Ich hatte vor kurzem eine Diskussion über das „überholte“ Siezen und das „deutlich bessere“ Duzen. Interessanterweise argumentierte mein Gegenüber für das „Du“ mit Begriffen wie Augenhöhe, Gefühlen, schnellerem gegenseitigem Verständnis, Verbindlichkeit und nannte „Sie“ hingegen kalt und distanziert. Siezen sei nicht mehr zeitgemäß (genau wie eine Krawatte), ein Zeichen alter Prozesse und Strukturen. Ich war sehr überrascht, denn ich verbinde keinen der genannten Punkte mit „Sie“ oder „Du“, aber vielleicht irre ich mich da auch. Haben Siezen und Duzen Einfluss auf unser Arbeiten miteinander, auf unseren Geschäftserfolg, auf Projektergebnisse und Entwicklungen?

Vom „Sie“ zum „Du“

„Hallo, ich bin der Micha.“ stellte ich mich 1995 bei meinem ersten Job einem älteren Kollegen vor. „Mein Name ist Bausch.“ war die für mich überraschende Antwort. „Ich kenne Sie noch nicht und weiß noch nicht, ob ich mich mit Ihnen duzen möchte.“ Da stand ich nun, überrascht, ein bisschen betröppelt. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht. Im Studium war es klar, dass sich die Studierenden untereinander duzten. Die meisten von uns wollten ein gutes Studium absolvieren, manche das Leben entdecken und mehr als nur erste berufliche Erfahrungen sammeln. Eine Gruppe mit ähnlichen Motiven, Vorstellungen und Zielen – da liegt das „Du“ natürlich nahe. Seinerzeit wurden die Dozenten gesiezt und nie hat auch nur ein Dozent einem Studierenden das „Du“ angeboten. „Mein Name ist Bausch“ war meine erste berufliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Bis dato schien klar, dass ich Menschen siezen würde, die ich nicht kannte, die älter als ich waren, die innerhalb einer Organisation in der Hierarchie über mir standen. Aber ein Kollege – ja, auch er war älter und ich kannte ihn nicht – das war etwas Neues für mich.

Sechs Wochen später duzten Herr Bausch und ich mich dann doch. Und ich glaube bis heute, dass ich mich niemals mehr über ein „Du“ gefreut habe, als er es mir damals anbot.

Pro „Sie“

Die Anekdote zeigt, dass Duzen ein Zeichen von Vertrauen und Wertschätzung sein kann. „Sie“ wahrt eine zwischenmenschliche Distanz und diese ist als solches erst einmal weder negativ oder positiv. Es ist eine sprachliche Möglichkeit, die es in dieser Form im Englischen nicht gibt. Sicherlich kommt es immer auch darauf an, wer sich mit wem unterhält. Wenn sich bspw. zwei Handwerker zum ersten Mal begegnen und sofort duzen, weil sie fortan gemeinsam beim Bau eines Hauses arbeiten, kann das für beide völlig in Ordnung sein. Wenn aber ein Handwerker sich gleich mit „I bims der Micha“ beim Hauseigentümer vorstellt, ist es möglicherweise nicht ganz passend.

Kennen Sie die Situation, wenn Ihnen ein Geschäftsführer am ersten Tag in einer neuen Firma das „Du“ verordnet, weil „Du“ der Firmenphilosophie entspricht? Das ist natürlich ein nett gemeinter Vorgang. „Willkommen im Team! Schön, dass Du an Bord bist.“ Von Beginn der Zusammenarbeit kann ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen. Dagegen ist nichts zu sagen. Oder etwa doch? Wenn Sie schon einmal in einer solchen Situation waren und der Geschäftsführer ist 20 oder 25 Jahre älter als Sie – wie haben Sie sich gefühlt? War Ihnen das Duzen unbehaglich und haben Sie in den ersten Tagen und Wochen versucht, den Geschäftsführer – aus Respekt – nie direkt beim Namen anzusprechen? Ein unvermitteltes „Du“ muss also nicht automatisch gut sein. Doch was tun, wenn es sich nicht gut anfühlt? Sie werden kaum in den ersten Tagen die Firmenphilosophie und das gelebte Miteinander öffentlich in Frage stellen wollen. Und Sie werden noch weniger dem Geschäftsführer antworten, dass Sie gerne gemeinsam in einigen Wochen schauen können, ob Vertrauen und Sympathie so groß sind, dass ein „Du“ ganz natürlich wird. All das wäre nicht nötig, wenn der Start der Zusammenarbeit mit einem „Sie“ begonnen hätte.

Zusätzlich kann das „Du“ dazu verleiten, Grenzen zu überschreiten und Hemmungen fallen zu lassen. Manchmal verleitet das „Du“ gar zu einem unprofessionellen Sprachgebrauch. Das bekannte Beispiel „Sie A…“ ist vermutlich deutlich seltener zu hören als das naheliegende „Du A…“. Es scheint so als würde „Sie“ verbale Entgleisungen erschweren. Und da gewaltfreie Kommunikation im zwischenmenschlichen Miteinander für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wichtig ist und eventuell sogar immer wichtiger wird, ist das formale „Sie“ eine gute Sache.

"Du" oder "Sie" - das ist hier die Frage

„Du“ oder „Sie“ – das ist hier die Frage

Pro „Du“

„Du bist ja total konservativ!“, urteilte meine beste Freundin, als ich ihr von meinen Anekdoten und dem Vorhaben über „Du“ und „Sie“ im Firmenumfeld zu schreiben erzählte. „Das ist albern. Bei uns in der Firma duzen sich alle, und natürlich duze ich den Chief Financial Officer genauso wie das neueste Teammitglied. Es gibt keine Ausnahme. Bspw. heißt der CFO Dennis und nicht Mr. Hickey.“

Natürlich gibt es viele Gründe, die für ein „Du“ sprechen. „Du“ ist einfach. Dennis ist Dennis und er verfolgt ein Ziel: den Erfolg der Firma. Dieses Ziel sollten alle miteinander verfolgen. Das „Du“ verbindet, stellt die Aufgabe und das Miteinander in den Mittelpunkt und lässt alle anderen Nebensächlichkeiten beiseite. Es gibt keine Regel, wer wem wann das „Du“ anbietet, denn es gibt keine Wahl zwischen „Du“ und Sie“; es gibt lediglich „Du“. Natürlich könnten Sie jetzt einwenden, dass die Anwendung von „Sie“ und das anschließende, persönliche „Du“ ja ganz einfach zu realisieren sind, doch wie sicher sind Sie sich bei der Einhaltung der Regeln des Knigge, dem Standardwerk für Stil- und Etikettefragen? Machen wir den Test:

  1. Wer einmal per „Du“ ist, bleibt auch beim „Du“. Wahr oder falsch?
  2. Es obliegt der Frau, dem Herrn das „Du“ anzubieten. Wahr oder falsch?
  3. Es ist in Ordnung, das „Du“ zu erbitten. Wahr oder falsch?

Und die Antworten lauten:

  1. Das kann so sein, muss es aber nicht. Wer einmal an einer Unkonferenz teilgenommen hat, auf der „Du“ als Anrede vorgegeben wird, weiß, dass – zumindest theoretisch – die Rückkehr zum „Sie“ möglich ist. Wichtig ist jedoch, dass bei der „Du“-Vereinbarung der temporäre Charakter eindeutig formuliert wird.
  2. Diese Regel gilt heute nicht mehr. Innerhalb einer Generation darf sowohl die Frau als auch der Mann das „Du“ anbieten.
  3. Knigge findet es nicht in Ordnung, das „Du“ zu erbitten. „Du“ kann grundsätzlich nur angeboten werden. Dabei entscheidet die Person mit dem höheren Status, ob sie das „Du“ anbietet.

Wow, das klingt unnötig kompliziert. Und was passiert, wenn einer der Beteiligten die Regeln aber gar nicht so genau kennt? Was passiert, wenn jemand das nötige Fingerspitzengefühl vermissen lässt? Fragen über Fragen, die alle bei der einfachen, unmittelbaren Verwendung von „Du“ wegfallen. Es lebe das „Du“.

Wer mit wem wann wieso

Es lebe das „Du“? Wie heißt es so schön: „es kommt darauf an.“ Und zwar wer mit wem in welcher Situation kommuniziert: Kollegen untereinander, Vorgesetzte mit Mitarbeiter oder umgekehrt. Und wie lautet die passende Anrede für Kunden, Lieferanten oder Auftraggebern?

Sehr häufig wird heutzutage das Miteinander in Organisationen als wesentlicher Erfolgsfaktor postuliert. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Menschen und als Menschen wertvoll. Sie wollen auf Augenhöhe behandelt werden; untereinander und auch von ihren Vorgesetzten. Sie wollen sich einbringen, gemeinsam Visionen entwickeln und sie in Taten umsetzen. Für viele Menschen sind Werte wichtig und sie suchen diese Werte und eine entsprechende Wertschätzung der eigenen Person auch im Berufsleben. Wer Werte teilt und einen Sinn in gemeinsamer Arbeit erkennt, wird eher früher als später beim „Du“ landen. Doch dieses „Du“ bezieht sich auf die Arbeit innerhalb einer Organisation. Wie sieht es außerhalb aus?

Im Mittelstand und in Konzernen hält sich oftmals auch heute noch das „Sie“. Es bezeugt Respekt voreinander und Respekt ist eine Voraussetzung für gemeinsame Geschäfte. Ein unvermitteltes „Du“ könnte als Mangel an Respekt interpretiert werden. Es wäre unfreundlich, unangemessen und damit auch der Geschäftsanbahnung nicht zuträglich. Ohne Geschäft, kein Erfolg. Es kommt also auf die konkrete Situation an.

Die Anrede und der Projekterfolg

Kennen Sie die Umfragen, die Gründe für Projektmisserfolge suchen? Als Antworten werden u.a. häufiger genannt:

  • Unklare Ziele, Anforderungen, Vorgehen und Verantwortlichkeiten.
  • Fehlerhafte Methodik, mangelhafte Qualifikation und Erfahrung der Mitarbeiter
  • Fehlende Unterstützung der Geschäftsführung, unklare Prioritäten, interne Politik und schlechte Kommunikation

Der Erfolg von Unternehmen hängt von vielen Faktoren ab. „Du“ und „Sie“ gehören nicht dazu. Erfolg und Misserfolg lassen sich an ihnen genauso wenig festmachen wie an einer Krawatte, die heute in vielen Situationen einfach weggelassen wird. Wichtig ist das Auftreten an sich, das Auftreten von Vorgesetzten, die Führung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Art der Zusammenarbeit. In Organisationen, in denen das „Du“ üblich ist, stellt sich die Frage nach der richtigen Anrede nicht. In Unternehmen, in denen gesiezt und geduzt wird, sollte sich jeder individuell fragen, warum sie oder er eine Kollegin oder einen Kollegen duzen möchte und welche Konsequenzen sich daraus möglicherweise ergeben könnten. Genauso verhält es sich natürlich aus Richtung einer oder eines Vorgesetzten. Warum duzt ein Vorgesetzter einen Mitarbeiter und einen anderen nicht? Warum siezt eine Vorgesetzte zwei Mitarbeiter und duzt eine Mitarbeiterin? Wer „Du“ als wertschätzend erachtet, sollte sich vielleicht überlegen, das „Du“ allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anzubieten.

Richtig ist aber auch, dass die allermeisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dem geschäftlichen „Sie“ umgehen können, mit dem geschäftlichen „Du“ jedoch nicht immer geübt sind. „Du“ heißt nicht, dass man miteinander befreundet ist, dass man miteinander ein Bierchen trinken und über Privates sprechen möchte. „Du“ im beruflichen Kontext ist eine einfache, direkte Umgangsform, ohne Hinweis auf Status und Hierarchie. Gefühlt gibt es immer mehr Menschen, die früher „Sie“ bevorzugt haben und heute gut mit einem „Du“ leben können. Ob das aber an dem eigenen Alter und der hinzugewonnen Erfahrung liegt, oder ob es Ausdruck einer Amerikanisierung unserer Unternehmen ist, weiß ich nicht. Mit 23 Jahren Abstand weiß ich aber, was ich Herrn Bausch hätte fragen können: „Mir ist aufgefallen, dass sich die Kollegen hier im Vertrieb alle duzen. Ist das so?“ Und was auch immer seine Antwort gewesen wäre, Einfluss auf unseren Erfolg hätte es nicht gehabt.

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