Wollen Sie sich streiten?

Gastbeitrag von | 28.10.2021 | Projektmanagement |

Wer sich einigen möchte, der findet Wege, wer streiten möchte, findet Themen!

Können Menschen miteinander arbeiten, wenn die Gräben zwischen ihnen sehr groß sind und sie wenig Verständnis füreinander haben? Beispielsweise wenn „militante“ Veganer auf „fleischessende“ Kollegen oder Flugreisende auf Menschen treffen, die gern jegliche Flugreisen verbieten würden? In anderen Worten: Auf persönlicher Ebene gibt es Vorbehalte, Vorwürfe, Misstrauen, und auf professioneller Ebene solll maximal erfolgreich kooperiert werden. Kann das überhaupt funktionieren und wenn ja, wie?

Als Konfliktmanagerin und zertifizierte Mediatorin kann ich diese Fragen eindeutig mit „ja“ beantworten. Schauen wir uns die verschiedenen Dimensionen von solchen Uneinigkeiten etwas genauer an.

Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich

Wenn sich die Kollegen sympathisch finden und sich mögen, sind solche Unterschiede wie „vegan vs. fleischessend“ oder „Flugreisen vs. Flugverbot“ in aller Regel „akzeptabel und lassen sich klären“.

Wenn man jedoch den Kollegen sowieso nicht leiden kann, weil man ihn vielleicht für faul, unfreundlich oder indiskret hält, dann können die Unterschiede zu Streitthemen werden. So entstehende Streitigkeiten haben die Funktion von Stellvertreter-Konflikten. Ist ja auch einfacher, dem Kollegen zu sagen, mich stört deine Einstellung zum Thema „Essen/Flugreisen …“, als das „eigentliche“ Thema zu konkretisieren, vorausgesetzt, man kennt es selbst überhaupt.

Oftmals erscheint es einfacher, sich über ein sekundäres Thema (Randthema) zu streiten, als zu ergründen, worin genau der Störfaktor besteht. Wenn zum Beispiel der Kollege zum wiederholten Mal ein stark riechendes Wurstbrot auspackt und der Geruch den sich vegan ernährenden Kollegen extrem stört. Wenn dann zusätzlich unterschwellig andere Themen die Beziehung belasten, dann ist die Gefahr deutlich größer, dass das stinkende Thema in den Vordergrund gestellt und zum Streitthema erkoren wird.

Wenn auf rein menschlicher Ebene miteinander gestritten wird, ist die Investition darin, einen außenstehenden Experten hinzuzuziehen, oftmals wesentlich günstiger als lange andauernde, teure und zeitfressende Konflikte. Denn wir wissen schließlich fast alle, wie fesselnd die Konfliktspirale ist, wenn man selbst erst einmal drinnen steckt. Und wie weit mitunter die Arbeit dadurch in den Hintergrund geraten kann.

Oftmals reicht ein kostenloses Erstgespräch bei einem Mediator und Konfliktmanager, um eine andere Sichtweise auf den Streit zu bekommen und eine klärende Energie selbst einbringen zu können. Sind sich Kollegen über sachliche, fachliche Aspekte uneinig und geraten darüber in einen Konflikt, würde ich ihnen dazu raten, sich an eine Fachkraft zu wenden, bevor das Unternehmen durch die Uneinigkeit Schaden erleidet.

Streitthemen gibt es genügend – gemeinsame Ziele auch?

Grundsätzlich kann man sich über alles streiten, man wird immer bilaterale Sichtweisen finden. Die eigentliche Frage ist doch, ob man sich streiten will oder die Angelegenheit friedlich und souverän klären möchte.

Wenn ich zu Konflikten gerufen werde, frage ich immer relativ früh, welches Ziel die Beteiligten verfolgen. Haben sie überhaupt ein gemeinsames Ziel oder finden sie eins, wenn sie sich darüber unterhalten, beziehungsweise haben sie Interesse, sich auf einen Kompromiss zu einigen? Ein mögliches Ziel könnte sein: Wir wollen in Zukunft gemeinsam und friedlich nebeneinander und zusammen arbeiten.

Ein zweites Ziel könnte sein: Wir möchten in Zukunft unsere zwischenmenschlichen, bilateralen Ansichten und Meinungen nicht mehr in den Vordergrund rücken, sondern die Erledigung unserer Arbeit.

Was Peter über Paul sagt …

Wenn mich stört, was mein Kollege macht, dann sagt es in erster Linie mehr etwas über mich aus, als über den Kollegen. Getreu dem Motto: „Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.“ In einer solchen Situation sollte ich mir die Frage stellen: Worum geht es wirklich?

Das ist übrigens die wichtigste Frage, mit der sich definitiv alle Konflikte klären lassen. Denn genau in dem Moment, in dem die Streitenden verstehen, worum es ihnen geht, ist in aller Regel der Streit beendet – außer sie wollen sich weiter streiten. Was durchaus vorkommen mag, denn Menschen sind auch in diesem Punkt unterschiedlich.

Ein bisschen mehr Toleranz für die Vielfalt in unserer Welt täte oftmals gut. Warum nicht einfach mal fragen, wie der Gegenüber zu seinen Ansichten oder zu seiner Meinung gekommen ist? Warum nicht fragen, anstatt zu be- und zu verurteilen?

Die eigene Meinung ist „nur“ eine Meinung unter vielen anderen Meinungen. Warum streiten Menschen überhaupt über unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen? Vielleicht, weil sie die eigene Meinung für richtig halten und die anderen Meinungen für falsch? Auf jeden Fall wird es immer Unterschiede geben und genau die sind es, die die Menschheit so vielfältig macht. Wir können die Menschen akzeptieren, die nicht so sind wie wir – oder wir können uns streiten. Doch lohnt es sich, die eigene und so wertvolle Lebenszeit mit negativ empfundenen Themen zu vergeuden? Wenn wir im Einklang mit uns selbst sind, in unserer Mitte ruhen und wenn wir lieben, was wir tun, dann kann uns begegnen, wer will, wir werden ihn akzeptieren, so wie er ist.

Die wichtigsten Tools zur Klärung: Fragen stellen und Zuhören

Würden die Menschen die richtigen Fragen stellen und zuhören, dann gäbe es mehr Einigkeit und Frieden. Würden die Menschen in Kontakt bleiben, anstatt sich anzuschweigen, dann gäbe es mehr Klärung.

Fragen stellen und Zuhören können in jedem Gespräch wahre Wunder bewirken. Fragen statt vermuten — nur so gehen Sie sicher, nicht zu interpretieren oder zu bewerten, sondern wirklich zu verstehen. Doch auch bei den Fragen gibt es bedeutende Unterschiede:

Die Warum-Frage steht häufig am Anfang einer Auseinandersetzung, weil sie oftmals als Angriff verstanden wird: „Warum kommen Sie so spät?“ klingt wie ein Vorwurf. „Was ist passiert, dass Sie sich verspätet haben?“ klingt hingegen deutlich offener.

W-Fragen sind zielführende Fragen und vermitteln, richtig angewendet, Interesse. Sie klären und schaffen Transparenz. Es gibt übrigens keine dummen Fragen, sondern höchstens unangenehme.

  • Was ist noch wichtig?
  • Wie ist Eure Sicht der Dinge?
  • Wann genau hat sich das verändert?
  • Wo ist der Unterschied?
  • Woran würdet Ihr merken, dass das Gespräch erfolgreich war?
  • Wer soll in Kenntnis gesetzt werden?

Wer Fragen stellt und zuhört, wer souverän und klar agiert und das Ziel verfolgt, den Konflikt klären zu wollen, der wird erfolgreich sein. Und für alle anderen Fälle ist es ratsam, fachlichen Rat einzuholen. Und das in Kürze erscheinende Buch „Streit der Weisen“ zu lesen. Dort finden Sie die genaue Anweisung, wie man Konflikte konstruktiv klärt.

 

Hinweise:

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Wenn Sie sich mit Stephanie Huber austauschen wollen oder wenn Sie Unterstützung beim Lösen von Konflikten suchen, können Sie dies leicht über https://konsensation.de/ oder info@konsensation.de tun. Sie hilft gerne und sie ist eine gute Zuhörerin.

Stephanie Huber hat hier im Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u.a.

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Stephanie Huber
Stephanie Huber

Stephanie Huber ist Gründerin und Geschäftsführerin der konSENSation GmbH. Sie arbeitet mit Begeisterung als Mediatorin mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsmediation und Konfliktmanagement und hilft Firmen und Führungskräften, das Betriebsklima zu verbessern.