Drei Fragen zum Scrum Master

von | 18.01.2024

Ein Gespräch mit Michael Küsters über den Scrum Master

Michael Küsters ist ein ausgewiesener Experte für organisatorische Veränderungen mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Begleitung von Unternehmenstransformationen wie der Einführung, Optimierung oder Wiederherstellung von Scrum, SAFe, LeSS, Lean, Six Sigma, Kanban – und neuerdings auch der TOP-Struktur, einem organisatorischen Rahmen zur Entwicklung flexibler, resilienter, zukunftsorientierter Hochleistungsorganisationen.

Als Coach, Berater und Trainer für Entwickler, Teams, Manager und Führungskräfte ist er genau der richtige Ansprechpartner für die folgenden drei Fragen zum Scrum Master:

Ist Scrum Master eine Einstiegsrolle?

Michael Küsters: Nein.

Seit einigen Jahren sehe ich immer häufiger Stellenangebote für “Junior Scrum Master”. Mittlerweile werden sogar “Scrum Master (Praktikum)” angeboten – doch diese Entwicklung ist fatal. Denn ohne einen gewissen Grundstock an Erfahrung kann man der Rolle nicht gerecht werden.

Ich lese oft: “Wie kann man Scrum Master werden, wenn das nichts für Berufseinsteiger ist?” Meine flapsige Antwort darauf ist: “Wie wird man denn Chefarzt, wenn das nichts für Berufseinsteiger ist?” Das klingt auf den ersten Blick hanebüchen, trifft aber den Kern der Sache. Denn beide haben vieles gemeinsam. Beide sind nicht in erster Linie selbst operativ tätig, sondern tragen die Verantwortung für einen reibungslosen und erfolgreichen Ablauf.

Sie müssen dafür sorgen, dass der Laden läuft. Dass nichts Wichtiges übersehen wird. Dass dann, wenn die Hütte brennt, keine Fehler gemacht werden. Oder wenn doch Fehler gemacht wurden, dass keine Kettenreaktion entsteht. Dass Probleme, die jenseits der Kompetenz der übrigen Belegschaft liegen, schnell und effektiv gelöst werden. Und natürlich, um die Experten als Coach und Mentor zu fördern. Damit das funktionieren kann, brauchen sie einen strategischen Überblick und ein Verständnis, was gerade gut läuft, was nicht – und wo sich etwas entwickelt. Effektive Kommunikation. Und jede Menge Erfahrung. Können wir all dies von Einsteigern erwarten? Wohl kaum.

Auch wenn Scrum Master vieles davon nicht im Alleingang tun, ist die formale Erwartung, dass sie den Experten, Spezialisten und Führungskräften mit Rat und Tat zur Seite stehen, um effektiv zu sein, zu optimieren, zu vereinfachen und Probleme zu lösen. Das Mindeste, was sie dafür mitbringen müssen, ist ein Verständnis dafür, wie die Dinge funktionieren, was Erfolgsfaktoren, übliche Probleme und sinnvolle Lösungsansätze sein können.

Und das ist lediglich die Innensicht – in der Außensicht muss ein Scrum Master effektiv mit Stakeholdern wie Kunden und dem Management zusammenarbeiten. Das wiederum erfordert in der Praxis oft ein Verständnis von Prozessmanagement, Projektmanagement, Produktmanagement, Qualitätsmanagement, Managementsystemen, den üblichen betriebswirtschaftlichen und führungstechnischen Herausforderungen – und je nach Situation ist auch ein Grundverständnis von Arbeitsrecht und ökonomischen Zusammenhängen durchaus von Vorteil.

Mit all diesen Punkten kratze ich nur leicht an der Oberfläche – aber es zeigt schon, welch hohe Verantwortung ein Scrum Master trägt und wie viele Kompetenzen erforderlich sind, die man ohne Berufserfahrung einfach nicht mitbringt.

Und wie kann man nun Scrum Master werden? Ganz einfach: In weniger verantwortungsvollen Positionen Erfahrungen sammeln, sich beweisen, den Horizont erweitern und kontinuierlich wachsen. Sich den Respekt von Kollegen, Vorgesetzten und Teams erarbeiten – dann ist man bereit, Scrum Master zu werden.

Ich bin mir bewusst, dass ich hier die Messlatte sehr hoch lege. In der Praxis gibt es kaum jemanden, der all diese Kompetenzen mitbringt und dann auch noch eine Rolle im Team haben möchte. Deshalb muss man immer irgendwo Abstriche machen. Aber jeder Kompromiss hat seinen Preis. Und je mehr wir davon machen, desto weniger effektiv wird ein Scrum Master sein. Aber wenn wir alles weglassen – dann könnten wir, böse gesagt, auch eine Zimmerpflanze als Scrum Master nehmen. Und die macht dann mehr für weniger Geld.

Brauchen Scrum Master technische Expertise?

Michael Küsters: Klares Jein.

Auch hier gilt wieder: Scrum Master sind für die Effektivität ihres Teams verantwortlich. Ist ein Team technisch hochkompetent, so wird ein Scrum Master andere Baustellen im Fokus haben – Teamorganisation, Zusammenarbeit mit anderen Teams, Interaktion mit Management und Optimierung der Wertschöpfung beispielsweise. In diesem Fall werden keine technischen Fähigkeiten benötigt.

Scrum Master sind von der Rolle her selbst keine technischen Experten, aber sie müssen auf jeden Fall in der Lage sein, Probleme in der Umsetzung zu erkennen und dem Team einen Lösungsweg aufzuzeigen.

In der Praxis sind sehr viele Teams technisch bei weitem nicht so reif, wie man es sich wünschen würde. Die Codequalität lässt zu wünschen übrig, die Testautomatisierung ist ein Dauerbrenner und vieles mehr. Warum? Es hapert am Verständnis von technischen Praktiken wie Continuous Integration, Refactoring oder Test Driven Design. In erster Linie haben solche Teams das Problem: “Woher weiß ich, was ich nicht weiß?” Erkennt das Team, dass irgendwo technisch ein Brandherd schwelt, reicht es, wenn ein Scrum Master dies mit dem Team präzise herausarbeitet und dafür sorgt, dass sie kompetentes technisches Coaching und die nötige Zeit zur Verbesserung bekommen.

Schwierig wird es allerdings, wenn weder die Teammitglieder verstehen, wie es um ihre technische Situation und Kompetenz steht, noch ihr Scrum Master. Dann fährt das Team nämlich mit Volldampf vor die Wand – und das kann richtig unangenehm werden. Für das Unternehmen, welches im schlimmsten Fall längerfristig handlungsunfähig wird und in jedem Fall Millionen verliert. Was wiederum bei kleineren Unternehmen für die Entwickler den Jobverlust bedeuten kann. Und mittendrin ein Scrum Master, der für all das verantwortlich ist – aber völlig ahnungslos. Sehr unschön.

Ich habe gute und schlechte Erfahrungen mit Scrum Mastern gemacht, die selbst jahrelang in technischen Rollen tätig waren. Besonders hervorheben möchte ich Test-Experten, die es von Berufs wegen gewohnt sind, alles zu hinterfragen, Probleme aufzudecken und sich notfalls auch mit dem Management anzulegen.

Wie geht die Karriere weiter, wenn man Scrum Master ist?

Michael Küsters: Da wir schon angesprochen haben, dass Scrum Master, wenn sie wirklich erfolgreich sein wollen, schon viele Erfahrungen mitbringen müssen, brauchen sie auch eine Perspektive, wie sie sich entwickeln können und wohin die Reise langfristig geht.

Das ist sehr schwierig, insbesondere wenn wir uns vor Augen führen, wo viele Scrum Master herkommen: Wurde im Rahmen einer agilen Transition ein Team- oder Projektleiter zum Scrum Master, wirkt ein Karrierepfad mit Aussicht auf eine mögliche Team- oder Projektleitung eher demotivierend. Viele Unternehmen tun dies jedoch. Gute Scrum Master sehen darin dann den Beweis, dass Scrum Master karrieretechnisch eine Sackgasse ist.

Diese Meinung teile ich nicht. Effektive Scrum Master kennen keine Grenzen. Sie interagieren mit allen Stakeholdern ihrer Teams. Mit dem Management. Mit Kunden. Und mit anderen Unternehmensbereichen. Sie lösen dringende Probleme, verbessern operative Abläufe, bauen ein Netzwerk auf, erzielen signifikante Einsparungen und steigern den Rohertrag. Je effektiver sie darin sind, desto leichter können sie jede beliebige Rolle im Unternehmen annehmen, die ihnen zusagt. Daher brauchen sie keinen speziellen Karrierepfad.

Umgekehrt ist es jedoch so, dass Scrum Master nur dann wirklich wachsen können, wenn sie ständig die Grenzen ihres Wissens und ihrer Kompetenzen erweitern. Dadurch fallen sehr viele Stellenangebote durch das Raster, die kein kompetenter Scrum Master auch nur in Erwägung ziehen sollte. Dabei beziehe ich mich auf Scrum Master Rollen, welche wenig Erfahrung benötigen und auch wenig Entfaltungsmöglichkeiten bieten.

Dies wird schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung: schreibt ein Unternehmen schlechte Scrum Master Rollen aus, gibt es dort wohl keine guten Scrum Master als Vorbilder. Und entsprechend kaum Scrum, was den Namen verdient. Wer dort als Scrum Master arbeitet, wird wenig erreichen und sich kaum weiterentwickeln. Und so entsteht der Eindruck, dass die Rolle wenig wert ist. So wird sie immer weiter reduziert, bis sie irgendwann sogar für Praktikanten geeignet ist.

Womit wir wieder ganz am Anfang wären.

 

Hinweise:

Fail Fast, Move On – so heißt der Blog von Michael Küsters, in dem er regelmäßig über Agilität, agile Transformation oder Leadership schreibt. Sehr lesenswert.

Wenn Sie Ihr Unternehmen zu einem hochleistungsfähigen, anpassungsfähigen Kraftpaket mit nahtloser Kommunikation und Zusammenarbeit entwickeln wollen, dann lohnt sich ein Blick auf die TOP-Struktur.

Michael Küsters

Vernetzen Sie sich mit Michael Küsters auf LinkedIn.

Wenn Ihnen der Beitrag gefällt oder Sie darüber diskutieren wollen, teilen Sie ihn gerne in Ihrem Netzwerk. Und falls Sie sich für weitere Tipps aus der Praxis interessieren, dann testen Sie gerne unseren wöchentlichen Newsletter mit neuen Beiträgen, Downloads, Empfehlungen und aktuellem Wissen. Vielleicht wird er auch Ihr Lieblings-Newsletter!

Es gibt einen weiteren Beitrag aus der t2informatik Blogserie “Drei Fragen …”:

t2informatik Blog: Drei Fragen zur Softwareentwicklung

Drei Fragen zur Softwareentwicklung

Michael Schenkel
Michael Schenkel

Leiter Marketing, t2informatik GmbH

Michael Schenkel hat ein Herz für Marketing – da passt es gut, dass er bei t2informatik für das Thema Marketing zuständig ist. Er bloggt gerne, mag Perspektivwechsel und versucht in einer Zeit, in der vielfach von der sinkenden Aufmerksamkeitsspanne von Menschen gesprochen wird, nützliche Informationen hier im Blog anzubieten. Beispielsweise die neue Serie “Drei Fragen …”.