Humor im Projekt

Gastbeitrag von | 21.07.2022

Eine Brise schwarzer Humor ist für das Überleben im Projekt wichtig.

Warnhinweis: Der folgende Text enthält Spuren schwarzen Humors und ist nicht für jeden Leser geeignet. Humorbefreite Zeitgenossen, die ungern lachen und die Dinge zu ernst nehmen, werden möglicherweise mehr Freude bei der statistischen Auswertung des letzten Geschäftsjahres verspüren; alle anderen dürfen sich auf ungewohnten Humor, Irritation und diverse Nebenwirkungen freuen.

Luigis Problemlöser GmbH – wo Igor und Luigi walten, wird jedes Problem garantiert gelöst

Morgens, halb 10 in Deutschland. Zufrieden packt Igor seine Folterwerkzeuge zusammen. Das Projektmeeting war ein voller Erfolg. Nicht einmal 30 Minuten hatte er gebraucht. Die Projektleitung war schnell handzahm, als er die Budgetdaumenschrauben angezogen und dezent auf einige weitere heiße Controlling-Eisen hingewiesen hatte, die er noch im Feuer hielt. Nicht einmal die Ziel-Streckbank hatte er erwähnen müssen. „So muss es laufen“, dachte er sich.

Igor ist ein Businessfolterknecht der Extraklasse. Er wird immer dann geholt, wenn es nicht rund läuft und man wieder jemandem Beine machen muss. Eigentlich war er ja längst im Ruhestand. Gut, in seinem Folterkeller war es fast ein wenig zu ruhig und kaum jemand fand noch den Weg zum ihm in die Katakomben in der Altstadt. Wer hat heute noch Bedarf an einer peinlichen Befragung? Seit der Französischen Revolution, eigentlich schon früher, aber ab hier endgültig, wurden kaum ordentliche Befragungen durchgeführt. Man muss ja heutzutage Beweise liefern und keine Geständnisse, um ein Urteil zu fällen. Wobei mit Blick auf das moderne Management… 

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Eines Tages ereilte ihn der Ruf eines Freundes. Luigi, er macht die besten Betonschuhe nördlich der Alpen und ist Geschäftsführer von Luigis Problemlöser GmbH – Sie haben vielleicht schon mal von ihr gehört. Luigi suchte dringend Verstärkung. Menschen mit Erfahrung. Nicht ganz einfach, diese heute zu finden. Die Nachfrage war einfach zu groß geworden, der Bedarf an Problemlösern riesig, doch leider waren nur ungeeignete Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt verfügbar. Oder wie Luigi so schön sagte: „Dilettanten gibt es genug. Ich möchte nur mit Profis arbeiten!“

Es hatte Luigi schon einiges an Überredungskunst gekostet, um Igor für die moderne Businesswelt zu gewinnen. Aber am Ende hatte sich Igor breitschlagen lassen, seine Ausrüstung modernisiert und die Kapuze mit dem Anzug getauscht. Manager, die tote Pferde reiten oder Mitarbeiter mit Businessmystik wie Magier beschwören, waren zwar nicht seine Spezialgebiet, aber eigentlich war es früher auch nicht anders. Heute sind es Manager, früher waren es Kaiser, Könige und Päpste. In der  Selbstwahrnehmung sind die Übergänge fließend.

Das Geschäft boomt jedenfalls. Die Problemlöser werden immer dann gerufen, wenn

  • Manager nicht spuren,
  • Projektleiter nicht liefern,
  • Stakeholder ignoriert,
  • Budgets nicht eingehalten,
  • Deadlines verpasst,
  • Business Cases gerissen werden oder
  • Projektarbeiter verzweifelt darauf warten, dass Entscheidungen getroffen werden, damit sie weiterwirken können.

Die beiden Freunde sind also gefragte Experten in vielen Unternehmenszentralen der Republik. Nach und nach wächst das Team: „Little Britches“, die Großwildjägerin, ist als Managerbändigerin hinzugekommen, und auch der „Irre Harris“ schüchtert seit Kurzem mit seinem Blick widerspenstige Lieferanten ein, die sich vehement weigern, den Kunden in den Fokus zustellen.

Mit Blick auf die Demografie und den wachsenden Bedarf hat Lugis Problemlöser GmbH sogar begonnen, eigene Fachkräfte auszubilden, sodass eine Gruppe von (handverlesenen) Junioren tatkräftig wirken kann. Allerdings müssen Luigi und Igor immer wieder aussieben – der Job passt nicht für jeden. Doch keine Sorge, die jungen Leute finden dank ihrer Erfahrung schnell neue, wohlklingende Jobs in großen Konzernen…

Keine Panik

Gibt es Igor und Luigi wirklich? Zum Glück nicht. Sie können ganz beruhigt sein. Nein, morgen stehen die beiden nicht vor Ihrer Unternehmenszentrale. Beide sind nur das Ergebnis zweier schwarzhumoriger Zeitgenossen, die beim Versuch, am Wahnsinn des Alltags nicht zu verzweifeln, in abendlicher Runde im Rahmen eines  Projektmanagement-Barcamps entstanden. Obwohl, wer weiß, vielleicht gibt es Luigis Problemlöser GmbH unter anderem Namen doch… 😉

Die beiden Alteregos gehören seit dieser Zeit zu meinen steten Wegbegleitern. Humor ist ein hervorragendes Ventil, um in so manch ausweglos erscheinenden Situation die Anspannung der Betroffenen zu lösen. Natürlich nicht in jeder Situation. Dennoch hat Luigis Problemlöser GmbH schon für viele Lacher gesorgt und dabei nicht nur Erheiterung beigetragen, sondern auch kräftig „Druck vom Kessel“ der Beteiligten genommen.

Seien wir ehrlich: In der Komplexität, in der wir uns in unserem Organisationsalltag wiederfinden, ist es oft schwer, nicht zu verzweifeln. Während man versucht, Probleme zu lösen, tauchen ständig neue Herausforderungen auf. Frust macht sich breit, der Druck steigt und alle Beteiligten sind dermaßen auf die vermeintlichen Probleme fixiert, dass an ein lösungsorientiertes Arbeiten gar nicht zu denken ist. Hier hilft es mitunter, Humor als Überdruckventil zu nutzen und herzhaft und gemeinsam zu lachen. Danach sind die Problem und Herausforderungen zwar nicht verschwunden, doch die Spannung und der Druck werden als deutlich geringer wahrgenommen. Humor wirkt geradezu befreiend.

Mit Humor verpackt, verdaut es sich leichter

Den Humor-Effekt kann man sich auch noch anders zu eigen machen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich eines meiner Lieblingsbücher schon zitiert habe, um auf so manchen kritischen Punkt hinzuweisen. Gerade überbordende Prozesse, endlose Abstimmungsrunden oder ewig lange Abstimmungsschleifen sind ein häufiges Ärgernis – nicht nur in Projekten. Und dann kann ich es mir nicht verkneifen.

Viele kennen zwar das Parkinsonsche Gesetz¹, aber nur wenige haben auch das zugehörige Buch gelesen.² Dabei strotzt es vor schwarzem-trockenen Humor. Es nimmt zeitlos gängige Probleme der Organisation sachlich fundiert auf Korn. Und so lacht man beim Lesen, bei den extremsten Blüten, die eine bürokratische Organisation treibt, anstatt sich entsetzt abzuwenden. Auch dann, wenn man seine eigene Organisation wiedererkennt.

Von dieser Sorte Buch habe ich zwischenzeitlich einige in meiner kontinuierlich wachsenden Bibliothek, doch mein Favorit ist und bleibt eben das Werk von C. Northcote Parkinson, dass er bereits 1956 geschrieben hat! Gerade wegen der Kombination seines beißenden englischen Humors und der hohen fachlichen Reputation. Und so lässt sich so manche, schwer verdauliche Kost schmackhaft verpackt leichter an die Entscheider:innen bringen. Und wenn nicht, dann habe ich wenigstens etwas zum Lachen. Danach geht es mir einfach besser.

Fazit: Humor ist die ultimative Überlebensstrategie

Es gibt Konstellationen im Alltag, insbesondere in großen und – ja, die Bürokratie ist einfach nicht totzukriegen, weil am Ende ein notwendiges Übel – bürokratischen Organisationen, da ist die Resignation nah. Eine Brise geballten (schwarzen) Humors ist hier – zumindest für mich – die beste Medizin, um nicht an der Realität zu verzweifeln.

Humor ist die ultimative Überlebensstrategie im Umgang mit der realen Welt. Gemeinsames Lachen entspannt nicht nur, nein, es baut sogar Brücken. Sie wissen ja, wenn das Team nicht weiter weiß – Igor und Luigi anrufen und et voilá morgen ist das Problem gelöst. Oder auch nicht. Es geht uns aber besser, Blockaden fallen weg und wir können uns wieder auf das Fokussieren, was uns weiterbringt.

Wer lacht, der begegnet dem Wahnsinn des Arbeitsalltags wesentlich resilienter. Oder anders ausgedrückt: „Ich habe entschieden zu lachen, weil es meine Gesundheit fördert.“ (Ich hoffe, Voltaire verzeiht mir die Abwandlung seiner Worte³ und bestellt für mich keine Betonschuhe bei Luigi.)

Aber Achtung: Humor muss fair bleiben und darf niemals unter die Gürtellinie zielen. Humor auf Kosten anderer ist Tabu. Es gibt Grenzen und diese können mitunter beim Thema Humor sehr fein verlaufen. Aber das wissen Igor und Luigi natürlich.

 

Hinweise:

[1] Was ist eigentlich Parkinsons Gesetz?
[2] C. Northcote Parkinson: Parkinson’s Law, and Other Studies in Administration
[3] Voltaire, Brief an Abbé Trublet: „Ich habe beschlossen, glücklich zu sein – denn es ist förderlich für die Gesundheit.“

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Thomas Michl
Thomas Michl

Thomas Michl ist Dipl.-Verw.Wiss. und MBA. Nach 10 Jahren im öffentlichen Dienst ist der leidenschaftliche Agilist seit Anfang 2019 für die Exxeta AG als Agile Coach tätig. Herr Michl zählt zu den Gründungsmitgliedern des Forums Agile Verwaltung und ist Vorstandsmitglied des Trägervereins. Das Forum Agile Verwaltung wird ehrenamtlich getragen und hat sich zum Ziel gesetzt, die Idee des Agilen Manifests in die öffentliche Verwaltung zu tragen, in dem es eine Plattform für den Austausch und die kollegiale Beratung bietet.