Home-Office-School-Balance – geht das?

Gastbeitrag von | 01.02.2021 | Prozesse & Methoden | 1 Kommentar

Home sweet home – wir lieben unser Zuhause – keine Frage. Am meisten fällt uns das auf, wenn wir dahin zurückkehren – abends nach dem Arbeiten, nach der Schule, nach einem Auslandsaufenthalt oder Urlaub. Seit der Verschärfung der Corona Schutzmaßnahmen Mitte Januar gilt aber nun mehr denn je „my Home is my Castle“. Und wenn man die Wahl nicht hat, dann ist so ein Schloss schneller als gedacht ein Gefängnis. Vielleicht eines mit Wohlfühlcharakter, aber eben doch auch ein begrenzter Raum. Echte Schlossgröße können dabei die wenigsten Menschen vorweisen.

Das noch vor einem Jahr von vielen aus der Ferne als wünschenswert angestrebte Modell des Arbeitens von zuhause aus hat sich schnell in eine Modell verwandelt, dass wie so vieles Licht und Schatten kennt. Eine exponentielle Verkomplizierung erfährt das Modell des Home Office, wenn es plötzlich 1. für alle Familienmitglieder gilt und 2. die Aufgaben des Home Schooling hinzukommen.

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich (auch ohne selbst betroffen zu sein) vorstellen zu können, dass das nicht gut funktionieren kann. Wie soll man parallel im eigentlich erlernten Job und als Lehrer*in der eigenen Kinder arbeiten? Wie soll man Kinder ähnlich lange still halten, wie es die üblichen Büroarbeitszeiten verlangen? Wie hält man gerade jetzt im Winter das Gefühl des Gefangenseins aus? Wie dem Bewegungsdrang der Kinder gerecht werden, wie den Ansprüchen der Termine, die man nur bedingt beeinflussen kann?

Home Schooling und Home Office passen schwer zusammen. Gibt es dennoch Hacks und Tricks, die helfen, die funktionieren? Gemeinsam mit meiner Social Media Community habe ich mich auf die Suche nach guten Beispielen, nach Erfahrungen für die Home-Office-School-Balance gemacht.

Home Schooling – Definition

Home Schooling bedeutet nicht, dass man zu Hause Schule spielt. Der Schulunterricht ist darauf zugeschnitten, dass eine Person 25 Kindern, die etwas ganz anderes im Kopf haben, in einer vorgegebenen Zeit ein Thema beibringt. Home Schooling funktioniert anders. Hier werden Kinder weitgehend in Ruhe gelassen und erforschen die Welt selber – sie lernen situationsbedingt das, was sie aus dem aktuellen und ganz individuellen Lebenskontext heraus interessiert. Eltern sind nur am Rande involviert. Die Extremform hierbei ist das „Unschooling“, bei dem es keinen geregelten Unterricht oder Aufgaben und Prüfungen gibt.

Von dieser freien Form des Lernens sind wir in der aktuellen „Notsituation“ weit entfernt. Denn das, was hierzulande gerade praktiziert werden soll, ist die Verlagerung des Unterrichts nach Hause. Im Idealfall (wenn wir vom bekannten Unterrichtsablauf ausgehen) hat das Kind also einer digitalen Spiegelung des Stundenplans entsprechend Videokonferenzen und Aufgaben.

In der Realität sind es eher nur Aufgaben, die abgearbeitet werden müssen. Die meisten Eltern kennen im Austausch mit den Schulen mehr Kommunikationsformen und Austauschplattformen, als sie es im Job jemals für notwendig empfunden hätten. Die Kinder sind in erster Linie abhängig davon, wie gut ihre Lehrer*innen den Distanzunterricht (der per Definition ein Home Schooling gar nicht erforderlich machen würde) umsetzen – je weniger dies funktioniert, desto eher sind die Eltern gefragt. Schon die Definition dessen, was da eigentlich gerade zuhause (als einzig sichere Komponente) stattfinden soll, ist also höchst unspezifisch.

Home Office – die Rolle des Arbeitgebers

In den meisten Unternehmen wird Home Office ähnlich eng gedacht wie das Home Schooling. Wir neigen dazu, bekannte Muster auch auf neue Situationen zu übertragen. Auf der einen Seite ist das völlig richtig – denn Muster und Gewohnheiten geben uns Sicherheit, Verlässlichkeit, wir können darauf vertrauen. In Krisenzeiten wichtiger denn je, wenn die Welt um uns herum nicht mehr so ist wie sie einmal war, wie wir sie kennen, wie wir sie uns wünschen.

Und doch müssen wir Abschied nehmen vom 9-to-5-Job. Von der reinen Spiegelung des bekannten Arbeitsplatzes an den heimischen Schreibtisch. Vor allem Führungskräfte und Arbeitgeber müssen das! Arbeitnehmer sind in der momentanen Situation keine frei planbare Ressourcen innerhalb bekannter Arbeitszeiten. Bis vor kurzem schien das Wunschziel für viele noch verlockend: man arbeitet dann, wann es passt, wann man will. Jetzt, da es zumindest teilweise möglich ist, macht es unsicher. Es belastest insbesondere die, deren Arbeitsplan plötzlich keine 40 Stunden Woche mehr vorsieht, sondern eine, auf die locker 20 Schulstunden on top kommen.

Arbeitgeber können hier unterstützen, indem sie deutlich signalisieren und begrüßen, dass feste Arbeitszeiten kein Muss sind. Kommunikation hingegen ist ein Muss! Arbeitnehmer müssen ihre Bedürfnisse adressieren können und Arbeitgeber im Gegenzug ein offenes Ohr haben für das, was das Team auch über den Job hinweg bewegt. Den Arbeitnehmer nicht als humane Ressource, sondern als Menschen zu betrachten – das kann uns diese Zeit lehren und das darf bitte gerne für die Zukunft bestehen bleiben. Als Team zu einer Solidargemeinschaft zu werden, wäre ein gutes Ziel aktuell. Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch Arbeitnehmer ohne Kinder Bedürfnisse haben. Die Antennen in alle Richtungen auszufahren, heißt es für die Führungskräfte. Umso besser, wenn auch hier Diversität und damit ein erhöhtes Verständnis für unterschiedliche Lebenssituationen herrscht .

Besondere Lösungswege wie der Elternnachmittag, das Spenden von Überstunden oder vorrübergehende Arbeitszeitreduzierungsmodelle finden sich bereits bei sipgate, bei Cisco oder auch bei der Gothaer Versicherung.¹

Praxistipps „vom Küchentisch“

Wie lässt sich eine Home-Office-School-Balance realisieren? Die Rückmeldungen meiner „Peergroup“ zeigen: es braucht Struktur, Struktur, Struktur. Die wird vorgegeben von den Schulaufgaben, von festen Meetings im Büro und von den Bedürfnissen der Kinder. Eltern kommen da – mehr noch als sonst – oft sehr kurz. Umso wichtiger ist ein Wochenplan, in dem jeder – je nach Alter der Kinder – gemeinsam Zeiten vereinbar:. Arbeits-, Schul- und Freizeiten. Visualisierung schafft Ordnung und Transparenz, das optische Abhaken der Aufgaben verschafft das gemeinsame Gefühl, etwas geleistet und erledigt zu haben.

So macht es Roger Hubschmid: „Struktur ist das A und O dabei. Parallel funktioniert kaum, sequenziell besser. Idealerweise zwei Elternteile, die sich abtauschen. Mehr Selbststudium bei den Kindern also Ziele setzen und befähigen selber das Wissen zu erarbeiten. Ach ja, der Tag hat leider nur 24h. Man muss auch akzeptieren, dass man nicht mehr gleich viel Freizeit hat, denn als Eltern muss man auch ab und an Home Office auf Randzeiten legen. Home Office wird sicher nicht 8h am Stück funktionieren, sondern bspw. blockweise 4 x 2h. Oder Morgen und Nachmittag festlegen. Wie gesagt Struktur. Die Struktur muss aber jede Gemeinschaft für sich selber finden. Nicht alles passt für alle. Auch der Arbeitgeber*in sollte Flexibilität zeigen. Nicht alles einfach aber trotzdem machbar. Bei 2 x 100% Arbeitstätigen aber eine echte Herausforderung, zugegeben“.

„Eigentlich haben wir keine Tricks“, so Heike Rosenberg. „Wir lassen uns Zeit, um ein Thema nach dem anderen anzugehen. Meine lieben Kolleg*innen verstehen es, wenn ich kurz mute, um K1 eine Frage zu beantworten. Wenn wir gleichzeitig online mit anderen sprechen, helfen Kopfhörer“.

Einen Home-Co-Working-Space hat Jutta Cook eingerichtet: „Ich hab fürs Kind den Klapptisch in mein Arbeitszimmer gestellt. So sieht er, wann er mich ansprechen kann und ich kann i.d.R. direkt reagieren, wenn er was braucht. Für Calls nutzen wir beide Headsets, wie im Büro“.

Susanne Braun-Speck teilt ihre Erfahrung: „Nun: Jeder sollte einen eigenen Schreibtisch haben – ein Küchentisch für alle, ist vielleicht nicht die beste Lösung. 🙂 Ich arbeite ja schon ewig im Home Office und als mein Kind klein war, hatte ich nach der Kita oft einen Babysitter im Haus. Teuer auf Dauer, aber hilfreich!“.

In Zeiten der Kontaktbeschränkungen nicht ganz einfach zu realisieren, aber das Schaffen von Freiräumen ist ein absolutes Pflichtthema! Überhaupt ist das Thema Raum wichtig – sowohl physisch als eigener Arbeits- und Lebensraum wie auch psychisch als Frei- und im doppelten Sinne als Spielraum.

Miriam Lerch hat bereits währen des ersten Lockdown im März 2020 (unglaublich, dass wir bald ein Jahr „Erfahrung“ vorweisen können…) einen Podcast zum Thema aufgenommen, der an Aktualität nichts eingebüßt hat. Hier beschäftigt sie sich mit den Themen Routine schaffen, Arbeitsorganisation und Kommunikation. Daneben hat sie aber auch eine Sammlung an „pädagogisch wertvollen“ Beschäftigungen für Kinder begonnen.²

Bei einem Punkt sind sich alle Eltern einig: was man als sinnvolle Beschäftigung empfindet – das ist individuell sehr verschieden. Die digitalen Zeiten der Kinder haben sich notwendigerweise extrem verlängert. Das darf keinesfalls verteufelt und bitte erst recht nicht von außen kommentiert werden. Jo Kristof findet es darum extrem wichtig, „für sich eine Entscheidung zu treffen, was auch mal hinten runter fallen darf, um sich nicht jedes Mal aufs Neue schlecht zu fühlen, weil man zur Zeit schlichtweg nicht alle Rollen/Ansprüche/Erwartungen erfüllen kann. Was das ist, das muss eine sehr individuelle Entscheidung sein“.

Neben dem Arbeiten und Lernen an sich gilt es aber auch „den Rest“ des Familienlebens zu gestalten. Denn wo enden Schule und Job und wo beginnen Freizeit und Vergnügen, wenn alles an einem Ort stattfindet? Ich mag die Idee von Dr. Emily Abold hierzu sehr: „Wir haben einen Home Schooling Vertrag geschlossen, in dem Eltern und Kind je 3 Dinge notieren, die ihnen wichtig sind und eingehalten werden müssen (z. B. Wir schreien nicht / Kind zieht sich bis XY Uhr an etc). Wenn alle ihren Vertrag erfüllen, gibt es am Wochenende eine vorab definierte Belohnung“.

Wir funktionieren doch alle gut mit positiven Stimuli?! Motivations- und Anreiztheorie zuhause gelernt. 🙂

10 Hacks zur Home-Office-School-Balance

Wie lassen sich nun die theoretischen Konstrukte von Home Office und Home Schooling in Pandemiezeiten mit den praktischen Erfahrungen verbinden? Auch wenn Patentrezepte an der Stelle fehlplatziert sind, wenn Pläne aktuell eine Halbwertzeit unterhalb der Stillsitzspanne von Kindern haben und auch, wenn leider längst nicht jeder Arbeitgeber die Spielräume in Sachen kooperativer Home-Office-School-Balance ausschöpft: der 10-Punkte Plan aus den tollen Ideen meiner Gesprächspartner*innen.

  1. Organisiern Sie digitales Home Schooling wie ein analoges Büro: Ablage, Posteingang, zu erledigen, Terminplan, Auftragslisten, Bestelllisten, Kalender mit Konferenzterminen, Wandkalender.
  2. Beachten Sie, dass Kinder nicht strategisch denken – kurze Planungshorizonte helfen allen, sich an das Vereinbarte zu halten.
  3. Planen Sie gemeinsam (analoge) Auszeiten am Abend und am Wochenende. Gemeinsam malen, puzzeln, basteln, aber auch gemeinsam Wäsche falten, Pflanzen säen und pflegen, kochen, eine Badeparty, Spaziergang mit Mini-Ralleyaufgaben, auspowern beim gemeinsamen Sport (Springseile sind auf dem Gehweg sofort einsetzbar), eine Nachtwanderung mit Taschenlampe, das Autokino…
  4. Kommunizieren Sie Ihre Situation an Kollegen und Arbeitgeber – immer wieder! Nicht als Beschwerden, sondern als Fakten. Fordern Sie Struktur statt plötzlicher Meetings.
  5. Gestalten Sie Ihre gemeinsamen Arbeitsplätze immer wieder neu – mit selbstgemalten Bildern und Fotos.
  6. Halten Sie gemeinsam Ordnung. Schließen Sie den Home-Office-School-Platz gedanklich zu festen Zeiten „von außen ab“. Und wenn es eine Decke ist, die Sie über das Chaos legen.
  7. Mehr denn je: beim Essen bleiben alle digitalen Geräte abgeschaltet und außer Reichweite.
  8. Haben Sie bitte den Mut zum Unperfektsein!
  9. Nutzen Sie wenn nötig externe Beratungsangebote und die zusätzlichen Kinderbetreuungstage.
  10. Schmieden Sie einmal pro Woche Pläne für die Zeit nach Corona. Schreiben Sie die Pläne auf und verschließen Sie diese anschließend in einem gemeinsamen Traum-Glas oder schicken Sie die Pläne als Bötchen auf einen Fluss in der Nähe auf Reisen.

Und natürlich: Bleiben Sie gesund!

Fazit

Bei allen positiven Vibes, Gedanken und Hacks bleibt klar – alles auf einmal geht nicht und eine Home-Office-School-Balance wird nicht überall möglich sein. „Abhängig vom Alter der Kinder bleibt dann vielleicht die Einsicht, dass beides gleichzeitig einfach nicht geht. Bei uns ist morgens 4 Stunden Schule und Haushalt nebenher, und ich bin am Nachmittag und ggf. am Abend oder am Wochenende im Büro“. Katharina Lotter hat ihre Arbeitszeit deutlich reduziert. Und auch Antje Tomfohrdes Tipp sagt ähnliches: „Abends arbeiten oder zu anderen ungewöhnlichen Zeiten. Genial finde ich den Englischlehrer von K2, der Videokonferenzen auch mal am Nachmittag macht“.

Was mich nachhaltig beschäftigt: Die Antworten sagen es deutlich – es sind die Mütter, die Home Schooling organisieren, die sich umstrukturieren, die Arbeitszeiten reduzieren und auch wenn es sicher Ausnahmen gibt, sprechen die fast ausschließlichen Kommentare von Frauen hier Bände. Ich ziehe den Hut vor dieser Doppelbelastung, möchte aber auch mehr denn je an ein Umdenken appellieren. Denn wenn das nicht stattfindet, dann schaffen wir zwar vielleicht einen Digitalisierungsschub in Sachen Arbeitsweise, nicht aber in Sachen Gleichberechtigung. Das wird unserem Arbeitsmarkt nachhaltig schaden – mehr noch als der mangelnde Umgang mit Tools oder die Bildungslücken der Kinder (die nebenbei ein sehr einseitiges Rollenbild erfahren).

Die neue Arbeitswelt wird digital – umso mehr braucht sie Empathie, Emotion und Diversität.

 

Hinweise:

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[1] https://www.zeit.de/arbeit/2021-01/corona-lockdown-eltern-arbeitgeber-kinderbetreuung-homeoffice
[2] Podcast von Miriam Lerch

Vielen Dank an Roger Hubschmid, Heike Rosenberg, Jutta Cook, Susanne Braun-Speck, Miriam Lerch, Jo Kristof, Dr. Emily Abold, Katharina Lotter und Antje Tomfohrde. Auf Twitter können Sie ihnen leicht folgen.

Heike Rosenberg hat hier im t2informatik Blog einen Beitrag veröffentlicht: Die Entwicklung von Kompetenzen

Jo Kristof auch: Moderne Führung: Wenn nichts läuft wie geplant

Und Antje Tomfohrde auch: Candidate Experience

Britta Redmann bietet verschiedene Veranstaltungen an:

Britta Redmann hat verschiedene Bücher veröffentlicht, zuletzt „Agile Arbeit rechtssicher gestalten“. Einen Überblick finden Sie hier.

Agile Arbeit rechtssicher gestalten

Im t2informatik Blog hat Britta Redmann einen weiteren Artikel veröffentlicht:

t2informatik Blog: Elternzeit - Gesetze, Gefühle, Gewinnchancen

Elternzeit – Gesetze, Gefühle, Gewinnchancen

Britta Redmann
Britta Redmann

Britta Redmann ist als Anwältin, Mediatorin und Coach selbständig tätig und verantwortet bei einem Softwarehersteller den Bereich HR & Corporate Development. Sie ist Autorin verschiedener Fachbücher. Als Personalleiterin hat sie in verschiedenen Branchen Organisationsentwicklungen begleitet, geleitet und arbeitsrechtlich umgesetzt. Ihre besondere Expertise liegt auf der Entwicklung von Organisationen bis hin zu agilen und vernetzten Formen der Zusammenarbeit. Moderne Konzepte, wie z.B. zu Agilität, Arbeit 4.0 und Digitalisierung werden von ihr arbeitsrechtlich transformiert und organisatorisch implementiert.