Wie wichtig ist IT-Kompetenz beim Scrum Master?
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Wege zum Aufbau technischer Anschlussfähigkeit
Fazit
Neu: t2informatik Blogcast: Wie wichtig ist IT-Kompetenz beim Scrum Master? – eine Zusammenfassung zum Hören in 1:57 Minuten
Warum technische Anschlussfähigkeit über Wirksamkeit entscheidet
In nur sehr wenigen Stellenanzeigen werden sie gefordert und in kaum einem agilen Framework explizit erläutert: technische Kompetenzen eines Scrum Masters. Das überrascht zunächst nicht. Die Verantwortlichkeiten dieser Rolle liegen vermeintlich woanders. Als Teil des Scrum Teams soll der Scrum Master vor allem Rahmenbedingungen gestalten, Zusammenarbeit fördern und die Effektivität agiler Arbeit erhöhen.
Doch wie gelingt das bei technischen Herausforderungen, wenn die fachliche Grundlage fehlt, um Ursachen einzuordnen oder Zusammenhänge zu verstehen? Wie wirksam kann eine Rolle sein, die sich bewusst auf Methoden- und Sozialkompetenz beschränkt, wenn ein Großteil der täglichen Wertschöpfung in softwaregetriebenen Umfeldern technisch geprägt ist und genau dort über Qualität, Stabilität und Lieferfähigkeit entschieden wird?
Wo technische Kompetenz Scrum Master wirksam macht
Die Einsatzmöglichkeiten technischer Kompetenz sind so vielfältig wie die IT selbst. Besonders deutlich zeigt sich ihr Nutzen in der Sprint Retrospektive. Dieses Scrum Event dient dazu, die Zusammenarbeit im Team und damit das Arbeitsumfeld kontinuierlich zu verbessern. Hindernisse sollen sichtbar gemacht, Prozesse hinterfragt und gezielt angepasst werden, um Effektivität und Effizienz zu steigern.
Verfügt der Scrum Master über technisches Grundverständnis, verändert sich die Qualität dieser Gespräche spürbar. Retrospektiven müssen sich dann nicht auf prozessuale oder zwischenmenschliche Aspekte beschränken, sondern können auch technische Themen einbeziehen. Dazu zählen Fragen der Codequalität, technische Schulden, die Stabilität von Builds, Testabdeckung oder wiederkehrende technische Engpässe. Auf diese Weise werden nicht nur Symptome adressiert, sondern systemische Ursachen von Problemen sichtbar gemacht.
Ein weiteres zentrales Einsatzfeld technischer Kompetenz liegt an der Schnittstelle zwischen Entwicklung, Produktmanagement und Management. Der Scrum Master kann technische Risiken, Abhängigkeiten und Einschränkungen einordnen und verständlich übersetzen. Das verbessert die Qualität von Entscheidungsprozessen, insbesondere bei Release-Planung, Priorisierung, systemübergreifenden Abhängigkeiten oder der Abwägung zwischen kurzfristiger Lieferfähigkeit und langfristiger Wartbarkeit. Technische Anschlussfähigkeit schafft hier realistischere Erwartungen, belastbarere Planungen und eine gemeinsame Verständigungsbasis über technische Rahmenbedingungen.
Darüber hinaus trägt technisches Grundverständnis wesentlich zur psychologischen Sicherheit in technischen Diskussionen bei. Kann der Scrum Master Begriffe, Zusammenhänge und Fragestellungen einordnen, reduziert sich der Rechtfertigungsdruck auf die Developer. Die Hemmschwelle, technische Probleme offen anzusprechen, sinkt. Dadurch entsteht Raum für Lernen, Transparenz und konstruktive Problembearbeitung. Fehlt diese Anschlussfähigkeit, besteht die Gefahr, dass sich die Rolle des Scrum Masters auf eine formale Moderation von Events reduziert und technisch bedingte systemische Probleme im Arbeitskontext des Teams unerkannt bleiben.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass technische Kompetenz keine optionale Ergänzung ist, sondern ein zentraler Faktor für die Wirksamkeit der Scrum-Master-Rolle. Gleichzeitig ist klar, dass nicht jeder Scrum Master über einen klassischen IT-Hintergrund verfügt. Entscheidend ist daher nicht umfassende Expertenkenntnis, sondern die Frage, wie sich technische Anschlussfähigkeit gezielt und kontextbezogen aufbauen lässt.
Abbildung: Technische Kompetenz als Faktor für mehr Wirksamkeit
Wege zum Aufbau technischer Anschlussfähigkeit
In einem der größten Berufszweige der Welt mangelt es nicht an Fortbildungsmöglichkeiten. Entscheidend ist jedoch weniger die Auswahl als deren Passung zum jeweiligen Kontext. Technischer Kompetenzaufbau sollte sich an den konkreten Gegebenheiten eines Scrum Teams und der jeweiligen Produktentwicklung orientieren. Ein Team mit Fokus auf App-Entwicklung erfordert andere Grundlagen als ein Umfeld mit komplexen Backend-Systemen, spezifischen Datenbankarchitekturen oder stark ausgeprägten Betriebsanforderungen.
Für ein generelles Grundlagenverständnis in Bereichen wie IT-Management, Betriebssysteme, Hardware, Software und Netzwerke bieten sich strukturierte, interaktive Lernpfade an. Plattformen wie Coursera [1] stellen entsprechende Inhalte bereit, häufig entwickelt in Zusammenarbeit mit großen internationalen Technologieunternehmen. In einer Kombination aus Videos, praktischen Übungen, Skripten und Wissenstests lässt sich technisches Basiswissen im eigenen Tempo aufbauen, auch im mobilen Format.
Eine weitere Möglichkeit ist die Absolvierung herstellerneutraler Zertifizierungen des internationalen Branchenverbandes CompTIA. [2] Diese Zertifikate gelten insbesondere als Einstieg in technische Themenfelder und richten sich explizit auch an Personen ohne tiefgehenden IT-Hintergrund. Dazu zählen unter anderem:
- CompTIA Tech+ als Einstiegszertifizierung für grundlegende IT-Konzepte in den Bereichen Software, Netzwerke, Sicherheit und digitale Arbeitsweisen
- CompTIA A+ mit Fokus auf Hardware, Betriebssysteme, Endgeräteverwaltung, Troubleshooting sowie grundlegende Sicherheits- und Netzwerkkonzepte
- CompTIA Network+ zur Vermittlung praxisnaher Netzwerkgrundlagen, Netzwerkinfrastruktur, Protokolle und Fehlersuche
- CompTIA Security+ als Basiszertifizierung für zentrale Konzepte der IT-Sicherheit wie Bedrohungsmodelle, Kryptografie und Identitätsmanagement
- CompTIA Cloud+ mit Schwerpunkt auf Architektur, Betrieb, Kostenmanagement und Governance von Cloud-Infrastrukturen
Für den Aufbau grundlegender Programmierkenntnisse existieren ebenfalls zahlreiche niedrigschwellige Angebote. Kostenlose eLearning-Formate des Python Institute [3] oder des JavaScript Institute [4] vermitteln grundlegende Programmierlogik, Softwareentwicklung und erste Testing-Konzepte. Ergänzend finden sich für nahezu jede Programmiersprache frei verfügbare Lernressourcen in Form von Videoformaten, Podcasts oder strukturierten Lernpfaden auf GitHub.
Das Python Institute bietet darüber hinaus eine mehrstufige, herstellerneutrale Zertifizierungsstruktur, die den systematischen Aufbau von Programmier- und Testkompetenzen unterstützt. Dazu zählen unter anderem Einstiegszertifizierungen zur Vermittlung grundlegender Syntax, Datentypen und Kontrollstrukturen sowie weiterführende Zertifikate mit Fokus auf objektorientierte Programmierung, modulare Codeorganisation und testgetriebene Entwicklungsansätze.
Als ergänzender Sparringspartner kann auch generative KI genutzt werden, etwa ChatGPT oder Perplexity. Sie eignen sich zur Einordnung technischer Konzepte, zur Reflexion von Architekturentscheidungen oder für Feedbackschleifen zu ersten Coding-Versuchen. Auf diese Weise lässt sich technische Anschlussfähigkeit schrittweise aufbauen, ohne selbst in eine operative Entwicklerrolle zu wechseln. Gerade für die Moderation technischer Diskussionen, die Begleitung fundierter Entscheidungen sowie die Wirksamkeit in Retrospektiven und Schnittstellenarbeit stellt dies eine wertvolle Unterstützung dar.
Fazit
Die Rolle des Scrum Masters kann im agilen Kontext deutlich wirksamer werden, wenn sie durch technische Anschlussfähigkeit im jeweiligen Produktkontext ergänzt wird. Ein gemeinsames Verständnis technischer Zusammenhänge stärkt den Teamgedanken und erhöht den gegenseitigen Unterstützungsgrad innerhalb des Scrum Teams.
Beschränkt sich die Rolle hingegen ausschließlich auf nicht-technische Unterstützung, bleiben zentrale Potenziale zur Teamentwicklung ungenutzt. Technische Anschlussfähigkeit ermöglicht es dem Scrum Master, systemische Ursachen frühzeitig zu erkennen, Entwicklungshemmnisse fundiert einzuordnen und Verbesserungsmaßnahmen nachhaltiger zu verankern.
Vor diesem Hintergrund sollte technisches Grundverständnis nicht als Zusatzqualifikation verstanden werden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil eines zeitgemäßen agilen Rollenverständnisses. Insbesondere in softwaregetriebenen Produktentwicklungen trägt es entscheidend dazu bei, Qualität, Lieferfähigkeit und Kundenorientierung wirksam zu unterstützen.
Hinweise:
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[1] Coursera
[2] CompTIA
[3] Python Institute
[4] JavaScript Institute
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Niklas Magerl hat drei weitere Beiträge im t2informatik Blog veröffentlicht:

Niklas Magerl
Niklas Magerl ist Wirtschaftspsychologe, Hochschuldozent und erfahrener Scrum Master mit ausgeprägtem Schwerpunkt auf Agilität sowie kundenorientierter Prozessgestaltung. In seiner Rolle als Scrum Master sorgt er dafür, dass technische Entwicklungen optimal mit den Bedürfnissen interner Kunden verzahnt werden, um Softwarelösungen mit echtem Mehrwert zu realisieren. Parallel dazu ist er als Dozent an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management tätig. Dort begleitet er Studierende in den Themenfeldern Projektmanagement, Psychologie und qualitative Forschungsmethoden.
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