren Sie sich für die Themen Führung und Leadership Coaching? Dann vernetzten Sie sich mit Birgit Schiche auf LinkedIn.

[1] Posting von Heiko Bartlog auf LinkedIn
[2] Birgit Schiche wechselt in dem Artikel bewusst zwischen männlichen, weiblichen und auch genderneutralen Schreibformen. Es sind stets alle Geschlechter gemeint.
[3] Facilitator – Eine mannigfaltige Rolle und Tätigkeit
[4] Scrum Master – Verantwortlich für die Umsetzung von Scrum

Wollen Sie Birgit Schiche unterstützen und über die Herausforderungen bei der Moderation diskutieren? Dann teilen Sie diesen Beitrag in Ihrem Netzwerk oder in Ihrem Unternehmen.

Birgit Schiche hat im t2informatik Blog drei weitere Beiträge veröffentlicht:

t2informatik Blog: Liberating Structures – Befreiende Strukturen für bessere Kommunikation

Liberating Structures – Befreiende Strukturen für bessere Kommunikation

t2informatik Blog: Frauenförderung in Unternehmen

Frauenförderung in Unternehmen

t2informatik Blog: Diversity - Abschied von der Monokultur in Unternehmen

Diversity – Abschied von der Monokultur in Unternehmen

Birgit Schiche
Birgit Schiche

Birgit Schiche war selbst lange Zeit Führungskraft, bevor sie sich für einen anderen Berufsweg entschied. Als Changemanagement Consultant bei Daimler und später als Senior Consultant einer Hamburger Unternehmensberatung begann sie Organisationen und Führungskräfte in Veränderungsprozessen zu unterstützen. Als Beraterin und Coach mit „Plan B. Schiche – Personalstrategie & Führung“ wirkte sie ab 2010 als Wegbereiterin für eine neue Arbeitswelt.

Inzwischen übt sie diese Tätigkeit nebenberuflich aus, im Hauptberuf baut sie nun den Bereich Learning & Development in einem schnell und auch international wachsenden Unternehmen strategisch auf. Ihr Grundsatz: Auch noch so kleine Schritte zur Veränderung lohnen sich – Hauptsache es kommt etwas in Bewegung. Kommunikation und Führungsverständnis sind dabei Schlüsselfaktoren.

Im t2informatik Blog teilen wir Wissen und Erfahrungen mit Menschen in Organisationen. Und für genau diese Menschen entwickeln und modernisieren wir seit 2012 Software. Pragmatisch. ✔️ Persönlich. ✔️ Professionell. ✔️ Lernen Sie t2informatik als Entwicklungspartner kennen.