Die Sportmetapher als Motivator

von | 12.10.2020 | Projektmanagement | 0 Kommentare

„Bei 100-Meter-Läufern muss jeder alleine besonders schnell sein. Bei einem Ruder-Achter hilft es aber nicht, wenn jeder einzelne seine Höchstleistung bringt. Man muss sich untereinander abstimmen und koordinieren, um zu gewinnen.“¹

Diesen Satz habe ich vor kurzem in einem Artikel gelesen. Es ging um falsches Feedback im Job und um Wettbewerb, der die Leistung reduziert. Und wie so häufig hatte ich den Eindruck, dass die Metapher, das Bild zum Transport einer Botschaft nicht stimmig ist. Eine Einzelsportart (100-Meter-Lauf) mit einer koordinativ anspruchsvollen Mannschaftssportart (Rudern) zu vergleichen, erschließt sich mir nicht. Selbst wenn es sich um einen 4 * 100-Meter-Staffellauf handelte, bei dem 4 Läufer pro Team ihre Leistung sequenziell erbringen, bei einem Ruder-Achter erfolgt die Leistungserbringung der 8 Teammitglieder simultan. Darüber hinaus ist die Distanz der Rennen unterschiedlich (die kürzeste Distanz beim Ruder-Achter ist 350 Meter, die längste beim jährlichen Vergleich der Universitätsmannschaften aus Oxford und Cambridge – das sogenannte Boat Race – sage und schreibe 6.779 Meter²). Und natürlich ist auch die Dauer (ca. 10 Sekunden beim 100 Meter-Lauf bzw. ca. 40 Sekunden beim 4 * 100-Meter-Staffellauf versus ca. 18 Minuten beim Boat Race) nicht zu vergleichen.  

Natürlich könnten Sie jetzt einwenden, dass eine Metapher lediglich versucht, durch eine bildhafte Beschreibung etwas zu zu betonen und in eine andere Begriffswelt zu übersetzen. Stimmt. Leider müssen Metaphern aber häufig interpretiert werden und genau damit tue ich mir schwer. Und als Folge bezweifele ich im Kontext von Unternehmen, dass Metaphern und insbesondere Sportmetaphern die gewünschte Wirkung bspw. auf die Motivation von Mitarbeitern entfalten. 

Zitate zur Aufmunterung

Während der Recherche zu diesem Artikel bin ich auf viele lustige Zitate aus der Sportwelt gestolpert.³ Fußballer scheinen ein Talent für Formulierungen zu besitzen, das mir fast die Tränen vor Lachen in die Augen treibt:

  • „Die Karten sind neu gewürfelt.“ – Oliver Kahn, dreifacher Welttorhüter, heute Vorstand beim FC Bayern München
  • „Man darf nicht alles so schlecht reden, wie es war.“ – Fredi Bobic, ehemaliger Stürmer der deutschen Nationalmannschaft, heute Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt
  • „Man muss nicht immer das Salz in der Suppe suchen.“ – Philipp Lahm, Fußball-Weltmeister, heute Geschäftsführer der DFB EURO GmbH und Präsidiumsmitglied des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)
  • „Es muss eine Kehrtwende geben. Und die muss 360 Grad sein.“ – Eduard Geyer, ehemaliger Fußballspieler in der DDR-Oberliga und langjähriger Trainer bei Energie Cottbus
  • „Jede Seite hat zwei Medaillen“ – Mario Basler, Fußballeuropameister und „Fußball-Philosoph“
  • „I’m a German record player“ – Lothar Matthäus, mit 150 Einsätzen Rekord-Nationalspieler Deutschlands, ebenfalls Weltmeister und offensichtlich Musikliebhaber

Diese Zitate lassen unmittelbar Bilder vor meinem geistigen Auge ablaufen: Karten, die auf einen Tisch gewürfelt werden, sich aber nicht würfeln lassen. Menschen, die sich einmal um ihre eigene Achse drehen. Köpfe, die sich über Suppenteller beugen und vergeblich nach dem Salz in der Suppe suchen. Und ein Schallplattenspieler, auf dem Michael Schanze „Olé España“ oder Hauptsache Italien singt. 

Aufgrund der Absurdität der Aussagen, lassen sich diese Bilder und Zitate vermutlich lediglich als Aufmunterung zu Beginn einer Präsentation einbauen. Gute Stimmung, gemeinsames Lachen soll bekanntlich das Miteinander fördern. Eine direkt motivierende Wirkung – sofern es diese im Zuge von extrinsischer Motivation überhaupt gibt und die ich stark bezweifeln möchte – wird sich vermutlich aber nicht einstellen.

Die Ein-Wort-Metapher

Die kürzeste Form einer Metapher dürfte ein Synonym sein. Für mich sind Synonyme Ein-Wort-Metaphern. „Goalgetter“ ist eine solche Ein-Wort-Metapher. Sie überträgt einen Begriff aus einer Welt in eine andere. Ein Goalgetter ist jemand, der für eine Mannschaft regelmäßig Tore schießt. Viele Tore, wichtige Tore. Hören Sie einen Satz wie „Martin, Du bist unser Goalgetter“, dann können Sie sich vermutlich leicht vorstellen, dass Martin im Vertrieb arbeitet und die Person ist, die Verträge an Land zieht (eine Metapher) oder Verträge abschließt (noch eine Metapher).

„Rockstar“, „Premier League“ oder „MVP“ (für Most Valuable Player) sind ähnliche Ein-Wort-Metaphern. Sie lösen leicht Bilder in den Köpfen der Adressaten aus und entfalten oftmals positive Wirkungen. Wer möchte nicht gerne in der Premier League und damit in der besten Liga der Welt spielen? Wer wäre nicht gerne Rockstar und würde wie ein Held gefeiert? Oder wer sieht sich nicht als wichtigste Zutat für den Erfolg einer Organisation?

Viele Menschen dürften diese kurzen Umschreibungen als positiv empfinden. Was aber, wenn der Adressat der Botschaft nichts mit Fußball anzufangen weiß und keine Ahnung hat, wer oder was die Premier League repräsentiert? Was wäre, wenn sie gar keine Lust auf Heldentum, Auftritte auf großer Bühne und keine Lust auf Sex, Drugs and Rock’n Roll haben? Oder jemand mit MVP ein Minimum Viable Product verbindet und sich fragt, was der Absender der Botschaft überhaupt sagen möchte?

Eine Sportmetapher als Beispiel

Stellen Sie sich vor, Sie hören folgenden Satz während eines Fußballspiels: „Der Kapitän muss jetzt mal mit gutem Beispiel vorangehen und dazwischen hauen! Er muss die Blutgrätsche auspacken!“ Jeder der sich einbildet, etwas von Fußball zu verstehen, hat diese Aussage schon sehr häufig gehört. Meist wird sie gebraucht, wenn eine Mannschaft zurückliegt und der Kommentator überlegt, was die unterlegene Mannschaft denn tun könnte, um dem Spiel eine andere Richtung zu geben. Vermutlich hat jemand zuvor in der Halbzeitpause die mangelnde Körpersprache der Spieler moniert. Natürlich steht die  Mannschaft zu weit von den Gegnern entfernt und damit kommt sie auch nicht in die Zweikämpfe. Abgesehen davon, dass es in der Realität viel sinnvoller wäre, den Spielaufbau der überlegenen Mannschaft zu unterbinden, in dem die ersten Passwege zugestellt werden, was oft zu langen Spieleröffnungen und automatisch zu mehr Zweikämpfen führt, möchte ich diese Aussage in den Unternehmenskontext transportieren.

Was bedeutet „mit gutem Beispiel vorangehen“? Jemand macht was vor und Sie machen es nach? Der Abteilungsleiter macht Überstunden, verschickt Mails abends um 22:00 Uhr und sie machen es nach? Was bedeutet „dazwischen hauen“? Werden fortan Diskussionen unterbrochen oder kritische Fragen untersagt? Und was ist mit „Blutgrätsche“ gemeint? Dazu fällt mir beim besten Willen nichts ein!

Natürlich hätte ich auch eine andere Sportmetapher als Beispiel wählen können, bspw.

  • den Ball flachhalten.
  • flach spielen, hoch gewinnen.
  • von Abwehr auf Angriff umschalten.
  • die Kiste sauber halten.
  • eine Schippe drauflegen.
  • alles nach vorne werfen.
  • den Spielern in der Pause den Kopf waschen.

 Stimmt. Und bei allen hätte ich leicht meine Zweifel an der Botschaft und der motivierenden Wirkung formulieren können. 

Meine Probleme mit Sportmetaphern

Zusammengefasst habe ich fünf wesentliche Probleme mit Sportmetaphern:

  • Häufig passen Sie schlicht nicht zur Situation, auf die sie im Kontext von Unternehmen übertragen werden. Wenn Sie nicht passen, können Sie auch keine beabsichtigten Wirkungen entfalten.
  • „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ heißt es so schön. Leider ist das nicht immer und überall positiv. Während Blutgrätsche im Fußball zwar nicht schön, aber zweckdienlich sein kann, sehe ich bei dem Bild vor allem Arbeitsunfälle in Unternehmen. Daran kann ich aber gar nichts Zweckdienliches erkennen.
  • „Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich“ ist eine schöne Formulierung für das Beispiel vom Anfang mit dem 100-Meter-Lauf und dem Ruder-Achter. Sportarten in Form von Metaphern miteinander zu verbinden, die per se keinerlei Verbindung haben, funktioniert nie richtig. „Wie ein Sprinter müssen wir die 100-Meter in 10 Sekunden laufen.“ als Bild für eine sehr schnelle Hotline, die beim ersten Klingeln des Telefons einem Kunden helfend zur Verfügung steht, kann funktionieren, aber selbst da ist der Kunde nach 10 Sekunden nicht am Ziel  und der Vergleich hinkt.
  • Sport bzw. Fußball hat aber nichts mit Unternehmenstätigkeiten gemeinsam. Unternehmen trainieren nicht. Organisationen spielen nicht. Sie stellen keine Mitarbeiter als Backup für andere Mitarbeiter ein. Es gibt keine Wettbewerbe, die nur 90 Minuten dauern (ja, es gibt Sales Pitches, aber ich habe noch nie einen erlebt, bei dem der Vertriebsleiter nach 70 Minuten drei Akteure auswechselt, um frischen Wind (eine Metapher) ins Spiel zu bringen). Und es gibt auch keine Regenerationsphasen zwischen einzelnen Arbeitstagen, und glücklicherweise verzichten die meisten Arbeitgeber auf Ernährungspläne.

Und mein persönlich größtes Problem mit Sportmetaphern:

  • Ich bilde mir ein, von Fußball relativ viel Ahnung zu haben. Oftmals etwas mehr als derjenige, der die Sportmetapher verwendet. Nur weil jemand seit 30 Jahren Fußballspiele sieht, bedeutet das nicht, dass er viel Ahnung von Fußball hat. Durch Zuschauen werden nur die wenigsten Menschen zu Experten. Leider drückt sich in der Verwendung von Bildern aus dem Sport oftmals eine Unkenntnis der wahren Zusammenhänge aus. Diese Unkenntnis auf andere Bereiche zu übertragen, in der Hoffnung damit bspw. Inhalte klarer zu vermitteln oder gar Mitarbeiter zu motivieren, muss daher fast immer scheitern. 

 

Fazit

Vermeiden Sie die Verwendung von Sportmetaphern. Meist lassen sich die Bilder nicht auf andere Situationen übertragen und die gewünschte Wirkung bzw. die Motivation bleibt aus. Leicht kommt es auch zu Diskussionen über Metaphern, sobald sich im Zuhörerkreis ein Kollege befindet, der sich (vermeintlich) besser als Sie in der Sportart auskennt. Eine solche Diskussion kontrakarriert die ursprüngliche Intention Ihrer Sportmetapher geradezu.

Wenn Sie sich aber dennoch für eine Verwendung entscheiden, dann machen Sie es mit Bedacht. Vielleicht mit einem lustigen Zitat zur Einstimmung in einem Meeting. Oder vielleicht mit einer Ein-Wort-Metapher. Je einfacher die Sportmetapher ist, desto besser. Und vielleicht zaubern Sie so doch den einen oder anderen Ball ins Tor.

 

Hinweise:

[1] Falsches Feedback im Job
[2] The Boat Race
[3] Lustige Fußball-Zitate

Der WDR hat ein schönes Video zum Thema produziert: Fußballfloskeln wörtlich genommen

Michael Schenkel spielt übrigens auch heute noch regelmäßig Fußball. Ihm verspringen Bälle, er spielt Fehlpässe und er verwandelt Elfmeter. Begonnen hat er als Mittelstürmer, seine Vereinskarriere hat er als Libero beendet (ja, er ist schon ziemlich alt). 😉

Michael Schenkel hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u. a.

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Michael Schenkel
Michael Schenkel

Leiter Marketing, t2informatik GmbH

Michael Schenkel ist Diplom-Betriebswirt (BA) und macht Marketing mit Leidenschaft. Er hat eine Urkunde über hervorragende Wandereigenschaften, Odenwaldtour der Klassen 6a/6b, und seit 1984 das Seepferdchen. Gerne bloggt er über Requirements Engineering, Projektmanagement, Stakeholder und Marketing. Und er freut sich ganz sicher, wenn Sie sich mit ihm in der realen Welt auf eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen treffen oder zu einem virtuellen Kennenlernen verabreden.