Grüße vom Murmeltier

Gastbeitrag von | 18.04.2019 | Prozesse & Methoden | 0 Kommentare

In der letzten Woche kam die Nachricht, dass Volkswagen farbige Ausdrucke unterbinden will, um Kosten zu sparen, neben Mitarbeiterreduzierung natürlich. Nach über 35 Jahren Erfahrung in großen Konzernen lässt sich vorhersehen, was nun folgt.

Wir brauchen neue Prozesse

Als erstes müssen Prozesse entworfen und etabliert werden, die das grundsätzliche Nutzen der Farbdruckoption für Einzelpersonen erlauben sowie eine Sonderbewilligung für einen einzelnen Farbausdruck. Für letzteres werden wenige zentrale Geräte installiert, auf die die Ausgabe nach Bewilligung einmalig erfolgt, hierfür erforderlich ein spezielles Passwort, das für diesen einmaligen Vorgang vergeben wird. Alles ganz trivial: Beantragen, Freischaltung erhalten, am PC Ausdruck initiieren, zum Drucker gehen, dort einwählen, ausdrucken, fertig. Die grundsätzliche Farbdruckoption für Einzelpersonen wird an den Account des Nutzers gehängt, der umgeht dann die Sperre. Auch super einfach, und geht sogar bei seinem Standarddrucker!

Zwei Monate später

Die IT hat drei neue Stellen für Drucker-Beauftragte geschaffen, die die Anträge bearbeiten und prüfen, ob wirklich Farbausdruck erforderlich ist, alles kein Problem, in zwei Monaten, wenn die erste Antragsflut überwunden ist, reichen 1,5 Stellen ja aus 😊. Die Gespräche mit den Antragstellern sind manchmal etwas schwierig, da haben einige noch nicht erkannt, dass es hier um den Fortbestand des Konzerns geht. Aber inzwischen gibt es auch einen zuständigen Beschwerdemanager und einen Eskalationsprozess. Erste Stimmen werden laut, dass Farbdrucke nur noch mit Zustimmung des Bereichsleiters möglich sein sollten.

Die Infrastrukturabteilung hat die Antragsverfahren und die notwendigen Patches für Drucker und Windows (Schlagwort: Identifizierung des Berechtigten) bereitgestellt, erste Tests der Administratoren waren erfolgreich. Der Roll-Out machte ein paar Schwierigkeiten, normale Nutzer haben keine erweiterten Rechte, verdammt. Die ersten Nutzer gehen inzwischen zum Copy-Shop, fällt bei den Reisekosten gar nicht auf.

Management in Farbe

Nach erster Irritation auf Managementebene I und II („Unsere Berichte sind etwas grau und farblos geworden…“) gibt es inzwischen auch eine beschleunigte Erlaubnis für Farbausdrucke bei Managementpräsentationen, damit die Herren, ach so natürlich auch die Damen, sich im Dienstwagen noch schnell vorbereiten können.

Die Service-Hotline wurde leider etwas spät informiert, konnte aber inzwischen zwei Mitarbeiter einarbeiten. Dank einer Firma für Leiharbeit konnte auch die notwendige Kapazität für die zusätzlichen Anrufe der wieder einmal unbedarften Nutzer abgefangen werden. Die Anzahl an Farbdrucken ist drastisch zurückgegangen, der Einkauf berechnet gerade die Ersparnisse für Papier und Toner, um sie dem Vorstand vorzulegen. Mitarbeiter, die das Glück haben, eine einmalige Sonderbewilligung für Farbausdruck genehmigt zu bekommen, freuen sich über die zusätzliche Pause und den 10-minütigen Spaziergang zum zentralen Ausgabegerät, schließlich ist ja Frühling. Gerüchteweise hat ein Management-Assistent sogar den Vorschlag gemacht, mal die statistische Korrelation zwischen Fehltagen und Sondergenehmigung zu erfassen, das Laufen sei ja quasi eine betriebliche Gesundheitsprävention. Ärgerlich wird es nur, wenn dann am Drucker irgend so ein Honk Stapel an Papier druckt und man auf seine eigenen drei Seiten warten muss oder aber der Toner gerade leer ist und kein Mensch in der Nähe, der helfen kann – Mist, so kommt man zu spät zum Meeting ☹ Wobei: Ist auch nicht schlimm, Kaffee und Kekse sind eh der zweiten Welle an Sparmaßnahmen vor drei Wochen zum Opfer gefallen.

Der Appell

Letztens hat sich dann sogar einmal ein Mitarbeiter auf der Betriebsversammlung getraut zu fragen, ob man das alles nicht auch mit einem Appell an die Mitarbeiter hätte regeln können, schließlich wollen die ja auch ihre Arbeitsplätze erhalten. Gab eine klare Antwort aus der Führungsetage mit dem Hinweis, dass Appelle selten nutzen, man solle nur mal an die Frauenquote im Top-Management denken.  

 

Hinweis:

Volkswagen verzichtet ab sofort auf Farbausdrucke: https://www.welt.de/wirtschaft/article191875381/Volkswagen-verzichtet-ab-sofort-auf-Farbausdrucke.html

Astrid Kuhlmey

Astrid Kuhlmey

Dipl.Inf. Astrid Kuhlmey verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Projekt- und Linienmanagement der Pharma-IT. Seit 7 Jahren ist sie als systemische Beraterin tätig und begleitet Unternehmen und Individuen in notwendigen Veränderungsprozessen. Ihr liegen Nachhaltigkeit sowie gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel und Entwicklung am Herzen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie einen Ansatz entwickelt, Kompetenzen zum Handeln und Entscheiden in Situationen der Ungewissheit bzw. Komplexität zu fördern.

Gefällt Ihnen dieser Beitrag?

Melden Sie sich für unsere News-Updates an und erhalten Sie einmal pro Woche Tipps und Meinungen von Fachleuten direkt in Ihren Posteingang.

Gefällt Ihnen dieser Beitrag?

Share This