VUKA, na und?!

von | 12.09.2019 | Projektmanagement | 3 Kommentare

Kennen Sie schon VUKA? VUKA ist die eingedeutschte Variante von VUCA und steht für die volatile, ungewisse, komplexe und ambige Welt, in der wir leben. Wenn Sie VUKA als Akronym noch nicht kennen, darf ich Sie beglückwünschen: Sie haben aus meiner Sicht wenig verpasst. Wenn Ihnen VUKA aber bereits (mehrfach) über den Weg gelaufen ist, möchte ich Ihnen nachfolgend beschreiben, warum Sie sich lieber auf einzelne Themen konzentrieren und für konkrete Herausforderungen Lösungen finden sollten, als sich mit VUKA auseinanderzusetzen.

Das geliebte Buzzword

Sind Buzzwords nicht etwas Tolles? Ich mag Buzzwords. Sie liefern Diskussionsstoff, bieten Raum für Interpretationen und sind Thema für viele Blogbeiträge. Manchmal erzeugen sie eine Art Welle; aus einem Buzzword wird ein Megabuzzword. „Agilität“ ist ein solches Megabuzzword. Es ist aber nicht nur „mega“, weil besonders häufig darüber diskutiert und geschrieben wird, es ist „mega“, weil es konkrete Auswirkungen auf Unternehmen und die Menschen in Unternehmen hat. Organisationen wollen sich „agil transformieren“. Mitarbeiter dürfen ein „agiles Mindset“ entwickeln. Auf einmal werden Abläufe in Unternehmen hinterfragt, Hierarchien (mancherorts) verteufelt, neue Karrierepfade skizziert. Eigenverantwortung und Selbstverwirklichung rücken gefühlt jeden Tag stärker in den Fokus. 

Natürlich gibt es auch Buzzwords, die häufig diskutiert und beschrieben werden, die aber etwas weniger Wirkung entfalten. „Disruption“ ist ein solches Wort. Organisationen werden aufgefordert, disruptiv zu denken, ihr Geschäftsmodell zu hinterfragen und neue, nie dagewesene Weltneuheiten zu entwickeln. Es wird gefordert, sich wie Uber oder Spotify zu verhalten. Die permanente Veränderung, Anpassung und Neuausrichtung wird proklamiert. Meine Meinung dazu habe ich in zwei Beiträgen beschrieben:

Interessant finde ich die Unterschiedlichkeit in der Bewertung einzelner Buzzwords und der sich daraus ergebenden Aspekte. „Wir haben jetzt einen Newsroom mit einem Kanban-Bord“ erzählte mir ein Freund vor kurzem. „Das machen doch jetzt fast alle so.“ Aha. „Wie läuft’s mit dem Bord?“ – „Noch nicht so gut, das Verschieben der Projekte klappt noch nicht richtig.“ Oh. Wer Trends nicht folgt, kann den Eindruck gewinnen, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein. „Das ist doch bloß ein Buzzword“ hörte ich vor kurzem auf einer Veranstaltung und mehrere Teilnehmer nickten zustimmend. Das beurteilte Buzzword behalte ich für mich, aber es scheint auch die umkehrte Wirkung zu geben: Wer einem Trend folgt, geht jemanden auf den Leim. Pech gehabt. Nicht nachgedacht. Loser.

VUKA ist aus meiner Sicht weder ein Megabuzzword noch ein Rohrkrepierer. Volatilität, Ungewissheit, Komplexität und Ambiguität gibt es. In unserem Geschäftsleben, auf sozialer und politischer Ebene. Und jetzt? Was bedeutet das für Sie, für Ihren Beruf und Ihre Aufgaben? Gerne möchte ich einen Blick auf die einzelnen VUKA-Aspekte werfen.

Das V in VUKA: Volatilität

Die Volatilität ist eine Bezeichnung „für das Ausmaß von Schwankungen innerhalb kurzer Zeitspannen. Das Unternehmensumfeld verändert sich nicht kontinuierlich sondern sprunghaft, Kunden und Lieferanten ändern ihre Verhaltensweisen, neue Geschäftsmodelle entstehen über Nacht und bestehende werden verdrängt.“ Die Definition stammt aus unserer Rubrik Wissen kompakt bzw. unserer VUKA-Seite.

An sich klingt das natürlich nachvollziehbar. Menschen und Organisationen verändern sich, Märkte verändern sich, Gesetze auch. Alles ist im Fluss. Aber ist das wirklich so? Aktien können sich volatil verhalten, oftmals allerdings als Folge von Marktpsychologie, Gerüchten und Algorithmen. Aber Unternehmen? Kunden und ganze Märkte? Wie häufig wechseln Sie Ihren Festnetzanbieter? Den Stromversorger, den Wasserversorger, diverse Versicherungen? Vielleicht haben Sie auch schon sehr lange einen Vertrag in einem Fitness-Studio, obwohl sie gar nicht hingehen? Ja, es gibt Kunden, die sind sprunghaft und wechseln regelmäßig ihre Anbieter. Der Großteil der Menschen tut dies nicht. Nicht im privaten, nicht im beruflichen. Taucht in Deutschland ein Gerücht auf, dass der Gesetzgeber Änderungen herbeiführen möchte, wird er fast unmittelbar von Verbänden darauf hingewiesen, dass klare Regelungen für die Geschäftswelt wichtig sind, denn nur so können Unternehmen ihre Strategien anpassen. In anderen Worten: es gibt Instanzen, die dafür sorgen, dass die Regeln unserer Geschäftswelt nicht zu volatil werden.

Aber es drängen doch immer neue Anbieter mit neuen Lösungen auf den Markt?! Carsharing mit Drive Now, Elektro-Tretroller von Lime, Streaming von Netflix. Ja, Märkte verändern sich. Netflix wurde 1997 gegründet, startete aber „erst“ 2007 mit einem Video-on-Demand-Angebot. Elektro-Tretroller wurden bereits 2012 in San Francisco erlaubt, in Deutschland sind sie seit dem 15. Juni 2019 zugelassen. Was ist daran volatil oder sprunghaft?

Das U in VUKA: Ungewissheit

Das U in VUKA ist mein persönlicher Favorit. Es steht für Ungewissheit und bezeichnet einen Zustand mangelnder Kenntnis und Unklarheit. Unternehmen wissen nicht, was als nächstes passieren wird. Prognosen werden schwieriger. Wirklich? Ist nicht praktisch alles ungewiss? Nennt sich das nicht einfach: „Leben“? Und war das für Unternehmen nicht schon immer so? 

Ich war zwar nicht dabei, als das erste Faxgerät verkauft wurde. Oder das erste Telefon. Wie verkauft man eigentlich das Erste einer Art, wenn für den Gebrauch zwei Geräte benötigt werden? Sollte man ein Gerät entwickeln, wenn man nicht weiß, wie man das Erste seiner Art verkauft? Das ist für mich „Ungewissheit“. Jede Innovation ist eine Antwort auf Ungewissheit. Sie mag nicht immer die richtige Antwort sein, aber Ungewissheit ist bestimmt nichts Neues. Ungewissheit gab es schon immer.

Natürlich werden unsere Märkte transparenter, die Anzahl möglicher Wettbewerber und Innovationen mag steigen; die Herausforderung an sich, ist aber nicht neu. Es gilt ihr zu begegnen, mit Vision und Methode, in kleinen Schritten wie beim Pretotyping oder dem Prototyping, und durch die Beobachtung von Kunden und Märkten. Gut, wenn das dann dazu führt, dass Konzerne für die Entwicklung von Autos nicht mehr zehn Jahre benötigen, sondern es jetzt in drei, vier oder fünf Jahren schaffen. Unternehmen investieren in eine Entwicklung, obwohl sich das Produkt frühstens in drei Jahren verkaufen lässt? Ungewissheit scheint für mich kein allzu großes Problem zu sein.

Das K in VUKA: Komplexität

Jetzt wird es komplex. Oder kompliziert. Peter Addor, schweizer Mathematiker und Systemdenker, hat bereits 2017 in einem Artikel darauf hingewiesen, dass Volatilität, Ungewissheit und Ambiguität Auswirkungen von Komplexität sind. In anderen Worten: Komplexität ist die Ursache für die drei anderen Begriffe.¹ Damit passt Komplexität gar nicht in den VUKA-Buchstabensalat. 

Wir definieren Komplexität bei VUKA wie folgt: „Komplexität bedeutet, dass Auswirkungen von Handlungen weder vorab berechnet, noch Ursachen in Nachhinein zurückverfolgt werden können. Die Systeme, in denen sich Unternehmen bewegen, sind mit ihren zahlreichen Parametern zu vielschichtig. Unternehmen versuchen daher, nicht vorschnell Kausalitäten zwischen Ursache und Wirkung abzuleiten.“

Vielleicht ist die Welt tatsächlich komplex, vermutlich ist sie auf alle Fälle kompliziert. Nach meiner Erfahrung verwenden Menschen gerne den Ausdruck „komplex“, wenn sie „viel“ meinen. „Die Aufgabe ist so komplex“ bedeutet nicht, dass Handlungen nicht zu definieren und Auswirkungen nicht nachzuvollziehen sind, sondern dass die Menge der Tätigkeiten (gefühlt oder auch real) zu groß ist. Mark Lambertz, Digitalisierungsexperte und Systemiker, spricht in diesem Zusammenhang von der internen Komplexität, die nicht mit der realexistierenden Komplexität verwechselt werden sollte.² Darüber hinaus führt er aus, dass es in der Praxis genügen müsste, das „Wie“ und „Was“, sowie das „Warum“, „Wozu“, „Wer“, „Wann“ und „Womit“ zu klären, um eine Aufgabe zu erledigen. Und was passiert, wenn zu den Begleiterscheinungen von Komplexität zusätzlich eine Ein- und Erstmaligkeit gehören, wie es Peter Addor sagt? Spätestens dann wird es Zeit, einen Blick auf Ambiguität zu werfen.

Das A in VUKA: Ambiguität

Ambiguität ist ein großartiges Wort. Ich musste es im Duden nachschlagen. Ambiguität steht für Doppeldeutigkeit oder Zweideutigkeit. Übertragen in die Welt der Unternehmen, der Entwicklungen und Projekte heißt das wohl, dass lineare und kausale Erklärungen nicht immer funktionieren, dass sich Blaupausen nicht übertragen lassen, dass Best Practices nicht helfen. Irgendwie klingt das ähnlich wie bei Komplexität, oder? Peter Addor sagte ja bereits, dass das eine die Folge des anderen wäre. Aber: haben Blaupausen wirklich jemals für alle Unternehmen in allen Situationen auf allen Märkten geklappt? Setzt sich bspw. immer das beste Produkt am Markt durch? Nein, bestimmt nicht. Gibt es Produkte, die zu früh am Markt waren und sich nicht verkaufen ließen, eine Dekade später aber zum Welterfolg wurden? Klar. Was ist also am dem Wort Ambiguität – außer,  dass es jetzt zum aktiven Wortschatz zählt – so neu und toll? Aus meiner Sicht: nichts. 

Die Kompetenzen in VUKA

Vermutlich haben Sie längst verstanden, worauf ich hinaus möchte. Ja, wir leben in einer VUKA-Welt. Die Welt war schon immer VUKA. Lange bevor es dieses Akronym gab. Dennoch bin ich noch nicht ganz fertig. Ich möchte noch auf Kompetenzen eingehen, die gerne im Kontext von VUKA gefordert werden. Tanmay Vora, ein Autor, der gerne über „Leadership, Learning and Change“ schreibt, listete 2015 zwölf dieser Kompetenzen auf:³

  • Develop an Adaptive Mindset.
    Entwickeln Sie ein adaptive Denkweise, öffnen Sie sich für Neues und betreten Sie Neuland.
  • Have a Vision.
    Entwickeln Sie eine Vision, die gleichzeitig als Kraft und Orientierung für Entscheidungen und Handlungen dient.
  • Embrace Abundance Mindset.
    Denken Sie strategisch und vorausschauend, ohne den Blick auf die aktuelle Realität zu verlieren.
  • Weave Ecosystems for Human Engagement.
    Schaffen Sie ein Ökosystem für menschliches Engagement, in dem Vertrauen möglich und Werte gelebt werden.
  • Anticipate and Create Change.
    Nutzen Sie Ihre Weitsicht, erkennen Sie Herausforderungen frühzeitig und treiben Sie Veränderungen, bevor Sie von ihnen getrieben werden.
  • Self-Awareness.
    Als Führungskraft können Sie nur dann erfolgreich sein, wenn sich Ihre persönliche Vision und Ihre Werte mit der Vision und den Werten des Unternehmens überschneiden.

 Für die verbleibenden Kompetenzen verzichte ich auf die weiterführenden Erläuterungen:

  • Be an Agile Learner.
  • Network and Collaborate.
  • Relentlessly Focus on Customer.
  • Develop People.
  • Design for the Future.
  • Constantly Clarify and Communicate.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie solche Listen und Ausführungen lesen. Mir fällt das Lesen sehr schwer. Nicht nur, dass ich diese Art der Forderungen schon unzählige Male gehört oder gelesen habe, die Kompetenzen sind so allgemein formuliert, dass sie leicht unter anderen Buzzwords auftauchen könnten: Die Kompetenzen in New Work, in Arbeit 4.0, in Remote Work, in Digitalisierung – passt immer, oder? Es ist fast wie ein Horoskop der ersetzbaren Begrifflichkeiten.

Fazit

Die Geschäftswelt ist volatil. Und ungewiss. Aufgaben sind kompliziert und Projekte oder Entwicklungen komplex. Und Blaupausen passen nicht immer (oder um es ganz klar zu sagen: praktisch nie.). Okay, damit leben wir offiziell in einer VUKA-Welt. Auch vor 100 Jahren hätten wir in einer VUKA-Welt gelebt. Damals wie heute war und ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit konkreten Herausforderungen essentiell.

Was ist für Ihr Unternehmen ungewiss? Wie Ihre Kunden ein neues Feature nutzen werden? Fragen Sie Ihre Kunden, beobachten Sie, setzen Sie sich an den Arbeitsplatz des Kunden und versuchen Sie, das Feature zu nutzen. Beseitigen Sie Schritt für Schritt Ihre Ungewissheit. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, dennoch sollten wir versuchen, sie zu gestalten; trotz und vielleicht auch wegen der Ungewissheit. Was ist Ihr Problem mit Volatilität? Wo fühlen Sie sich von Komplexität gebremst? Wo gibt es unterschiedliche Erkenntnisse bei scheinbar gleichen Voraussetzungen?

Kurzum: Konzentrieren Sie sich auf Ihre Herausforderungen, und ignorieren Sie das Labelling per Buzzword. Es bringt Ihnen nichts.

 

 

Hinweise:

[1] Peter Addor: Bleiben Sie mir bloss mit den dünnen VUCA-Brettchen fern!
[2] Mark Lambertz: Warum der Begriff VUCA nicht taugt
[3] Tanmay Vora: 12 Critical Competencies For Leadership in the Future

Michael Schenkel

Michael Schenkel

t2informatik GmbH

Michael Schenkel leitet das Marketing bei t2informatik. Gerne bloggt er über Projektmanagement und Requirements Engineering. Und er freut sich ganz sicher, wenn Sie sich mit ihm auf eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen treffen.

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