Languishing und Dahinsumpern

Gastbeitrag von | 03.06.2021 | Prozesse & Methoden |

Wie Sie Ihr Team mit digitaler Facilitation aus der Flaute lotsen

Ich fühle mich wie ein kleines Segelboot im Wasser. Flaute. Ein Zustand ohne Wind und Wellen. Am Anfang finde ich es schön. Ich habe Zeit, mir Gedanken über einiges zu machen oder Dinge zu erledigen, die ich schon lange vor mir herschiebe. Doch irgendwann ist die Luft raus. Ich komme nicht weiter. Es passiert nichts am Horizont. Alles fühlt sich mittlerweile quälend langsam und bleiern an.

Vor kurzem las ich einen Artikel zum Thema Languishing1. Bis dato war mir das Wort nicht bekannt, dafür aber das Gefühl, um das es im Artikel primär geht. Ich bin mir sicher, viele Menschen kennen es.

Languishing und Flourishing

Languishing beschreibt einen Gemütszustand, der sich in einer Grauzone zwischen Burnout und Depression befindet. Vereinfacht gesagt: Man fühlt sich okay, aber nicht gut. Das Leben erscheint trist und wie durch einen Nebelschleier. Gefühlt befindet man sich in einem Zustand der Stagnation, ohne Motivation und ohne sich auf etwas in der Zukunft freuen zu können. Obwohl eigentlich “alles in Ordnung” ist, fehlt es an Wohlbefinden. Tatsächliche Symptome einer ausgeprägten mentalen Krankheit gibt es allerdings nicht.

Das Phänomen Languishing scheint zunächst wie ein Trend, ein neues Wort, das aus einer aktuellen Situation heraus entsteht. Tatsächlich wurde es bereits im Jahr 2002 von dem Soziologen und Psychologen Corey Keyes2 beschrieben. Keyes ist bekannt für seine Arbeit der Positiven Psychologie und beschreibt Languishing als das Gegenteil von Flourishing3. Beides sind zentrale Konzepte der Positiven Psychologie. Flourishing bedeutet übersetzt so viel wie gedeihen. Wir verspüren es, wenn wir uns in einem Zustand von gesteigertem Wohlbefinden, einem erfüllten Sozialleben und im persönlichen Wachstum befinden.

Das genaue Gegenteil meint das Wort Languishing: Das Leben fühlt sich hohl und leer an. Es bläst einfach kein Wind durch die Segel. Wir dümpeln ziellos und freudlos in unserem Boot vor uns hin.

Dahinsumpernde Teams

In meiner Heimat Österreich nennen wir das “Dahinsumpern”. Sumpern bedeutet dabei soviel wie langsam arbeiten. Wir bewegen uns zwar, spüren aber nicht, dass wir weiterkommen.

Dieses Gefühl ist aktuell für viele Menschen greifbar und nachvollziehbar. Durch die teils abrupte Umstellung auf die Arbeit im Homeoffice fühlen sich Mitarbeitende plötzlich auf sich alleine gestellt. Auf den Bildschirmen sind während Meetings, wenn überhaupt, häufig ausdruckslose Gesichter zu sehen. Viele Aspekte der Körpersprache fallen ohnehin fast gänzlich weg. Wir können die Stimmung des Gegenübers kaum wahrnehmen. Zwischenmenschliche Begegnungen oder gemeinsame Pausen finden seltener statt. Das kann das Dahinsumpern noch verstärken.

Gerade deshalb ist es im Sinne der Selbstfürsorge wichtig, auf die eigene Gesundheit sowie auf die Gesundheit ihrer Teammitglieder zu achten und das körperliche und seelische Wohlbefinden im Blick zu behalten. Sie können sich sicher vorstellen, dass Mitarbeitende, die “dahinsumpern”, wenig intrinsische Motivation mitbringen, um bei der Arbeit hochwirksam ins Tun zu kommen und das Unternehmen voran zu bringen. Hier setzt gekonnte digitale Facilitation an und bringt frischen Wind rein.

Frischer Wind für die Teamentwicklung

Jetzt vielleicht mehr denn je gehört es genau zu den Aufgaben von Teamleads, frischen Wind in die Teamentwicklung zu bringen. Ihre Aufgabe ist es alle Mitarbeitenden dort abzuholen, wo sie stehen oder festhängen. Denn es ist auch digital möglich, ihr Team aus dem Zustand des Languishing, der Flaute, zurück in die Wirksamkeit zu bringen.

Im Folgenden skizziere ich Ihnen, wie Sie digitale Facilitation für sich und Ihr Team nutzen können, welche Methoden als Einstieg geeignet sind und wie Sie Prozesse dank digitaler Facilitation langfristig gemeinsam als Team in die Hand nehmen können. Also den frischen Wind nutzen, um wieder Fahrt aufzunehmen.

Was braucht es, um Teams vom Languishing ins Tun zu bringen?

Zunächst ist es wichtig auszukundschaften, wo sich Ihr Team gefühlsmäßig befindet und wie sich die Mitarbeitenden wirklich fühlen. Ein kurzes: “Hallo wie geht’s?” zu Beginn eines virtuellen Meetings ist nicht genug, wenn Sie wollen, dass das Team gesund wächst, gedeiht und wieder wirksam arbeitet.

Bevor ich Ihnen jedoch Schritt für Schritt zeige, wie es gelingt aus dem Zustand des Languishings herauszukommen, möchte ich darauf eingehen, was ich genau unter dem Begriff „digitale Facilitation“ verstehe und einen Blick auf dessen Entstehungsgeschichte werfen. Dafür ist es zunächst wichtig den Begriff des Hostings genauer zu betrachten.

Gute Gastgeber:innen vermitteln ein gutes Gefühl

Übersetzt bedeutet Hosting so viel wie “Gastgeben”. Fragen Sie sich einmal selbst: Was braucht ein:e gute:r Gastgeber:in, damit Sie sich bei ihm/ihr wohlfühlen? Dazu gehört ein Gefühl, das Ihnen vermittelt wird. Sie fühlen sich gut, wenn Sie gesehen werden, wenn bei Gesprächen Ihre Meinung gehört und respektiert wird, wenn ein wertvoller und wertschätzender Austausch stattfindet und Sie mit allem versorgt werden, was Sie in diesem Moment brauchen. Richtig?

Ganz ähnlich verhält es sich im Arbeitsumfeld. Es bedarf, je nach Meeting und Ziel, verschiedenen Settings und Methoden, die empathisch, humorvoll und strukturgebend vom “Host” im Auge behalten und angeleitet werden.

Moderation in den digitalen Raum verlagern

Methoden, die im Setting von Konferenzen und Meetings angewandt werden, kennen wir zur Genüge aus der Vergangenheit, doch im digitalen Raum sieht es anders aus.

Die aktuelle Herausforderung liegt für viele Unternehmen darin, ein gutes Gefühl auf den digitalen Raum zu übertragen, dabei das große Ganze und gleichzeitig jede:n Einzelne:n im Auge zu behalten. Das Hosting und die Moderation im virtuellen Raum bringen zwar neue Herausforderungen, aber auch neue Möglichkeiten mit sich. An dieser Stelle kommt der Begriff „digitale Facilitation“ ins Spiel.

Digitale Facilitation bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie digitale Moderation. Es klingt simpel, hat aber weitreichende Auswirkungen auf das Setting und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden und die digitale Transformation Ihres Unternehmens.

Im Unterschied zu Moderation und Hosting bedeutet digitale Facilitation Gastgeber in digitalen Räumen zu sein und entsprechende Tools zu nutzen. Dazu gehören beispielsweise Microsoft Teams, Jira, Miro und viele mehr, mit denen ich seit Jahren arbeite.

Weg von Post-its und Flipcharts, hin zu Tablets und Software Designs, die digitale Kollaboration in Echtzeit gelingen lassen. Durch digitale Facilitation ist es möglich, Ihr Team einen ordentlichen digitalen Transformations-Schub zu verpassen.

Doch auch Zwischenmenschlichkeit und Empathie sind für eine gesunde digitale Transformation unerlässlich, weshalb der Fokus neben den unternehmerischen Tätigkeiten und der Umstellung auf agile Arbeitsweisen auf einem gesunden Team und dem Wohlbefinden aller liegen sollte. Denn nur glückliche und gesunde Mitarbeitende können hochwirksam arbeiten, sind bereit, digital zu kollaborieren und Veränderungen gemeinsam zu tragen.

Sumpern Ihre Mitarbeitenden im Languishing dahin, ist es sehr wichtig, das zu erkennen und auch zu benennen, um das dahin dümpelnde Boot – also Ihr Unternehmen – gemeinsam aus der Flaute heraus steuern zu können.

Gemeinsam ins Tun kommen – auch digital

Doch wie kann gute Zusammenarbeit “Wir- Gefühl” gelingen, wenn das Team verteilt ist? Es ist auch digital möglich, den Teamgeist zu wecken, den Mitarbeitenden Wertschätzung und Rückhalt zu vermitteln und wieder Wind in die Segel jedes Einzelnen zu bringen. Das Beste daran: Sie müssen das nicht alleine bewältigen, sondern können sich jemanden an Bord holen, der Sie und Ihr Team mithilfe von digitaler Facilitation zielgerichtet begleitet.

Mit entsprechender Unterstützung ist es genau das, was ein Team zurück zum Wir-Gefühl führt und aufs nächste Level bringt. Dafür braucht es empathische Begleitung mit Leichtigkeit und Humor.

Gezielte agile Arbeitsweisen, New Work Hacks und gezielte digitale Facilitation ermöglichen es, einen Raum genau dafür zu schaffen und gleichzeitig die Bedürfnisse aller Beteiligten im Auge zu behalten. Denn das Ziel sind nicht Mitarbeitende, die 24/7 nur “funktionieren”. Das Ziel ist es, Verhaltensweisen zu entwickeln, die Ihren Mitarbeitenden helfen, zu wachsen und intrinsisch motiviert zu sein, statt im Languishing festzuhängen.

So leiten Sie Ihr Team aus dem Sumpf des Languishing mit digitaler Facilitation

Bausteine der digitalen Teamentwicklung

Im Folgenden gehe ich auf vier Bausteine ein, die eine gesunde Teamentwicklung digital fördern und den Anker lösen.

1. Languishing anerkennen und benennen

Kein Mensch ist immer nur stark, motiviert und kraftvoll. Durch die aktuellen Herausforderungen ist es wichtiger denn je, auch diese Seite von sich zeigen zu dürfen. Häufig herrscht in Teams die Annahme, dass die persönliche Befindlichkeit am Arbeitsplatz nichts zu suchen hätte. Damit sich Teams auf Augenhöhe begegnen und sich gegenseitig unterstützen können ist es nötig, auch als Teamlead mit gutem Beispiel voranzugehen.

Den Begriff des Languishing anzubringen, kann für viele Menschen hilfreich sein. Denn zu wissen, dass ein Gemütszustand einen Namen hat, vermittelt auch: Ich bin damit nicht allein. Von eigenen Erfahrungen zu berichten, schafft zusätzliche Verbindung und Menschlichkeit.

Ein geschützter Rahmen:

Schaffen Sie mithilfe von begleiteter digitaler Facilitation einen geschützten Rahmen, in dem sich die Mitarbeitenden sicher und gehört fühlen können. Denn auch Sie stehen diesem Problem nicht allein gegenüber und können sich Unterstützung ins Boot holen.

2. Eine Umgebung schaffen, in der Menschen ihr Bestes geben

Gemeinsam gelingt es, moderierte digitale Räume zu schaffen, die das soziale Miteinander fördern und in denen – im geschützten Rahmen – Befindlichkeiten ausgetauscht werden können. Dazu zählen Methoden wie

  • digitale Kaffee Dates,
  • Treffen in der virtuellen Teeküche oder
  • regelmäßige Check-ins bei denen die richtigen Fragen gestellt werden, sowie
  • Improvisationsübungen, um wieder ins Fühlen zu kommen.

Auch das Abfragen von persönlichen Energielevels ist eine aufschlussreiche Methode, bei der die Mitarbeitenden sich selbst reflektieren und im Anschluss Ziele und Ideen formulieren können.

Außerdem dürfen erreichte Ziele – und sind sie noch so klein – gebührend gefeiert werden. Das steigert die Motivation für die nächsten Aufgaben und vermindert das Gefühl der Stagnation. Ihr Coach für digitale Facilitation behält auch die kleinen Erfolge im Auge.

3. Die Vielfalt von digitaler Facilitation nutzen

Ziel von digitaler Facilitation ist es, Teams in eine gesunde Form der digitalen Kollaboration zu begleiten. Weg von Flipcharts und Post-its hin zu digitalen Prozessen in Echtzeit.

Damit Ihr Team gesund in diese neue Form der Kollaboration wachsen kann, müssen Sie wissen, wo Ihre Mitarbeitenden gerade stehen.

So vielfältig wie Ihr Team, sind auch die Möglichkeiten von digitaler Facilitation, die Sie im Alltag nutzen können, um Prozesse in den digitalen Raum zu übertragen. Beispielsweise können während der Durchführung von Workshops und Meetings bereits mit der Dokumentation gestartet werden. Somit entfällt das Erarbeiten aufwändiger Protokolle und Ergebnislisten. Ich mache lieber Sketch Notes, denn digitales Arbeiten darf und sollte auch Spaß machen. Es darf leicht sein und muss nicht in starren Meetings dahindümpeln. Durch einen klaren Rahmen und jemanden, der den Prozess lotst, werden Meetings abwechslungsreich, fördern soziale Interaktion und ermöglichen fokussierte Kollaboration.

4. Gemeinsam Ihr Team in den Flow bringen

Wie bereits oben erwähnt, beschreibt das Wort Flourishing das Gegenteil von Languishing. Man könnte auch sagen, das Team muss wieder in den Flow kommen. Flow beschreibt einen Zustand, in dem man die Welt um sich herum vergisst. Wenn man in dem aufgeht, was man tut und eins mit dem Prozess wird. Je öfter wir uns in solchen Flow-Zuständen befinden, desto erfüllter und zufriedener fühlen wir uns. Das ergaben unter anderem Studien des Glücksforschers Mihaly Csikszentmihalyi4. Laut ihm sind die Voraussetzungen für Flow:

  • Die Aufgabe entspricht den eigenen Fähigkeiten.
  • Sie ist herausfordernd.
  • Man arbeitet konzentriert und blendet alles andere aus.
  • Es gibt klare Ziele mit Zwischenschritten.
  • Auf Handlungen folgt ein direktes Feedback.

Indem Mitarbeitende mithilfe von digital Facilitation ins Boot ihrer persönlichen Weiterentwicklung und der des Unternehmens geholt werden, können Flow-Zustände entstehen, die dem Languishing entgegenwirken. Bringen Sie Ihre Mitarbeitenden in ihr persönliches Wachstum und nehmen Sie Gefühle und Befindlichkeiten ernst.

Digitale Facilitation: ein Silberstreif am Horizont

Digitale Transformation betrifft alle Mitarbeitenden Ihres Unternehmens. Indem Sie diesen Prozess begleiten lassen, um erprobte Methoden der Moderation auf den digitalen Raum zu übertragen, gelingt es, Ihr Team aus dem Dahinsumpern des Languishing zu befreien. Denn genau diesem Zustand sollten und müssen Teamleads aktiv entgegenwirken, um das Team aus der Flaute und zurück in die Wirksamkeit zu bringen. Die aktuellen Herausforderungen und die abrupte Umstellung der Arbeitsweisen sind auch ein Jahr später nicht zu unterschätzen. Damit Ihr Unternehmen die digitale Transformation auch weiterhin erfolgreich vorantreiben kann, ist es wichtig, Ihre Segel jetzt mit frischem Wind zu füllen.

Und frischen Wind kann erprobte und begleitete digitale Facilitation bringen. Indem Sie für sich und Ihr Team Hilfe ins Boot holen, ist jemand an Ihrer Seite, der den Weg aus der Krise moderiert und eine gesunde Teamentwicklung in den Vordergrund stellt, um die intrinsische Motivation der Mitarbeitenden wieder hervorzulocken.

Denn, und ich kann es nicht oft genug sagen, nur wenn es allen Mitarbeitenden gut geht, können Teams gesund kollaborieren und motiviert bleiben, gemeinsam an Zielen zu arbeiten.

Dank digitaler Facilitation ist es möglich, auch im virtuellen Raum Zusammenhalt und Wachstum zu erfahren, neue Motivation zu schenken, um Languishing zu entkommen und wieder den Silberstreif am Horizont zu erkennen.

Dabei ist es wichtig, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, gleichzeitig allen Mitarbeitenden die Chance zu geben auch persönlich gut in neue Situationen reinzuwachsen, und so als Team gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Lassen Sie uns gemeinsam ins Tun kommen und mit wirksamen und unkonventionellen Mitteln Ihr Team aus der Flaute führen.

Hinweise:

Interessieren Sie sich für weitere Tipps aus der Praxis? Testen Sie unseren wöchentlichen Newsletter mit interessanten Beiträgen, Downloads, Empfehlungen und aktuellem Wissen.

Wollen Sie mit Ihrer Organisation nachhaltig lernen und gleichzeitig Teams befähigen, ins schnelle Liefern zu kommen? Dann sprechen Sie Nadja Obenaus gerne hier an.

[1] „Languishing“: Dahinsumpern im Blues der Pandemie
[2] Corey Keyes
[3] Flourishing
[4] Mihaly Csikszentmihalyi

Nadja Obenaus hat zwei weitere Beiträge im t2informatik Blog veröffentlicht:

t2informatik Blog: Wie lässt sich Führung "ausschnapsen"?

Wie lässt sich Führung „ausschnapsen“?

t2informatik Blog: Eine Reise durch die Teamuhr-Phasen

Eine Reise durch die Teamuhr-Phasen

Nadja Obenaus
Nadja Obenaus

Nadja Obenaus arbeitet seit mehr als 15 Jahren als IT-Beraterin und D-Coach mit internationalen Teams. In ihrem eigens entwickelten D-Coaching Ansatz folgt sie als zertifizierte LeSS-Anwenderin und Genusstrainerin dem Leitspruch „Weniger ist mehr“. Ihre Themenfelder sind gesundes Wachstum, selbstorganisierte Teams und organisationale Resilienz.

Die gebürtige Steiermärkerin ist leidenschaftliche Triathletin und wenn sie sich nicht gerade für die Kinder in der Weekendschool Deutschland engagiert, radelt sie am liebsten durch ihre Wahlheimat Hamburg.