Eine völlig subjektive Definition

Ein Begriff macht in der Arbeitswelt in den letzten Jahren eine steile Karriere: New Work beziehungsweise Neue Arbeit. Wer den Begriff googelt, erhält in 0,57 Sekunden zur Zeit 26,8 Millionen (sic!) Treffer angezeigt (Stand 17.05.2018). Digitalisierung jedoch nur zu 5,25 Millionen, digitale Transformation gerade noch zu 514.000 und selbst der immer wieder beschworene Fachkräftemangel kommt im Vergleich geradezu schmalbrüstig daher: 1,73 Millionen. New Work führt also die Liste aktueller Hypebegriffe und Buzzwords mit Abstand an.

In Anbetracht dieser Ergebnisse stellt sich bloß die Frage, was damit eigentlich gemeint ist? Um das zu klären und dem Begriff etwas Substanz zu verleihen, hilft wie häufig der Blick auf die Entstehungsgeschichte.

Begriffsgeschichte New Work

Nach dem allgemeinen Verständnis stammt der Begriff von dem deutschstämmigen österreichisch-amerikanischen Philosophen Frithjof Bergmann. Nachdem er 1976 – 1979 einige Länder des ehemaligen Ostblocks besuchte, reifte die Einsicht, dass der real existierende Sozialismus früher oder später dem Ende entgegen geht. Dadurch entstand die Idee, ein alternatives Modell zum Kommunismus und Kapitalismus entwerfen.

Der Begriff in der Bergmannschen Orignalversion meint drei Aspekte:

  1. Reduktion der klassischen Lohnarbeit auf ca. die Hälfte des bisherigen Volumens.
  2. Arbeit (er)finden und machen, die ich wirklich, wirklich will.
  3. Hightech-Eigenproduktion (HTEP).

Reduktion der klassischen Lohnarbeit

Ausgangspunkt war für Bergmann seine Beobachtung und Einschätzung, dass viele, vielleicht die meisten von uns in ihrer aktuellen täglichen Arbeit nicht das machen, was sie „wirklich, wirklich  wollen“. Das hat mehrere Gründe:

Erstens kann sich selbst heute nicht jeder aussuchen, was er beruflich machen möchte. Theoretisch ja, in der Praxis zeigt sich jedoch gerade in Deutschland, dass die demografische Herkunft einen erheblichen Einfluss auf die Bildung hat. Sprich: Wer die „falschen“ Eltern hat, kann eben nicht mal eben Arzt oder Data Scientist werden. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Zweitens ist Arbeit in 99% aller Fälle fremdbestimmt. Die meisten von uns dürfen – wenn überhaupt – gerade mal operative Entscheidungen von geringer Tragweite treffen, indem Sie wählen, wo sie wann mit welchen Arbeitsmitteln arbeiten. In welchen Projekten sie arbeiten, wer zukünftige Kolleg*innen sind und welche Richtung das Unternehmen nimmt, obliegt meistens nicht ihrer Gestaltungsmacht.

Drittens müssen die meisten von uns im Rahmen ihrer täglichen Arbeit die Spielregeln des Kapitalismus und seiner Märkte akzeptieren, ob sie wollen oder nicht. Einfach deshalb, weil sich – verständlicherweise – die meisten Arbeitgeber diesen Regeln unterwerfen und keine neuen Spielregeln erfinden und salonfähig machen.

Deshalb soll die klassische Lohnarbeit reduziert werden, um sich von dieser Fremdbestimmung zu emanzipieren.

Was ist New Work? Arbeiten, wie Sie wirklich wirklich wollen?

Was ist New Work? Arbeiten, wie Sie wirklich wirklich wollen?

Arbeit (er)finden und machen, die ich wirklich, wirklich will

Für diesen zweiten Baustein gilt für die meisten von uns wie zuvor geschildert, dass wir breitflächig in unserer Lohnarbeit nicht das machen, was wir wirklich, wirklich wollen. Zu viele Menschen schleppen sich lustlos oder gar gegen Widerstand zur Arbeit. Wenn diese dann deshalb reduziert werden soll, muss das finanzielle Defizit anderweitig aufgefangen werden, sofern wir nicht unseren Lebensstandard ebenfalls um ca. die Hälfte reduzieren möchten.

Und selbst wenn wir dieselben Bildungschancen hätten, wäre jedoch nicht sichergestellt, dass jeder weiß, was er oder sie tatsächlich möchte (Bergmann hat dafür den Begriff der Selbstunkenntnis bzw. Self-Ignorance erfunden). Denn oftmals wissen wir zu Beginn der Berufsausbildung gar nicht, was wir wollen und haben auch nicht die geringste Ahnung, welche Konsequenzen ein Beruf nach sich zieht. Ich würde für mich ein hohes Maß an Selbstreflexion und Selbst-Bewusstsein in Anspruch nehmen. Und trotzdem war mir nicht klar, was mein vor vielen Jahren erlernter Beruf des Musiktherapeuten mit sich bringt. Letztlich waren es genau die Aspekte, die mir vorher nicht klar waren, die mich später dazu veranlassten, diesen Beruf nicht mehr ausüben zu wollen. Es bedarf also einer deutlich größeren Unterstützung der zukünftig berufstätigen Menschen, herauszufinden, was sie wirklich, wirklich wollen. Das gilt heute im Umbruch der digitalen Transformation mehr denn je, denn viele Berufe werden zukünftig wegfallen, eine Menge werden sich substanziell ändern und viele völlig neue werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erst erfunden und entwickelt.

Angenommen, wir alle würden die Arbeit verrichten, die wir wirklich, wirklich wollen – was wäre damit erreicht? Warum sollte das überhaupt erstrebenswert sein? Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Aus meiner Sicht ist es eine Frage der Gerechtigkeit, dass nicht nur vorwiegend die Bildungselite in den Genuss kommt, bei der Arbeit Freude oder gar Glück zu erleben. Das zumal wir einen Großteil unseres Lebens mit unserer Arbeit verbringen. Warum also sollten wir in der Arbeit permanent unzufrieden oder unglücklich sein, nur um das dann in unserer spärlichen Freizeit wieder auf eigene Kosten zu kompensieren?

Hightech-Eigenproduktion

Hier war Bergmann seiner Zeit weit voraus. Sein ursprüngliches Konzept von Neuer Arbeit umfasste auch eine mögliche Lösung einiger Probleme, die wir heute infolge der weitreichenden Globalisierung mit transnationalen Produktions- und Lieferketten erleben. Die globale Vernetzung ist ausgesprochen krisenanfällig, während lokal begrenzte Wirtschaft im Gegenteil recht krisenrobust ist. Wenn früher ein zweiter Schneider seinen Laden im Dorf aufmachte, musste er unter denselben Marktbedingungen seine Arbeit erledigen wie ich. Wenn aber heute in China plötzlich ebenfalls wie in Deutschland Solarpanels hergestellt werden, dann deutlich billiger, weil ein paar tausend Kilometer weg völlig andere Produktionskosten entstehen. Und das hat fatale Folgen, was beispielsweise die ehemalige Wagner Solar GmbH & Co KG bis zur Insolvenz zu spüren bekam (ausführlich beschrieben in meinem letzten Buch „Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten.“, S. 185-196).

Bergmann reduzierte seine Idee aber nicht auf eine Öko-Eigenproduktion, in der wir alle anfangen, unser Gemüse in der Küche oder im Garten zu ziehen und unsere Kleider wieder selber nähen und flicken (wobei Bergmann mit seinen Kolleg*innen sehr wohl auch in diesem Bereich experimentierte, aber auch dort schon mit HTEP). Das ist hilfreich, aber ihm ging es um mehr. Deshalb die Hightech-Eigenproduktion. Er sah schon früh die Möglichkeiten lokaler, mobiler Produktionsmöglichkeiten voraus, mit denen wir zukünftig nicht nur unsere Nahrungsmittel erzeugen, sondern auch technische Produkte selbst herstellen können. Wenn ich zukünftig meine Laufschuhe selber ausdrucke, bin ich weder von den Produktionsstätten irgendwo im fernen Osten abhängig, noch von einer Lieferkette über tausende von Kilometern. Tatsächlich wurde Bergmann und seine Mitarbeitenden weltweit zu diesem Teil für New Work Projekte eingeladen und stießen auf viele offene Ohren.

Heute gängige Begriffsbedeutung von New Work

Und was wird heute als New Work bezeichnet? Häufig ist es eine unfassbare Reduktion auf die freie Wahl im operativen Entscheidungsraum, die einer Verstümmelung gleichkommt: Arbeitsplatz, Arbeitszeit und Arbeitsmittel. Da wird im Kontext von New Work häufig vom Home-Office und seinen angeblichen vielen Vorzügen ebenso schwadroniert, wie von der Vertrauensarbeitszeit. Und manchmal geht es noch darum, dass das neue Heil auch darin bestünde, frei zwischen einem Android oder Apple Handy wählen zu dürfen. Gerade die Arbeitsmittel sind ein beliebtes, breitgetretenes Thema. Da geht es dann in der Neuen Arbeit um Social Collaboration Tools, wie Slack oder Enterprise Social Networks. Keine Frage, diese Arbeitsmittel verändern auch unsere Arbeitsweisen, aber sie gehen am Kern der ursprünglichen Idee vorbei.

Ein weitere junge Standarderzählung ist der Abbau von Hierarchiestufen bis hin zum angeblich hierarchiefreien Unternehmen. Mal abgesehen davon, dass letzteres ohnehin kontrafaktischer Blödsinn ist, weil der Abbau formaler Hierarchien jedesmal zur Entwicklung informeller Hierarchien führt, wie die Organisationsforschung schon seit Jahren gezeigt hat, so besteht das eigentliche Problem nicht darin, dass es Hierarchien gibt, sondern dass sie formal-fixiert sind. Will heißen: Führung entsteht nicht so, wie sie situativ für das Unternehmen am besten wäre, sondern so, wie es der jeweilige Karriereweg vorsieht. Und dann gibt es so gut wie keine dringend benötige Flexibilität in den jeweils nötigen Rollen mit entsprechenden Entscheidungsbefugnissen.

Und dann ist da noch die Forderung nach Sinnstiftung. Herrlich! Mir ist es schleierhaft, wie mir ein anderer Mensch Sinn stiften will. Was ich als sinnvoll erlebe, kann nicht nur ich entscheiden, sondern ich muss. Da führt kein Weg dran vorbei. Denn nur ich kenne mein Sinnerleben und habe einen direkten Einfluss darauf.

Der Gipfel an Naivität und Begriffsverwirrung besteht letztlich darin, Neue Arbeit gleichsam als Synonym für Coworking zu betrachten. Wobei gleichzeitig unterschlagen wird, dass die ursprüngliche Idee von Coworking längst in Vergessenheit geraten ist und Coworking Anbieter häufig nichts weiter sind als flexible Vermieter von Büroplätzen und Seminarräumen für (Groß)Unternehmen. Wer häufig in Coworking-Spaces sitzt weiß: Selbst in den offenen Bereichen sitzt meistens eine Horde von Freiberuflern oder Angestellten, die sich hinter Active-Noise-Cancellation Kopfhörern verbarrikadieren und gar nicht Co-Worken wollen (oder dürfen).

Unsere Begriffbedeutung von New Work

Ich schreibe hier stellvertretend für das Team von priomy, unserem Unternehmen in Gründung, einer Plattform für selbstbestimmte Arbeit. Deshalb handelt es sich nicht um „meine Begriffsbedeutung“. Wir erlauben uns, den Begriff etwas anders zu verstehen, als Bergmann:

New Work heißt Arbeit so zu gestalten, dass diejenigen Angestellten, die selbstbestimmt arbeiten wollen, das auch können. Und die damit jeweils verbundene Organisationsstruktur und -kultur auch verbindlich zu verankern und nicht wie eine Modewelle beim nächsten Zentralisierungshype wieder ad acta zu legen.

 

Hinweise:

Alle Macht für niemand. Aufbruch der UnternehmensdemokratenGebundene Ausgabe – 8. September 2015

Alle Macht für Niemand - Dr. Andreas Zeuch - t2informatik

und: Bergmann, F. (2017): Neue Arbeit, Neue Kultur. arbor, 6. Auflage

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