Lernen ist kein sexy Thema. Oder: Lernen von Scotty.

Gastbeitrag von | 05.03.2020 | Prozesse & Methoden | 0 Kommentare

Lernen ist kein sexy Thema. Das hat mir vor kurzem ein Kollege erzählt, der sich die Statistiken seines Unternehmensblogs angeschaut hatte. Im Klick-Vergleich gewinnen fast immer Themen wie Agilität, Leadership oder Digitalisierung. Vermutlich erinnert uns Lernen an die Schulzeit, an Noten und die dort oft ausgebremste Freude an neuem Wissen. Und doch möchte ich mich hier diesem Thema widmen. Gerade weil es nicht sexy ist. Oder vielleicht doch, wenn man das Ganze mal aus der Science-Fiction-Perspektive betrachtet.

Ein bewusster Kontrapunkt

Schön, dass Sie noch dabei sind. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich gerade geschrieben habe: „…in unerwarteten Situationen lernen …“. Eigentlich heißt es doch sonst immer, dass man „aus Situationen lernt“. Ich setze hier bewusst einen Kontrapunkt: Man lernt IN unerwarteten Situationen tatsächlich im Tun, also in der Situation und das darf, ja muss sogar Spaß machen. Sonst funktioniert es nämlich nicht. Neurowissenschaftler haben inzwischen festgestellt, dass Freude – dank der damit verbundenen Botenstoffe – eine wichtige Zutat, fast schon eine Voraussetzung zum nachhaltigen Lernen ist.

Ich möchte Ihnen das Setting vorstellen, in dem sich der scheinbare Widerspruch, nämlich Lernen mit Spaß in UNERWARTETEN Situationen (die wir ja oft als unangenehm ansehen) auflöst. Da scheint mir die Crew vom Raumschiff Enterprise ein geeignetes Beispiel, denn „Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

Scotty und das Raumschiff Enterprise

Schauen wir uns an, wie Ingenieur Scott, von allen Scotty genannt, im „Unbekannten“ agiert und lernt.

Versagt unerwartet und aus unklarem Grund der Antrieb, tastet er sich an die Problemlösung heran. Er reagiert schnell und verzahnt sein Handeln und Entscheiden (situatives Handeln). Dabei setzt er auf seine Intuition, die ihn mit neuen Lösungsimpulsen versorgt. Jeder Lösungsversuch wird zu einer Lernerfahrung (Lernen im Tun), die seine erfahrungsbasierte Wissensbasis vergrößert. Und er macht das solange, bis sich Erfolg einstellt – den er oftmals über seine Sinnesorgane (Geräusch, Vibration, Temperatur, …) „erspürt“.

Natürlich verfügt Scotty auch über ein fundiertes Wissen im klassischen Sinne. Er ist in der Antriebstechnik hervorragend ausgebildet und ist damit das, was wir gerne Experte nennen; Expertise ist eine wichtige Voraussetzung für eine der Situation angemessene Intuition. Und Scotty zeigt uns auch, wie man den Spaß am Lernen neuer Erfahrungen beibehält, und das sogar unter schwierigen Rahmenbedingungen.

Und nun zum theoretischen Hintergrund:

Was ist eine unerwartete Situation?

Immer wieder erleben wir Situationen, in denen etwas passiert, das wir so nicht erwartet hatten. Wir sind meist irritiert und reagieren oft unbewusst, basierend auf lang geübten Verhaltensmustern. Am Anfang steht häufig ein Schreck oder zumindest eine Verblüffung. Viele Menschen erstarren, andere legen sofort und super aktiv los.

Die Situationen an sich sind für die meisten von uns unangenehm – wir verlieren Kontrolle -, und so versuchen wir sie zu vermeiden. Wir planen, wir vermehren unser Wissen, wir kontrollieren engmaschig, wir setzen all unsere kognitiven Kompetenzen ein. Und schon sind wir mitten drin in dem, was wir bereits aus der Schule kennen: Rationales Agieren, gezieltes Vorgehen, um unsere Ziele zu erreichen. Nur leider ist ein solches Vorgehen für unerwartete Situationen weder hilfreich noch angemessen.

Viele Menschen setzen aktiv auf Verhinderungsstrategien, ein typisches Beispiel dafür sind Methoden des Risikomanagements. Und das ist auch nicht falsch, im Gegenteil, so vermeiden wir erwartbar Unerwartetes, aber es sind eben keine VerHinderungs- sondern VerMinderungs-Strategien. Da die Zukunft jedoch nicht vorhersehbar ist, treten unerwartbare Ereignisse auf. Diese sind im Kern neu und da hilft erlerntes „Buchwissen“ nur sehr bedingt.

Wie wir in diesen Situationen in angemessenes Handeln kommen

Prof. Böhle vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München forscht seit Jahrzehnten zum Thema „Handeln in Ungewissheit“ und eben auch, wie in solchen Situationen gelernt werden kann. Das Zauberwort heißt: Erfahrungswissen.

Unerwartete Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass wir eben nicht wissen, was zu tun ist und oft werden sie von (Zeit-)Druck begleitet. Die Lösungsstrategie liegt im schrittweisen Vorgehen und Ausprobieren, trial and error sozusagen. Jeder dieser Versuche – in der Wissenschaft als situatives Handeln bezeichnet (mit Scotty als Paradebeispiel) – führt zu neuen Erfahrungen und damit neuem Wissen, unabhängig davon, ob erfolgreich oder Fehlversuch. Wir lernen quasi im Tun. Und mit diesem neu erworbenen Wissen geht es dann in die nächste Runde des Ausprobierens, solange, bis ein Zustand entsteht, den wir als Lösung ansehen.

Das so entstehende Wissen wird auch als „inkorporiert“ bezeichnet. Das beschreibt, dass es sich hier nicht um unser rational zugreifbares Wissen handelt, sondern um eines, das der Körperintelligenz zuzuordnen ist. Der Zugriff auf das erfahrungsbasierte Wissen ist eher nicht rational, situatives Handeln basiert auf dem, was wir gerne als Intuition bezeichnen.

Erfahrungsgeleitetes Lernen

Hilfreiche Kompetenzen üben

Und was braucht jeder von uns, damit wir so wie Ingenieur Scotty vorgehen können und vor allem auch den notwendigen Spaß daran haben? Die Antwort ist einfach, doch deren Umsetzung in die Praxis ist es nicht: Wir haben klassisches Wissen und Erfahrungen, nutzen sie in der Situation intuitiv und erweitern so unser erfahrungsgeleitetes Wissen.

Und wie geht das?

Da die konkrete Situation und die notwendigen Kompetenzen nicht im Vorfeld bekannt sind, brauchen wir stattdessen übergeordnete (Meta-)Kompetenzen. Diese gilt es im Vorfeld zu trainieren, damit wir auf sie in der uns unbekannten Situation automatisch zurückgreifen können – ähnlich wie Profifußballer.

Entwicklungsgeschichtlich haben wir diese Meta-Kompetenzen von Geburt an. Kleine Kinder haben große Freude, sich auszuprobieren und geben nicht vorschnell auf. Denken Sie nur an Kinder, die laufen lernen: Sie glucksen vor Freude, umfallen gehört dazu, mit jedem Umkippen sammeln sie Erfahrungen und lernen so ein bisschen mehr – solange bis es mit dem Laufen klappt. Diese frühkindliche Haltung und die damit verbundenen Fähigkeiten sind es, die uns auch in unerwarteten Situationen helfen.

Die meisten von uns haben sie aber verlernt, weil sie in unserem Lebensraum nicht gefördert, sondern tendenziell abtrainiert werden. Bereits Kindern wird oft nicht nur die Freude am Ausprobieren genommen, auch das für Intuition wichtige, achtsame Körpergespür wird kaum gefördert. Ernstgemeinte Fehlertoleranz und spielerische Freude sind bei Erwachsenen in professionellen Kontexten ebenfalls eher selten. Diese notwendigen Meta-Kompetenzen gilt es für unerwartete Situationen (wieder) zu erwecken und ausreichend zu trainieren.

Das ist kein einfacher Weg, denn wir haben jahrelang geübt, das spielerisch-freudige durch ein eher kognitiv orientiertes Vorgehen zu ersetzen. Und so sind wir eben gut in planerisch-rationalem Vorgehen und würden deshalb gerne auch das Lernen von Intuition kognitiv angehen. Das funktioniert nicht.

Aber es gibt Trainingsfelder, in denen wir uns die Meta-Kompetenzen aneignen können. Ein solches Trainingsfeld wäre z. B. per se das Wiederentdecken unserer natürlichen Fähigkeiten zum freudigen Ausprobieren. Versuchen Sie, die Freude am (professionellen) Ausprobieren wieder zu entdecken und dabei mehr über sich, Ihre Möglichkeiten und eben auch Grenzen zu erfahren: Wie gelingt etwas, wie gelingt etwas nicht? Was (und welche Emotionen oder Glaubenssätze) verhindert, dass es gelingt? Was fördert das Gelingen?

Fehlwege sind natürlich erlaubt und werden sogar begrüßt. Das Entdecken neuer Facetten in uns kann richtig Spaß machen, hilfreich ist die Neugier auf sich selbst. Die notwendige Expertise bringen wir mit, denn wer, wenn nicht jeder von uns ist Experte seiner selbst? So sammeln Sie Erfahrungen zu sich und lernen Ihre Möglichkeiten besser kennen; eine weitere Voraussetzung, um in unerwarteten Situationen handlungsfähig zu bleiben. Und Sie trainieren gleichzeitig die erwähnten Meta-Kompetenzen.

Das zu können, ist eine essentielle Kernkompetenz in einer Zeit, die sich durch die Komplexität und Unübersichtlichkeit der Probleme auszeichnet. So haben Sie die Voraussetzungen, angemessen zu handeln, statt endlos und meist unter Zeitdruck über Lösungen und Pläne zu debattieren. Und es macht auch noch Spaß, denn es entspricht unserem kindlich-spielerischen Vorgehen.

Abschließend noch ein Hinweis: Wenn Sie üben oder unerwartete Situationen erleben, halten Sie bitte nicht sklavisch an gesetzten Zielen fest. Intuition hilft auch, in solchen Situationen Chancen und Notwendigkeiten für Innovation und Veränderung zu erkennen… aber das ist einen weiteren Blog-Artikel wert.

 

Hinweise:

Astrid Kuhlmey hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u.a.

Planung unter Vorbehalt
Wird die Welt komplexer?
Digitale Transformation – ein Plädoyer für Qualität
Wie kann ich Ungewissheit vermeiden?

Astrid Kuhlmey
Astrid Kuhlmey

Dipl.Inf. Astrid Kuhlmey verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Projekt- und Linienmanagement der Pharma-IT. Seit 7 Jahren ist sie als systemische Beraterin tätig und begleitet Unternehmen und Individuen in notwendigen Veränderungsprozessen. Ihr liegen Nachhaltigkeit sowie gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel und Entwicklung am Herzen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie einen Ansatz entwickelt, Kompetenzen zum Handeln und Entscheiden in Situationen der Ungewissheit bzw. Komplexität zu fördern.