FOBO
FOBO – Wenn die eigene berufliche Relevanz infrage steht
Eine KI fasst in wenigen Sekunden einen Bericht zusammen, sie formuliert Texte, analysiert Daten, erstellt Präsentationen oder unterstützt bei der Programmierung. Tätigkeiten, die bislang Erfahrung und Zeit erforderten, lassen sich heute zu großen Teilen automatisieren und beschleunigen.
Solche Entwicklungen können eine naheliegende Frage auslösen: Wird das, was ich heute kann, in einigen Jahren überhaupt noch gebraucht?
Genau diese Sorge wird im Zusammenhang mit KI und Automatisierung zunehmend als FOBO, „Fear Of Becoming Obsolete“, bezeichnet. Er steht für die Befürchtung, dass KI oder Automatisierung die eigene berufliche Rolle gefährden könnten. [1] Es handelt sich aber nicht um eine medizinische Diagnose und auch kein klar abgegrenztes psychologisches Störungsbild. Der Begriff dient vielmehr als eingängige Bezeichnung für Sorgen, die in der Forschung unter Begriffen wie technologiebedingte Arbeitsplatzunsicherheit oder „technology-induced job insecurity“ untersucht werden. [2]
Woher kommt der Begriff FOBO?
Das Akronym FOBO ist älter als die aktuelle Diskussion über künstliche Intelligenz. Patrick J. McGinnis verwendete es bereits 2004 für „Fear of a Better Option“. Gemeint ist damit die Schwierigkeit, sich für eine Möglichkeit zu entscheiden, weil möglicherweise noch eine bessere Option auftauchen könnte. [3]
„Fear of Becoming Obsolete“ ist eine jüngere Verwendung desselben Kürzels. Im Zusammenhang mit KI und Arbeitswelt steht FOBO heute für die Sorge, beruflich überflüssig oder weniger relevant zu werden. Wer nach FOBO recherchiert, kann deshalb auf zwei unterschiedliche Bedeutungen stoßen. Der jeweilige Kontext entscheidet, welche davon gemeint ist.
Was steckt hinter FOBO?
FOBO kann sich auf unterschiedliche Ebenen der eigenen Arbeit beziehen:
- Die offensichtlichste Sorge betrifft den Arbeitsplatz selbst: Könnte meine Tätigkeit irgendwann vollständig automatisiert werden?
- Daneben gibt es eine zweite Form der Unsicherheit. Auch wenn ein Arbeitsplatz bestehen bleibt, können sich Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Anforderungen verändern. Beschäftigte können also befürchten, dass ihre Rolle zwar erhalten bleibt, wichtige Bestandteile ihrer Arbeit aber an Bedeutung verlieren oder sich verschlechtern.
In diesem Zusammenhang wird zwischen quantitativer und qualitativer Arbeitsplatzunsicherheit unterschieden. Quantitative Arbeitsplatzunsicherheit betrifft den möglichen Verlust des Jobs. Qualitative Arbeitsplatzunsicherheit bezieht sich dagegen auf die Sorge, dass wichtige Merkmale der eigenen Arbeit verloren gehen oder an Wert verlieren. [4]
FOBO kann sich daher in Fragen zeigen wie:
- Was passiert mit meiner Rolle, wenn immer mehr Aufgaben automatisiert werden?
- Bleiben meine Fähigkeiten künftig relevant?
- Welche Tätigkeiten werden weiterhin von Menschen übernommen?
- Welche neuen Kompetenzen werden von mir erwartet?
Solche Fragen verdeutlichen, welche Unsicherheiten technologischer Wandel auslösen kann.
Welche Faktoren können FOBO begünstigen?
FOBO entsteht nicht zwangsläufig dort, wo neue Technologie eingesetzt wird. Entscheidend ist vielmehr, wie Menschen diese Veränderung wahrnehmen und in welchem organisatorischen Umfeld sie stattfindet.
Ein wichtiger Faktor ist die Einschätzung, dass die eigene Arbeit durch Technologie ersetzt oder stark verändert werden könnte. Je stärker Beschäftigte automatisierende Technologien als Bedrohung für ihre Tätigkeit wahrnehmen, desto stärker kann auch die empfundene Arbeitsplatzunsicherheit sein. [5]
Auch die Unternehmenskultur spielt eine Rolle. Wenn Veränderungen überwiegend von oben vorgegeben werden und Beschäftigte wenig Einfluss oder Orientierung erleben, kann Unsicherheit zusätzlich wachsen.
Umgekehrt können soziale Unterstützung und Lernmöglichkeiten dabei helfen, technologische Veränderungen besser einzuordnen. Austausch, Orientierung und die Möglichkeit, neue Fähigkeiten gezielt aufzubauen, können dazu beitragen, Bedrohungsgefühle zu reduzieren.
FOBO ist deshalb nicht ausschließlich eine individuelle Reaktion. Auch Führung, Kommunikation und Organisationskultur beeinflussen, wie technologische Veränderungen erlebt werden.
Welche Folgen kann technologiebedingte Arbeitsplatzunsicherheit haben?
Nicht jeder Mensch reagiert auf berufliche Unsicherheit gleich. Manche werden neugierig, andere vorsichtig, wieder andere erleben die Veränderung als Belastung.
Technologiebedingte Arbeitsplatzunsicherheit kann sich auf Wohlbefinden, Motivation und die Bindung an die eigene Arbeit auswirken. Auch Stress, Rückzug oder sinkende Zufriedenheit können eine Rolle spielen.
Auch die eigene berufliche Perspektive kann betroffen sein. Wenn Beschäftigte befürchten, dass wichtige Bestandteile ihrer Arbeit an Wert verlieren, kann dies das Vertrauen in die eigene Rolle und die Bindung an den bisherigen beruflichen Weg schwächen.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, jede technologische Veränderung automatisch als Bedrohung zu verstehen. Menschen können neue Technologien auch als Herausforderung betrachten und daraus Motivation oder Lernbereitschaft entwickeln. Entscheidend ist also nicht nur, was sich verändert, sondern auch, wie diese Veränderung bewertet wird.
Wie lässt sich mit FOBO umgehen?
Eine allgemein anerkannte Methode für den Umgang mit FOBO existiert bislang nicht. Aus der Forschung zu technologiebedingter Arbeitsplatzunsicherheit lassen sich jedoch einige Ansatzpunkte ableiten:
- Veränderungen konkretisieren: Eine diffuse Sorge lässt sich besser einordnen, wenn deutlich wird, welche Aufgaben sich tatsächlich verändern und welche Anforderungen möglicherweise neu entstehen.
- Lernmöglichkeiten schaffen: Die Forschung zu KI-induzierter qualitativer Arbeitsplatzunsicherheit deutet darauf hin, dass Lernanpassungsfähigkeit den Umgang mit technologischen Veränderungen beeinflussen kann.
- Soziale Unterstützung stärken: Kollegiale und organisationale Unterstützung kann die Bedrohungswahrnehmung abmildern. Technologische Einführung sollte deshalb nicht ausschließlich als technisches Projekt verstanden werden.
- Organisationskultur beachten: Forschung deutet darauf hin, dass der kulturelle Kontext beeinflusst, wie stark automatisierende Technologien als Bedrohung für den eigenen Arbeitsplatz wahrgenommen werden. Eine autoritär geprägte Organisationskultur kann diese Wahrnehmung verstärken.
- Eigene Tätigkeit differenziert betrachten: Nicht jede Aufgabe innerhalb einer Rolle ist im gleichen Maß automatisierbar. Es kann deshalb hilfreicher sein, einzelne Tätigkeiten zu betrachten, statt pauschal den gesamten Beruf infrage zu stellen.
FOBO als Aufgabe für Organisationen
FOBO ausschließlich als persönliche Sorge einzelner Beschäftigter zu behandeln, greift übrigens zu kurz.
Die Forschung zeigt, dass Organisationskultur, soziale Unterstützung und Lernmöglichkeiten beeinflussen können, wie technologische Veränderungen und damit verbundene Arbeitsplatzunsicherheit erlebt werden. Organisationen können deshalb Orientierung schaffen, indem sie transparent machen, warum KI eingesetzt wird, welche Aufgaben sich verändern sollen und welche Entwicklungsmöglichkeiten daraus entstehen.
Das bedeutet nicht, dass jede Sorge ausgeräumt werden kann. Technologischer Wandel kann reale Auswirkungen auf Tätigkeiten und Rollen haben. Umso wichtiger ist es, nicht nur über Effizienzpotenziale zu sprechen, sondern auch darüber, was Veränderungen für die betroffenen Menschen bedeuten.
Impuls zum Diskutieren
Welche Teile Ihrer Arbeit könnten durch KI verändert werden und welche Ihrer Fähigkeiten würden dadurch eher wichtiger als weniger wichtig?
Hinweise:
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[1] the stepstone group: “Fear of Becoming Obsolete”: More than one in three employees worry that AI could make their jobs obsolete
[2] MDPI: Navigating the Digital Storm: A Systematic Review and Meta-Analysis of Technology-Induced Job Insecurity, Its Outcomes and Moderators
[3] Patrick McGinnis: Fear of a Better Option
[4] ScienceDirect: The impact of AI adoption in the workplace on knowledge workers‘ career commitment: A job insecurity perspective
[5] Vjije Universiteit Amsterdam: The contingent effect of job automating technology awareness on perceived job insecurity: Exploring the moderating role of organizational culture
Hier finden Sie weitere Informationen aus unserer Rubrik Wissen kompakt:



