Silodenken – keiner mag es, jeder kennt es

Gastbeitrag von | 14.01.2021 | Prozesse & Methoden |

Wer der Begriff „Silodenken“ hört, denkt vielleicht an die Landwirtschaft und an große Getreidespeicher, in denen Korn gelagert wird. Der Inhalt ist sicher vor äußeren Einflüssen, er kann nicht gestohlen und dennoch ganz einfach entnommen werden. Ja, in der Landwirtschaft ergeben Silos sehr viel Sinn. Im Unternehmen jedoch nicht, da bereiten sie oftmals große Probleme.

Was ist Silodenken eigentlich?

Sehr viele Unternehmen haben eine klassische Abteilungsorganisation: Marketing, Vertrieb,  Buchhaltung, HR und Entwicklung – solche Abteilungen sind allgegenwärtig. Silodenken meint, das große und kleine Entscheidungen innerhalb einer Abteilung und vor allem zum Wohl der eigenen Abteilung getroffen werden.

Der häufigster Grund, aus dem es entsteht, sind vorgegebene Ziele, an denen die einzelnen Abteilungen arbeiten. Solche Ziele lassen sich nur selten miteinander vereinbaren, so dass es fast zwangsläufig zu Konflikten oder gar Grabenkämpfen kommt.

Beispiel: 

  • Der Einkauf hat eine klare Vorgabe: die Anzahl der Lieferanten muss so gering wie möglich gehalten werden.
  • Die IT hat eine klare Vorgabe: die Kosten für die neue Hardware müssen so niedrig wie möglich sein.

Eigentlich würde die IT gerne einen neuen Lieferanten auf die Whitelist bzw. Positiv-Liste setzen, weil er die gewünschte Hardware günstig liefern kann und einen guten Support bereitstellt. Doch der Einkauf ist dagegen. Er möchte keinen weiteren Lieferanten für den Bereich aufnehmen. In der Unternehmenspraxis lässt sich häufig beobachten, dass sich der Einkauf „durchsetzt“ und die benötigte Hardware beim gelisteten Standardlieferanten einkauft. Besonders bitter wird es, wenn die Produkte nicht zu dessen Standardrepertorie gehören, denn dann sind die Einkaufskonditionen höher und der Support ist nicht wirklich gewährleistet. Ein Interessenskonflikt in dessen Folge die Kosten gegebenenfalls weiter steigen und die Stimmung in den Abteilungen sinkt.

Verschiedene Ebenen beim Silodenken

Es gibt noch andere Gründe und Blickwinkel auf Silodenken: Der Begriff suggeriert, dass es sich schlicht um eine Art zu denken handelt. Jedoch gibt es mehrere Ebenen, die unter diesem Begriff zusammenfallen. Je tiefer das Silodenken geht, desto gefährlicher wird es für das Unternehmen und desto schwieriger wird es, es zu überwinden.

Ebene 1: Handeln

Die einfachste Ebene und die, die man am schnellsten überwinden kann, ist es, im Silodenken zu handeln.

Die Abteilungen Entwicklung und Kundenservice tauschen sich nicht ausreichend über Rückmeldungen von Kunden aus. Reklamationen werden vom Kundenservice zwar aufgenommen, doch die Entwicklung erfährt davon nur in Ausnahmefällen und kann dieses Wissen nicht für die Weiterentwicklung der Produkt nutzen.

Es fällt auf, dass beide Abteilungen nicht auf die gleiche Datenbasis zurückgreifen. Jede Abteilung nutzt zwar die Stammdaten des Kunden, hat aber keinen Zugriff auf weiterführende Einträge der anderen Abteilungen. Mit einer vergleichsweise einfachen Umstellung der verwendeten Software wäre das Problem leicht zu lösen.

In dieser Ebene spielt die Absicht meist gar keine große Rolle. Die Mitarbeiter würden sich austauschen, wenn nur jemand das Problem erkannt hätte. Eine Veränderung im Handeln lässt sich durch einfache technische oder personelle Veränderungen schnell erreichen.

Ebene 2: Denken

Die nächst tiefere Ebene ist die des tatsächlichen Denkens. Sie ist schon um einiges schwieriger zu überwinden, weil hier ein Ziel verfolgt wird, also eine Absicht hinter dem Handeln steckt.

In der Buchhaltung soll eine neue Software eingeführt werden. Es gibt schon ein paar konkrete Vorschläge für Standardlösungen, die dann von der IT individualisiert werden sollen. Um alle Anforderungen korrekt zu erfassen, wäre es am besten, wenn ein Mitarbeiter aus der Buchhaltung in Teilzeit in dem Projekt mitarbeitet und für einige Stunden in der Woche von seinen eigentlichen Aufgaben freigestellt wird.

Im Abteilungsmeeting wird der Plan hitzig diskutiert:

  • „Also ich habe dafür keine Zeit.“
  • „Das wird doch sowieso nichts, das unterstütze ich nicht.“

Schließlich sind sich alle einig:

  • „Das soll die IT mal schön selbst machen und uns dann einen Vorschlag unterbreiten.“

Auf dieser Ebene werden die eigenen Mitarbeitenden, sowie der Aufwand und die Kosten als ungleich wichtiger erachtet, als die der anderen Abteilung. Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden hin und her geschoben.

In der Unternehmenspraxis führt es zu Projekten, die sich unnötig in die Länge ziehen. Oftmals unterbreitet die IT einen Vorschlag, den die Buchhaltung ablehnt, da sie sich „natürlich“ etwas anderes vorgestellt hatte. Die IT-Abteilung darf also einen neuen Vorschlag erarbeiten und „das Spiel“ beginnt von vorne. Eine tragische „never ending story“.

Ebene 3: Wahrnehmen

Die tiefste Ebene und wahrscheinlich auch jene, die am schwierigsten zu überwinden ist, ist die der Wahrnehmung. Sie wird schnell mit einer der beiden anderen Ebenen verwechselt. Jedoch ist sie eine Steigerung von beiden.

In dieser Ebene des Silodenkens sind Abteilungen davon überzeugt, dass der Erfolg des Unternehmens einzig und allein von ihnen abhängt. Sie selbst sind die Zugpferde, alle anderen erledigen nur einen notwendigen Job.

Die Marketingabteilung weigert sich schlichtweg, enger mit dem Vertrieb zusammen zu arbeiten und Maßnahmen zu planen.

Der Kommentar der Marketingleiterin unter vier Augen dazu:

  • „Die wissen einfach nicht, wie der Hase läuft. Wir müssen ihnen schließlich Tor und Tür öffnen, ohne unsere Maßnahmen würde da nichts laufen. Wenn wir ihnen da Mitsprache geben, geht alles den Bach runter.“

 

Was tun gegen Silodenken?

Leider lässt sich die Frage nicht so einfach beantworten. Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. Es reicht also bspw. nicht, alle Führungskräfte zu einem Workshop einzuladen, in dem sie gemeinsam klettern oder Papierflieger basteln.

Zuerst einmal ist es wichtig zu wissen, auf welcher Ebene sich das Silodenken befindet. Die gute Nachricht ist: die einfachste Ebene, also die des Handelns, ist auch diejenige, die am häufigsten auftritt. In den meisten Fällen steckt überhaupt keine böse Absicht dahinter und eine technische Lösung reicht aus, um die Probleme zu beseitigen. Es braucht „lediglich“ gesunden Menschenverstand und etwas organisatorisches Geschick, um die genauen Gründe zu analysieren. Alle Beteiligten sind erst einmal überrascht, dass ihr Handeln überhaupt problematisch ist und anschließend, wie schnell es sich lösen lässt.

Für die zweite Ebene sind schon weitere Schritte erforderlich. Es gilt die Struktur des Unternehmens zu betrachten. Oftmals werden übergreifende (ggf. zur Not auch von „oben“ angeordnete) Projekte, sowie formelle und vor allem informelle Netzwerke benötigt. Auch hier gibt es eine gute Nachricht: Führungskräfte und Mitarbeiter:innen auf dieser Ebene des Silodenkens sind in der Regel offen für neue Ansätze und probieren gerne etwas Neues aus.

Die letzte Ebene, in der die Eigenwahrnehmung die wichtigste Rolle spielt, ist nur dann zu bearbeiten, wenn vorab auch die Persönlichkeit betrachtet wird. Das heißt nicht zwingend die Persönlichkeit einzelner Führungskräfte oder Mitarbeiter:innen, sondern die der gesamten Abteilung. Denn wenn die Grundannahme herrscht, dass die eigene Abteilung die wichtigste ist, greifen auch die vernetzenden Maßnahmen nicht, sie würden lediglich als lästige Pflichtveranstaltung wahrgenommen. Stattdessen ist es wichtig, dass die Mitglieder der Abteilung den Eindruck hinterfragen, den sie von sich selbst und von anderen haben. In der Folge ist es wichtig, mit anderen Abteilungen gemeinsame Visionen zu entwickeln.

Fazit: Es liegt an IHNEN!

Man sollte meinen, dass den meisten Mitarbeitenden klar ist, dass Silodenken nicht nur einzelne Probleme mit sich bringt, sondern sogar gefährlich für ein Unternehmen werden kann. Vielleicht ist das tatsächlich so, und trotzdem ist Silodenken in vielen Unternehmen zuhause. Insbesondere weil der Auslöser gar nicht groß und für alle sichtbar sein muss.

Überlegungen eines Abteilungsleiters:

  • „Mein Report ist fast fertig, ich muss nur noch ein paar Punkte ausarbeiten. Ich weiß, dass mein Kollege genau darauf wartet. Was passiert, wenn ich ihm vorab eine Version gebe? Hier soll keiner auf die Idee kommen, dass ich meine Arbeit nicht schaffe. Ich glaube, ich mache die offenen Punkte erst fertig und bringe den Report dann gleich zum Abteilungsleitermeeting mit…“

Banale Dinge, die so oder so ähnlich tagtäglich passieren, können der Grundstein für Silodenken sein. Kein Unternehmen ist davor gefeit. Es ist also überhaupt nicht schlimm, wenn es in Ihrem Unternehmen Silodenken gibt. Es ist nur schlimm, wenn SIE nichts dagegen tun!

 

Hinweise:

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Stephanie Selmer
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Starke Unternehmen setzen für Weg in die Zukunft nicht nur auf neue IT-Systeme, sondern besonders auf ihre Mitarbeiter. Stephanie Selmer unterstützt Organisationen bei Veränderungen, bei der Verbesserung der Zusammenarbeit und beim Erreichen gemeinsamer Ziele. Zu ihren Kunden gehören mittelständische Unternehmen aus allen Branchen, die in der Digitalisierung eine Chance erkennen und ihre Mitarbeiter damit stärken wollen.