Weihnachten, Zeit der Erwartung

Gastbeitrag von | 20.12.2021 | Prozesse & Methoden |

Weihnachten gilt als die Zeit der Erwartung. In unserer christlichen Überlieferung erwarten wir den, der da kommt. In unserer heutigen Gegenwart erwarten wir eher ein paar Tage ohne Stress in Harmonie, Geschenke, endlich mal wieder eine Zeit mit der gesamten Familie, eine weiße Weihnacht und natürlich ein geruhsames, von äußeren Faktoren ungestörtes Fest, wie wir es lange Zeit gewohnt waren. Ziemlich viel für ein paar Tage. Manche nehmen sich vor, dieses Mal alles ganz anders zu machen, weniger Vorbereitungsstress, weniger Konsum – und doch merken wir, dass wir irgendwie den alten Mustern verhaftet sind, nicht zuletzt, weil „alles ganz anders“ zu machen eben auch anstrengend ist.

Advent, Advent – Weihnachten naht

Auch in diesem etwas anderen Jahr ist die (Vor-)Weihnachtszeit voller Erwartungen: An uns selbst, an die Chefin oder den Chef, an die Familie, an Politik, an unsere Gestaltungsmöglichkeiten, an das Leben an sich, …

Vergleiche ich die Adventszeit mit der aus dem letzten Jahr, hat sich an unserer (er-)wartenden Haltung wenig geändert. Im Gegenteil, fast noch mehr als im letzten Jahr wünschen wir uns den Rahmen aus 2019 zurück und sind enttäuscht, weil das nicht passiert. Und so tritt neben die ohnehin schon herausfordernde Erwartung an die Weihnachtszeit als harmonisches, stressfreies Fest eine Liste mit Erwartungen, die sich im Laufe des Jahres angesammelt haben, und die nun im Rahmen des Jahreswechsels noch einmal mit Vehemenz in unser Bewusstsein gebracht werden. Die (sozialen) Medien sind ein guter Spiegel dieser Tendenz.

Weihnachtliche (Des-)Illusionen

Unsere langjährige Erfahrung lehrt: Irgendwie laufen an Weihnachten die Erwartungen und das Ergebnis oft auseinander. Entsprechend sind wir enttäuscht, weil wir ganz andere Vorstellungen von einem schönen Fest hatten. Ein klarer Fall von Desillusion aufgrund nicht eingetretener Erwartungen – in diesem Jahr beobachte ich sie bereits vor Weihnachten. Die früher oft geschmähte, inzwischen häufig ersehnte betriebliche Weihnachtsfeier mit den Kollegen fällt aus, Weihnachtsmärkte werden kurz nach der Eröffnung geschlossen oder machen erst gar nicht auf, ein Familienmitglied ist ungeimpft, die Einreise von Verwandten aus der Ferne ist schwierig bis unmöglich, und so fällt auch dieses Jahr das Fest für die meisten von uns wohl kleiner aus.

Und irgendwie paradox, es wird dennoch weiterhin viel erwartet und darüber auch intensiv diskutiert, zumal der konkrete Rahmen noch unklar ist. Wir schwanken zwischen Hoffen und Bangen. Das macht müde und gleichzeitig emotional. Schuldige werden ausgemacht, weil sich abzeichnet, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt werden (können).

Wirklich vorwärts, also ins gestaltende Handeln, bringt uns das nicht. Denn statt zu handeln und Dinge wenigstens im Kleinen zu bewegen, verharren wir in den Erwartungen vor allem an andere. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Komplexität der Fragestellungen erlaubt weder einfache Antworten noch werden Lösungen innerhalb unserer gewohnten Lebensweise (Komfortzone) liegen. Das überfordert uns und macht Angst. Ich kenne niemanden, der weiß, wohin die Reise geht. Das verunsichert, zumal viele Fragen, wie z.B. die nach Gesundheit oder der wirtschaftlichen Existenz des eigenen Unternehmens, existentieller Natur sind.

Traditionelle Erwartungen

Eine typische, seit Jahrhunderten zu beobachtende Strategie des Umgangs mit solchen Situationen ist es, auf einfache Lösungen zu setzen und anstehende Veränderungen zu ignorieren. Weihnachtsriten bleiben, wie sie immer waren, wirtschaftliches Handeln wird dank Impfung 2022 endlich wieder so sein wie 2019. Es ist einfach nur eine „Pause“ vom Normal – wobei der Begriff Pause nicht wirklich passt, denn der Erholungseffekt tritt nicht ein. Im Gegenteil, Stressphänomene nehmen nach Aussagen von Experten und auch meiner eigenen Erfahrung deutlich zu. Meine Hypothese: Festhalten ist eben anstrengend.¹

Eine weitere typisch menschliche Ausstiegsstrategie ist, dass wir von anderen erwarten, dass sie es für uns richten. Auch diese Erwartung veranlasst uns nicht zum Handeln. Wir sind natürlich enttäuscht und oft sogar wütend, wenn auch die anderen „scheitern“. Aber die damit verbundene Desillusionierung scheint kein Handlungsanreiz, und wir schieben das Problem auf andere.

Dieser Stagnation im Nicht-Handeln und Festhalten am Alten kann sich kaum jemand entziehen, es gibt einem zumindest das Gefühl keine Fehler zu machen und das Alte ist wohlbekannt. Das ändert aber nichts an der herausfordernden Situation.

Die Neurowissenschaft gibt Hinweise, was unsere guten Gründe für ein solches Verhalten sind: Lang eingeübte Muster sind im Körper zutiefst verankert, sie zu ändern braucht Reflexion und (Bewegungs-)Energie. Die fehlt, denn wir sind mütend. Also verbinden wir uns mit Gleichgesinnten, unsere Gehirne „lieben“ Resonanz und Kohärenz, und die finden wir dort, wo Menschen ähnliche Ansichten haben. In solchen Gemeinschaften von Gleichgesinnten entsteht oft eine eigene Realität.

Gemeinsame Verharrungskompetenz

Ebenfalls aus der Neurowissenschaft wissen wir, dass 80 % unserer inneren Bilder der Realität in uns selbst entstehen. Mit dem Ziel enger Verbundenheit wird in vielen dieser Gruppen die Realität entsprechend der dort etablierten Glaubenssätze gefiltert und so nach und eine eigene, von anderen Gruppen nicht nachvollziehbare Realität geschaffen – das geht dann so weit, dass selbst Fakenews glaubhaft erscheinen. Von diesen Tendenzen ist kein Mensch frei. So habe ich z.B. erst nach meinem Weggang aus einem Pharmakonzern bemerkt, dass es ein Bienensterben gibt, das möglicherweise durch Produkte dieses Konzerns gefördert wird.

Andere denken, dass ihr Einfluss auf die Situation (zu) gering ist, um etwas zu verändern und sehen das Problem bei anderen. So entstehen Blasen und solange wir uns immer in denselben Kreisen bewegen, werden die Blasen eher stabilisiert statt infrage gestellt. Oft zeichnen sich solche Blasen dadurch aus, dass sie das Alte erhalten wollen oder aber nicht reale Zustände anstreben. Beides ist kontraproduktiv für Handlungsfähigkeit.

Natürlich tragen diese Konstrukte nicht langfristig, Angst und Unsicherheit werden nur temporär durch die Geborgenheit in der Gruppe überdeckt. Vielleicht erklärt dies zumindest teilweise auch die zunehmenden Angststörungen und Depressionen, die wir zurzeit beobachten können – ebenso wie Wut und Aggression sogar in der als friedlich bezeichneten Weihnachtszeit.

Weihnachten einmal anders

Was also tun mit all unseren Erwartungen und den damit verbundenen Enttäuschungen gerade in der Weihnachtszeit? Was tun mit unserem Wunsch, gemeinsam eine gute Zeit zu erleben und unsere Rituale zu zelebrieren und dabei endlich einmal nach dieser anstrengenden Zeit zur Ruhe zu kommen?

Nun, vielleicht hilft ein Blick über den Tellerrand:

  • Aus der Traumabehandlung wissen wir, dass gefühlte Ohnmacht traumatisierend wirken kann. Ohnmacht kann entstehen, wenn wir uns unfähig zum Handeln oder Bewegen fühlen oder es sind.
  • Aus dem Ansatz des agilen Arbeitens wissen wir, dass es bei komplexen Fragestellungen zielführender ist, sich schrittweise an das Neue heranzutasten.
  • Aus der Sozialforschung wissen wir, dass Voraussetzung für Handeln gefühlte Sicherheit ist.
  • Und aus dem Changemanagement kennen wir die Bedeutung von Visionen für anstehende, oft notwendige Veränderungen.

Was wir also brauchen ist eine Vision von Weihnachten, die einigermaßen realistisch ist und unsere Erwartungen erfüllen kann. Ganz konkret können Sie sich z.B. die Frage stellen, was erwarte ich eigentlich von Weihnachten? Wie fühle ich mich dann, und wie kann ich diesen Zustand anders und unter den gegebenen Rahmenbedingungen erreichen? Welche Bilder verbinde ich mit diesem neuen Zustand? Die so entstehenden Bilder gilt es in der Familie abzugleichen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuhören und so ein neues und gemeinsames Bild vom Fest zu haben, quasi die gemeinsame Erwartung.

Jetzt braucht es gefühlte Sicherheit, um das auch umzusetzen. In verschiedenen Beiträgen habe ich beschrieben, wie diese im Innen entstehen kann². Eine weitere Voraussetzung ist, dass die Vision attraktiv ist – denken Sie bitte an die Enterprise³. Und nun können wir in kleinen Schritten unser Weihnachten umsetzen. Nicht alles wird so klappen, wie gedacht, aber wie beim agilen Arbeiten gilt es, unser Vorgehen an die sich ändernden Bedingungen und vielleicht sogar Erwartungen anzupassen. Und so gestalten wir plötzlich und schrittweise etwas Neues.

Ideen zur Umsetzung

In diesem Prozess gibt es einige spannende Fragen zum Thema Weihnachten:

  • Wie könnte eine neue und zeitgemäße Form der Besinnlichkeit aussehen?
  • Welche unserer langjährigen Rituale sind sinnentleert, können vielleicht sogar losgelassen werden?
  • Welche Emotionen und Erwartungen stehen hinter meinen vordergründigen Erwartungen an das Fest?
  • Wo sind meine eigenen Erwartungen ambivalent und im Widerspruch, wie kann ich das auflösen oder zumindest integrieren?
  • Was bedeutet Weihnachten eigentlich für mich, und was macht seine so wichtige Rolle aus? Wie kann ich das anders erreichen?

All das sind Fragen, die viel mit der dem Sinn von Weihnachten zu tun haben. Und aus meiner Sicht brauchen wir auch nur die Kompetenzen, die wir regelmäßig im Geschäftsalltag fordern, fördern und vermitteln:

  • Zum einen erst einmal den Mut, etwas zu verändern.
  • Dann die Demut anzuerkennen, dass es einfach Rahmenbedingungen gibt, die wir nicht ändern und/oder kontrollieren können.
  • Und dabei die Erkenntnis, dass wir innerhalb dieser Grenzen durchaus selbstwirksam und selbstverantwortlich handeln und so gestalten können.

Auch unser Wissen um die Wichtigkeit, Dinge gemeinsam zu bewegen, Widerstände zum Sprechen zu bringen und niemanden zu vergessen, ist hilfreich. Und last but not least die kindliche Neugier, die gerade an Weihnachten eine besondere Rolle spielt, indem wir für unsere und die Erwartungen anderer Menschen offen sind.

Frohe Weihnachten

In diesem Sinne wünsche ich allen besinnliche Feiertage, in denen der eine oder andere vielleicht darüber nachsinnt oder sogar auch einmal ausprobiert, was jeder von uns im Kleinen und mit Freude bewirken kann. Viele Kleinigkeiten summieren sich zu einer großen Veränderung. Und ich wünsche allen ein Fest mit vielen erfüllten Erwartungen und leuchtenden Augen.

 

Hinweise: 

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[1] Loslassen ist das neue Planen
[2] Das Erwartungsmanagement sowie Fit for Digital Podcast: Umgang mit Unsicherheit
[3] Was wir von Raumschiff Enterprise lernen können

Astrid Kuhlmey hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u. a.

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Astrid Kuhlmey
Astrid Kuhlmey

Dipl.Inf. Astrid Kuhlmey verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Projekt- und Linienmanagement der Pharma-IT. Seit 7 Jahren ist sie als systemische Beraterin tätig und begleitet Unternehmen und Individuen in notwendigen Veränderungsprozessen. Ihr liegen Nachhaltigkeit sowie gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel und Entwicklung am Herzen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie einen Ansatz entwickelt, Kompetenzen zum Handeln und Entscheiden in Situationen der Ungewissheit bzw. Komplexität zu fördern.

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