Was wäre wenn? – Ein Aufruf zu Gedankenexperimenten

Gastbeitrag von | 28.10.2019 | Prozesse & Methoden | 0 Kommentare

„Don’t Uber yourself“¹ titelte Michael Schenkel kürzlich hier auf dem Blog. Einerseits erntete der Beitrag meine Zustimmung. Zahlreiche Organisationen kopieren das Organisationsmodell von Spotify, wollen eine Plattform wie AirBnB erschaffen oder bauen sich Garagen für mehr Innovationskraft. Cargo-Kult² garantiert aber keine Ergebnisse. Gutes Benchmarking ist wichtig, um die Mitbewerber nicht aus den Augen zu verlieren und selbstgefällig zu werden.

Andererseits fehlte mir aber auch etwas und ich hatte ein Störgefühl beim Lesen. Wenn wir uns nur mit den “Klassenkameraden” vergleichen, braten wir dann nicht zu sehr im eigenen Saft? Was passiert, wenn morgen „ein Neuer in die Klasse kommt“, der die Glaubenssätze unserer Branche nicht kennt? Werde ich erfolgreich, wenn ich den “Klassenbesten” nachahme? Wenn ich selbst schon der “Klassenbeste” bin, fühlt sich das an wie im Rückspiegel zu fahren. Womit wir bei der deutschen Lieblingsbranche wären – der Automobilindustrie. Und bei einem Gedankenexperiment.

Was wäre, wenn es keinen Wettbewerb gäbe?

Die Automobilbranche hat in den letzten Monaten ihren guten Ruf ein Stück weit verspielt. Als meine Söhne zum ersten Mal vom Dieselskandal hörten, fragten sie, warum es überhaupt Konkurrenz gibt. Die ganzen Autohersteller könnten doch einfach zusammenarbeiten und gemeinsam ein sauberes Auto entwickeln und vertreiben?! Ich erklärte ihnen, was ein Monopol ist und dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Die Frage lies mich aber nicht los. Meine Bloggerkollegin Bianka Groenewolt stellte mir damals die “Was wäre wenn” Fragetechnik vor und wir starteten die gleichnamige Blogparade. So fragte ich mich schließlich: Was wäre, wenn es keinen Wettbewerb gäbe?

“Was wäre wenn” nutze ich seitdem als Werkzeug um gedankliche und selbst auferlegte Grenzen in Frage zu stellen. Die Fragen kann man für sich selbst, im Unternehmen oder auch für gesellschaftliche Herausforderungen nutzen. Das möchte ich an drei Beispielen erläutern.

Persönliche Grenzen in Frage stellen

Ich habe mich schon mal gefragt: “Was wäre, wenn ich morgen gekündigt werde?”. Folgende Gedanken habe ich mir dadurch gemacht:

  • Wen aus meinem Netzwerk würde ich anrufen? Sofort hatte ich eine Liste für den Fall der Fälle parat. Das bewirkt auch, dass ich mein Netzwerk pflege und bei den Menschen nachhöre, was sie aktuell so machen. 
  • Was würde ich einschränken, um eine Weile von Arbeitslosengeld oder Rücklagen zu leben? Bei der Gelegenheit fallen einem Dinge auf, die man vielleicht auch ohne Einkommensverlust weglassen könnte. Man wird dadurch auch dankbar für viele Dinge, die man als selbstverständlich hinnimmt.
  • Welchen Tätigkeiten in meinem Beruf würde ich keine Träne hinterherweinen? Durch die Übung habe ich die ein oder andere Besprechung sausen lassen und meine Kapazität für manch unsinnige Beschäftigung zurückgefahren.

Ein netter Nebeneffekt dieses Gedankenexperiments ist, dass man viel entspannter durch den Arbeitsalltag kommt und sich mehr zutraut. Denn das Schlimmste was passieren kann, hat man so einmal durchgespielt und man findet es gar nicht mehr so schlimm.

Grenzen des Unternehmens in Frage stellen

Sicher gibt es auch in Ihrem Unternehmen etwas, das immer wieder für Ärger sorgt. Vielleicht plagt auch gerade eine große Herausforderung, die unlösbar scheint. Das sind die perfekten Kandidaten für “Was wäre wenn” Fragen. Reisekostenrichtlinien sind so ein nerviges Thema. Also, was wäre wenn wir die Reisekostenrichtlinien abschaffen? 

Auf der einen Seite gibt es natürlich viele Vorteile. Man würde sich im Controlling einiges an Aufwand für Kontrolle sparen. Es gibt den Menschen im Unternehmen auch mehr Flexibilität. Zum Beispiel kann man ohne große Rückfrage das Sparangebot in der ersten Klasse buchen. Man lässt den Kollegen, der schon einen Bandscheibenvorfall hatte, in der  Business Class fliegen. Statt dem Hotel aus der Preferred Hotels Liste kann man auch mal seine Übernachtungsmöglichkeit per AirBnB suchen.

Auf der anderen Seite gibt es sicherlich Bedenken, dass plötzlich die große Verschwendung bei Reisekosten stattfindet. Hier kann man ansetzen und Ideen generieren, wie es sich verhindern lässt. Man könnte die Reisekosten im Team transparent machen und das Problem per “peer pressure” lösen. Vielleicht ist man so auch mehr gezwungen, Tipps und Tricks zum sparsamen Umgang mit den Reisekosten im Unternehmen zu teilen. 

Grenzen der Gesellschaft in Frage stellen

Was wäre, wenn alle großen deutschen Städte autofrei wären? Die Frage ist gar nicht so radikal, wie sie auf den ersten Blick erscheint. In den 50er und 70er Jahren gab es regelmäßig autofreie Sonntage. In Stuttgart heißt es bei Feinstaubalarm, das Auto stehen zu lassen. In London versucht man mit der City Maut, den Verkehr aus der Stadt zu halten. 

Was wären also die Vorteile? Es gäbe keine Staus mehr. Es gäbe weniger Feinstaubbelastung. Weil man keine Parkhäuser und weniger Strassen braucht, gibt es viel Platz, den man anderweitig nutzen kann.

Es müssten aber auch viele Herausforderungen gelöst werden. Wo parkt man die ganzen Autos, die aus dem Umland kommen? Wie schafft man es, dass Besucher bereits autofrei anreisen? Wie bewältigt man die rush hour, in der Menschen in die Büros fahren? Für die vielen Herausforderungen, die es zu meistern gilt, könnten Ideen generiert und Experimente gestartet werden.

War Ihnen dieses Gedankenexperiment noch nicht genug “out of the box”? Dann werfen Sie doch mal einen Blick auf folgendes Gedankenspiel: Was wäre, wenn Städ­te gut für das Kli­ma wären?

Was bringt mir das?

SIe mögen jetzt denken, dass dies vielleicht ganz nette Gedankenspiele sind. Aber was hat man nun davon? Ich sehe drei Vorteile:

  • Barrieren werden sichtbar. In allen drei Beispielen wurden Hindernisse oder Nachteile identifiziert. Durch das Gedankenexperiment werden diese sichtbar und dadurch auch lösbar.
  • Innovationen werden ermöglicht. Gerade das Beispiel mit der autofreien Stadt zeigt deutlich, wie viel Innovationspotential ein Gedankenexperiment zu Tage fördern kann. Es ergeben sich sofort zahlreiche Ideen für Mobilitätslösungen. Auch für die neue Nutzung von Flächen finden sich sicherlich zahlreiche Ideen. Das kann sogar soweit gehen, dass eine komplette Stadt neu gedacht wird.
  • Überraschungen werden möglich. In einer vernetzten und komplexen Welt passieren permanent Überraschungen. Sowohl Unternehmen als auch wir als Personen versuchen meist Überraschungen zu verhindern. Dabei liegt in Überraschungen viel Potential. Erfolgreiche Unternehmer handeln nach den Prinzipien von Effectuation. Eines der Prinzipien lautet nützliche Zufälle.

Vielleicht fallen Ihnen noch weitere Vorteile des “Was wäre wenn?” Gedankenexperiments ein. Ich möchte Sie daher ermuntern, Gedankenexperimente zu wagen. Welche “Was wäre wenn” Fragen stellen Sie sich? Auf welche Überraschungen freuen sie sich und welche Chancen können Sie ergreifen?

 

Hinweise:

[1] Hier finden Sie den Blogbeitrag Don’t Uber yourself.
[2] Cargo-Kult bei Wikipedia

Tobias Leisgang

Tobias Leisgang

Als CompanyPirate inspiriert Tobias Leisgang auf dem gleichnamigen Blog und in Vorträgen Menschen in Unternehmen neue Wege zu beschreiten. Er ist überzeugt, dass erfolgreiches und nachhaltiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert radikale Veränderungen braucht.

Die Unternehmenswelt kennt Tobias bestens aus seiner hauptberuflichen Tätigkeit. Seit November 2018 verantwortet er bei einem globalen Automobilzulieferer Innovation mit externen Partnern - vom Konzern bis zum Startup. Vorher war er 15 Jahre bei einem amerikanischen Technologiekonzern in Rollen vom Entwickler bis zum Leiter System Engineering tätig und hatte dabei Einblick in Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Die Herausforderungen wurden  in globalen Teams gelöst.

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