Welcher Fehler zeichnet Sie aus?

Gastbeitrag von | 03.03.2022

„Welcher Fehler zeichnet Sie aus?“

Diese Frage stammt von der Schweizer Psychologin Verena Kast. Sie stellt sie im Rahmen ihrer Vorlesungsreihe zu Krise und Wandel¹ und ich finde sie sehr irritierend. In den letzten Jahren versuchen wir (mit „wir“ meine ich meine Berater-Bubble) eine Kultur zu gestalten, in der Fehler als Lernchance begriffen werden. Und schon vor dieser Zeit gab es die bekannte Aussage, dass Fehler ja erst dann ärgerlich und sogar blöd sind, wenn wir sie mehr als ein Mal machen. Aber Fehler, die mich auszeichnen? Wie geht das? Wo bleibt da das Lernen? Suche ich dann nicht nach meiner eigenen Blödheit und wenn ich die schon kenne, warum sollte ich nicht in der Lage sein, sie zum Positiven zu verändern? Fragen über Fragen, die mich zu dieser Reflexion meines Begriffes von Fehlerkultur und Fehlertoleranz bewegt haben.

Was ist eigentlich diese sogenannte Fehlerkultur?

In meinen Artikeln zu Ungewissheit und in unseren Workshops machen wir deutlich, dass aus Fehlern gelernt wird. In Ungewissheit sind sie sogar notwendig², denn es müssen Handlungsoptionen ausprobiert werden. Jeder „Probelauf“ bringt Erkenntnisgewinn, egal ob er das anstehende Problem der Lösung näherbringt oder eben nicht, d.h. sich als „Fehler“³ herausstellt. Das gelingt auf Dauer nur, wenn die zugrundeliegende Haltung von mir und meiner Umgebung fehlertolerant ist, wir also Handeln nicht in richtig oder falsch unterteilen, sondern das Sammeln von Erfahrungen in den Fokus rücken. Gleichzeitig ist es gerade auch in diesem Kontext essenziell, dass aus den gemachten Erfahrungen gelernt wird, also Handlungen, die sich rückblickend als Fehler herausstellen, nicht wiederholt werden. Die auch von mir vertretene Fehlerkultur hat also viel damit zu tun, „nicht zweimal in denselben Fluss zu springen“.

Fehlerkultur – eine diffizile Herausforderung

Schon hier zeigen sich die ersten Grenzen dieser scheinbar so einfachen Annahme, denn (wie Heraklit so schön feststellte), „Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen“, irgendetwas – und sei es noch so gering – ist immer anders. Die Frage, ob es sich hier um denselben Fluss, sprich denselben Fehler handelt, ist also letztendlich eine Frage der Bewertung und Einschätzung der vorher nicht bekannten Konsequenzen, die sich im subjektiven Erleben zeigen.

Um hier gleich dem Einwand zuvorzukommen, dass es natürlich eindeutige Fehler gibt; hier wird gerne das Beispiel „2+2 ergibt immer 4“ angeführt: Ja, dem stimme ich zu. Und gleichzeitig basieren auch solche Fehler auf gemeinsam getroffenen Annahmen. Soweit ich mich erinnere, nennt man sie in der Mathematik Axiome. Diese Axiome sind weltweit vereinheitlicht, da jedoch die menschliche Wahrnehmung und unsere Wertesysteme subjektiv sind, ist es deutlich schwieriger, Bewertungen beim Handeln und Treffen von Entscheidungen vorzunehmen.

Eine lernende Fehlerkultur, wie wir sie z.B. im Umgang mit Ungewissheit, aber auch in unserem professionellen, privaten und gesellschaftlichen Miteinander brauchen, muss sich also mit der Fragestellung der individuellen Bewertung auseinandersetzen. Nach der individuellen gilt es die übereinstimmende Bewertung in einer Gruppe von Menschen zu thematisieren und da dann auch Aspekte wie Zeit und Ressourcen hinzukommen, wird das Ganze zu einer wahrhaft diffizilen Herausforderung.

Mal wieder Scotty…

Das möchte ich am Beispiel der von mir so geschätzten Enterprise und deren Bord-Ingenieur Scotty verdeutlichen:

Die Enterprise hat mitten in einer kritischen Situation, nehmen wir eine Bedrohung von außen an, eine Störung in der Energieversorgung. In dieser Situation muss nicht nur explorativ/erkundend – sehr vereinfacht im trial-and-error-Modus – nach einer Lösung gesucht werden, sondern diese muss asap (as soon as possible) gefunden werden. Die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel sind weit entfernt von denen einer Wartungswerft. Scotty entscheidet bei seinem Reparaturversuch also nicht nur, ob eine Lösungsrichtung überhaupt hilfreich ist, sondern bewertet eben auch, in welcher Zeit und mit welchen Mitteln sie umsetzbar und damit überhaupt in der Situation hilfreich ist.

Dabei kann es durchaus passieren, dass Scotty etwas mehr als einmal versucht, einfach, weil sich die Situation verändert. Oder aber er macht etwas, was für die Zuschauenden identisch erscheint, dass aber an einem entscheidenden Punkt eben doch anders ist. Um diese Feinheiten zu unterscheiden, braucht er eine Art inneren Kompass, in dem

  • Expertise,
  • Abstraktionsvermögen und
  • Intuition

wesentliche Kompetenzen für die Unterscheidung in „bekannter Fehler“ und „lohnenswerter Versuch“ sind. Damit die Crew an ihn glaubt und ihn auch unterstützt, braucht es eine Art gemeinsamen Konsens in solchen Bewertungen oder zumindest das Vertrauen der anderen in seinen Kompass. All das sind Bestandteile einer Fehlerkultur und (gemeinsamer) Lernerfahrungen.

Unser innerer Kompass

Nun funktioniert so ein innerer Kompass natürlich nicht immer so, wie es die Situation an sich erforderlich macht. Wer von uns erlebt nicht Situationen, in denen wir nach einem Muster handeln, das uns schon in vorangegangenen, vergleichbaren Situationen nicht geholfen hat? Solche Fehler erkennen wir „natürlich“ lieber bei anderen. Sucht sich X nicht immer wieder dieselben „falschen“ Partner:innen? Kommt Y nicht immer wieder in denselben Abgabestress oder schiebt Aufgaben vor sich her?

Wer auch die eigene Person reflektiert und sich mit Selbsterfahrung auseinandersetzt, weiß, wie schwierig es ist, solche persönlichen Muster erst einmal überhaupt zu akzeptieren, geschweige denn sie zu verändern. Nur: Um die Bewertung vornehmen zu können, ob und in welchen Situationen mein innerer Kompass angemessen agiert, muss ich viel über diese meine Fehlermuster lernen.

Was ist zu ändern und was nicht?

Die Veränderung von Mustern fällt auch in einer fehlertoleranten Kultur schwer und erfordert zudem ein intaktes Selbstwertgefühl. Und jetzt kommt Frau Kast und empfiehlt, dass ich mir auch noch die Frage stelle, welche Fehler mich auszeichnen? Damit verbindet sich ja fast zwangsläufig die Idee, dass es wohl Fehler gibt, die ich immer wiederhole. Das verträgt sich auf den ersten Blick nur schwer mit meinem Anspruch an mich und auch nicht mit meinem Verständnis von Fehlerkultur, in der es ja um das Lernen aus Fehlern geht. Und gleichzeitig: Wer kennt sie nicht bei sich selbst, diese Fehlermuster, die uns iterativ immer wieder begegnen. Oft hat sich dabei seit der letzten Begegnung wenig geändert, im besten Fall werden wenigstens die mit der Situation verbundenen Herausforderungen größer, sodass ich zumindest einen Fortschritt in meiner Entwicklung erkenne.

Ich denke, solche Fehler meint Frau Kast, wenn sie von Fehlern spricht, die uns auszeichnen. Und sie plädiert keineswegs dafür, diese schicksalsergeben hinzunehmen – frei nach dem Motto „So bin ich eben, und wir müssen das aushalten“. Sie weist vielmehr darauf hin, dass es eben Fehler gibt, die wir selbst mit bestem Willen nicht (sofort) auflösen können, an denen wir uns abarbeiten und die wir als für uns typisch erkannt haben.

Und so löst sich für mich der scheinbare Widerspruch zur Fehlerkultur: Sie impliziert nicht zwangsläufig, dass wir aus Fehlern (sofort) lernen, es anders zu machen. Sie schafft stattdessen den Raum, die uns auszeichnenden Fehler nicht nur zu erkennen, sondern sie sogar anzuerkennen, d.h. zu akzeptieren als etwas, dessen Auftreten auch beim nächsten Mal in einer ähnlichen Situation durchaus wahrscheinlich ist. Das ist eben auch Lernen, selbst wenn es schwer verdaulich ist, in einer Welt, die gerne falsches und richtiges Handeln unterscheidet.

Das Wissen um unsere ureigensten Fehler zeigt uns unsere Grenzen auf. Es wird so zu einer Ressource, die zeigt, wo wir kompetent agieren und wo wir bei Bedarf Unterstützung erbitten sollten.

Und by the way, wenn ich erst einmal meine mich auszeichnenden Fehler akzeptiert habe, wird sich auch zeigen, welche davon sich fast spielerisch auflösen und welche eben einfach zu mir gehören, zumindest für die nächsten Jahre. 😉

 

Hinweise:

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[1] Zur Dynamik von Krise und Wandlung, Vorlesung 1996/1997, bei Auditorium Netzwerk
[2] siehe u.a. Lernen ist kein sexy Thema
[3] Leider ist der Begriff Fehler in unserer Sprache nicht positiv besetzt. Ich benutze dennoch den Begriff ohne Anführungszeichen und als Synonym dafür, dass etwas nicht direkt in eine gewünschte Richtung geht.

Astrid Kuhlmey hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u. a.

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Astrid Kuhlmey
Astrid Kuhlmey

Dipl.Inf. Astrid Kuhlmey verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Projekt- und Linienmanagement der Pharma-IT. Seit 7 Jahren ist sie als systemische Beraterin tätig und begleitet Unternehmen und Individuen in notwendigen Veränderungsprozessen. Ihr liegen Nachhaltigkeit sowie gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel und Entwicklung am Herzen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie einen Ansatz entwickelt, Kompetenzen zum Handeln und Entscheiden in Situationen der Ungewissheit bzw. Komplexität zu fördern.