Quo vadis, agiles Coaching?

Gastbeitrag von | 14.03.2022

Agilität hier, agiles Coaching dort. An vielen Stellen lässt sich beobachten, dass das Thema Agilität überdehnt wird. Jeder braucht es, alle wollen es, jetzt und hier. Agiles Coaching boomt und Business Agility breitet sich in „agilen Organisationen“ aus. Doch während die Vorteile der Arbeit mit agilen Prinzipien¹ in der Softwareentwicklung, bei der Entwicklung von Produkten, in Forschung & Entwicklung oder im Design klar auf der Hand liegen, so bleibt die Frage nach dem wahren Kundennutzen bei agilem Controlling oder agiler Fertigung unbeantwortet. Aus meiner Sicht muss sich daher die Profession des agilen Coachings entscheiden: Soll ein agiler Coach

  • das Team bei der (Weiter-)Entwicklung einer Haltung unterstützen, die funktionierende Produkte verbindlich ausliefert und rasch einem Kundenfeedback anpasst,
  • oder für gute Arbeitsbedingungen sowie konfliktfreie Kooperation und gutes Klima sorgen?

Natürlich ist beides für produktives Arbeiten wichtig; manche würden gar von zwei Seiten einer Medaille sprechen. Ich fürchte jedoch, dass agiles Coaching zum Feelgood Management verkommt und meine Frage lautet daher: Quo vadis, agiles Coaching?

Professionelles Coaching und die Nähe zum Kunden

Ich werde regelmäßig als Supervisor in Gruppen von agilen Coaches eingeladen und stelle in den vergangenen Monaten eine deutliche Verschiebung des Schwerpunkts der Beratungen in Richtung Feelgood Management und Happy Teams fest.

Beispiel: Vor einiger Zeit begleitete ich eine Diskussion, bei dem es um einen Kunden und dessen überzogenen Vorstellungen ging. Ja, Kunden können anstrengend sein. Ja, Kunden können Dienstleister vor Herausforderungen stellen. Und ja, nicht immer hat der Kunde automatisch recht. Der Höhepunkt der Diskussion war aber erreicht, als mehr als dreiviertel der Anwesenden es als richtig und professionell erachteten, sich mit dem Team gegen den Kunden und dessen „überzogene“ Vorstellungen zu solidarisieren. Mein ironisch gemeintes Feedback, dass sich Harmonie im Team natürlich am besten durch ein gemeinsames Feindbild herstellen ließe, wurde sogar noch als wertvoller Input missverstanden. Offensichtlich muss ich an meiner Ironie arbeiten…

Abgesehen davon, dass wirksame Coaches nie ihre professionelle Distanz verlieren, indem sie sich solidarisieren, finde ich es bedenklich, wenn sich die Prioritäten eines agilen Coaches verkehren. Coaching ist die Arbeit eines professionellen Fremden, wie es Michael H. Agar in The Professional Stranger. An Informal Introduction to Ethnography² sehr treffend beschreibt. Sie unterscheidet sich maßgeblich von kollegialer Hilfsbereitschaft. Hinzu kommt, dass sich Agilität auf Lieferfähigkeit und Kundenwünsche und eben nicht auf Einstimmigkeit, gute Stimmung und Obstkörbe fokussiert.

Was ist wirksames, agiles Coaching?

Seit fast 20 Jahren befasse ich mich mit der Professionsbildung im Coaching, ich bin sogar eines der frühen Mitglieder beim Deutschen Bundesverband Coaching e.V.³ Nach meiner Erfahrung ist es sehr wichtig, Professionsstandards zu leben, damit Kunden auf die Leistung von Coaches vertrauen können. Damit der Wert von agilem Coaching nicht verwischt und ausgedünnt wird, wünsche ich mir eine Diskussion über die Profession und die Frage, was wirksames, agiles Coaching ist?

Meiner Meinung nach gibt es drei verschiedene Varianten, um sich einer Antwort zu nähern:

In der Trainer-Variante hat es seinen Ursprung im angelsächsischen Verständnis eines (Sport-)Trainers. Hier geht agiles Coaching davon aus, dass es bewährte Methoden gibt, die eingesetzt werden müssen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Der agile Coach agiert in eine bestimmte, vorab definierte Richtung, bspw. den Benchmarks einer Branche wie Google, Tesla oder auch Spotify, und konzentriert sich mit seiner Unterstützung vor allem auf Tempoverbesserung.

Häufiger in der Praxis anzutreffen ist die Berater-Variante des agilen Coachings. Hier steht die Vermittlung von Regeln, (zertifizierten) Standards und Vorgehensmodellen im Vordergrund. Der agile Coach, der in der Berater-Variante auch oft ein Scrum Master ist, sorgt vor allem dafür, dass sich die Organisation an die Regeln/das Modell hält. Leider verkommt Agilität oftmals zur Tütensuppe:  Man reißt die zertifizierte Methodentüte auf, rührt das rettende Tool nach der Beschreibung auf der Rückseite an und wenn etwas nicht funktioniert, dann ist das Mindset falsch. (Vorsicht: Ironie.)

In der Moderator-Variante unterstützen agile Coaches als Begleiter, d.h. ohne Fokus auf Benchmarks oder Zertifikate. Mit Erfahrungswissen, Methodenschatz und einem moderierenden Vorgehen helfen sie bei der Entwicklung einer Haltung, die Lieferfähigkeit und den Kundennutzen ins Zentrum stellt, und wenig mit Feelgood Management zu tun hat.

Eine wesentliche Voraussetzung für agiles Coaching

Ich bin überzeugt, dass mehr Systemtheorie und weniger Küchenpsychologie der Wirksamkeit von agilen Coaches guttut. Leider beobachte ich wie beschrieben eine untaugliche Überbetonung der Person und „herumfummeln am sogenannten Mindset“ während gleichzeitig der Organisationszweck und die agilen Prinzipien aus dem Blick geraten!

Ein wichtiger Punkt im Coaching ist die Arbeit an (Verhaltens-)Alternativen im konkreten Arbeitskontext. Daher geht der Blick zunächst auf den Kontext, die Organisation und die Struktur, in der ein Coaching-Anliegen formuliert wird. Kluge Mitarbeitende richten ihr Verhalten an den Richtlinien und Gepflogenheiten in ihrem Unternehmen aus; seien sie nun formell oder nur informell bekannt. Typische Beispiele formeller Art sind

  • Kompetenzregelungen,
  • Prozessbeschreibungen und Organisationshandbücher,
  • Organigramme,
  • aber auch Grundsätze der Zusammenarbeit und Führung oder Unternehmenswerte.

Diese Strukturen im Unternehmen sind es, die den Rahmen bilden, in dem ein agiles Team handeln kann und soll. Daher muss wirksames agiles Coaching diese Strukturen ins Blickfeld nehmen. Ein alleiniger Blick auf die Person und ihr Verhalten, das „abgekoppelt“ von der Unternehmung passiert, erfüllt die Erwartungen an professionelles agiles Coaching nicht.

Einfach ausgedrückt: Es gilt, das System zu ändern – nicht die Persönlichkeit! Professionelles Coaching basiert auf der Anerkennung der Integrität aller Organisationsmitglieder: Menschen sind komplexe und soziale Wesen mit einer Psyche. Wenn Menschen in Organisationen handeln, tun sie das absichtlich und sinnvoll. Sie handeln auf Basis ihrer Wahrnehmung bzw. Wahrnehmungskonstruktion, auf Basis von Überzeugungen, Erfahrungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten. Daher ist es wichtig, auf Tools und Methoden zu verzichten, die primär dazu verwendet werden, das Verhalten von Menschen zu instruieren oder in Richtungen lenken zu wollen. Und dies zu erkennen, ist eine wesentliche Voraussetzung für agiles Coaching.

 

Hinweise:

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Olaf Hinz wird das Thema beim DBVC Kongress am 11. und 12. November 2022 adressieren. Melden Sie sich gerne an, es lohnt sich bestimmt.

[1] Prinzipien im Agile Manifesto
[2] Michael H. Agar: The Professional Stranger. An Informal Introduction to Ethnography.
[3] Deutscher Bundesverband Coaching e.V.

Olaf Hinz hat ein Buch über Zehn Irrtümer über Führung veröffentlicht:

Zehn Irrtümer über Führung

In dem lesenswerten Buch wirft er zehn Blicke auf die Hinterbühne, den nicht sichtbaren Teil von Führung, denn Führung ist nicht einfach.

Olaf Hinz hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht:

t2informatik Blog: Change Projekte funktionieren - Teil 1

Change Projekte funktionieren

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Olaf Hinz

Olaf Hinz

Olaf Hinz lotst seit fast 20 Jahren Führungskräfte, Projektleiter und Organisationen im Wandel durch unruhige Gewässer. Er findet, dass Widerstand ein kraftvolles Signal, Veränderung die Regel und Segeln auf Sicht die angemessene Reaktion auf das aufziehende VUKA-Wetter ist. Als Sachbuchautor und Speaker ist der bekennende Hanseat und ehemalige Büroleiter von Peer Steinbrück ein gefragter Impulsgeber auf Fachkonferenzen und Barcamps.