Digital Designer – ein neuer IT-Beruf?

Gastbeitrag von | 21.01.2019 | Softwareentwicklung | 4 Kommentare

„Digital Design“ – unter diesem Namen propagiert der Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.) ein – wie gesagt wird – neues Berufsbild. Begründet wird dessen Notwendigkeit in erster Linie damit, dass erfolgreiche Digitalisierung ein Umdenken in der Softwareentwicklung erfordert. Digitalisierung führe zu einer qualitativ anderen Form in der Softwareentwicklung. Es sei nicht mehr von klaren Anforderungen der Fachbereiche auszugehen. Es wird also postuliert, dass die Gestaltung bisher von der Anwenderseite übernommen wurde – und die Entwicklung das so vorgegebene Design nur mehr zu realisieren brauchte. Dadurch, dass die technische Entwicklung völlig neue Anwendungen ermögliche, funktioniere das nicht mehr auf diese Weise – und die Gestaltung der Software müsse von jemand anderem übernommen werden – und zwar eben vom „Digital Designer“.

Das Digital-Design-Manifest

Zentrales Instrument des Bitkom zur Propagierung des neuen Berufsbildes ist das „Digital-Design-Manifest“.¹ Mit diesem Dokument will Bitkom die Notwendigkeit für Digital Design begründen und darstellen, was Digital Design ist und leisten soll. Die Frage nach dem Wesen des Digital Design wird mit den Aktivitäten der Digital Designer folgendermaßen beschrieben:

  • Digital Designer gestalten im Großen und Kleinen.
  • Digital Designer gestalten Sichtbares und Verborgenes.
  • Digital Designer gestalten Materielles und Immaterielles.
  • Digital Designer gestalten Ziel, Nutzen und Mittel im Zusammenspiel.
  • Digital Designer gestalten den Gestaltungsprozess.

Verknüpft mit dem Digital-Design-Manifest ist die Möglichkeit, dieses zu unterzeichnen und damit seine Unterstützung der Initiative zu bekunden.

Um das Bild abzurunden, hat das IREB (International Requiremens Engineering Board) ein neues Zertifikat angekündigt: Analog zum CPRE (Certified Professional for Requirements Engineering) soll man sich in Zukunft auch als Digital Design Professional zertifizieren lassen können. Ein entsprechender Lehrplan soll vom IREB im Jahr 2019 veröffentlicht werden.²

Wirklich neu?

Wir blicken mittlerweile auf mehr als fünf Jahrzehnte Software-Entwicklung zurück. Ist es wirklich so, dass es bisher kein Design gegeben hat? Haben tatsächlich Entwickler unmittelbar die Anforderungen der Fachbereiche umgesetzt? Und bedurfte es wirklich nur einer Funktion, die diese Anforderungen einsammelte und sauber aufschrieb?

Bereits Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und davor gab es die Profession des „Systemanalytikers“. Teil dessen Job-Description war die „Entwicklung von Lösungsvorschlägen und von Sollkonzepten für neue Informationssysteme“.³ Also ziemlich genau das, was auch die Aufgabe des „Digital Designers“, wie er jetzt gefordert wird, sein soll.

Wenn es also in den 80er-Jahren bereits ein Berufsbild gegeben hat, das „Sollkonzepte für neue Informationssysteme“ (was ja nur ein anderer Ausdruck für „Digital Design“ ist) erstellen sollte, warum wird jetzt dieses Berufsbild als ein völlig neues verkauft. Ist hier Wissen, das bereits vorhanden war, verloren gegangen?

Die Antwort darauf ist vielschichtig. Eines ist allerdings festzuhalten: Die aktuell bestimmenden Lehren über die Entwicklung von IT-Systemen legen keinen Fokus auf die Lösungsfindung und -gestaltung. Das gilt sowohl für die Disziplin des Requirements Engineerings als auch für die der Business Analyse. 

Requirements Engineering und Business Analyse

Im Falle des Requirements Engineerings, wie es im Lehrplan des IREB beschrieben ist, wird das allein schon durch die vier Haupttätigkeiten bestätigt:

  1. Anforderungen ermitteln.
  2. Anforderungen dokumentieren.
  3. Anforderungen prüfen und abstimmen.
  4. Anforderungen verwalten.

In dieser Aufzählung ist nichts dabei, das an Gestaltung oder Design einer Lösung erinnern würde.

Im zweiten aktuellen Standard – der Business Analyse – ist es ähnlich. Wesentliches Werk, das den Inhalt der Business Analyse festlegt, ist der BABOK (Business Analysis Body of Knowledge). Dieser beschreibt die Business Analyse in sechs „Wissensgebieten“. Drei von diesen beschäftigen sich mit Erheben und Verwalten von Anforderungen. Lösungen kommen nur am Rande vor – und das Finden und Gestalten von Lösungen gar nicht.

So gesehen ist der Digital Designer mit der Fokussierung auf die Lösung tatsächlich eine neue Entwicklung. Aber wie sieht es eigentlich in der Praxis aus? Beschränkt sich die Tätigkeit in den IT-Projekten jenseits von Entwicklung und Projektmanagement tatsächlich auf die vier Haupttätigkeiten des Requirements Engineering? Machen die Analytiker, Requirements Engineers und wie die entsprechenden Job Titles sonst noch genannt werden, tatsächlich nichts anderes als Anforderungen zu ermitteln und aufzuschreiben?

… und die Praxis?

Selbstverständlich gibt es die Rolle des Gestalters auch heute – nahezu in jedem IT-Projekt. Diese Rolle unterscheidet sich sowohl von den Fachexperten, also den Bedarfsträgern, als auch von den Entwicklern. Hier werden Datenmodelle erdacht, Prozesse und Algorithmen beschrieben, User Interfaces gestaltet. Diese Rolle trägt verschiedene Namen. Häufig wird sie sogar „Requirements Engineer“ genannt, oder „Anforderungsmanager“. Und doch ist deren Aufgabenbereich wesentlich weiter, als er von den vier Haupttätigkeiten des Requirements Engineering beschrieben wird. Die Tätigkeiten gehen deutlich über das Erheben und Dokumentieren von Anforderungen hinaus. Was tatsächlich ausgeführt wird, ist: Gestaltung.

Und – genau genommen – widerspricht das auch gar nicht dem Inhalt des Lehrplans für die IREB-Zertifizierung. Die vier Haupttätigkeiten sind zwar gewissermaßen die Hauptüberschriften bzw. die Definition für das Requirements Engineering. Wenn man aber tiefer in die Materie eindringt, dann sind hier sehr wohl die Methoden der Modellierung bzw. auch des Prototyping enthalten. Wenn man modelliert, muss man sich zwangsläufig mit der Lösung beschäftigen – man muss diese gestalten. Auch wenn damit noch keine Aussagen über die konkrete technische Umsetzung getroffen werden. Und erst recht gilt das, wenn man Prototyping betreibt.

Das heißt, entgegen seinem theoretischen Anspruch beschäftigt sich sehr wohl auch das Requirements Engineering mit der Lösungsgestaltung. In analoger Weise gilt das auch für die Business Analyse.

Die Etablierung des „Digital Designers“ ist notwendig

Warum also benötigt man als neues Berufsbild den „Digital Designer“? Ist das alles vielleicht doch nicht mehr als „alter Wein in neuen Schläuchen“?

Auch wenn das bisher Gesagte kritisch klingen mag, so ist die Einführung des Berufsbildes des Digital Designers doch sinnvoll, ja notwendig.

Endlich wird dadurch wieder das gelehrt, was in der Praxis wirklich benötigt wird. Die Profession der IT-Analyse wird gewissermaßen vom Kopf auf die Füße gestellt. Die eigentliche (anspruchsvolle) Tätigkeit des Analytikers – nämlich die Lösungsfindung und Gestaltung – tritt in den Vordergrund. Und das Sammeln und Dokumentieren von Anforderungen nimmt jene Rolle ein, die ihm tatsächlich zukommt: nämlich das Mittel zum Zweck – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Noch ist relativ wenig darüber bekannt, was für die Zertifizierung zum „Certified Digital Design Professional“ zu lernen sein wird. Aber es besteht die Hoffnung, dass angehende Analytiker – oder zukünftig eben Digital Designer – schon in dieser Grundausbildung das lernen, was sie später in der Praxis tatsächlich benötigen – und dass nicht, so wie heute, falsche Schwerpunkte gesetzt werden.

Und es ist auch gut für uns Analytiker, wenn wir auch in der öffentlichen Wahrnehmung als das gesehen werden, was wir heute schon sind: nämlich nicht bloß penible Verwalter von Anforderungen, sondern kreative Gestalter von Lösungen.

Schon allein deshalb sollten wir diese Initiative des Bitkom begrüßen und sie unterstützen, zum Beispiel dadurch, dass wir uns in die Liste der Unterzeichner des Digital-Design-Manifests eintragen. Ich habe es schon getan.

 

Hinweise:

Interessieren Sie sich für weitere Tipps aus der Praxis? Testen Sie unseren wöchentlichen Newsletter mit interessanten Beiträgen, Downloads, Empfehlungen und aktuellem Wissen.

Hier können Sie sich auch in die Liste der Unterzeichner eintragen: https://www.digital-design-manifest.de/unterzeichner/

[1] Das Digital-Design-Manifest: https://www.digital-design-manifest.de/
[2] The Need for a Dedicated Profession: https://www.digitaldesign.org/
[3] vgl. Hansen, Hans-Robert: Wirtschaftsinformatik I, Stuttgart 1983

Josef Falk hat zwei weitere Beiträge im t2informatik Blog veröffentlicht:

t2informatik Blog: Das Frankenstein-Prinzip in der IT-Analyse

Das Frankenstein-Prinzip in der IT-Analyse

t2informatik Blog: IT-Analyse als kreativer Prozess

IT-Analyse als kreativer Prozess

Josef Falk
Josef Falk

Mag. Josef Falk ist IT-Analytiker bei der Firma SEQIS GmbH. Seit dem Abschluss seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre in Wien gestaltet er Lösungen in den unterschiedlichsten Fachbereichen – und ist dabei Mittler zwischen Fachbereich und IT-Entwicklung. Besonderes Augenmerk legt er bei der Analyse auf den Innovationsgrad. Neben seiner Projekttätigkeit befasst er sich mit der Entwicklung der Business Analyse und ist aktuell Mitglied des Vorstandes des Austria Chapter des IIBA (International Institute of Business Analysis).

4 Kommentare

  1. Anna Zinßer

    Hallo Herr Falk,

    vielen Dank für Ihren informativen Beitrag und offenem Bekenntnis. In weiten Teilen konnte ich mich selbst – die sich als User Experience Designerin bezeichnet – in dem Profil des von Ihnen vorgestellten „Digital Designer“ wiederkennen. In meinen Projekten erlebe ich ebenfalls, dass der Bedarf einer solchen Position, die mit verschiedenen Stakeholdern interagiert und daraus eine Gesamtvision entwicklen sowie Anforderungen daraus ableiten kann, gegeben ist. Meine Befürchtung ist, dass mit der Einführung neuer Begrifflichkeiten zusätzliche Intransparenz in dem ohnehin undurchsichtigen Feld „Design“ geschaffen wird. Der Begriff Digital Designer ist für mich zu wenig konkret, um hier wirklich etwas alleinstehendes zu etablieren. Oder humorvoll gefragt: Gibt es im Umkehrschluss auch einen Analog Designer? Aber in Ermangelung eines besseren Vorschlags, bin ich da gerne zurückhaltend. 😉

    Was mir an der Initiative gefällt ist die Stärkung einer solchen Position als fester Bestandteil der Softwareentwicklung und das Ziel die entsprechenden Aktivitäten transparent zu machen. Als Designer kommt man leicht in den Verdacht „Dinge hübsch zu machen“ oder auf einer utopischen Insel zu leben, dabei sind wir tatsächlich in der Lage auch analytisch zu denken und Lösungen zu finden die umsetzbar sind. 😉

    Antworten
    • Kai-Uwe Kroll

      Mir ging es ähnlich. Die ohnehin schon zu große Begriffsverwirrung scheint mir nun noch größer zu werden. Ich arbeite alsAnalyst in einem Scrum-Team und mache dabei die wunderbare Erfahrung, dass es ohnehin egal ist, wer im Team denn nun die optimale Lösung gefunden hat. Also insbesondere vor dem Hintergrund der immer besser laufenden Agilität ist es schon fraglich, was dieser erneute Versuch der Rollendiversifizierung soll. Ich habe das IREB-Zertifikat (FL), und letztes Jahr die Vorbereitung auf das IIBA-Zertifikat abgebrochen, weil ich im Studium des BABOK-Guides keinen Wissenszuwachs zu erkennen vermochte. Und jetzt noch ein neues Papierchen? Sollte das IREB nicht besser versuchen, mehr Leute in die vorhandenen Zertifizierungen (die ich übrigens, im Unterschied zu IIBA, auch für nützlich halte) zu bringen?

      Woran es da draußen bei der Einführung agiler Prozesse wirklich fehlt, sind Kommunikationsprofis, „Tekkis“ aller Couleur haben wir genug…

      Antworten
      • Josef Falk

        Hallo Frau Zinßer, hallo Herr Kroll,
        Herzlichen Dank für Ihr Feedback. Frau Zinßer, leider habe ich meine Antwort auf Ihr Feedback nicht als ‚Antwort‘ gepostet, sodass Sie mglw. nicht darauf per Mail hingewiesen wurden. Sie finden meine Antwort unterhalb. Danke.
        Herr Kroll, ich denke Sie sprechen zwei wichtige Punkte an. Der erste ist, dass es Kommunikationsprofis sind, die fehlen. Das sehe ich auch so. Ich sehe allerdings den „Digital Designer“, wie er von Bitkom beschrieben wird, eben nicht als „Tekki“, sondern als jemand der zwischen Fachbereich und IT steht – und so auch eine hohe Kommunikationsfähigkeit haben muss. Er muss die Bedürfnisse des Fachbereiches an die IT kommunizieren. So wie auch der Requirements Engineer. Der Unterschied ist, dass der Requirements Engineer, diese Anforderung nur erhebt und dokumentiert. Darin ist aber die eigentliche Arbeit eines Analytikers nicht enthalten – und das ist die Transformation der Anforderung in ein Software-Design – Gestaltung eben. Und genau das ist es, was ich am „Digital Designer“ so attraktiv finde.
        Der zweite Punkt ist die Rollendiversifizierung. Ja, es gibt tatsächlich eine Unzahl von Job-Titles in der IT, die sich teilweise duplizieren und überlappen. Und keiner weiß so recht, was eigentlich die Unterschiede sind. Und jetzt noch eine neue Rolle? Aber auch hier hat der Bitkom in diesem Zusammenhang eine interessanten Ansatz. Sie sagen: Es gibt im wesentlichen drei Rollen in einem IT-Projekt: Erstens, der Ingenieur, der (oder die) sich mit der Technik auskennt, der Manager, der (oder die) sich um Kosten und Termine kümmert und der Gestalter, der (oder die) sich um die fachlichen Probleme in ein Software-Design überführt. Ich denke, damit kommt man im wesentlichen aus – auch wenn es da noch Spezialisierungen gibt. Mit welchen phantasievollen Job-Titles man die einzelnen Funktionsträger bezeichnet, ist dann egal.
        Ich denke, diese Konzepte beschreiben unsere Arbeit in IT-Projekten sehr genau – und können zu einer größeren Transparenz führen.
        Schöne Grüße

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  2. Josef Falk

    Hallo Frau Zinßer,

    Vielen Dank für Ihr Feedback,
    Mit der Bezeichnung „Digital Designer“ bin ich auch nicht ganz glücklich. Wird doch „Design“ eher mit den Dingen in Verbindung gebracht, die nach außen hin sichtbar sind (ohne jetzt sagen zu wollen, dass es nur darum geht, „Dinge hübsch zu machen“). Die Arbeit eines IT-Analytikers besteht aber auch in der Gestaltung von vielen Dingen „unter der Haube“ – z. B. fachliches Datenmodell, Prozesse, Algorithmen. Also Sachen, die man üblicherweise nicht mit „Design“ in Verbindung bringt.
    Diesen kleinen Wermutstropfen nehme ich aber gerne in Verkauf, wenn dafür die eigentliche kreative Tätigkeit der IT-Analyse in den Vordergrund gestellt wird – und das Bild des „Anforderungssammlers“ am besten ganz verschwindet. Natürlich sind Anforderungen wichtig, aber eben nur als Mittel zum Zweck, nicht als Ziel an sich.
    Wenn Bitkom diese Rolle „Digital Designer“ nennt, ist es mir recht. Für mich hätte es der gute, alte „Systemanalytiker“ auch getan.
    Jedenfalls schaue ich gespannt auf die weitere Entwicklung.

    Schöne Grüße

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