Vor kurzem erhielt ich eine WhatsApp einer Kollegin, mit der sie mir ihre Gedanken zum Thema digitale Resilienz bzw. digitales Bewusstsein mitteilte. Die Kollegin arbeitet im Agenturumfeld und beschreibt, dass aktuell ein Tool nach dem nächsten zur Unterstützung ihrer Arbeitsabläufe eingeführt werde. E-Mails als Standard-Kommunikations- und manchmal auch Dokumentationstool, Slack zur Erleichterung der internen Kommunikation, Evernote als Notizportal zum Kanalisieren von Texten, Dropbox und zusätzlich noch Meistertask. Ständig würde etwas plingen, Benachrichtigungen würden angezeigt und alles wolle gepflegt und gehegt werden. Sie spürt leichte Reizüberflutung und teilweise Überforderung in ihrem Umfeld.

Die Informationsflut und die passenden Tools

Ich kenne das von mir selbst. Sobald mein Rechner hochgefahren ist, habe ich auch schon ein bis zwei Browserfenster mit jeweils drei bis vier Tabs geöffnet. Meine Standard-Webseiten und -Programme sind soziale Netzwerke (Facebook, Xing), meine Kalender-App, Gmail und bis zu zehn Trello-Boards, nicht zu vergessen Google Keep. Meine persönliche aktuelle Herausforderung ist nicht nur der Umgang mit der Vielzahl an Tools, sondern vor allem das Filtern und Dokumentieren von relevanten Informationen. Aktuell habe ich nicht nur eine Ordnerstruktur auf dem Laufwerk, sondern eine weitere im Browser, um spannende und wissenswerte Webseiten abzulegen. Gern übertrage ich auch ad hoc Inhalte direkt in eBook-Vorlagen, Notizen in Outlook oder auch mal in eines der Trello-Boards. Immer im Hinblick auf Effizienz meiner Tätigkeit.

Würde ich zu dieser Informationsflut noch permanent Benachrichtigungen angezeigt bekommen, könnte ich mich persönlich kaum noch fokussieren. Kein Wunder. Unterbrechungen aller Arten unterbrechen den Vorgang, bei dem wir hochkonzentriert in eine Aufgaben eintauchen und vielleicht sogar das Flow-Gefühl erleben. Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi beschreibt 1990 „Flow“ wie folgt: „Der Zustand, in dem man seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf eine Tätigkeit konzentriert und Glück empfindet.“ Dieser Zustand tritt erst nach 15min der Konzentration ein.

Grenzenloses Arbeiten

Auf den Arbeitskontext bezogen und um auf die Nachricht meiner Kollegin zurückzukommen, gibt es zu der Informations- und Tool-Vielfalt ja auch noch die wunderbare Möglichkeit, unser Arbeiten flexibler im Hinblick auf Orts- und Zeitunabhängigkeit zu gestalten. Dem Arbeiten ist somit keine Grenze mehr gesetzt. Wunderbar, welche Chancen dadurch entstehen. Vorteile sehe ich persönlich in der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben oder auch in der Reduktion von Pendelzeiten. Jedoch gehen damit auch besondere Herausforderungen einher. Die eigene Belastungsgrenze erkennen, Bedürfnisse nach Erholung, Ruhe und die Art und Weise zu arbeiten wahrzunehmen und danach seine Arbeits- und Lebenswelt auszurichten. Dazu noch im Angestelltenverhältnis das Selbstbewusstsein zu besitzen, dieses zu äußern und zu den eigenen Bedürfnissen auch vor Vorgesetzten und Arbeitskollegen zu stehen. Als ersten Schritt in so eine Richtung benötigen wir zunächst digitales Bewusstsein, um danach unser Verhalten auszurichten und ggf. anzupassen.

Die Chancen der Digitalisierung

Durch Globalisierung und Digitalisierung wird immer mehr standortübergreifendes Arbeiten möglich. Hier ist besondere Sensibilität, Kommunikationsstärke und Kompetenz zum Beziehungsaufbau gefordert und hilfreich, um gemeinsam gut zu arbeiten, auch wenn man sich nicht häufig analog begegnet. Schon Watzlawick sagte, dass gute Kommunikation durch ein passendes Verhältnis zwischen analoger und digitaler Kommunikation gelingt. Passend immer auf den jeweiligen Kontext und die Art und Weise des Miteinanders der Beteiligten bezogen.

Mit der Digitalisierung oder auch der digitalen Transformation wird häufig ein Trend verbunden, der besagt, wenn Unternehmen sich digital aufstellen, dann seien sie für die Zukunft vorbereitet und können länger dem internationalen Wettbewerb standhalten. Nur, was bedeutet eigentlich Digitalisierung oder digitale Transformation? Heißt das, dass ab sofort sämtliche Unternehmensprozesse digitalisiert werden sollten und sämtliche Tools, die einzelnen Mitarbeitet auftun, implementiert werden sollen? Bitte nicht.

Wozu kann also die Digitalisierung unserer Arbeitswelt dienen, welche Chancen bietet sie? Grundsätzlich kann darunter verstanden werden, dass die Erfüllung der Arbeitsaufgabe unter Berücksichtigung der menschlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und Bedürfnisse digital gestaltet werden kann. Berücksichtigt werden sollte dabei das Zusammenwirken von Mensch, Technik, Information und Organisation. So soll sich die Entwicklung und betriebliche Einbindung digitaler Technologien positiv auf die Agilität und Effizienz von Wertschöpfungsketten und Produktionsprozessen auswirken. Technologieeinsatz geht immer mit organisatorischen und kulturellen Veränderungen (d. h. Lernen) einher. Daher sprechen wir auf betrieblicher Ebene häufig von einer digitalen Transformation.1

Digitalisierung und Stress

Studien haben ergeben, dass in Folge der Digitalisierung die Arbeitsbelastung größer geworden ist, die zu bewältigende Arbeitsmenge ebenso. So auch die Zahl der gleichzeitigen Vorgänge durch die Digitalisierung.2

Kein Wunder also, dass der digitale Stress zunimmt. Also das Empfinden, welches in Folge der Nutzung von digitalen Werkzeugen, Kommunikationsmitteln und Informationsmitteln bei einigen Menschen entstehen kann und bei häufigerem Erscheinen zu Erschöpfung, Zerstreutheit und allgemeinem Unwohlsein führen kann.3

Es lohnt sich meiner Meinung nach sehr aus Arbeitgebersicht aber auch aus Sicht eines jeden einzelnen von uns, sich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen und ein digitales Bewusstsein zu entwickeln. Auch wenn digitaler Stress gewiss nicht nur Ursachen im Beruflichen hat, sondern auch durch intensive private Nutzung von digitalen Geräten beeinflusst wird.

Digitaler Stress von Arbeitnehmern geht mit einer Zunahme gesundheitlicher Beschwerden einher. Mehr als die Hälfte der gestressten Arbeitnehmer leidet unter Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Müdigkeit. So verringert digitaler Stress die berufliche Leistung, die Arbeitszufriedenheit sowie daraus resultierend die Bindung an den Arbeitgeber. Verunsicherung im Umgang mit digitalen Technologien wird dazu noch als größter Stressor (= Auslöser von Stress) wahrgenommen.4

Prof. Böhm von der Universität St. Gallen5 sprach neulich auf dem Gesundheitstag der Handelskammer Hamburg den Appell aus, dass Unternehmen gemeinsam mit den beteiligten Akteuren sogenannte „Digitalisierungsspielregeln“ ausarbeiten sollten. Aufgrund der Verschiedenheit der betroffenen Systeme und Beteiligten gebe es hier keine allgemeine Lösung, die auf alle überzustülpen ist. Dafür können wir unsere menschliche Kernkompetenz der Reflexionsfähigkeit nutzen und prüfen, was uns persönlich und auch unserer Arbeitsumgebung gut tut und damit schlussendlich digitales Bewusstsein zu fördern. Und hier gilt es dann auch für jedes einzelne Unternehmen zu prüfen, welche Schritte in Richtung einer digitalen Transformation aufgrund der Gegebenheiten und unter Bezugnahme auf die Umweltbedingungen zu gehen sind und nicht komplett auf jeden digitalen Trend aufzuspringen.

Das Unternehmen und die Digitalisierung

Im ganzen Digitalisierungsgeschehen könnte es helfen, fokussiert zu agieren. Wozu ist das Unternehmen da, was ist sein Auftrag und wie kann dieser bestmöglich erfüllt werden? Und wie können digitale Arbeitsumgebungen oder andere Arbeitsweisen dabei behilflich sein, diese Ziele bestmöglich zu erreichen?

Die Entwicklung eines digitalen Bewusstseins - eine Herausforderung für Individuen und Unternehmen

Die Entwicklung eines digitalen Bewusstseins – eine Herausforderung für Individuen und Unternehmen

Im Sinne des Homo Oeconomicus geht es den meisten Unternehmen immer noch um Gewinnmaximierung. Vielleicht auch teilweise um nachhaltige Unternehmensgestaltung. Nachhaltig nicht nur im Sinne von Umweltaspekten, sondern vor allem in Bezug auf langfristige gute Kundenbeziehungen, Produktinnovationen, um dem nationalen oder internationalen Wettbewerb standzuhalten. Wie sind diese Ziele am ehesten erreichbar? Indem versucht wird eine hohe Kundenzufriedenheit zu erreichen. Dieses gelingt meist durch motivierte, zufriedene und gesunde Mitarbeiter und Führungskräfte, die gut miteinander auskommen und im besten Fall den Wert oder die Werte des Unternehmens zusätzlich zu den Kunden in die Welt hinaustragen.

Im Sinne des zufriedenen Kunden und einer guter Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens kann sich hier digitaler Methoden und Werkzeuge bedient werden. Fragen, die sich alle stellen sollten, die mit vielfältigen Tools arbeiten:

  • Welches Werkzeug wollen wir für welchen Zweck nutzen?
  • Wie kann man die einzelnen Werkzeuge bestmöglich nutzen?
  • Regelmäßige Reflexion im Team: werden die Ziele damit erreicht? Hat sich das Tool als nützlich und hilfreich erwiesen? Trägt es zur Produktivität und einer guten Zusammenarbeit bei?
  • Wie geht es den einzelnen Beteiligten damit? Gibt es Verbesserungspotenziale? Wenn ja, welche?

Wer bereits in agilen Kontexten arbeitet, dem wird diese Art der Reflexion („Retrospektive“) bekannt vorkommen. Eine Retrospektive ist für mich gerade auch in Nicht-IT-Unternehmen in Bezug auf Nutzung von Software sehr hilfreich, um ein digitales (Selbst-) Bewusstsein zu entwickeln.

Herausforderungen auf dem Weg zum digitalen Bewusstsein

Herausforderungen wie oben schon in Grundzügen beschrieben sind somit für uns alle

  • die mögliche permanente Erreichbarkeit,
  • Informations- und Reizüberflutung,
  • der Umgang mit neuen digitalen Werkzeugen,
  • Umgang mit der sich permanent immer wieder verändernden Arbeitsumgebung
  • Unsicherheit in Bezug auf die berufliche Zukunft.

Was braucht es, um diese Herausforderungen zu meistern? Welche persönlichen und welche organisationalen Kompetenzen sollten Mitarbeiter und Führungskräften innehaben oder auf- und ausbauen? Und welche Faktoren machen somit ein digitales Bewusstsein aus?

  • Selbstwahrnehmung als Schutz vor persönlicher Überforderung und eine Sensibilisierung im Umgang mit Zeitdruck und Unterbrechungen zu entwickeln
  • Reflexionsfähigkeit
  • Ganzheitlichkeit, um den eigenen Beitrag im Hinblick auf die unternehmensweiten Ziele zu erkennen und auch zu hinterfragen; Lust und Freude entwickeln, sich zu verbessern
  • Mut zu Fehlern oder auch zum Scheitern. Arbeitsweisen für nicht hilfreich erklären können und dabei die Lust auf Neues und das Lernen bewahren können
  • Kommunikationsfähigkeit, Hinterfragen, Mitdenken aller Beteiligter auf eine konstruktive und wertschätzende Art und Weise
  • Mitdenken, sich verantwortlich fühlen und dennoch eigene Grenzen wahren
  • Balance halten, um nachhaltig seine eigene Arbeits- und Lebensfreude zu erhalten
  • Selbstbestimmtheit bewahren oder erreichen, um Widerstandsfähigkeit und Stressmanagement entwickeln zu können

Fazit

Die Entwicklung eines digitalen Bewusstseins wird sowohl für Unternehmen als Ganzes als auch für Individuen immer wichtiger. Jeder sollte für sich versuchen, Arbeits- und Verhaltensweisen zu reflektieren und ggf. anzupassen. Aber auch Organisationen sollten auf Zeichen achten: mehren sich bspw. die Anzahl der Fehler, klagen Mitarbeiter immer wieder, herrscht eine Atmosphäre von Unzufriedenheit und Hektik, äußern sich Mitarbeiter zu Schlafproblemen, oder steigt die Fehlzeiten- und Kündigungsrate sollten Organisationen zügig die gemeinsame Arbeitsweise hinterfragen. Idealerweise warten sie aber nicht so lange, denn ein digitales Bewusstsein in unserer Arbeitswelt zu entwickeln, macht gewiss für alle jederzeit Sinn, oder?

 

Hinweise:

[1] https://www.researchgate.net/publication/331821674_21Digitalisierung_der_Arbeitswelt, abgerufen am 04.04.2019
[2] Universität Hohenheim / Fraunhofer IAO, 2016: »Zukunftsprojekt Arbeitswelt 4.0 BW« / Datenquelle: DGB Index »Gute Arbeit« 2016
[3] https://www.boeckler.de/pdf/p_fofoe_WP_101_2018.pdf
[4] Gimpel, Lanzl, Manner-Romberg, Nüske, 2018
[5] Center for Disability and Integration der Universität St. Gallen (CDI-HSG): Studie zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesundheit von Berufstätigen

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