Digital-Me: Warum ich mehr bin als meine Daten
Über digitale Abbilder, KI an der Kundenschnittstelle und die gefährliche Verwechslung von Wissen mit Identität
Seit einiger Zeit begegnet mir in Gesprächen mit IT-Kollegen immer wieder der Begriff „Digital-Me“. Zunächst fand ich ihn vor allem irritierend, denn er klingt so, als sei dieses digitale Abbild tatsächlich ein Teil von mir. Als gäbe es neben meinem realen Ich noch eine Art digitales Alter Ego, das mich beschreibt, repräsentiert oder vielleicht sogar ersetzt.
Genau an dieser Stelle beginnt für mich das Problem: Sprache ist nicht neutral. Begriffe prägen, wie wir über Technik denken. Und wenn Daten, KI-Systeme oder digitale Schnittstellen plötzlich mit einem „Me“ verbunden werden, entsteht schnell der Eindruck, es gehe nicht mehr nur um Informationen, Prozesse oder Werkzeuge, sondern um Identität.
Bahnt sich hier also nur ein weiterer Hype-Begriff an? Oder steckt mehr dahinter?
Also habe ich erst einmal gegoogelt. Wikipedia empfiehlt nachvollziehbar, den vielseitig verwendeten Begriff nur im jeweiligen Kontext zu betrachten. In meiner Diskussion mit den Kollegen könnten zwei Bedeutungen passen: einerseits ein Projekt, das persönliche Daten an einem zentralen, nutzergesteuerten Zugangspunkt bündelt [1], andererseits ein KI-Bot für Unternehmen, der als digitale Schnittstelle zum Kunden auftritt. [2]
Beide Verwendungen unterscheiden sich deutlich. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie durch den Begriff „Digital-Me“ mehr suggerieren als reine Technik. Einmal entsteht der Eindruck: Du bist, was deine Daten über dich hergeben. Im anderen Fall wirkt es so, als könne ein Bot ein Unternehmen so gut kennen, dass er fast zu dessen digitaler Identität wird.
Genau diese sprachliche Verschiebung halte ich für problematisch, denn Menschen, Organisationen und ihre Systeme sind komplexer als Datenbestände, Prozesse und Schnittstellen.
Ich bin mehr als meine Daten
Vorweg: Ich bin ein Verfechter von Digitalisierung. Ich finde, es ist im Jahr 2026 an der Zeit, dass unsere vielen Daten im öffentlichen Raum endlich so vernetzt werden, dass wir effizient und zielgerichtet damit umgehen können. Und ich begrüße die Idee, dass ich die Kontrolle darüber behalte. Ich teile also die Ziele des Regensburger Projekts Digital.Me. [1]
Und gleichzeitig finde ich den gewählten Projektnamen hochkritisch. Meine zusammengebrachten Daten sprachlich zu einem Persönlichkeitsanteil von mir zu machen, geht aus meiner Sicht zu weit.
Gut gewählte Projektnamen sagen viel über die Haltung und die Werte eines Teams aus. Das Team kann und soll sich mit ihnen identifizieren. Sie schaffen im Team Verbundenheit und signalisieren nach außen, wofür das Team steht. Hier wird jedoch ein Wert vertreten, der digitalisierte Daten zum Bestandteil meiner Person, meines „Me“, macht. Interessanterweise ist das dann auch noch ein Bestandteil, den ich kontrollieren kann.
Wie schnell öffnet sich da innerlich die Tür, dass wir uns mit unserem Digital-Me identifizieren? Lieber identifizieren wir uns doch mit unseren selbst kontrollierten, realen Daten als mit unserem humanen Unbewussten und seinen unangenehmen Schatten.
Das klingt vielleicht weit hergeholt. Aber aus der Spieleindustrie wissen wir, dass die scheinbare Beherrschbarkeit von Technik einen großen Teil ihrer Anziehungskraft ausmacht. Und wir kennen auch die Konsequenz: Menschen beschäftigen sich mitunter lieber mit Spielen als mit unbequemen Begegnungen mit lebenden Wesen.
Genau deshalb sollten wir vorsichtig sein, wenn Daten, digitale Abbilder oder KI-Systeme sprachlich zu einem Teil des Menschen werden. Daten können viel über mich aussagen. Aber sie sind nicht ich.
Menschenfreie IT an der Kundenschnittstelle am Beispiel eines Energieanbieters
Ich denke, wir alle teilen eine gewisse Abneigung gegen KI-Bots, die uns in Warteschleifen mit Abfragen bombardieren, die weder zu unserer Anfrage passen noch bei dem Sachbearbeiter ankommen, der uns irgendwann dann doch zugeteilt wird.
Wie reizvoll wirkt dagegen ein KI-Bot, der wirklich kompetent an der Schnittstelle zum Kunden agiert und dann sogar noch beim Mitarbeiter-Onboarding unterstützt. Ein Bot, der das Wissen des Unternehmens erfasst und umfasst. Noch nicht vollständig, aber doch verbunden mit der Annahme, das bald zu 100 Prozent leisten zu können. Nicht zuletzt trägt auch sein Name zu dieser Annahme bei.
Der KI-Bot agiert quasi als Außenminister des Unternehmens. Sein Stab sind die menschlichen Kolleginnen und Kollegen. Das ist keine reine Spekulation, denn ähnliche IT-Lösungen gibt es bereits.
Ich erlebe so etwas gerade bei einem Energieanbieter aus Brandenburg. Nachdem die Anmeldung meiner Solaranlage zwei Jahre lang einfach nicht passierte, scheitere ich nun bei der Weitergabe dieser Anlage an die Käufer meines damaligen Hauses. Die Nacherfassung von mir als Betreiberin kann trotz des damaligen Fehlers nicht auf den wirklichen Zeitpunkt vordatiert werden. Es war schon fast ein Wunder, dass sie überhaupt möglich war.
Folgerichtig kann der Betreiberwechsel an die Käufer meines Hauses nicht ordentlich eingetragen werden, denn zum Zeitpunkt des Verkaufs war ich laut IT ja gar nicht Betreiberin. Leider hat der Energieanbieter jede Form von menschlichem Kontakt auf ein Minimum reduziert. Die Mitarbeitenden des Kundensupports haben weder E-Mail-Adressen noch Telefonnummern. Das macht die direkte Kontaktaufnahme durch mich als Kundin fast unmöglich. Auch im Unternehmen wird zwischen den Mitarbeitenden Kontakt über IT hergestellt. Die Kolleginnen und Kollegen wissen offenbar selbst nicht immer, welche Person wofür zuständig ist oder wie sie diese erreichen können.
Das Unternehmen hat Glück: Irgendwann tauchte eine Kundenbetreuerin auf, die sich um mich kümmert, eskaliert, nicht aufgibt und mich alle vier Wochen anruft, damit ich den Stand kenne. Sie ist aus meiner Sicht so eine Art Unternehmensheldin. Ohne sie wäre ich bereits juristisch tätig geworden.
Es kann also ziemlich unternehmenskritisch sein, wenn die IT das Wissen und die Prozesse innehat und der Mensch nur bei Bedarf eingeschaltet wird. Im geschilderten Fall ist es vermutlich deshalb nicht unmittelbar kritisch, weil der Anbieter in Brandenburg ein Monopol hat.
Und um wie viel seltener wird wohl eine KI den Menschen einbinden, wenn sie den Anspruch hat, das Digital-Me des Unternehmens zu sein?
Wissen ist mehr als gespeicherte Information
Neben dem allseits bekannten Schulbuchwissen oder, breiter gedacht, dem wissenschaftlich fundierten Wissen, das KI vermutlich schon heute viel besser speichern kann als jeder von uns, spielt Erfahrungswissen eine wichtige Rolle beim Handeln. Das gilt insbesondere dann, wenn es um unplanbare Situationen geht. Und solche Situationen der Unplanbarkeit mehren sich ja gefühlt. [3]
Beim Erfahrungswissen spielt das verkörperte Gespür eine wesentliche Rolle. Wir verbinden Erfahrungen mit körperlichem Erleben. Genau diese Komponente fehlt der KI. Oder haben Sie schon einmal eine KI gesehen, die eine Gänsehaut hat?
Gerade deshalb sollten wir an zwei Stellen genauer hinschauen:
- Die KI verfügt nicht über Gespür.
- Wir lassen die KI wichtige Erfahrungen sammeln, die wir selbst für unser Handeln bräuchten.
Nimmt man den Begriff des „Me“ ernst, ist es auch nur folgerichtig, dass die KI nun selbst Erfahrungen sammelt. Im Sinne ihrer Leistungsfähigkeit ist das ja auch gewollt. Nur leider wird mit deutlich weniger Aufwand darüber nachgedacht, wie wir Erfahrungen der KI an den Menschen zurückgeben, um das notwendige Gespür zu trainieren.
Wir vernachlässigen damit die Wichtigkeit des verkörperten Gespürs, des „richtigen Riechers“, bei der KI. Und wir übersehen, dass menschliches Handeln nicht nur aus abrufbarem Wissen besteht, sondern aus Erfahrung, Körperlichkeit, Einordnung und Intuition. [4]
„Me“ ist eben doch mehr als rational-kognitives Wissen mit ständig wachsendem Wissensspeicher.
Fazit
Leider sind meine obigen Ausführungen keine spinnerte Vorstellung. Sie sind viel realer, als wir in unserem Alltag oft erkennen. Die Philosophie hinter Teilen der Tech-Branche denkt längst über hybride Wesen nach oder über eine Art Superintelligenz, die dank ihrer vermeintlich perfekten Gestaltung Menschen bei Weitem übertreffen soll. Wissenschaftlich ist das schwer haltbar. Umso wichtiger wird der Marketingaspekt, wenn es darum geht, Gelder zu akquirieren oder das politische Umfeld zu gestalten. [5]
Die Bezeichnung „Digital-Me“ ist vor diesem Hintergrund ein kleiner, aber durchaus relevanter Schritt, unser Denken in diese Richtung zu beeinflussen. Denn sie klingt harmlos, modern und anschlussfähig. Gleichzeitig verschiebt sie aber die Grenze zwischen Mensch, Daten und Maschine.
Ich plädiere für eine KI, die Expertinnen und Experten unterstützt, statt sich selbst als Expertin zu sehen. KI wird von Menschen erschaffen. Menschen bestimmen, wie sie trainiert wird, welche Ziele sie verfolgt und welche Rolle sie in Organisationen übernimmt.
Wenn wir KI aber sprachlich eine Identität verpassen, also etwas, das eigentlich nur lebende Wesen haben, dann wird sie auch in diesem Sinne auftreten. Und wir werden vermutlich eher bereit sein, das zuzulassen.
Bezeichnungen sind in unserer sprachorientierten Kultur ein wichtiger Aspekt von Identität. Wir sollten hier mehr Achtsamkeit walten lassen. Auch und gerade wenn der Begriff „Digital-Me“ in Marketingkreisen sicher einen schönen Klang hat, gaukelt er doch Dinge vor, die die Maschine dahinter weder kann noch können sollte.
Ein Digital-Me kann Daten sammeln, Wissen speichern und Prozesse abbilden. Aber es ist kein Ich. Und es sollte auch nicht so tun, als wäre es eines.
Hinweise:
[1] The EU FP7 funded project Digital.Me aims at integrating all personal data in a personal sphere by a single, user-controlled point of access
[2] My Digital-Me als KI-Bot für Unternehmen
[3] Fritz Böhle: Erfahrungswissen – die ‘andere’ Seite professionellen Handelns
[4] Künstliche Intelligenz (KI) für alle?
[5] Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus
Zu Ungewissheitskompetenzen und zur Relevanz gefühlter Sicherheit siehe „Was wir von Raumschiff Enterprise lernen können“ und Wissen kompakt: Ungewissheit.
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Astrid Kuhlmey hat weitere Beiträge im t2informatik Blog veröffentlicht, u. a.:

Astrid Kuhlmey
Dipl.Inf. Astrid Kuhlmey verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Projekt- und Linienmanagement der Pharma-IT. Seit 7 Jahren ist sie als systemische Beraterin tätig und begleitet Unternehmen und Individuen in notwendigen Veränderungsprozessen. Ihr liegen Nachhaltigkeit sowie gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel und Entwicklung am Herzen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie einen Ansatz entwickelt, Kompetenzen zum Handeln und Entscheiden in Situationen der Ungewissheit bzw. Komplexität zu fördern.
Im t2informatik Blog veröffentlichen wir Beträge für Menschen in Organisationen. Für diese Menschen entwickeln und modernisieren wir Software. Pragmatisch. ✔️ Persönlich. ✔️ Professionell. ✔️ Ein Klick hier und Sie erfahren mehr.


