FOMO-Effekt

Was ist der FOMO-Effekt, wie versuchen Unternehmen ihn für ihre Interessen zu nutzen und was lässt sich dagegen tun?

Wissen kompakt: Der FOMO-Effekt beschreibt ein Phänomen, bei dem Menschen aus Angst etwas zu verpassen agieren. FOMO steht für Fear of Missing Out.

FOMO-Effekt Definition

FOMO ist ein Akronym und steht für „Fear Of Missing Out“, also die „Angst etwas zu verpassen“. Woher die Angst rührt, was das Etwas ist und welche gefühlten oder tatsächlichen Konsequenzen drohen, sofern man etwas verpasst, lässt sich derzeit noch nicht in wenigen Sätzen beantworten. Verschiedene Analysen und Studien versuchen, den FOMO-Effekt wissenschaftlich zu untersuchen. Vermutet wird u.a. dass

  • das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und
  • das Verlangen nach zwischenmenschlicher Kommunikation,
  • das Selbstwertgefühl und
  • die Sorge vor Ausgrenzung,
  • sowie das Interesse von Trends und kurzfristigen Entwicklungen zu profitieren

wesentliche Faktoren sind, die den Effekt beeinflussen.

FOMO-Effekt - ein Phänomen, bei dem Menschen aus Angst etwas zu verpassen agieren

Fest steht, dass sich die „Fear of Missing Out“ häufig bei Individuen, in Organisationen und in der Gesellschaft beobachten lässt. Und vermutlich auch bei den meisten Lesenden dieses Artikels (dazu später mehr).

Treiber und Beispiele beim FOMO-Effekt

Gerne werden Social Media Plattformen als Treiber und auch als Nutznießer des FOMO-Effekts genannt. Vermutlich fördert der kontinuierliche Fluss an Informationen, Meinungen, Kommentaren, Bildern oder Videos den Drang, nichts verpassen zu wollen und „always on“ zu sein. Die Möglichkeit bspw. auf Tweets eines US-Präsidenten reagieren zu können, steigert bei so manchem User das Selbstwertgefühl. Die Algorithmen der Plattformen zeigen Usern in der Folge ähnliche Themen und Meinungen an, und Anwender fühlen sich bald einer Gruppe (von Unterstützern oder Gegnern) zugehörig. Die zwischenmenschliche Kommunikation in solchen Gruppen – auch als Filterblasen bezeichnet – nimmt zu.

Social Media Plattformen und die Unternehmen dahinter sind aber nicht die einzigen, die versuchen, den FOMO-Effekt auszunutzen. Hier einige Beispiele:

  • Anbieter offerieren auf ihren Websites niedrige Preise für einen begrenzten Zeitraum. Botschaft: Schlagen Sie jetzt zu, sonst ist es zu spät.
  • Reiseanbieter zeigen während der Hotelsuche an, wie viele andere User sich dasselbe Hotel gerade anschauen. Botschaft: Buchen Sie jetzt, sonst übernachtet jemand anderes nach einem großartigen Urlaubstag in Ihrem Hotelzimmer.
  • Webinaranbieter nutzen Counter bzw. Countdowns. Botschaft: Die Plätze sind begrenzt, also sichern Sie sich einen der begehrten Plätze und wertvolle Erkenntnisse.
  • Fernsehsender blenden im laufenden Programm neue Nachrichten per Laufschrift ein. Botschaft: Bleiben Sie bei uns und Sie erfahren als erster die Neuigkeiten.
  • Radiostationen senden alle 20 Minuten Nachrichten. Botschaft: Wechseln Sie nicht den Sender, bei uns sind Sie immer auf dem aktuellen Stand.
  • Marketingabteilungen bewerben Newsletter mit der Anzahl der Empfänger. Botschaft: Werden Sie auch zu einem von 15.000 Insidern.
  • Websites bieten die Möglichkeit, Push-Nachrichten zu aktivieren. Botschaft: Sobald es etwas Neues gibt, informieren wir Sie darüber.
  • Apps bieten Notifikationen als Banner, Pop-up, mit Zahlen in roten Kreisen oder per Signalton an. Botschaft: Gibt es irgendetwas Neues, benachrichtigen wir Sie unmittelbar.
  • E-Mail Programme bieten Vorschaufunktionen an, so dass Nachrichten ganz oder teilweise gelesen werden können, ohne das sie geöffnet werden müssen. Botschaft: Wir informieren Sie so einfach und angenehm wie möglich.
  • Softwarehersteller veröffentlichen Changelogs und promoten neue Features. Botschaft: Verpassen Sie mit der neuen Version nicht die Gelegenheit, noch effizienter zu arbeiten.
  • Smart-Watches vibrieren, wenn es neue Meldungen gibt. Botschaft: Mit einem Blick auf das Handgelenk bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
  • Verkäufer verknüpfen Angebote mit einem Gültigkeitsdatum. Botschaft: Nach diesem Zeitpunkt ist das Angebot nicht mehr gültig und Sie verpassen die angebotenen Vorteile.
  • Blogbeiträge verkünden Top-Trends oder Best Practices. Botschaft: Nur wenn Sie diese Trends und Best Practices kennen, können Sie erfolgreich sein.
  • Bäcker bieten Backwaren – bspw. Stollenkuchen – saisonal an und verknappen so die Ware. Botschaft: Kaufen Sie jetzt das Produkt oder warten Sie ein Jahr lang auf die nächste Gelegenheit.
  • Börsenticker und Bitcoin-Ticker zeigen durchlaufend Veränderungen an. Botschaft: Behalten Sie alle Werte im Blick und verpassen Sie nicht den richtigen Zeitpunkt zum Kaufen oder Verkaufen.

Die Liste mit solchen FOMO-Beispielen lässt sich leicht verlängern. Und natürlich können auch andere Motive, Prinzipien und Effekte – oder deren Kombination –  das eine oder andere Beispiel verstärken. Die Botschaft bleibt aber unverändert: viele Unternehmen versuchen den FOMO-Effekt für sich zu nutzen.

Übrigens: Der Effekt wird auch unternehmensintern genutzt, bspw. bei der Besetzung von Projekten, der Bildung von Arbeitsgruppen, der Arbeit in Innovation Labs oder der Festlegung von Incentives.

Ein Selbsttest zum FOMO-Effekt

Wie anfällig sind Sie für den FOMO-Effekt? Um diese Frage zu beantworten hilft möglicherweise ein Selbsttest2 mit einigen Fragen:

  • Nehmen Sie Ihr Handy mit ins Schlafzimmer und schauen Sie abends als letztes und morgens als erstes darauf, um Nachrichten, Mitteilungen oder E-Mails zu checken?
  • Nehmen Sie Ihr Handy mit ins Badezimmer?
  • Haben Sie das Handy beim Abendessen in Griffweite?
  • Nutzen Sie beim Fernsehgucken parallel einen Second-Screen (also Handy, Tablet-PC oder Laptop)?
  • Wenn Sie irgendwo auf etwas warten, greifen Sie dann automatisch zu Ihrem Handy?
  • Haben Sie Notifikationen auf Ihrem Handy, auf Ihrem Computer oder auf Websites aktiviert?

Vermutlich werden Sie die eine oder andere Frage mit „ja“ beantworten. Nach einer Studie aus dem Jahr 2020 liegt der durchschnittliche Handy-Konsum bei 3 Stunden und 40 Minuten.3 Nach einer anderen Untersuchung schauen Menschen 88 Mal am Tag auf Ihr Mobiltelefon.4 Warum ist das so? Möglicherweise wegen des FOMO-Effekts. Und was ist das Etwas, das verpasst werden könnte? Diese Frage lässt sich wohl nicht allgemeingültig beantworten; aus diesem Grund wird auch gerne ein weiteres Akronym verwendet: MOMO. Es steht für „Mystery Of Missing Out“.

Gegenmittel beim FOMO-Effekt

Es gibt eine ganze Reihe von Tipps, um dem FOMO-Effekt zu begegnen. So wird bspw. empfohlen,

  • Push-Mitteilungen und Signale auf dem Handy oder dem Computer zu deaktivieren,
  • Apps ggf. zu deinstallieren,
  • elektronische Geräte aus Räumen wie dem Schlafzimmer oder dem Badezimmer zu verbannen,
  • bewusste Auszeiten wie bspw. Spaziergänge oder beim Frühstück zu definieren,
  • bewusste Zeiten für die Nutzung festzulegen, also bspw. keine Nutzung nach 22.00 Uhr, oder
  • Apps zu verwenden, die das Mobiltelefon für eine gewisse Zeit vom Netz nehmen oder definierte Apps temporär deaktivieren.

Solche und ähnliche Tipps setzen allerdings eine Erkenntnis voraus: der Anwender möchte seinen Konsum reduzieren (und möglicherweise etwas gegen seine Angst, etwas zu verspassen tun). Er sucht nach Tipps und Gegenmitteln. Viele Anwender haben aber mit ihrem Konsum gar kein Problem. Wer für sich kein Problem erkennt, wird auch nichts dagegen unternehmen.

Hinzu kommt noch ein zweiter Aspekt: Viele Unternehmen haben ein Interesse, Kunden möglichst lange und intensiv in einer Anwendung zu halten. Sie gestalten Apps mit Farben, die zur längeren Nutzung beitragen5, entwickeln Computerspiele, die den kontinuierlichen Konsum mit Belohnungen in unterschiedlichsten Formen fördern, und feiern Mitgliedschaften oder Follower-Zahlen auf Plattformen. Wer sich als Kunde, Anwender oder User von FOMO „befreien“ möchte, müsste also auch das Vorgehen und die Tricks der Unternehmen erkennen. Und das ist offensichtlich gar nicht so einfach.

Einen alternativen Weg beschreibt das dritte Akronym im Kontext der Angst, etwas zu verpassen: JOMO. Es steht „Joy Of Missing Out“. Es propagiert die Freude, die man spürt, wenn man nicht dauerhaft online ist und somit mehr Zeit für Dinge wie bspw. persönliche Gespräche, Treffen mit Freunden oder Zeit in der Natur findet. Grundsätzlich basiert es auf einer anderen Wertschätzung von Interaktion, Freiheit, Selbstbestimmung etc. Ein erster Schritt in diese Richtung wird gerne durch ein „Digital Detox“ initiiert. Die gefühlten und erfahrenen Vorteile des Verzichts führen zu einer anderen Wahrnehmung. Eine Wahrnehmung, wonach es vollkommen in Ordnung ist und sogar Freude bereitet, nicht immer alles mitbekommen zu müssen. JOMO ist die Befreiung und das Gegenteil von FOMO.

Impuls zum Diskutieren:

Was halten Sie von Akronymen, die FOMO um einen Buchstaben ergänzen und so einen Hinweis auf das verpasste „Etwas“ geben wie bspw. FOMOW, FOMOG oder FOMOS? Diese Bezeichnungen stehen für Fear Of Missing Out Work, Gaming oder Sports.

Hinweise:

[1] Verschiedene Analysen, Studien oder Reports zu FOMO finden Sie u.a. hier:

[2] Der Selbsttest ist nicht als fundierte, psychologische Beurteilung gedacht, sondern versucht lediglich auf mögliche Gewohnheiten hinzuweisen, die ein Indiz für FOMO sein könnten. Er ersetzt keinerlei Medienanamnese.
[3] Report: The State of Mobile 2020 (den Report erhalten Sie als Download)
[4] Täglich 88-mal aufs Smartphone gucken
[5] Is the Answer to Phone Addiction a Worse Phone?

Hier finden Sie einen interessanten Artikel zu FOMO inklusive Selbstüberschätzung, typische Vertreter  und den Effekt an den Finanzmärkten.

Hier finden Sie einen englischsprachigen Podcast mit dem „lustigen“ Namen: FOMO Sapiens

Hier finden Sie ergänzende Informationen aus unserem Blog:

t2informatik Blog: Handyfreie Zone - Detox totales

Handyfreie Zone – Detox totales

t2informatik Blog: Dark Data

Dark Data

t2informatik Blog: 5 Strategien zum Aufbau innerer Stärke

5 Strategien zum Aufbau innerer Stärke