Technisch möglich, inhaltlich zweifelhaft

von | 13.07.2026

„Softwareentwicklung bei t2informatik“ – so lautete der Betreff einer E-Mail, die wir letzte Woche erhalten haben.

Das Besondere an der Bewerbung: Der Bewerber wies selbst darauf hin, dass sie vollständig mit KI generiert, auf Basis unserer Website-Inhalte erstellt und anschließend automatisiert verschickt wurde. Gleichzeitig verstand er die Bewerbung als praktisches Beispiel für seine Fähigkeiten: einen Java/Spring-basierten Outreach-Workflow, der passende Unternehmen identifiziert, Inhalte analysiert und daraus automatisiert Bewerbungen erzeugt.

Technisch war das durchaus interessant.

Und trotzdem blieb bei mir weniger Bewunderung zurück als Irritation.

So sehr die Bewerbung zeigen sollte, dass der Bewerber KI und moderne Softwareentwicklung versteht, so wenig zeigte sie etwas anderes: echtes Interesse an uns. An unserer Arbeit und unserer Kultur. An der Frage, warum gerade t2informatik ein guter Ort für ihn sein könnte und warum er zu uns passen würde.

Genau darin liegt für mich ein zentrales Spannungsfeld im Umgang mit KI: Wir können heute mit erstaunlich wenig Aufwand Dinge erzeugen, die formal richtig, sprachlich sauber und technisch beeindruckend sind. Aber nicht alles, was sich erzeugen lässt, ist deshalb auch sinnvoll, hilfreich oder überzeugend.

Manches ist technisch möglich, aber inhaltlich zweifelhaft.

Einige Beispiele und KI als Mittel zum Zweck

Eine automatisierte Bewerbung ist ein Beispiel für neue Möglichkeiten, KI für definierte Tätigkeiten zu nutzen. Sie ist aber längst nicht das einzige.

  • Sie wollen sich mit Menschen auf LinkedIn vernetzen und so die Basis für eine Geschäftsbeziehung legen? Kein Problem.
  • Sie möchten Menschen mittels Sprachcomputer telefonisch akquirieren? Technisch möglich.
  • Sie wollen mit Menschen interagieren, die Ihre Website besuchen? Der Chatbot steht rund um die Uhr zur Verfügung.
  • Sie möchten Ihre Produkte verkaufen und dafür gescrapte Informationen von Webseiten für Cold-Mailings nutzen? Ein Kinderspiel.

KI ist bei diesen und vielen weiteren Beispielen längst Mittel zum Zweck. Sie verdichtet Informationen, schreibt Texte und führt Workflows aus. Das kann beeindruckend sein. Es kann Zeit sparen. Es kann Abläufe erleichtern. Tolle, neue Welt.

Doch halt: Welches Problem löst KI dabei wirklich?

Offensichtlich löst sie zunächst ein Mengen- und Zeitproblem. Auf LinkedIn gibt es sehr viele Menschen, die grundsätzlich für die unternehmenseigene Dienstleistung interessant sein könnten. Sie alle manuell anzusprechen, dauert viel zu lange. In der freien Wildbahn gibt es noch viel mehr Menschen mit Telefonanschluss. Da Akquise-Agenturen verhältnismäßig teuer sind, liegt der Einsatz von KI natürlich nahe. Der Support arbeitet nur zu unternehmensüblichen Zeiten, der Chatbot kennt aber keine Arbeitszeiten, keinen Urlaub und keine Biopause. Und Mailings? Wenn Large Language Models etwas können, dann Texte generieren.

So betrachtet klingt KI nach einer ziemlich naheliegenden Lösung. Tolle, neue Welt.

Aber heiligt der Zweck wirklich die Mittel? Und welche Probleme löst KI vielleicht dann doch nicht?

Was ist der wahre Zweck?

Wenn KI das Mittel ist, was ist dann eigentlich der wahre Zweck?

  • Die Vernetzung mit Menschen auf LinkedIn in großer Stückzahl?
  • Die Ansprache von möglichen Interessenten via Telefon?
  • Die fachlich fundierte Klärung von offenen Fragen?
  • Oder das Wecken von Interesse bei potenziellen Kunden?

Das ist nicht der Zweck. Für diese Dinge bräuchten wir keine KI. Wir könnten Menschen genauso manuell kontaktieren, sie anrufen, ihre Fragen von Angesicht zu Angesicht beantworten oder sie persönlich auf unsere Produkte hinweisen. Die Handlung selbst ist also nicht der Grund, warum wir sie tun.

Der eigentliche Zweck liegt eine Ebene tiefer: Beziehung.

Wir vernetzen uns nicht, um eine Kontaktliste zu füllen, sondern weil wir hoffen, dass daraus irgendwann etwas Tragfähiges entsteht. Wir rufen nicht an, um ein Skript abzuarbeiten, sondern weil wir herausfinden wollen, ob es eine Basis für ein gemeinsames Miteinander gibt. Wir beantworten Fragen nicht, um Anfragen abzuschließen, sondern weil wir zeigen wollen, dass sich jemand kümmert. Wir wecken Interesse nicht als Selbstzweck, sondern weil am Ende eine Zusammenarbeit stehen soll, die auf beiden Seiten funktioniert.

Und genau hier zeigt sich das eigentliche Problem: KI kann die Handlung liefern, aber nicht das, was die Handlung tragen sollte. Sie kann vernetzen, ohne dass Beziehung entsteht. Sie kann anrufen, ohne dass Vertrauen wächst. Sie kann antworten, ohne dass jemand sich verstanden fühlt.

Das ist kein technisches Problem. Es ist eine Verwechslung von Mittel und Zweck.

Wer den Zweck aus den Augen verliert, hält irgendwann die Häufigkeit der Handlung selbst für den Erfolg. Mehr LinkedIn-Kontakte, mehr Anrufe, mehr beantwortete Tickets oder mehr Mails. Die Zahlen steigen und trotzdem entsteht vielleicht keine einzige belastbare Beziehung.

Aber KI kann doch schon so viel

Aber, aber KI kann doch schon so viel. Und zukünftig kann sie bestimmt noch viel mehr. Und das dann auch besser als es die meisten Menschen können.

Stimmt. KI leistet heute schon viel und unterstützt Menschen bei allerlei berufsbezogenen Tätigkeiten. Wer sich schwertut, kurze und prägnante E-Mails zu verfassen, freut sich über wahre Wundersätze der flinken Text-Automaten. Wer keine Lust hat, seitenlange Zusammenfassungen von Meetings zu schreiben, hofft inständig auf technische Unterstützung, um digitale Papiermonster per Zauberhand zu erstellen. Und wer nicht weiß, wie ein Gesprächsleitfaden für ein Erstgespräch aussehen kann, promptet sein Problem, um prompt den Leitfaden im Interessentengespräch auszuprobieren.

Das alles kann hilfreich sein.

KI ist nicht das Problem. Auch Automatisierung ist nicht das Problem. Problematisch wird es dort, wo wir so tun, als könne die technische Erzeugung einer Handlung bereits das ersetzen, was diese Handlung eigentlich leisten soll.

Beziehung.

Das ist das Zauberwort, um das es in Wahrheit geht. Beziehung ist die Grundlage für den Zweck der von mir wiederholt genannten Beispiele. Ohne Beziehung ist all das, was von einer KI kommt oder mithilfe einer KI erstellt wird, wenig wert. Es ist schlicht Output. Schnell generiert, leicht dokumentiert. Jedoch ohne sonderlichen Wert und nur in wenigen Ausnahmen mit Wirkung.

Wollen wir uns das ein kleines bisschen genauer anschauen?

Die Beziehung als Basis für alles Positive, das folgt

„Menschen kaufen von Menschen“ ist keine sonderlich neue Erkenntnis. Sie stimmt zwar nicht in 100 Prozent der Fälle, aber erstaunlich oft. Wann stimmt sie? Wenn es eine Beziehung zwischen den Beteiligten gibt. Wenn ein gewisses Maß an Vertrauen vorhanden ist. Wenn der Beziehungsaufbau angemessen erfolgt, also beispielsweise kompetent, sympathisch und menschlich.

Was machen viele Menschen, nachdem sie sich automatisiert mit anderen Menschen vernetzt haben, ohne dass diese es überhaupt merken können? Sie verschicken mithilfe von KI automatisierte Nachrichten. Formal passend, freundlich formuliert, technisch sauber. Mit scheinbar persönlichem Bezug. Und doch häufig ohne echtes Interesse.

Hinzu kommt: Viele Menschen merken inzwischen ziemlich schnell, ob ihnen ein Mensch schreibt oder eine Maschine. Sie erkennen die Muster, die glatten Formulierungen und die scheinbare Individualisierung. Und sobald dieser Eindruck entsteht, passiert das Gegenteil von dem, was eigentlich erreicht werden sollte. Statt Vertrauen entsteht Distanz.

Lässt sich so eine Beziehung aufbauen?

Meine klare Antwort: Nein, so funktioniert das nicht.

Eine Beziehung ist etwas, das sich entwickelt. Kein Schnellschuss. Kein One-Hit-Wonder.

Könnte KI hierbei behilflich sein? Natürlich. Aber eben nicht als Mengen- oder Zeitoperator, sondern als punktuelle Unterstützung. Bei der Formulierung der einen Frage, die Sie einem konkreten Menschen stellen wollen, weil Sie die Antwort auf diese Frage interessiert. Diese Frage kann die Basis für einen Austausch zwischen zwei Menschen sein. Sie kann eine Beziehung begründen, die vielleicht irgendwann in eine Geschäftsbeziehung mündet.

Fazit: Technisch möglich ist nicht genug

Die automatisiert erzeugte Bewerbung war technisch interessant. Sie zeigte, was heute mit KI, Website-Analyse und Workflow-Automatisierung möglich ist. Und genau deshalb war sie ein gutes Beispiel für das Spannungsfeld, in dem wir uns gerade bewegen.

KI kann helfen. Sie kann Informationen verdichten, Texte vorbereiten, Gedanken sortieren, Gesprächsimpulse liefern und Menschen dabei unterstützen, besser zu formulieren, klarer zu strukturieren oder gezielter zu kommunizieren. Auch im Beziehungsaufbau kann sie nützlich sein: bei der Vorbereitung auf ein Gespräch, bei der Recherche zu einem Unternehmen, bei der Formulierung einer guten Frage oder beim Herausarbeiten eines möglichen gemeinsamen Anknüpfungspunktes.

Aber sie kann den eigentlichen Beziehungsaufbau nicht ersetzen.

Eine Nachricht wird nicht dadurch überzeugend, dass sie formal gut klingt. Ein Anruf wird nicht dadurch wertvoll, dass er effizient ausgelöst wird. Eine Bewerbung wird nicht dadurch passend, dass sie auf Basis einer Website generiert wurde. Entscheidend ist, ob hinter der Handlung echtes Interesse erkennbar wird. Ob ein Mensch bereit ist, sich mit einem anderen Menschen, einem Unternehmen, einer Situation oder einem Anliegen wirklich auseinanderzusetzen.

Genau hier verläuft die Grenze zwischen sinnvoller Unterstützung und zweifelhafter Automatisierung.

Wer KI nutzt, um besser zuzuhören, genauer hinzusehen, klügere Fragen zu stellen oder Gedanken sorgfältiger zu formulieren, kann Kommunikation verbessern. Wer KI nutzt, um Interesse, Nähe oder Beziehung nur zu simulieren, erzeugt vor allem eines: Output. Vielleicht viel Output. Vielleicht sogar beeindruckenden Output. Aber nicht zwingend Wirkung.

Am Ende ist die entscheidende Frage deshalb nicht: Geht das technisch?

Die entscheidende Frage lautet: Ist es inhaltlich sinnvoll?

Nur weil etwas technisch möglich ist, kann es trotzdem inhaltlich zweifelhaft sein. Es liegt an Ihnen, es besser zu machen.

 

Hinweise:

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Michael Schenkel
Michael Schenkel

Leiter Marketing, t2informatik GmbH

Michael Schenkel hat ein Herz für Marketing – da passt es gut, dass er bei t2informatik für das Thema Marketing zuständig ist. Er bloggt gerne, mag Perspektivwechsel und versucht in einer Zeit, in der vielfach von der sinkenden Aufmerksamkeitsspanne von Menschen gesprochen wird, nützliche Informationen – bspw. hier im Blog – anzubieten. Wenn Sie Lust haben, verabreden Sie sich mit ihm auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen; mit Sicherheit freut er sich darauf!

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