Mein Neujahrsvorsatz ist jedes Jahr derselbe

Gastbeitrag von | 01.01.2020 | Projektmanagement | 0 Kommentare

Auch 2020 will ich mehr Verstand und weniger Intuition und Instinkt in meiner Wahrnehmung, meinen Entscheidungen und meinen Handlungen. Damit bin ich so gar nicht im Trend, denn in dieser Zeit ist Intuition und Wissenschaftsfeindlichkeit Mode. Zwar berufen sich viele auf die Wissenschaft, wenn sie gerade die eigene Position bestätigt. Ansonsten geraten MINT-Fächer immer mehr in die Kritik von Pädagogen. Studentinnen und Studenten mögen sie ja sowieso nicht. Aber das hat andere Gründe.

Die Abneigung gegenüber Theorie und Reflexion

Der Verleger Nicholas Mailänder schrieb schon vor vielen Jahren:

„Das genaue Hinschauen, die präzise Analyse und die angemessene sprachliche Vermittlung eines Sachverhaltes entsprechen nicht unbedingt der kollektiven Bedürfnislage unserer Epoche.“

Das sind in der Tat drei Fähigkeiten, die zwar in der Praxis, speziell in Projekten mehr als nur hilfreich wären, aber leider so gar nicht mehr trendig sind. Die Re:publica, eine jährliche Konferenz rund um die digitale Gesellschaft, hatte 2019 das Motto „tl;dr“, was Internet-Slang ist und ausgeschrieben „too long, didn’t read“ bedeutet. Die Re:publica wollte damit darauf hinweisen, dass es sich eben manchmal lohnt, auch lange Texte genau zu lesen und ihren Inhalt zu reflektieren.

Was die präzise Analyse anbelangt, meinte der Psychologe W. B. Rouse bereits 1981:

„Menschen, wenn sie die Wahl haben, verhalten sich bevorzugt wie kontextspezifische Mustererkenner, statt dass sie versuchen hochzurechnen oder zu optimieren.“

In normalem Deutsch bedeutet das, dass man sich lieber intuitiv von irgendwelchen Mustern leiten lässt, anstatt zu analysieren und zu rechnen.

Und bezüglich sprachlicher Vermittlung ist ja die Abnahme der entsprechenden Fähigkeit offensichtlich. Manchmal verstehe ich nicht einmal mehr einen kurzen Tweet, weil „dass“ und „das“ verwechselt werden und Kommata unterdrückt sind. Wer darauf aufmerksam macht, erntet allenfalls einen Shitstorm.

Ich weiß, dass Denken und Analysieren für viele verabscheuungswürdig ist, und Dr. Dr. Sheldon Cooper war zumindest in der ersten Staffel tatsächlich ein Arschloch. Dennoch ist die Serie die erfolgreichste aller Zeiten, was bedeutet, dass Nerds durchaus eine gewisse Attraktivität haben. Die Psychologen Jens Rasmussen und James Reason beschäftigten sich in den 1980er Jahren mit menschlichen Fehlern und stellten fest, dass menschliches Verhalten auf drei Ebenen stattfindet:

  • Die unterste Ebene, die sie „fähigkeitsbasiert“ nannten, ist weitgehend instinktgesteuert und enthält Automatismen.
  • Die mittlere Ebene nannten sie „regelbasiert“ und dürfte am ehesten Sitz der Intuition sein.
  • Die oberste „wissensbasierte“ Ebene schließlich ist Sitz der Vernunft und des Denkens.

Das Meiste, was wir wahrnehmen und tun, spielt sich in der untersten Ebene völlig unbewusst ab.

Die Intuition ist auch nur ein Mensch

Erfordert etwas unsere Aufmerksamkeit, wird die regelbasierte Ebene beansprucht. Sie findet immer eine Lösung. Und wenn’s eine falsche Regel ist, dann gibt es mächtige kognitive und affektive Kräfte, die sich zusammentun, um den Problemlöser glauben zu machen, er solle unangemessene oder unvollständige Lösungen an dieser Stelle als zufriedenstellend akzeptieren. Das Eskalieren in die wissensbasierte Ebene braucht daher diejenige Überwindung und Disziplin, die eben den Kern meiner jeweiligen Neujahrsvorsätze ausmachen, denn Denken ist so energieintensiv und langsam, dass der Organismus die Inanspruchnahme dieses Apparats möglichst zu verhindern versucht.

Sogar Prof. Peter Kruse rät vom „rationalen Durchdringen“ einer Problemstellung ab und behauptet, dass der intuitive Ansatz erfolgreicher ist. Dass wir die wissensbasierte Ebene so selten benutzen, war ein überlebensnotwendiger Schutzmechanismus, den wir von der Natur mitbekommen haben. Heute stört er leider ziemlich massiv.

Aus den Arbeiten von Reason und Rasmussen habe ich gelernt, dass die Intuition stets mächtiger ist, als der Verstand. Ich brauche meine Intuition nicht extra zu pflegen und sie z. B. mittels Meditation zu trainieren. Die Intuition ist stets im „driver seat“.

Klaus Mainzer schreibt in seinem Buch „Die Berechnung der Welt – Von der Weltformel zu Big Data” (C.H. Beck Verlag, 2014):

„Einige Psychologen preisen die Intuition als eine besondere Einsichtsfähigkeit höherer Art, die nicht „mechanisch“ erklärt werden kann. Woher sollen aber diese Einsichten kommen? … Sie könnten aus einer vorhergehenden Lerngeschichte unsere Spezies kommen (also von unseren Vorfahren, PA) oder aus früheren individuellen Erfahrungen. Diese Erfahrungen wurden ihrerseits in Verhaltens- und Denkmustern, also letztlich auch als Algorithmen festgehalten. … Darauf zu vertrauen, dass sie deshalb auch schon die beste Lösung für ein anstehendes Problem seien, sollte uns misstrauisch gegenüber unserer eigenen Intuition machen. … Die Intuition ist keineswegs eine ausgezeichnete Instanz höherer Einsichten.“

Das deckt sich mit Daniel Kahnemans Meinung, die er in seinem Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ (Siedler Verlag, 2012) vertritt.

Verschlimmbesserungen anstelle von Problemlösungen

Die großen Probleme, die es zu lösen gilt, habe ich in meinem Blog anchor.ch bereits 2008 angesprochen:

  • Global Warming,
  • Bevölkerungswachstum,
  • Differenzen zwischen geostrategischen Blöcken,
  • Terrorismus,
  • Migration,
  • Nationalismus,
  • Populismus und
  • Chauvinismus etc.

nehmen exponentiell zu und versetzen die Gesellschaften in einen instabilen Zustand, in dem Vorschläge und Gegenvorschläge konkurrenzieren. Es geht nun darum, dass wir unsere gesellschaftlichen und technischen Einrichtungen wissensbasiert und interdisziplinär entwickeln, Zusammenhänge und Abhängigkeiten verstehen und in Modellen denken lernen. Wir müssen nicht in erster Linie unser Tun ändern, sondern unsere Denkprozesse.

Problemlösungen erzeugen stets Nebenwirkungen. Einer der – je nach Zählart – zehn systemischen Archetypen von Peter Senge heißt im Original „Fixes that Fail“. Ich übersetze das mit „Verschlimmbesserung“. Eine Problemlösung soll das aufgetauchte Problem mindern oder ganz auflösen. Je größer das Problem, desto größer die Lösungsanstrengungen. Jeder Lösungsansatz hat aber positive und negative Auswirkungen. Die Lösung erzeugt also Nebenwirkungen und zwar je mehr, desto größer die Lösungsanstrengungen sind. Die Nebenwirkungen wirken verstärkend auf das Problem ein, so dass nach anfänglicher, aber vorübergehender Besserung ein Rückfall entsteht, der das ursprüngliche Problem auf ein höheres Niveau bringt, als es zuvor war. Da wäre es wohl besser gewesen, nichts gemacht zu haben.

Wer nicht weiß, was er mit seinem Handeln verursacht, sollte lieber die Finger davon lassen. Natürlich kann ich nicht bei allem, was ich mache – diesen Artikel schreiben, Zähne putzen, Geschirr spülen, Fahrrad reparieren – an die Nebenwirkungen denken, die mein Handeln auslösen könnte. Mani Matter hat in seinem Lied vom Zündhölzchen mit einer Zigarette einen Weltkrieg ausgelöst. Aber in Projekten, vor allem in Informatikprojekten und beim Herangehen an die wirklich, wirklich großen Probleme, möchte ich schon Verstand, Vernunft und Reflexion vor Intuition setzen!

Peter Addor
Peter Addor
Peter Addor ist Mathematiker, Systemdenker, Internetpionier, Autor und Fotograf. Seine Firma “Anchor Management Consulting AG”, die er von 1995 bis 2014 führte, bot Projektsupport vor allem in Informatik und Logistik an. Seit 2016 ist Peter Addor pensioniert und hält sich in Italien und Sri Lanka auf.

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