Stoppt die Selbstausbeutung

Gastbeitrag von | 13.04.2026

Ein Appell für ein lebens- und liebenswerteres Leben jenseits von Selbstausbeutung

Unsere Welt ist im Umbruch. Etablierte Strukturen, Methoden und Vorgehensweisen wirken zunehmend veraltet und oft eher starr als stabil. In der Sorge um den Verlust von Kontrolle über unser Leben und unsere Wirtschaft werden neue Ansätze in immer kürzeren Abständen durch Unternehmen und Gesellschaft gejagt. Mitarbeitende sprechen nicht ohne Grund von „der nächsten Sau durchs Dorf treiben“. Kaum haben wir verstanden, was uns das Neue bringt, gibt es schon das Neuere. Viel Geld und Aufwand wird investiert, ohne das „Wofür“ und die tatsächlichen Ergebnisse angemessen auszuwerten. Und das Allerneueste lockt schon mit noch gigantischeren Versprechen.

Gleichzeitig werden die Stimmen lauter, die eine Rückkehr „zum guten Alten“ fordern. Längere Arbeitszeiten und klare Hierarchien, der Wirtschaftsaufschwung der 60er und 70er Jahre lässt grüßen. Wer diese Zeit erlebt hat und zugleich das Heute ernst nimmt, weiß jedoch, dass dies ein Irrglaube ist. Wie soll etwas helfen, das unter völlig anderen Rahmenbedingungen entstanden ist? Globalität? Klar, wir orientieren uns an den US-Amerikanern. Komplexität? Am besten ignorieren. Emotionale Intelligenz? Wenn das unbedingt sein muss, dann im Privaten. Arbeitende Frauen? Na, die haben es wohl nötig.

Und dennoch sollen uns genau diese Werte und Strukturen in die Zukunft führen? Das irritiert und wirkt mitunter wie eine Beleidigung der eigenen Intelligenz.

Last statt Lust

Bei all diesen Versuchen wächst die Arbeit auf den Schreibtischen weiter an. Ich kenne kaum noch jemanden, der abends vor einem leeren Schreibtisch aufsteht, egal ob dieser real oder digital ist. Gleichzeitig befinden wir uns in einem dauerhaften Lernprozess. Die Älteren müssen sich neue Methoden und neues Wissen aneignen, die Jüngeren sollen die viel zitierten „guten alten Werte“ erst einmal einordnen, und die Generation dazwischen versucht, beidem gerecht zu werden.

Die sichtbaren Ergebnisse bleiben jedoch oft hinter den Erwartungen zurück. Deutschland hat Probleme mit der Infrastruktur. Die Digitalisierung geht vielerorts mit zunehmender Nutzerunfreundlichkeit und mangelhafter Funktionalität einher. Innovative Technologien werden ins Ausland verlagert, und inzwischen entstehen dort auch die entsprechenden Produkte.

Was bleibt da, ganz klassisch gedacht, außer der Forderung, einfach wieder mehr zu arbeiten? Bereits im Schulsystem werden wir auf Fleiß und Durchhaltevermögen getrimmt, obwohl viele Inhalte noch dem Stand der 1970er Jahre entsprechen. Eine grundlegende Modernisierung der Inhalte bleibt oft aus. Stattdessen werden auch im Bildungssystem immer neue Methoden eingeführt, ohne dass deren Wirkung nachhaltig überprüft wird.

Menschen sind Gewohnheitstiere. Oder wie Gerald Hüther es formuliert hat: „Was soll aus dem Gehirn eines Kindes, das den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt, anderes werden als ein Fernseher.“ Was also soll in Unternehmen ankommen, wenn nicht fleißige Mitarbeitende, die sich für vermeintlichen Erfolg bis zur Erschöpfung verausgaben? Neue Methoden werden zwar nicht unbedingt begrüßt, aber zunehmend erschöpft mitgetragen. Selbstausbeutung lässt grüßen.

Der Kreislauf der Selbstausbeutung

Es stellt sich die Frage, was uns als intelligente und lernfähige Individuen eigentlich dazu bringt, uns bis an den Rand der Erschöpfung oder sogar darüber hinaus zu verausgaben und dabei nur selten herausragende Ergebnisse zu erzielen.

Dass es Spaß an der Arbeit ist, mag ich im Jahr 2026 nicht annehmen. Ich habe einen ziemlich umfangreichen Bekanntenkreis und die Zahl derer, die in meinem beruflichen und privaten Umfeld wirklich mit Freude zur Arbeit gehen, ist überschaubar. Was also sind unsere inneren Antreiber für diese Form der Selbstausbeutung, die weder mit Arbeitsfreude noch mit besonderem Erfolg einhergeht?

Sicher spielt die Prägung durch Bildungssystem und gesellschaftliche Werte eine Rolle. Gleichzeitig haben Menschen zu allen Zeiten gezeigt, dass sie zu Wandel und Transformation fähig sind. Was also scheuen wir?

Meine Erklärung ist einfach, aber leider auch fatal: Wir haben keine klare Vorstellung davon, wie wir den notwendigen Wandel bewältigen können. Es fehlen Vertrauen und Kompetenzen. Die Folge ist Verunsicherung. Ohne ein Mindestmaß an Sicherheit gelingt jedoch weder angemessenes noch innovatives Handeln. Hinzu kommt, dass uns eine Vision fehlt, die über bekannte Muster wie Wachstumswirtschaft, „Geiz ist geil“ oder „größer, schneller, weiter“ hinausgeht.

Also vermeiden wir das Unbekannte. Den meisten von uns geht es noch vergleichsweise gut. Warum also aufbrechen in eine neue, ungewisse Richtung? Gleichzeitig ist klar, dass wir etwas tun müssen, um unseren Standard zu halten. So bleibt oft nur ein Weiter mit „mehr vom selben“. Jeder gibt noch ein wenig mehr, und alles wird schon funktionieren. Schließlich hat es früher auch funktioniert.

Doch genau hier beginnt der Teufelskreislauf. Wir werden nach und nach müde und ausgelaugt, während wir weiterhin versuchen, durch mehr Einsatz die bestehenden Probleme zu lösen. Transformation funktioniert so jedoch nicht. Sie ist mit Unsicherheit und Ungewissheit verbunden und nicht mit „mehr vom selben“. Die notwendigen Kompetenzen müssten wir erst erlernen und trainieren. [1] Doch dafür fehlen Zeit, Energie und häufig auch der Mut. Selbst grundlegende Fähigkeiten wie achtsame Wahrnehmung geraten im Arbeitsalltag zunehmend in den Hintergrund.

Und damit schließt sich der Kreis. Für das Neue sind wir nicht ausreichend vorbereitet, also bleiben wir im Alten und verstärken es weiter. Mit Druck von außen und von innen, mit Ausbeutung und Selbstausbeutung.

Den Durchbruch schaffen

Teufelskreise lösen sich nicht von selbst, sie müssen aktiv durchbrochen werden. Doch wo ansetzen? Sicher nicht bei denen, die das bestehende System zu ihrem Vorteil nutzen und es deshalb stabilisieren. Entscheidend sind vielmehr Selbstwirksamkeit und Graswurzelbewegung. Veränderung beginnt bei jedem Einzelnen und gewinnt dann an Breite.

Dafür brauchen wir Zeit und Energie. Beides gewinnen wir nur, wenn wir die Selbstausbeutung stoppen. Der Schreibtisch wird ohnehin nicht leer, und die erzielten Ergebnisse rechtfertigen keine dauerhafte Überlastung. Die möglichen Folgen wie körperliche und mentale Erkrankungen sind gravierend, ein Blick in die Auslastung der Kliniken macht das deutlich.

Gleichzeitig gilt: Transformation und das Erlernen neuer Kompetenzen erfordern ebenfalls Zeit und Energie. Es stellt sich also die Frage, ob wir nicht Gefahr laufen, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Und genau hier liegt die Falle. Wenn wir Transformation so angehen, wie wir es aus Schule und Ausbildung gewohnt sind, landen wir erneut beim „Mehr vom selben“. Der Kreislauf bleibt geschlossen und der Weg ins Neue wird dann lediglich zur nächsten Methode, die zusätzlichen Druck erzeugt.

Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn Transformation vor allem dazu dient, noch mehr Leistung aus Menschen herauszuholen, häufig mit dem Ziel, den monetären Erfolg Einzelner zu steigern.

Transformation jenseits von „höher, weiter, schneller“

Vermutlich wird Sie das jetzt etwas überraschen: Was wir anstelle von Selbstausbeutung durch immer mehr Arbeit brauchen, sind Zeiten in der Natur. Sie helfen uns, unsere achtsame Wahrnehmung zu trainieren, aus der Illusion auszusteigen, alles beherrschen und kontrollieren zu können, und vor allem, Kreativität und Lebensfreude wiederzugewinnen. Wir sind lebendige Wesen. [2]

Es geht um bewusstes, achtsames Bewegen in der Natur, darum, sie wahrzunehmen, sich zu erden und gelassener zu werden. [3] Das kann ein erster wirksamer Schritt gegen Selbstausbeutung sein. Gleichzeitig eröffnet sich die Chance, eine neue Haltung zu entwickeln. Wir Menschen sind Teil des Lebendigen, und unser Wohlergehen hängt von dem unserer Umwelt ab.

Ein möglicher Nebeneffekt ist, dass wir mit weniger Technik auskommen. Klarer formuliert: Wir sollten diese Erfahrungen machen. Technik ist zwar ein wesentlicher Faktor von Ungewissheit, aber sie ist kein guter Lehrer dafür, wie wir mit ihr leben, weil ihr die physische und lebendige Grundlage fehlt. [4]

Fazit

„Mehr vom selben“ führt uns nicht aus dem Kreislauf der Selbstausbeutung, sondern hält ihn am Laufen. Wenn wir weiter versuchen, die Herausforderungen unserer Zeit mit noch mehr Einsatz und Fleiß zu lösen, verstärken wir genau das Problem, das wir eigentlich überwinden wollen.

Besinnen wir uns auf wichtige Dinge und stoppen wir die Selbstausbeutung. Die Natur hilft uns dabei. Die gewonnene Zeit und Energie sind jedoch keine Lücke, die es sofort wieder zu füllen gilt. Sie sind die Voraussetzung dafür, überhaupt anders denken und handeln zu können. Für mehr Wahrnehmung, für eine veränderte Haltung und für den Mut, neue Wege zu gehen.

Das ist nicht nur eine persönliche Entscheidung, es geht auch um unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft. Eine Welt, die dauerhaft auf Überlastung baut, wird nicht stabil sein. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Perspektive: neue Lebensenergie, mehr Lebensfreude und ein bewussteres Erleben dessen, was uns als Menschen ausmacht.

 

Hinweise:

[1] freiKopfler Podcast: Wie können wir lernen mit Ungewissheit besser umzugehen?
[2] Stephanie Borget: Macht und Selbstausbeutung
[3] Das hat wenig mit in den Sozialen Medien verbreiteten Bildern hipper Menschen auf Gipfeln, vor Klippen etc. zu tun, deren Ausrüstung und Vorbereitung oft genug zeigt, dass sie eben so gar nichts von der Natur verstehen, und die damit andere Menschen, wie z.B. die Bergwacht, zur Selbstausbeutung motivieren.
[4] GPM: Studie zum Umgang mit Ungewissheit in Projekten

Zu Ungewissheitskompetenzen und zur Relevanz gefühlter Sicherheit siehe „Was wir von Raumschiff Enterprise lernen können“ und Wissen kompakt: Ungewissheit.

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Astrid Kuhlmey hat weitere Beiträge im t2informatik Blog veröffentlicht, u. a.:

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Astrid Kuhlmey
Astrid Kuhlmey

Dipl.Inf. Astrid Kuhlmey verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Projekt- und Linienmanagement der Pharma-IT. Seit 7 Jahren ist sie als systemische Beraterin tätig und begleitet Unternehmen und Individuen in notwendigen Veränderungsprozessen. Ihr liegen Nachhaltigkeit sowie gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel und Entwicklung am Herzen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie einen Ansatz entwickelt, Kompetenzen zum Handeln und Entscheiden in Situationen der Ungewissheit bzw. Komplexität zu fördern.

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