Bernd stand vor einer wichtigen Entscheidung. Er hatte es genossen, sich in Probleme hineinzudenken und Lösungen zu programmieren. Dabei war er ganz für sich und ging Schritt für Schritt vor. Manchmal hatte er scherzhaft gesagt, dass er keinen Urlaub brauche, weil ihm seine Arbeit so viel Freude machte. Doch seit der neue IT-Leiter im Unternehmen war, hatte sich Bernds Arbeit verändert. Natürlich programmierte er noch immer, aber nun musste er selbst seine Lösungen präsentieren. Der frühere IT-Leiter hatte alle Neuerungen eingesammelt und vor der Geschäftsleitung eine große Präsentation gehalten. Der neue IT-Leiter hatte eingeführt, dass jeder seiner Mitarbeiter seinen Teil der Arbeit selbst präsentieren sollte. Nun stand Bernd also regelmäßig vor der Geschäftsleitung. An seinen PowerPoint-Folien feilte er schon Tage vorher, damit wirklich alles darauf stand, was er sagen wollte. Denn schon allein der Gedanke daran, vor Publikum zu sprechen, schnürte ihm die Kehle zu – frei zu sprechen war absolut unmöglich. Seine Hände waren feucht, sein Mund trocken und er wünschte sich nichts sehnlicher, als an seinem Schreibtisch zu sitzen und Programmcode zu schreiben. War es wirklich eine Lösung, den Job zu wechseln? Und würde es im nächsten Unternehmen besser werden?

Introvertiert und Extravertiert

Introversion und Extraversion sind zwei Seiten der Eigenschaft, die die Interaktion eines Menschen mit seiner Umwelt beschreibt. Introvertierte Menschen gelten demnach als nach innen gerichtet, extravertierte Menschen als nach außen gerichtet.

Keine der beiden Ausprägungen ist gut oder schlecht. Gut ausgeglichen können sich die Stärken der Intro- und Extravertierten nicht nur ausgleichen, sondern auch gegenseitig unterstützen. In der einen Situation kann eine besondere Stärke des Introvertierten wie Vorsicht wichtig sein, die gegenteilige Stärke des Extravertierten, der Mut, ist in einer anderen Situation erforderlich. Ebenso verhält es sich mit der Beharrlichkeit und der Spontanität oder dem analytischen Denken und der Tatkraft. Und natürlich dem Zuhören und dem Präsentieren.

Bernd war ein klassischer Introvertierter. Er analysierte gern und war beharrlich. Am liebsten arbeitete er allein und in Ruhe, er war froh, dass er in einem kleinen Büro mit nur einem einzigen Kollegen saß. Dagegen stand er sehr ungern im Rampenlicht.

Woher kommt die Energie?

Niemand ist ausschließlich introvertiert oder extrovertiert. Vielmehr hat jeder von uns Ausprägungen in jede Richtung. So kann es durchaus vorkommen, dass jemand ein starkes Einfühlungsvermögen hat, was auf eine Introversion hindeutet, zugleich aber oft sehr spontan ist, was eher auf eine extravertierte Persönlichkeit hinweist. Es ist also lediglich möglich zu sagen, dass jemand eher introvertiert oder eher extrovertiert ist.

In welche Richtung jemand tendiert, sieht man ihm oder ihr natürlich nicht an der Nase an. Auch die Abneigung gegen ein Event oder den Wunsch nach Ruhe kann man nicht pauschal als Indikator sehen. Um herauszufinden, ob jemand introvertiert oder extravertiert ist, hilft die Frage danach, woher er seine Energie bekommt. Ein introvertierter Mensch bekommt seine Energie aus der Ruhe und der Zeit, die er allein mit sich selbst verbringt. Er liest, macht Yoga oder geht spazieren. Danach fühlt er sich ausgeruht, kräftig und aufgetankt. Ein extravertierter Mensch braucht andere Menschen um sich herum, um Kraft zu tanken. Er geht nach Feierabend auf ein Netzwerktreffen oder trifft sich mit Freunden in einer Bar und lädt so seinen Akku wieder auf.

Der neue IT-Leiter war dagegen ein eher extravertierter Mensch. Er war begeistert davon, die Arbeitsergebnisse vor der Geschäftsleitung zu präsentieren. Und er wollte von dieser Begeisterung und der Sichtbarkeit etwas an sein Team abgeben. Allerdings hatte er nicht bedacht, dass einige seiner Teammitglieder das nicht als Geschenk sehen würden.

Introvertiert oder Extravertiert - wie gut kennen Sie Ihre Kollegen und Mitarbeiter?

Introvertiert oder Extravertiert – wie gut kennen Sie Ihre Kollegen und Mitarbeiter?

Die erfolgreiche Zusammenarbeit

Wie schon eingangs beschrieben ist keine Ausprägung gut oder schlecht. Zu einigen Situationen passt einfach die eine Ausprägung besser als die andere. Den Umgang miteinander macht das aber in der Regel nicht einfacher. Ein paar einfache Hinweise können Ihnen helfen, Ihren Kollegen besser einzuordnen und mit ihm umzugehen:

Ist er ein Intro oder ein Extra?

Vielleicht wollen Sie Ihren Kollegen nicht fragen, wie er sich am besten entspannen kann. Das brauchen Sie auch gar nicht – viele Hinweise können Sie schon aus einem alltäglichen Gespräch ziehen. Unterhalten Sie sich über das nächste Wochenende und achten Sie dabei darauf, welche Situationen Ihrem Kollegen besonders gut getan haben könnten. Fangen seine Augen eher an zu leuchten, wenn er Ihnen von dem tollen Buch erzählt, dass er gelesen hat, oder wenn er von der riesigen Geburtstagsfeier seines besten Freundes berichtet, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte?

Was können Sie dem Extra geben?

Sie selbst sind eher introvertiert, Ihr Kollege aber eher extravertiert? Er braucht auf jeden Fall Ihr Verständnis. Alles was er tut, ist erst einmal nicht gegen Sie gerichtet, auch wenn es sich so anfühlen mag. Es ist einfach seine Art, spontan und präsent zu sein. Geben Sie ihm den Raum, den er braucht, um sich wohl zu fühlen. Und seien Sie ehrlich – ist es nicht schön, wenn jemand diese verhassten Präsentationen gern übernimmt und dabei völlig in seinem Element ist? Wenn Sie eine schnelle Entscheidung brauchen, sind Sie bei ihm an der richtigen Adresse.

Was können Sie dem Intro geben?

Ist es genau anders herum, ist es natürlich auch gefragt, Verständnis walten zu lassen. Ihr Kollege ist vorsichtig und denkt den Sachverhalt dreimal durch, während Sie schon längst eine Entscheidung getroffen haben. Geben Sie dem Intro Zeit, um genau diese Art auszuleben. Es ist doch wunderbar, wenn jemand sich in die Details eingräbt, während Sie in Gedanken schon einige Schritte weiter sind. Wenn Sie jemanden brauchen, der das Für und Wider in einem Sachverhalt detailliert abwägt, ist er genau der Richtige.

Bernd nahm all seinen Mut zusammen und sprach mit seinem neuen Chef. Er erzählte ihm davon, wie sein Vorgänger die Informationen über Neuerungen bei den Programmierern eingesammelt und dann der Geschäftsleitung präsentiert hatte. Er musste gar nicht ins Detail gehen und davon erzählen, wie er sich bei den Präsentationen fühlte. Der IT-Leiter verstand auch so, dass er Bernd mit diesem Schritt keinen Gefallen getan hatte.

Über den eigenen Schatten springen

Wie so oft im Leben reicht es nicht, in seiner eigenen Komfortzone zu bleiben. Man kann sich nur weiterentwickeln, wenn man eben jene verlässt und etwas ausprobiert, was ungewohnt und damit nicht immer angenehm ist. Für den Extravertierten ist es manchmal harte Arbeit, die eigene Spontanität zu zügeln und sich auf tiefere Gespräche einzulassen. Introvertierte dagegen schaffen es nicht so leicht, sich aus dem hinteren Winkel herauszudrehen und ihr Können zu zeigen.

Die neue Lösung war für Bernd und seinen Chef ein gelungener Kompromiss. Bernd würde in Zukunft alle Präsentationen als Zuhörer begleiten, die der IT-Leiter vor der Geschäftsleitung hielt. Schon im Vorfeld hatten beide ein bis zwei Punkte ausgemacht, zu denen der IT-Leiter eine Frage aufgreifen und den Ball an Bernd übergeben wollte. Damit präsentierte Bernd dennoch, aber einen viel kleineren Teil als zuvor. Außerdem konnte er auf eine Frage eingehen, was den Antwortrahmen nicht übermäßig ausdehnte. Damit fühlte er sich sehr viel sicherer als noch vor wenigen Wochen. Er war begeistert, als er im Feedback auf seine Antworten die Anerkennung seines Chefs und der Geschäftsleitung spürte.

 

Hinweis:
Mehr zu Stephanie Selmer erfahren Sie unter http://www.focus-teamwork.de/.

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