Die Helden haben versagt

Gastbeitrag von | 16.12.2021 | Prozesse & Methoden |

Lang leben die Normalos!

Wann haben Sie zuletzt vorwurfsvoll mit dem gedachten Finger auf einen Helden gezeigt? Ich gebe zu, mir passiert das immer und immer wieder. Sebastian Kurz, Ursula von der Leyen und Markus Söder werfen mich regelmäßig aus der Balance. Elon Musk, Simon Sinek und Frank Thelen versetzen meiner Laune den Rest. Da hilft nur dreimal tief durchatmen. Um mir dann selbst gedankenversunken zu sagen: „Hey Joan, Menschen verhalten sich. Sie sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie sind aber auch nicht immer nur Engel. Hüte dich davor, Einzelne zu verurteilen.“

In den Tagen, in denen dieser Artikel entsteht, stecken wir in der vierten Corona-Welle. Nie zuvor, zumindest so weit ich in meinem Leben zurückdenke (das 1981 begann) habe ich bewusst das Versagen des Heldensystems in so einem Ausmaß beobachtet. Noch dazu als Betroffener. Den ganzen Sommer über beschäftigten sich die Politiker:innen mit Wahlkampf, Koalitionsgeplapper oder Selbstbeweihräucherung. Doch lassen Sie uns hinter die Kulissen schauen, anstatt die x-te Symptomkritik zu postulieren. Diese Ereignisse waren vorhersehbar. Sie sind schlicht und einfach auf die Verhaltensmuster des Heldensystems zurückzuführen. Ich bleibe dabei: Nicht der einzelne Mensch in einer politischen oder wirtschaftlichen Führungsposition ist im Grunde schlecht und unfähig. Das wird deutlich, wenn wir auf die dahinter liegenden Regeln blicken, die dieses Verhalten erzeugen.

Helden in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft

Gleich vorweg, ich kritisiere unsere Demokratie – ja. Das macht mich keinesfalls zum Diktaturliebhaber und/oder Sozialromantiker. Im Gegenteil. Ich denke, es ist an der Zeit, in Demokratie zu investieren und sie an die Möglichkeiten und Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Zumindest hier in Europa, in unserem Einflussbereich. Heute steckt sie fest. Was machen wir denn schon? Wir gehen wählen. Eine vermeintliche Mehrheit regiert uns anschließend. Vermeintlich deshalb, weil mein Kollege Gebhard Borck mit folgender Rechnung einen Punkt hat:

„…  Butter bei die Fische. Ich nehme Bezug auf die Bundestagswahl 2021. Wir haben in Deutschland 61,18 Mio. Wahlberechtigte. Multipliziert mit der Wahlbeteiligung von 76,6 % gingen somit 46,86 Mio. an die Urne. Die stimmenstärkste Partei hatte davon 25,7%, was einer Anzahl von 12,04 Mio. Wählern entspricht. Das bedeutet im Umkehrschluss auf die Gesamteinwohnerzahl, dass 71,20 von 83,24 Mio. Menschen die Wahl (möglicherweise) verloren haben. Ziemlich viele Verlierer und eine Unmenge an Potenzial für Unverständnis und Widerstand bei zukünftigen Entscheidungen.“

Als wäge diese Perspektive nicht schwer genug, kommt jetzt noch das kontextbezogene Verhalten der Individuen hinzu. Denn was braucht es, um als Politiker:in erfolgreich an der Parteispitze in den Bundestag einzuziehen? Reflektieren Sie diese Frage gerne für sich selbst. Mir kommen Eigenschaften in den Kopf, wie:

  • Durchsetzungsstärke
  • Gewinnermentalität
  • Redegewandtheit
  • Unverbindlichkeit
  • Doppelmoral
  • Harte Entscheidungen treffen
  • Charisma

Mit diesen Eigenheiten schaffen es Menschen an die Spitze. Während die Normalos, die gerne kooperieren, sich solidarisch zeigen, zu ihrem Wort stehen und bei Entscheidungen versuchen, möglichst gemeinwohlorientiert abzuwägen, die Welt nicht mehr verstehen. Und wenn sich einer dieser Normalos aufmacht, um die Politikwelt zu erobern – was passiert dann? Richtig. Er muss sich anpassen, wie oben beschrieben, um in diesem Umfeld erfolgreich zu sein. Und hier schließt sich der Teufelskreis mit aller Härte. Das Heldensystem erzeugt systematisch das A……ch-Verhalten, dass mich und vielleicht auch Sie so sehr frustriert.

Und ich gehe einen Schritt weiter. Dahinter versteckt sich das Todesurteil unserer Klimaziele. Repräsentativ für alle anderen dringenden Angelegenheiten, die uns immer näher an den Abgrund drängen. Gerechtfertigt wird diese Systematik mit dem Totschlagargument Wohlstand. Die Mittelschicht beugt sich dieser These still und heimlich und verliert sich in intellektuelle Diskussionen darüber, welcher Held es vielleicht doch richten könnte. Ich bleibe mit Absicht im Konjunktiv. Und so trage ich, und möglicherweise Sie auch, dazu bei, dass sich Wirkungszusammenhänge erhalten. Zusammenhänge, die mich und Sie, oder spätestens unsere Enkel, geradewegs an die Wand fahren lassen. Und das passiert über den gesellschaftlichen Rahmen hinaus.

Bevor ich zu den Alternativen kommen, noch ein Ausflug in unseren Alltag. Ich beobachte dieselben Muster in Wirtschaftsbetrieben. Menschen, die gut darin sind, sich nachteilig im Sinne der Gemeinschaft zu verhalten, werden systematisch nach oben gespült. Da wundern einen die Ergebnisse zum Anteil an Narzissten in Top-Führungspositionen nur mehr wenig (siehe hier).

Die gute Nachricht

Die gute Nachricht lautet: Es gibt erprobte und funktionierende Alternativen. Werfen wir einen Blick auf die Wirtschaft. Hier bin ich zu Hause. My Hood, wenn Sie so wollen. Zusammen mit Kollegen darf ich Organisationen dabei begleiten, die Schritt für Schritt ihre Heldensysteme überwinden. Dort übernehmen die Normalos das Kommando, in dem sie eine sich selbst koordinierende Community schaffen. Gemeinsam fokussiert sich diese auf die Wertschöpfung innerhalb des Geschäftsmodells, und entwickelt dieses und auch die Firma als solches weiter.

Der sachliche Teil läuft also, aber mir zaubert etwas anderes ein Lächeln ins Gesicht: Mein stiller Fokus liegt auf den Nebeneffekten. Sie schleichen sich beinahe beiläufig in die Kultur ein und bleiben von den Menschen im Inneren oftmals völlig unbemerkt. Als Außenstehender wärmt sich mir mittlerweile fast wöchentlich das Herz, wenn ich wieder einer dieser erstaunlichen Geschichten lausche. In diesen Normalo-Kontexten entsteht das Verhalten, das wir als Menschheit brauchen, um noch die Kurve zu kriegen.

Positive Beispiele der Veränderung

Lassen Sie mich konkreter werden. Hier einige Anekdoten aus dem Alltag von Normalo-Organisationen.

Beispiel 1: 

Die Pandemie ist gerade einmal ein halbes Jahr alt, als bei einem IT-Dienstleister ein Einzelfall einer alleinerziehenden Mutter einige Kollegen:innen-Gemüter erschüttert. Im Rahmen des bestehenden Arbeitszeitmodells verfielen ihr eine große Menge an geleisteten Stunden. Bedingt durch den Stress, Arbeit und Kinder als unsichtbare Höchstleistende im Homeoffice zu jonglieren, übersah sie eine Frist. Wie in einer Normalo-Organisation üblich, wandte sie sich mit ihrem Unverständnis darüber an die Kolleg:innen. Denn Helden:innen gibt es dort keine mehr. Die Gruppe zeigte sich von dem Einzelschicksal so betroffen, dass sie umgehend ein crossorganisationales, temporäres Team bildeten. Die Teammitglieder analysierten die Situation. Anschließend banden sie die notwendigen Experten ein und ließen die Rechtslage abklären. Nachdem alle Fakten gesammelt waren, wurde ein neues Modell entwickelt und mit den Kolleg:innen abgestimmt. Nur wenige Wochen nach Auftreten des Sonderfalles war ein angepasstes Arbeitszeitmodell in Kraft. Von nun an muss keine alleinerziehende Mutter in der Organisation darum bangen, ihre Stunden zu verlieren.

Reflektieren Sie selbst. Wie wäre Ihre Organisation mit einem vergleichbaren Einzelfall umgegangen. Und fangen Sie dabei vorne an und fragen sich: Hätte dieser Mensch sich überhaupt getraut, das Problem anzusprechen?

Beispiel 2:

In einer Pause bei einer Veranstaltung mit der gesamten Belegschaft einer Normalo-Firma stand ich mit einem der beiden Eigentümer bei einem Kaffee zusammen. Das Gespräch kam auf Veränderungen in der Firma zu sprechen: „Wie verhält es sich eigentlich mit Frauen in eurer Firma, seit ihr euch aufgemacht habt, eine Normalo-Organisation zu werden?“, wollte ich wissen.

„Wir messen das nicht, deshalb habe ich keine exakten Zahlen dazu“, antwortete der Eigentümer. „Aber ich kann dir grob sagen, dass wir als IT-Unternehmen von einer Frauenquote von unter 20 % kommen. Heute ist das Verhältnis ausgeglichen. Ich denke das entwickelt sich positiv für uns, obwohl wir nicht explizit darauf achten. Ich bin mir sicher, es hat damit zu tun, dass wir hier auf einer gleichberechtigten Basis zusammenarbeiten.“

Aus meiner Perspektive kann ich zu dieser Beobachtung noch etwas hinzufügen: In dem Unternehmen steigt nicht nur die Frauenquote, sondern die unsichtbare, stabilisierende Arbeit, die oft in einem Heldensystem übersehen wird, findet endlich Anerkennung.

Beispiel 3:

Auch über den Unternehmensbezug hinaus lassen sich positive Veränderungen beobachten. Als 2008 Island von der Finanzkrise schwer gebeutelt wurde, erhob sich ein weitreichender politischer Protest. Daraus entstand, über einige weitere Schritte, eine neue Verfassung. Diese wurde von zufällig ausgewählten Normalos entworfen und in Zusammenarbeit mit Experten so weit entwickelt, dass sie bereit zur Abstimmung war/ist. Obwohl die Verfassung aus verschiedenen Gründe bis heute nicht in Kraft getreten ist (siehe hier), handelt es sich um eines der aufregendsten demokratischen Experimente weltweit. Die wichtigste Erkenntnis für mich aus diesem Prozess ist: Was heute schon in vielen Firmen/Organisationen im Kleinen systematisch umgesetzt wird, funktioniert genauso auf der großen politischen/gesellschaftlichen Ebene.

Wir sehen an diesem Beispiel zudem, dass die Entscheidungsgeschwindigkeit, die vielmals als Ausrede für tiefere Demokratie genutzt wird, nicht wirklich real ist. In der Zeit, in der Normalos sinnvolle Inhalte im Rahmen einer koordinierten Gruppe erzeugt haben, hätten sich die Parteien in ihrem Wettbewerbsdenken vermutlich noch nicht einmal auf eine Besetzung der Arbeitsgruppe geeinigt. Ja, das ist eine durch negative Erfahrungen getriebene Mutmaßung. Entscheiden Sie selbst, ob Sie sich ihr anschließen. Doch vertrauen Sie mir, es ist mehr als nur mein Glaube, der hier zu prüfen ist.

Mein Traum für eine bessere Welt

Wir wissen heute so viel über Menschen. Bezüglich ihres Verhaltens, und wozu sie fähig sind. Wir haben Technologien, die uns ermöglichen, Informationen breit zugänglich zu machen. Die Kombination daraus liefert die Zutaten, um Normalos so klug zu verschalten und zu koordinieren, dass wir immer dann, wenn es komplex wird, bessere Ergebnisse erreichen, als sie aus dem Heldensystem hervorgehen. Doch die Resultate sind nur eine Seite der Medaille, die unwichtigere.

Denn woran scheitern wir heute in unserer Gesellschaft und in Unternehmen? Wir haben kein Problem, Ideen und Lösungsansätze zu entwickeln. Wir haben aber ein massives Problem, ins Handeln zu kommen. Erinnern Sie sich an die Rechnung zur Bundestagswahl 2021. Wie soll ein System jemals mit voller Kraft umsetzen, wenn an dem Tag, an dem die Helden-Regierung die Arbeit aufnimmt, sich im schlimmsten Fall 71,20 Mio. Deutsche nicht repräsentiert fühlen?

Es ist alles da für die andere Seite der Medaille, für die Umsetzung. Die Experimente sind gelebt. Die notwendigen Musterwechsel, um den Normalos wirklichen Einfluss zu ermöglichen, sind im Kleinen wie im Großen erprobt. Und die Normalo-Pioniere, die in der Lage sind, diese Prozesse zu begleiten und zu designen, stehen bereit. Es liegt an Ihnen, auf welches Pferd Sie in Zukunft setzen. Mit Ihrer Entscheidung wirken Sie darauf ein, ob in Ihrer Firma, in Ihrem Verein, in Ihrer Familie weiterhin das Heldensystem gestärkt wird. Oder ob Sie den Normalos mit ihrer Demut, ihrer Solidarität, ihrer Toleranz und ihrer Vernunft eine Chance geben.

Werden Sie auch zu einem systematisierten Kontext-Erschaffer. So nannte mich einmal ein Bekannter, nachdem ich ihm von meinem Traum für eine bessere Welt erzählt hatte. Eine Welt, Sie wissen es bereits, der Normalos.

 

Hinweise:

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Joan Hinterauer hat zwei weitere Beiträge im t2informatik Blog veröffentlicht:

t2informatik Blog: Der Digitale Humanist

Der Digitale Humanist

t2informatik Blog: Alleskönner Führungskraft

Alleskönner Führungskraft

Joan Hinterauer
Joan Hinterauer

Joan Hinterauer liebt es neue Wege zu beschreiten und dabei tief in die unbekannte Umgebung einzutauchen. Nach 15 Jahren klassischer Arbeitswelt und die Karriereleiter hinauf bis zum Geschäftsführer, kennt er die Gesetze der Wirtschaftswelt. Seit 3 Jahren atmet er als absoluter Quereinsteiger New Work Luft ein, um sie als geballtes Erfahrungswissen seinen Kunden zur Verfügung zu stellen. Als Transformations-Katalysator begleitet er Entscheider im Rahmen der Perspektivreise Mittelstand bei der Entwicklung einer zukunftsfähigen Haltung für das digitale Zeitalter. Zudem berät er Firmen mit innovativen Denkwerkzeugen auf dem Weg zur selbststeuernden Netzwerkorganisation und dem sinnvollen Einsatz von agilen Konzepten und Methoden. In verschiedensten Kollaborationen lebt er den Netzwerk-Gedanken selbst vor und kennt die Herausforderungen wie seine Westentasche. Joan Hinterauer ist immer für außergewöhnliche Aktionen zu haben und entkräftet gerne Aussagen, warum etwas nicht möglich sein soll.

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