Der Eindruck, dass elektronische Geräte heute nicht mehr so lange halten wie früher, könnte vielleicht gar nicht so weit hergeholt sein. Jedoch erleben die meisten Geräte kein plumpes ‚Kaputtgehen‘. Bei näherer Betrachtung des Smartphone-Segments zeigen sich subtilere Methoden der Hersteller, den Konsument*innen einen möglichst baldigen Neuerwerb nahezulegen.

Obso was?

Obsoleszenz ist zunächst einfach Verschleiß. Auf Gegenstände und Geräte bezogen lässt sich das als Alterungsprozess bezeichnen, der über die Nutzungsdauer die Funktion ermüden lässt und dem Produkt seinen Wert nimmt. Das ist ein natürlicher Prozess. In der Industrienorm DIN 62402:2007 steht: „Obsoleszenz ist unausweichlich und kann nicht verhindert werden.“1

Geplante Obsoleszenz bzw. beabsichtigter Verschleiß hingegen nennt sich die Strategie von Herstellern, Güter zu produzieren, die eine absichtlich kurze Nutzungsdauer haben, um die Kund*innen zu einem baldigen Neukauf zu motivieren.2

‘Beweisen’ lässt sich geplante Obsoleszenz jedoch nicht – tatsächlich wird ihre Existenz häufig in Frage gestellt.3 Auch eine Untersuchung von 2015 im Auftrag des Umweltbundesamts konnte keine klare Aussage darüber treffen, ob Geräten im Bereich von Elektro- und Elektronikprodukten gezielt eine verkürzte Lebensdauer verliehen wird.4

Die Vermutung basierte auf der Beobachtung, dass die Frequenz der Neuanschaffung von Haushaltsgeräten steigt. Und rein theoretisch liegt geplante Obsoleszenz als bewusste Strategie durchaus nahe: In einem Wirtschaftssystem, das auf Kapitalismus beruht, ist eine Produktivitätssteigerung essenziell für die Existenz einer Firma. Höherer Absatz ist also ein Überlebensfaktor am Markt.

Äußere Einflussgrößen

Allerdings gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die durchaus für die Hersteller günstig auf Neukäufe einwirken, aber außerhalb eines direkten Einflusses stehen. Da wäre unter anderem die beschleunigte, technische Entwicklung. Innerhalb kurzer Zeit gab es bspw. im Segment von Monitoren und Fernsehern von der jahrzehntelang etablierten Bildröhre vergleichsweise viele Entwicklungssprünge zu Plasma-, LCD- und LED-Fernsehern, von High Definition zu 4K-Auflösung. Und hohe Innovationsraten sind ein Teil der zunehmenden Digitalisierung.

Alt ist das neue Kaputt

Ähnlicher Art, aber von den Herstellern seit langer Zeit gezielt genutzt, ist eine ‚eingebaute Alterung‘. Hier ist das Gerät vollkommen funktionstüchtig und trotzdem fühlt sich so mancher Konsument*in zu einem Neuerwerb genötigt. Der amerikanische Produktdesigner Brooks Stevens war ein Trendsetter dieser Disziplin. Er spezialisierte sich in den 1950er Jahren hauptsächlich auf das Produktdesign von Haushaltsgeräten. Es ging dabei ausschließlich darum, diese Geräte rein äußerlich so zu gestalten, dass sie bei einer weiteren Neuauflage des Produkts im nächsten Jahr veraltet wirken sollten. Seine Beweggründe brachte er 1958 auf den Punkt: „Our whole economy is based on planned obsolescence and everybody who can read without moving his lips should know it by now. We make good products, we induce people to buy them, and then next year we deliberately introduce something that will make those products old fashioned, out of date, obsolete. We do that for the soundest reason: to make money.”5

Und diese Strategie kommt auch im Smartphone-Segment zum Einsatz. Desweiteren wird noch zu anderen Tricks gegriffen, um die Nachfrage hoch zu halten – obwohl viele dieser Geräte nicht wirklich defekt sind.

Obsoleszenz-Strategie 1: verkürzte Produktzyklen

Zunächst bieten die Hersteller in jedem Jahr zumindest ein neues Modell an. 2015 kamen mehr als 600 neue Modelle des marktdominierenden Betriebssystems Android auf den Markt.6 Inzwischen sind sich Smartphones rein äußerlich sehr ähnlich und die Geräte sind inzwischen so weit entwickelt, dass es keine ‚richtig schlechten‘ Exemplare mehr gibt. Selbst ein Smartphone in der Einsteigerklasse liefert heute ordentliche Performance. Das macht es den Herstellern schwer, sich von den Mitbewerbern abzugrenzen. Neue Fähigkeiten sind häufig eher ‘nice-to-haves’ anstatt ‘must-haves’. Zum Beispiel war eine Dual-Kamera eher der Versuch eines Alleinstellungsmerkmals, das in der nachfolgenden Produktgeneration von einem ‘Begeisterungs-Merkmal’ bereits schon wieder zu einem ‘Basis-Merkmal’ geronnen sein kann.7 Schließlich ziehen andere Hersteller da natürlich nach. Diese enorme Veröffentlichungsfrequenz kann sich aber nur entwickeln, wenn die Nachfrage entsprechend funktioniert – und das ist der Fall. Gerade deswegen wird ein jährlicher, beinah revolutionärer Entwicklungssprung von den Herstellern kommuniziert, der das diesjährige Gerät aber objektiv vom letztjährigen recht gering unterscheidet. Subjektiv vermag dies jedoch das aktuelle eigene Geräte der/des Konsument*in altbacken erscheinen lassen.

Die geplante Obsoleszenz als Strategie für Produkte mit kurzer Nutzungsdauer

Die geplante Obsoleszenz als Strategie für Produkte mit kurzer Nutzungsdauer

Obsoleszenz-Strategie 2: Evolution der Software

Die zwei dominanten Betriebssysteme Android (ca. 70% Marktanteil) und iOS (Apples iPhone, ca. 30% Marktanteil)8 werden ständig weiter entwickelt und werden von den Herstellern per Systemupdate an die Smartphones verteilt.9 Die User*innen können dann das neue Betriebssystem auf Wunsch installieren. Das sollte aber überlegt sein. Die Betriebssysteme entwickeln sich in ihren Fähigkeiten weiter, werden größer und wachsen damit auch in ihren Ansprüchen an die Hardware. Das bedeutet, dass die neueste Version eines Betriebssystems auf einem älteren Gerät ggf. deutliche Probleme in dessen Performanz erzeugt: Das Telefon kann langsamer werden, stürzt u.U. häufiger ab, wird unzuverlässig – verliert also seine Funktion. Eine Rückkehr zur vorherigen Version des Betriebssystems ist relativ kompliziert und für die/den ‘normalen’ User*in ohne tiefere Kenntnisse der Materie nicht zu bewältigen. Das legt einen Neuerwerb nahe.

Apple musste Ende 2017 offen zugeben, dass Software-Updates ältere iPhones sogar absichtlich verlangsamen. Begründung: damit werde auf den Alterungsprozess des Akkus Rücksicht genommen. Um eine Überlastung gealterer Akkus zu vermeiden, wurde die Rechenleistung des Telefons durch die Software absichtlich verlangsamt. Den Käufer*innen wurde diese ‘Funktion’ (oder ‘Motivationshilfe’ für einen Neuerwerb?) allerdings viele Jahre verschwiegen.10

Obsoleszenz-Strategie 3: Bauweise

Der Wettbewerb zwischen den Herstellern, immer schlankere Telefone und immer größere Displays mit noch schmaleren Rändern um den Bildschirm herum zu entwickeln, erzwingt einige Maßnahmen auf Konstruktionsebene, die den Herstellern als Nebenfolge diverse Vorteile bringen: Eine schlankere Konstruktion zuwiderläuft bspw. der Option, die Rückseite zu öffnen und einen wechselbaren Akku, der eigentlich ein Verschleißteil ist, anzubieten. Die Telefone sind seit einigen Jahren – Apple war hier wie so oft ein Trendsetter – nicht durch einen Deckel auf der Rückseite o.ä. einfach zu öffnen, die Akkus sind fest verbaut.

Um Höhe zu sparen sind die Telefone auch an vielen Stellen geklebt statt geschraubt. Dort, wo Schrauben eingesetzt sind, sind es ungewöhnliche Formate.11 Damit wird eine Reparatur für einen Laien quasi unmöglich. Der Vorteil an diesen hermetischen Konstruktionen ist für die Hersteller zweierlei: a) Garantieansprüche erlöschen sofort, wenn man versucht, in das Innenleben des Geräts vorzudringen. b) Ist ein Bauteil des Telefons defekt, ist es beinahe immer ein ‘wirtschaftlicher Totalschaden’, weil es so kompliziert ist, an das betroffene Bauteil überhaupt erst heran zu kommen. Die Kosten für Reparaturen sind häufig im Vergleich zur Anschaffung eines neuen Modells unangemessen hoch. Zum Beispiel bricht das Displayglas eines Smartphones durch einen Sturz sehr leicht.12 Das Glas ist aber fest mit der dahinter liegenden Bildschirmeinheit verklebt. Für den Tausch muss das gesamte Telefon daher zerlegt werden, was sehr zeitaufwendig und kompliziert – ergo teuer – ist.

Diese drei Strategien sind unnachhaltige, ökonomische Strategien, um Konsument*innen zu schnellen Neukäufen zu drängen. Die Nachhaltigkeitsdefizite sind dabei vielfältig: Kurze Lebenszyklen bedeuten mehr Bedarf an Rohstoffen, mehr E-Waste und damit problematische Folgen für Mensch und Umwelt in den Herkunftsländern der Rohstoffe und den Ländern, in die der Elektronikschrott exportiert wird. Ganz empirisch kann auch die schlanke und filigrane Bauweise von aktuellen Top-Modellen der Smartphone-Industrie direkt ein ökologisches Problem erzeugen, wie folgendes Beispiel zeigt:

Jährlich erscheint vom südkoreanischen Großkonzern Samsung ein Modell namens Galaxy Note. 2016 erschien das Galaxy Note 7. Wenige Monate nach Erscheinen mussten sämtliche Geräte wieder zurück gerufen werden, da der Akku einiger Geräte explodierte.13 Das Problem war so weit verbreitet, dass sogar internationale Luftfahrtunternehmen ein Verbot für Fluggäste aussprachen, das Telefon mit an Bord zu nehmen.14 Ursache war ein Konstruktionsfehler bei manchen der Akkus. Ursprünglich sollten sämtliche zurückgerufenen Exemplare verschrottet werden. Nur durch ein massives, medienwirksames Einschreiten von Greenpeace konnte verhindert werden, dass die Rohstoffe von 4,3 Millionen relativ neuen und nur durch ein einzelnes problematisches Bauteil beeinträchtigten Telefone unwiederbringlich in Elektronikschrott zu verwandeln. Samsung war bereit, die Telefone wieder in Stand zu setzen und neu zu verkaufen bzw. Bauteile in anderen Telefonen weiter zu verwenden.15

All das hätte durch einen wechselbaren Akku verhindert werden können.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Im Smartphone-Segment werden nicht absichtlich Bauteile verbaut, damit das Telefon frühzeitig seinen Geist aufgibt. Durch subtilere Maßnahmen wird eher der ‚gefühlte‘ Alterungsprozess der Geräte beschleunigt. Dazu gehört die fragile Konstruktion, das Erschweren von Reparaturmaßnahmen oder die Verlangsamung der Geräte durch ‚Software-Bloat‘.

 

Hinweise:

Felix Sühlmann-Faul hat eine vielbeachtete Studie zum Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit veröffentlicht. Unter bit.ly/digi-teaser finden Sie eine Excecutive Summary der Studie. Gemeinsam mit Stephan Rammler veröffentlicht er im oekom verlag München das Buch Der blinde Fleck der Digitalisierung.

Der blinde Fleck der Digitalisierung - t2informatik

 

[1] Zitiert in lacon.de/life-cycle-management/obsoleszenzmanagement/
[2] Vgl. Bulow, Jeremy 1986: An economic Theory of planned Obsolescence, in: The Quarterly Journal of Economics (1986)101 (4): 729-749
[3] Vgl. Rampell, Catherine 2013: Planned Obsolescence, as Myth or Reality; economix.blogs.nytimes.com/2013/10/31/planned-obsolescence-as-myth-or-reality/?_r=1
[4] Vgl. Oehme, Ines 2015: Faktencheck – Erkenntnisse aus einer Studie zur Obsoleszenz von Elektro- und Elektronikgeräten; umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/dokumente/04_oehme.pdf
[5] Prentiss, Karl 1958: Brooks Stevens: He has Designs on your Dough”, in: True: The Man’s Magazine, April 1958
[6] Vgl. King, Bertel Jr. 2016: Over 600 Android Phones Launched In The Last Year, 65 Billion Apps Installed, And Other Numbers; androidpolice.com/2016/05/18/over-600-android-phones-launched-in-the-last-year-65-billion-apps-installed-and-other-numbers/
[7] Vgl. Kano, Noriaki / Seraku, N. / Takahashi, F. 1984: Attractive Quality and Must-be Quality; Journal of the Japanese Society for Quality Control, 14(2), 147-156
[8] Vgl. Gombert, Philipp 2016: Android vs. iOS: Wie Google die Konkurrenz dominiert; giga.de/apps/ios/news/android-vs.-ios-wie-google-die-konkurrenz-dominiert/#utm_source%3Dgiga%26utm_medium%3Dfeed%26utm_term%3Dandroid
[9] Das ist sehr verkürzt dargestellt. Die zwei Betriebssysteme iOS und Android haben extrem unterschiedliche Verteilungslogiken, die durch die dahinterstehenden Firmen Google und Apple erzeugt wird.
[10] Vgl. Apple 2017: Eine Nachricht an unsere Kunden. Apple (Deutschland); apple.com/de/iphone-battery-and-performance/
[11] Vgl. Koebler, Jason 2016: Instead of a Recycling Robot, Apple Should Sell Screwdrivers That Open iPhones; motherboard.vice.com/en_us/article/instead-of-a-recycling-robot-apple-should-sell-screwdrivers-that-open-iphones
[12] Ironischerweise nutzen beinahe fast alle Hersteller für das Displayglas ein Produkt der Marke Corning. Es nennt sich “Gorilla Glass”.
[13] Vgl. Moynihan, Tim 2017: Samsung Finally Reveals Why the Note 7 Kept Exploding; wired.com/2017/01/why-the-samsung-galaxy-note-7-kept-exploding/
[14] Vgl. Gibbs, Samuel 2016: Samsung Galaxy Note 7: airlines across Asia, the US and Europe ban exploding smartphone; theguardian.com/technology/2016/oct/17/samsung-galaxy-note-7-airlines-asia-us-europe-ban-exploding-smartphone
[15] Vgl. Lee, Jude 2017: You did it! Samsung will finally recycle millions of Galaxy Note 7s; greenpeace.org/international/en/news/Blogs/makingwaves/you-did-it-samsung-will-finally-recycle-milli/blog/59045/

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