Verhandlungssicher Englisch? Check this ab!

Gastbeitrag von | 06.05.2019 | Prozesse & Methoden | 4 Kommentare

Der Erwerb fremdsprachlicher Kompetenzen wird oft als schwer greifbarer und undefinierbarer Prozess empfunden, obwohl er sehr wohl quantifizier- und messbar ist. Basierend auf aktuellen Ergebnissen aus der Forschung und diversen Studien sowie aufgrund meinen eigenen Erfahrungen aus über 22 Jahren im Bereich Sprachtrainings möchte ich dies gerne veranschaulichen und so eine realistische Erwartungshaltung für das Lernen von Fremdsprachen erzeugen.

Definition: Verhandlungssicher

Der Begriff „verhandlungssicher“ ist zwar sehr gebräuchlich, erlaubt aber keine konkrete oder gar zuverlässige Aussage bezüglich fremdsprachlicher Kompetenzen. Sprachkompetenz als „verhandlungssicher“ darzustellen, ist ausnahmslos subjektiv und daher nicht messbar. Wie die Definition „verhandlungssicher“ in die Irre führen kann:

  • Missverstandener Redeschwall: Häufig wird augenscheinlich müheloses, freies Sprechen als sprachkompetent (verhandlungssicher) interpretiert. Tatsächlich gibt es aber jede Menge Menschen, die frei, flüssig und FALSCH in einer Fremdsprache sprechen. Besonders charmant ist hier der Gebrauch „denglischer“ Floskeln, z.B.: I have abchecked this.
  • Konzentriertes, sorgfältiges Sprechen: Langsames Sprechen, sorgfältiges Abwägen und gründliches Überlegen wird meistens als „mangelhaft“ bzw. als „nicht verhandlungssicher“ beurteilt. Oft sind aber in solchen Fällen die resultierenden Aussagen überwiegend korrekt (I have checked this).

Genau das ist die Crux bei der Definition „verhandlungssicher“: Sie ist an keine messbaren Kompetenzen gekoppelt. Das macht sie als Messlatte für sprachliche Fähigkeiten untauglich. Was bedeutet dann „verhandlungssicher“, wenn „freies, fließendes Sprechen“ kein zuverlässiges Merkmal realer Sprachkompetenz ist?

Sprachkompetenz zuverlässig messen

Die international anerkannte Skala des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER) ist ein hervorragendes, quantifizierbares Messinstrument von sprachlicher Kompetenz. Mit dem GER wird sprachliche Kompetenz verständlich definiert, Lernziele werden quantifizierbar und Lernfortschritte konkret.

Elementar (A1 & A2): Kann sich auf einfache Art verständigen.

Selbstständig (B1): Kann routinemäßige sprachlichen Situationen bewältigen.

Kompetent (B2-C2): Kann sich spontan / fließend verständigen, komplexe Anforderung bewältigen.

Es ist grundsätzlich ratsam, sprachliche Anforderungen ausnahmslos anhand des GER darzulegen. Dies ermöglicht eine objektive, eindeutige Ermittlung der erforderlichen bzw. der schon vorhandenen sprachlichen Kompetenzen.

Wie lange dauert das Lernen einer Sprache?

Kennen Sie diese Versprechen aus der Werbung?

  • „Mühelos Sprachen Lernen – Blitzschnell, zum kleinen Preis“
  • „Mit der Gratis-App XXX lernst du spielend eine neue Sprache in 3 Wochen“
  • „Akzentfrei Sprachen im Schlaf lernen – Kostenlos“

Das sind die Versprechen. Und was ist die Realität? Wäre es tatsächlich so einfach, Fremdsprachen durch diese „Wundermethoden“ zu meistern, stellt sich die zwingende Frage: Warum hat die gesamte Bevölkerung dann nicht inzwischen die verschiedensten Sprachen „spielend“, „gratis“, „im Schlaf“ „blitzschnell“ „in drei Wochen“ gelernt? Kehren wir also zurück zur Realität. Eine Vielzahl von Faktoren beeinflussen dabei jeden Lernprozess.

Biologie:

  • Geburt bis 6. Lebensjahr = die lernfähigste Zeit.
  • Im Alter zwischen zwei und vier Jahren beherrschen Kinder normalerweise ihre Muttersprache(n).
  • Akzentfreier Spracherwerb ist nur im Kindesalter (generell gilt bis zum 12. Lebensjahr) realisierbar.

Forschung:

  • Die Lernzeit um eine Sprache im B1 Bereich zu beherrschen beträgt Dr. Sarah Heaton von der University of Calgary, Canada, zufolge ca. 900 Stunden (formal classroom learning) plus selbständiges Lernen (dedicated informal learning that takes place outside the classroom).
  • Ca. 900 Trainingsstunden (class hours), plus selbständiges Lernen, sind erforderlich (sprachliche Lernbegabung vorausgesetzt) um einen GER Level von B1+ in einer Sprache der Kategorie II (Sprachen die Englisch ähneln) zu erwerben. (Institut des Auswärtigen Amts der USA (FSI)).

Lernfaktoren:

  • Wie viele Stunden können täglich in das Erlernen der Fremdsprache investiert werden?
  • Besteht Erfahrung im Lernen von Fremdsprachen oder ist dies die erste Fremdsprache?
  • Welche Sprache wird gelernt (Sprachen sind unterschiedlich schwer)?
  • Welche Lehr- und Lernmethodik wird angewendet?
  • Wie lerngeübt ist der Lernende?
  • Wie alt ist der Lernende?

Bilanz:

  • Aktive Lernmethoden und intensive Lernprozesse führen zu Erfolgen.
  • Welche Sprache gelernt wird und wie viel Erfahrung vorhanden ist, beeinflussen das Lerntempo.
  • Keine Sprache kann in 3 Wochen erlernt werden.
  • GER B1 Level erreicht man nicht mit 300 Lernstunden.
  • Versprechen wie „Mit dieser App sprichst du in drei Wochen eine neue Sprache“ sind Märchen.

Effektive Lern- und Lehrmethoden

Was sind effektive Lern- und Lehrmethoden? Aufschluss gibt ein Rückblick auf erste Sprach- und Sprechversuche bei Kindern:

  • Kinder lernen das Sprechen durch Nachahmung ihrer sprachlichen Umgebung.
  • Ausprobieren und Fehler zu machen, spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle.
  • Höchste Bedeutung in der sprachlichen Entwicklung hat das Sprechen.
  • Je mehr Kinder sprechen, desto schneller, fähiger und besser wird deren Sprachkompetenz.

Dieses Wissen führt zu folgenden Erkenntnissen:

  • Der schnellste und effektivste Weg zu einer neuen Sprache erfordert die Unterstützung der natürlichen Prozesse des menschlichen Gehirns.
  • Im Klartext heißt das: die neue Sprache sehr aktiv anwenden, also viel sprechen.

Und was bedeutet dies in Bezug auf die Lehrmethodik/Didaktik und die Lernprozesse? Durchweg belegt durch die verfügbaren Forschungsergebnisse: Aktive Lern- und Lehrmethoden erbringen mit Abstand die besten Resultate.

a) Aktive Methoden beinhalten einen großen Anteil kommunikativer Interaktion (mit anderen Menschen). Diese Kommunikation muss methodisch fundiert sein und systematisch gesteuert werden. Sie muss Kompetenzen fördern und Schwachpunkte ausgleichen. Diese Methodik unterscheidet aktive Lern/Lehrmethoden maßgeblich von z. B. Apps und Co. Diese können nämlich nicht kommunizieren. Sie agieren nur einseitig.

b) Durcheinandergeworfene Sprachlevel in einer Lerngruppe und/oder große Lerngruppen hemmen einen effektiven Lernprozess. Kombiniert man diese Faktoren, was leider sehr oft geschieht, hat das fatale Folgen für den Lernerfolg.

c) Um die erwünschten Erfolge zu erreichen, ist etliches an methodischen und didaktischen Lehrkompetenzen notwendig. Es ist daher mehr als wichtig, dass die menschliche Lehrkraft diese unumgänglichen Kompetenzen beherrscht. Lediglich Muttersprachler zu sein beinhaltet weder methodische noch didaktische Lehrkompetenz.

d) Je intensiver der Lernprozess, desto schneller stellen sich Erfolge ein.

Was ist Hokuspokus?

Lernprozesse

  • die in kürzester Zeit zum Ergebnis führen sollen („Lernen Sie Englisch in drei Wochen“),
  • die „Wundermethoden“ feilbieten (Lernen „per Mausklick“, „im Schlaf“, „kinderleicht“, „mühelos“ usw.),
  •  die billig („bezahlbar, günstig“) oder sogar kostenlos sind,

sind fragwürdig.

Wenn es nämlich tatsächlich „kinderleicht“ wäre, Fremdsprachen mit diesen „Wundermitteln“ zu erlernen, dann hätte doch mittlerweile jeder alle möglichen Sprachen „in drei Wochen“, „kostenlos“, „im Schlaf“ „mühelos“ gelernt. Oder?

„Von nix kütt nix (von nichts kommt nichts)“ lautet ein rheinisches Sprichwort. Hokuspokus gibt es nicht nur bezüglich Lerndauer und Lernmethoden, auch mit Bezug auf die Kosten spielt Täuschung eine wesentliche Rolle. Konfrontieren wir diese Verheißungen aus der Werbung

  • „Lerne kostenlos Englisch, Deutsch und andere Sprachen“
  • „Englisch lernen – online, kostenlos, kinderleicht, mit echten Profis“
  • „Günstig Englisch lernen in England, Malta und den USA“

mit Logik:

  1. „Echte Profis“, also gut ausgebildete Lehrkräfte, sind definitiv nicht billig. Sie verlangen zweifellos eine angemessene Vergütung für ihre Arbeit. Wie ist es daher möglich, ein kostenloses bzw. billiges („preisgünstiges, preiswertes“) Lernen „mit echten Profis“ überhaupt anzubieten? Das würde doch, wäre die Behauptung wahr, zu einem beträchtlichen Verlustgeschäft für den Anbieter führen.
  2. Hervorragende IT bedeutet enorme Kosten. Alleine schon die Entwicklung einer „intelligenten“ Software ist sehr kostspielig. Wie ist es daher möglich, ein Hochleistungs-Sprach-Lern-Programm „kostenlos“ anzubieten?
  3. Eine Sprachreise beinhaltet einen Sprachkurs, Unterkunft, Verpflegung und Freizeitaktivitäten. Deutlich mehr Leistung/Aufwand als eine Urlaubsreise. Wie geht es dann, dass eine Sprachreise weniger kostet als ein Pauschalurlaub im Economy-Bereich?

Bei Sprachreisen kann ein Blick auf gängige Werbung ein echter Augenöffner sein! So im Herbst 2018:

Eine Woche, Englischkurs halbtags, Gastfamilie, geteiltes Zimmer/Bad, Halbpension, ohne Flug:

Malta: 355 Euro
Brighton: 319 Euro

Pauschalurlaub, ohne Flug:

Malta: 2* Hotel am Hafen, Frühstück, 535 Euro.
Brighton: 2* Hotel im Zentrum, Frühstück, 543 Euro.

Hier ist die Erwartung irgendeines Lernerfolges reine Utopie!

Soviel zu Sprachreisen. In Deutschland findet sich ebenfalls eine Vielzahl von Hilfsarbeitern, die sich als Sprachtrainer ausgeben. Hier handelt es sich um schlecht bzw. gar nicht ausgebildete „Sprachlehrer“ (z.B. Work & Travel Studenten oder um nicht ausgebildete Muttersprachler). Abweichend von qualifizierten Lehrkräften arbeiten diese unqualifizierten Kräfte im Niedriglohnsektor. Ohne entsprechende Qualifikationen haben sie keine andere Möglichkeit. Und so werden Preise von 40 oder sogar 30 Euro pro Stunde für Sprachkurse möglich. Selbstredend, dass damit eine Erwartung seitens des Kunden, ein fachlich kompetentes Sprachtraining zu erhalten, per se nicht zu erfüllen ist.

Diese Art von Trainings führt niemanden zu sprachlicher Kompetenz!

 

Fazit

Zu erwarten, dass eine Fremdsprache „kinderleicht“, „kostenlos“, blitzschnell“ und am besten noch „im Schlaf“ erlernbar sein soll, ist tatsächlich unrealistisch.

Trotzdem ist die Akzeptanz dieser illusorischen Versprechen weit verbreitet.
Ebenso, wie die Erwartung, für „kleines Geld“ hervorragendes Sprachtraining zu erhalten.
Training, das selbstverständlich von hochqualifizierten, erfahrenen, möglichst noch diplomierten, muttersprachlichen Sprachtrainern durchgeführt wird.
Das alles natürlich GESCHENKT, oder wenigstens zum klitzekleinen Preis.

Viele Unternehmen bezahlen ihren Mitarbeitern über viele Jahre hinweg Sprachtrainings, bis sie feststellen, dass Lernfortschritte ausbleiben. So wird der zu Anfang als „günstig“, bzw. „billig“ angepriesene Sprachkurs zur teuren Verschwendung – von Geld, Zeit und Ressourcen!

Sprachen lernt man nicht durch mystische Verfahren oder wundersame Erleuchtung! Genauso wenig funktioniert Sprachenlernen „in 3 Wochen im Schlaf“. Selbstredend sind als Sprachtrainer verkleidete Animateure wenig effektive Lehrkräfte. Um eine Sprache letztlich zu lernen und zu beherrschen ist erforderlich:

  • Kompetentes Training (gut qualifizierte Trainer),
  • angemessene Honorare („billig“ = „Hilfsarbeiter“),
  • Arbeit („Blitzschnell im Schlaf Lernen“ ist lediglich ein Traum) und
  • Zeit -, i.d.R. Jahre („kinderleicht, in 3 Wochen“ ist Utopie).

Alles andere ist Täuschung.

Patricia Hinsen-Rind

Patricia Hinsen-Rind

Patricia Hinsen-Rind ist Chief Executive Officer der Englisch nach Maß GmbH. Sie stammt ursprünglich aus Kanada, dort studierte sie Betriebswirtschaft und arbeitete in leitenden Positionen im Finanz-, IT- und HR Bereich. Mit dem Umzug nach Deutschland erfuhr sie durch eigene Erfahrungen, wie viele Fallstricke sich im Sprachlichen und Interkulturellen verbergen. Dies resultierte 1997 in der Gründung der Englisch nach Maß® GmbH, die Realisierung ihrer ganz persönlichen Vision. Englisch nach Maß® unterstützt Unternehmen deutschlandweit durch Training und Übersetzungen in allen wichtigen Business-Sprachen sowie mit effektiven Sprachreisen nach UK, Irland und Malta.

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