Peter Drucker trifft KI
Inhaltsverzeichnis zum Aufklappen und eine Zusammenfassung zum Hören
Der Computer als „Idiot“, der Mensch als Sinngeber
Was zählt, wenn Algorithmen Antworten geben?
Druckers nüchterner Blick auf die Zukunft
Fazit
Neu: t2informatik Blogcast: Peter Drucker trifft KI – eine Zusammenfassung zum Hören in 1:30 Minuten
Fiktive Gespräche über Verantwortung, Sinn und künstliche Intelligenz
Peter Drucker prägte den Begriff der Wissensarbeit. Heute greifen Systeme genau dort ein: Sie schreiben Texte, fassen Wissen zusammen und liefern Vorschläge für Entscheidungen. Was würde Drucker dazu sagen? Welche Fragen würde er Führungskräften, IT-Beratern, Mitarbeitenden und der Gesellschaft stellen? Und welche Antworten würde er ihnen geben?
Dies ist der erste Teil einer Serie mit fiktiven Gesprächen. Peter Drucker trifft darin bekannte Personen und Menschen wie Sie und mich. Menschen mit unterschiedlichen Rollen in Organisationen, die Ängste und Sorgen, Wünsche und Hoffnungen haben. In diesen Gesprächen geht es weniger um Techniktricks und mehr um Wirkung: Was macht KI mit Verantwortung, mit Sinn und mit unserem Handeln im Alltag? Die Reihe soll anregen und zum Mitdenken und Widersprechen einladen. Und sie hält beides aus: die Faszination für neue Möglichkeiten und die Sorge vor Folgen.
Warum ausgerechnet Peter Drucker, der 2005 gestorben ist und weder die Markteinführung des iPhones noch den Durchbruch generativer KI erlebt hat? Gerade deshalb lohnt sich sein Blick. Drucker dachte nicht in Produktzyklen, sondern in Fragen, die länger tragen. Als Sozialökologe schaute er nicht zuerst auf Technologie und Werkzeuge, sondern auf Arbeit und Zusammenarbeit. Trotz allem Hype bleibt auch eine mächtige KI am Ende ein Werkzeug.
In diesem ersten Beitrag zeige ich, warum Druckers Perspektive im KI Zeitalter wirklich hilfreich ist.
Wissensarbeit wirksam machen
Woran erkennen wir gute Arbeit, wenn immer mehr Wissen automatisch erzeugt wird?
Drucker lenkte den Blick auf Arbeit, bei der Denken, Fragen und Problemlösen den Wert schaffen. Damit verschob er den Fokus im Management: weg von reiner Effizienz körperlicher Arbeit und hin zur Wirksamkeit geistiger Arbeit. Genau dieser Bereich verändert sich gerade radikal. KI erzeugt Texte, Analysen und sogar Strategievorschläge. Drucker hätte wohl weniger nach der Technik gefragt als nach ihrer Wirkung. Was bedeutet Produktivität, wenn Wissen zur Ware wird?
Seine Antwort bleibt aktuell: Menschen befähigen. Wissensarbeiter brauchen Autonomie, Verantwortung und Sinn. Wenn KI das Routinemäßige übernimmt, entsteht Raum für das Gestaltende: für Urteilskraft, Kreativität und Sinnorientierung. Druckers Mahnung klingt dabei aktueller denn je: „There is nothing so useless as doing efficiently what should not be done at all.“ Effizienz allein genügt nicht. Auch KI verlangt nach kluger und bewusster Nutzung durch bewusste Führung.
Damit sind wir bei seinem Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität: „Efficiency is doing things right; effectiveness is doing the right things.“ Genau hier liegt auch die Herausforderung der Gegenwart. Generative KI ist eine Maschine für extreme Effizienz. Doch wer nur schneller arbeitet, ohne zu prüfen, ob das Richtige getan wird, perfektioniert womöglich das Falsche.
Druckers Aussage gewinnt damit neue Relevanz: KI darf nicht zum Beschleuniger bürokratischer Routinen werden. Sie sollte stattdessen helfen, Entscheidungen kreativer, menschlicher und kundenorientierter zu treffen. Wahre Wirksamkeit entsteht, wenn Effizienz dem Sinn dient. Fortschritt heißt dann nicht, mehr zu tun, sondern bewusster zu agieren, d.h. mit Verantwortung und Orientierung. Drucker liefert den Kompass, um Technologie klug und menschlich einzusetzen.
Abbildung: Effizienz und Effektivität
Der Computer als „Idiot“, der Mensch als Sinngeber
Peter Drucker stand Computern skeptisch gegenüber, war aber kein Technikfeind. Er sah sie als präzise Logikmaschinen. In einem zugespitzten Bild nannte er sie „mechanical morons“. Damit meinte er, dass sie logisch, schnell und zuverlässig sind, aber kein Verständnis für Sinn und Zweck haben.
Seine Kritik richtete sich nicht gegen die Rechenleistung, sondern gegen die falsche Annahme, Logik könne Urteilsvermögen ersetzen. Für Drucker sind Daten noch keine Informationen. Erst eine Einordnung in einen Kontext gibt ihnen Bedeutung. Ein Unternehmen kann beispielsweise wissen, dass es 115.000 Stück eines Produkts verkauft hat, doch erst der Abgleich mit Zielen, Vorjahren oder dem, was Kunden wirklich brauchen, macht daraus Wissen, das Entscheidungen trägt.
Damals ging es um Computer. Heute stellt sich dieselbe Frage bei KI noch schärfer. KI erkennt zwar Muster in riesigen Datenmengen, doch diese zu interpretieren, bleibt Aufgabe des Menschen.
Nehmen wir als einfaches Beispiel den Kundensupport: Künstliche Intelligenz kann Antworten in wenigen Sekunden produzieren. Das ist effizient, aber ist es auch gut? Helfen schnelle Antworten dem Kunden wirklich weiter, oder gibt er nach einigen Runden im Kreis entnervt auf? Und was macht das auf Dauer mit Vertrauen und Zufriedenheit? Drucker würde sagen: „Die Entscheidung, was gute Hilfe ist, trifft die Organisation. Und je mehr KI kann, desto wichtiger wird die Frage: Wofür setzen wir sie ein? Technik schafft Möglichkeiten, Führung schafft Richtung.“
Was zählt, wenn Algorithmen Antworten geben?
Peter Drucker verstand Management als eine „Liberal Art“. Damit meinte er: Management hat mit Menschen, Werten und Verantwortung zu tun, nicht nur mit Zahlen und Effizienz. Es ist „liberal“, weil es Wissen, Selbstkenntnis und Urteilskraft verbindet. Und es ist eine „Kunst“, weil sich all das in Entscheidungen, Strukturen und Kultur bewähren muss.
Im KI Zeitalter gewinnt diese Sicht neue Tiefe. Maschinen können berechnen, kontrollieren und optimieren. Sie wissen aber nicht, wofür eine Organisation steht. Führung heißt deshalb nicht, noch mehr Kontrolle einzuführen. Kontrolle können Systeme gut. Führung heißt, Sinn zu geben, Orientierung zu schaffen und Verantwortung zu übernehmen. Wo Algorithmen Antworten liefern, wird eine Fähigkeit entscheidend: die richtigen Fragen zu stellen. Denn die größten Irrtümer entstehen nicht nur durch falsche Antworten, sondern dadurch, dass die entscheidenden Fragen fehlen.
Diese menschliche Seite des Managements führt bei Drucker direkt zur gesellschaftlichen Perspektive. Er sah Unternehmen als „Organe der Gesellschaft“. Sie existieren nicht nur für sich selbst, sondern erfüllen eine soziale Funktion. Als Sozialökologe fragte er, wie technische Veränderungen das Gleichgewicht einer Gesellschaft verschieben, zum Beispiel mit Blick auf Arbeit, Aufstiegschancen und die Stabilität der Mittelschicht.
Übertragen auf KI heißt das: Wenn Wissensarbeit automatisiert wird, geht es nicht nur um Effizienz, sondern um die Zukunft gesellschaftlicher Strukturen. Was passiert mit Fachkräften, deren Routinen Algorithmen übernehmen? Drucker hätte erwartet, dass Unternehmen Verantwortung für Umschulung und Neuorientierung übernehmen, nicht aus Altruismus, sondern aus Einsicht. Ihr eigenes Überleben hängt von einer stabilen, qualifizierten Mittelschicht ab. In diesem Sinne ist jede KI Strategie auch eine Gesellschaftsstrategie. Unternehmen sollten deshalb systematisch mitdenken, wie Automatisierung Beschäftigung, Qualifikation, Aufstiegschancen und den Zusammenhalt beeinflusst.
Druckers nüchterner Blick auf die Zukunft
Peter Drucker war ein sehr guter Beobachter und sprach von „the future that has already happened“. Dahinter steckt eine einfache Idee: Manche Entwicklungen sind bereits im Gange, auch wenn ihre Folgen erst nach und nach sichtbar werden. Wer diese Entwicklungen frühzeitig erkennt, kann schneller und besser handeln.
Der demografische Wandel ist ein gutes Beispiel: Die Geburtenraten sinken seit Jahrzehnten und die Bevölkerung wird älter. Trotzdem planen viele Organisationen, als stünde ihnen dauerhaft genug junges Personal zur Verfügung.
Übertragen auf KI würde Drucker uns mahnen, weniger über ferne Szenarien von Superintelligenzen zu spekulieren und lieber die sichtbaren Realitäten ernst zu nehmen: Fachkräftemangel, schrumpfende Belegschaften und Überalterung. In diesem Licht erscheint KI nicht als Jobkiller, sondern als mögliche Grundlage, um Produktivität und Wohlstand zu erhalten, wenn weniger Menschen arbeiten. Sie könnte einer alternden Wissensgesellschaft nutzen und gleichzeitig ihren Zusammenhalt stärken.
Fazit
Kaum jemand hat die Verbindung von Management, Menschlichkeit und Verantwortung so klar beschrieben wie Peter Drucker. Er verstand Führung nicht als reine Effizienzdisziplin, sondern als gesellschaftliche Aufgabe. Für ihn ging es immer um die Frage, wie Organisationen Wert schaffen. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch für das Gemeinwohl.
Gerade in einer Zeit, in der Daten und Algorithmen den Takt bestimmen, wirkt das fast wie ein Gegenentwurf. Drucker erinnert daran, dass Fortschritt ohne Werte leicht beliebig wird. Dann entstehen zwar Ergebnisse, aber auch Vertrauensverlust, beschädigte Glaubwürdigkeit und am Ende Gegenreaktionen. Zugleich war Drucker nicht technikskeptisch. Er sah in Neuerungen Chancen, solange sie einem Zweck dienen: Menschen wirksamer zu machen und Organisationen verantwortungsvoller.
Diese Haltung, neugierig und pragmatisch, aber nie naiv, prägt diese Beitragsserie. Sie zeigt, wie Drucker sein Denken oft im Dialog und durch die Beobachtung starker Führungspersönlichkeiten geschärft hat. Und sie zeigt, wie zeitlos Druckers Ideen sind, wenn wir künstliche Intelligenz einordnen und menschliche Maßstäbe bewahren wollen. Drucker liefert so etwas wie ein Betriebssystem für unser Denken. KI ist die neue Software. Ohne Prinzipien wie Effektivität, Verantwortung und Humanzentrierung drohen wir, extrem leistungsfähige Werkzeuge für sinnlose oder sogar destruktive Zwecke einzusetzen.
Hinweise:
Das war der Start zu einer Serie von Beiträgen, in denen Peter Drucker fiktive Gespräche mit Menschen führt, die den technologischen Optimismus, die pragmatische Anwendung, die historische Warnung und die ökonomische Realität verkörpern. Im nächsten Beitrag geht es um die Senior-Marketing-Managerin Anna, die fasziniert und gleichzeitig auch verängstigt auf künstliche Intelligenz blickt.
Dierk Söllner unterstützt Fach- und Führungskräfte bei aktuellen Herausforderungen durch professionelles Coaching und bietet nützliche Trainings zu KI an.
Hier finden Sie weitere Informationen zu Peter Drucker. Und hier finden Sie ein lesenswertes Buch von ihm: The Effective Executive.
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Dierk Söllner hat weitere Beiträge im t2informatik Blog veröffentlicht, u. a.:

Dierk Söllner
Die Vision von Dierk Söllner lautet: „Menschen und Teams stärken – empathisch und kompetent“. Als zertifizierter Business Coach (dvct e.V.) unterstützt er Teams sowie Fach- und Führungskräfte bei aktuellen Herausforderungen durch professionelles Coaching. Kombiniert mit seiner langjährigen und umfassenden fachlichen Expertise in IT-Methodenframeworks macht ihn das zu einem kompetenten und empathischen Begleiter bei Personal-, Team und Organisationsentwicklung. Er betreibt den Podcast „Business Akupunktur„, hat einen Lehrauftrag zu „Moderne Gestaltungsmöglichkeiten hoch performanter IT-Organisationen“ an der NORDAKADEMIE Hamburg und das Fachbuch „IT-Service Management mit FitSM“ publiziert.
Seine Kunden reichen vom DAX-Konzern über mittelständische Unternehmen bis zu kleineren IT-Dienstleistern. Er twittert gerne und veröffentlicht regelmäßig Fachbeiträge in Print- und Online-Medien. Gemeinsam mit anderen Experten hat er die Initiative „Value Stream“ gegründet.
Im t2informatik Blog veröffentlichen wir Beträge für Menschen in Organisationen. Für diese Menschen entwickeln und modernisieren wir Software. Pragmatisch. ✔️ Persönlich. ✔️ Professionell. ✔️ Ein Klick hier und Sie erfahren mehr.



