Angst und Mut – Zwei ungleiche Geschwister?

Gastbeitrag von | 10.06.2019 | Projektmanagement | 0 Kommentare

Vor kurzem hat die von mir geschätzte Sonja Tangermann hier schon über Mut geschrieben. Nun scheint es auf den ersten Blick, dass Mut und Angst irgendwie zusammen gehören. Und Angst ist für mich als Angstlotse mein Spezialthema – vor allem dann, wenn Angst zu Leiden oder wesentlichen wirtschaftlichen Folgeeffekten führt. Bei Stichworten wie Digitalisierung, Agilisierung, usw. packt manchen Mitarbeiter die Angst.

Im Schwimmbad des Lebens

Es ist ja erst mal leicht greifbar, dass ein Sprung vom, sagen wir mal, 5m-Brett im Schwimmbad etwas Mut braucht. Und dass ein Salto ohne Vorbereitung von diesem Turm allgemein eher als Übermut und ein Sprung in unbekanntes, vielleicht trübes Wasser, als Leichtsinn bewertet würde.

Wenn ich auf dem Sprungbrett stehe und vielleicht die Wasseroberfläche nicht recht sehe, sind es gefühlt schon mal Neun Meter, die da unter mir liegen. Außerdem weiß ich ja, dass ich mich verletzen könnte, wenn ich ungünstig ins Wasser eintauche.

Mut ist nun also der Antrieb für diesen Sprung, trotz dieser Gedanken – mit etwas Sorgfalt beim Absprung. Das Eingehen eines kalkulierbaren Risikos.

Wie sieht es in diesem Bild mit der Angst aus? Die Grundlage der Angst ist ein in die Zukunft gerichteter Gedanke (siehe ABC-Modell nach Albert Ellis¹): „Es könnte etwas Schlimmes passieren“.

Dadurch, dass mir dieser Gedanke – vielleicht zusammen mit einem Bild, oder dem berühmten „Kopfkino“, durch den Kopf geht, wird im limbischen System des Gehirns Angst ausgelöst. Das Problem in dem Moment ist, dass ich diesen Gedanken glaube, obwohl ich in Realität unverletzt oben auf dem Turm stehe. Abgesehen davon, dass es relativ klar ist, ob diese gedachte Zukunft optimistisch oder pessimistisch gedacht ist, stelle ich in meiner Arbeit unter anderem immer wieder die Frage: „Ist dieser Gedanke hilfreich?“.

Die Sache wird dann noch komplizierter, wenn ich in einem Konflikt bin. Als ich ein kleiner Junge war, konnte ich mich scheinbar nur blamieren, wenn ich den Sprung nicht gemacht hätte. Mein Gedanke: „Alle werden mich auslachen, ich stehe wie ein Feigling da“. Das Gefühl dazu: Angst – nicht mehr dazuzugehören.

Der „Gehirnaufzug“

Worauf ich nun hinaus will, ist der Lösungsweg. Aus der Neurobiologie weiß ich, dass Angst – wie alle anderen Gefühle – das klare Denken blockiert. Gerald Hüther, der solche Zusammenhänge gut bildhaft darstellen kann, hat das Erklärmodell des Gehirnaufzugs² entwickelt. Im Keller, dem Stammhirn, treffen wir die einfachsten, überlebenswichtigsten Entscheidungen, im Obergeschoss, dem Präfrontalen Cortex, die vernünftigsten. Unter Stress fahren wir abwärts. Mit Entspannung wieder aufwärts.

Die Lösung besteht nun aus den drei wichtigsten Säulen, auf denen meine Arbeit ruht: Entspannung, Entspannung, Entspannung.

Egal, ob ich es neurobiologisch erkläre oder einfach nur aus meiner Erfahrung herleite: Wir wissen, dass es nicht gut ist, wenn wir „rot sehen“ oder wenn wir uns gar in einem Streit in einem Zustand wiederfinden, der uns erstarren lässt oder angriffslustig macht. Wie oft haben SIE schon gemerkt, dass Ihnen mit etwas zeitlichem Abstand oder weniger emotional deutlich bessere Lösungen einfallen als im Moment der Konfrontation? Interessanterweise höre ich Ähnliches oft zum Thema Schlagfertigkeit, von der ich persönlich denke, dass es sie gar nicht braucht. Genauso wenig wie die Angst.

Warum es auch ohne Angst geht

Wenn ich entspannt bin, ist es gleichgültig, ob ich auf einer Bordsteinkante stehe oder am Rand einer Schlucht. Das „Schwindelgefühl“ entsteht nur durch Stress – bis hin zum „Sensory Overload“, von dem Fallschirmspringer bei ihren ersten Sprüngen berichten. Sie können sich an eine Schlucht stellen oder vor die Fototapete einer Schlucht. Sobald Sie „wissen“, dass es nur ein Foto ist, ist der Stress zumindest deutlich geringer. Spannend fände ich mal, selber zu erfahren, wie sich so eine Situation mit einer „VR oder AR Brille“ anfühlt.

Diese Lösung klingt tatsächlich etwas zu banal. Möglicherweise regt sich in Ihnen Widerstand. Da wir – beziehungsweise unser zentrales Nervensystem – entsprechend lange auf Angst trainiert sind, braucht es als Abhilfe einiges an Übung. Wir haben diesen Mechanismus in uns, der uns immer wieder den Zugang zum „Hier und Jetzt“ sabotiert und uns unsere Gedanken glauben macht. Ich nenne ihn – wie meine piKVT Kollegen – den Troll³. Er will uns in unseren alten Mustern halten. Diesen werden wir nicht los, können ihn aber „freundlicher machen“. Ich erlebe immer wieder, wie sich Menschen, die unter ihrer Angst und den Einschränkungen auf ihr Leben leiden, im Laufe unserer gemeinsamen Arbeit verändern. Und wie sie mir rückmelden, dass sie anschließend so viel leichter durchs Leben gehen.

Veränderungen gehen nicht ohne Angst? Ist das wahr?

Viele sind davon überzeugt, dass Veränderungsprozesse – sei es im Privatleben oder im Beruflichen – nicht ohne Angst einher gehen können. Ich frage mich: Ist das wirklich wahr? Nüchtern betrachtet ist diese Angst so wenig hilfreich wie die Angst vom Bordstein ins Leere zu fallen. Und ebenso irrational. Sicherlich ist es menschlich, an Erreichtem, an einem Status Quo, festzuhalten. Aber warum braucht es – ganz rational betrachtet – Angst vor einer Veränderung? Wie viel hilfreicher ist es zu vertrauen – auf meine Umwelt und meine eigene Fähigkeiten, mich weiterzuentwickeln? Was fühlt sich schon jetzt einfach deutlich besser an? Wenn ich die Zukunft nicht sicher kenne, habe ich tatsächlich die Freiheit, ins Positive oder ins Negative zu spekulieren. Warum also einfach nicht mal in eine andere Richtung als die Gewohnte? Und – für mich noch besser – wie viel hilfreicher ist es, meine Aufmerksamkeit und Wertschätzung ganz auf den momentanen Zustand zu lenken, in dem erkennbar „alles gut“ ist.

Mir persönlich hilft noch eine Erkenntnis, die ich bei Buddhisten gelernt habe, als ich 2018 in Zanskar, Indien war: „Nichts ist permanent“. Die Welt ist im ständigen Wandel und oft sehen wir „atmende“ oder zyklische Naturphänomene – Ebbe/Flut, Tag/Nacht, Winter/Sommer und viele andere mehr. Ebenso, wie nach diesem Muster das Gute und Schöne nicht ständig gegenwärtig ist – das Schlechte und Unangenehme bleibt auch nicht lange.

Veränderungen sind also ganz einfach Bestandteil des Lebens.

Wovor haben Organisationen Angst?

Wieso können Organisationen überhaupt Angst haben? Sind es nicht vielmehr die Menschen?

Vielleicht ist es Ihnen ja schon mal beim Mannschaftssport aufgefallen: Wenn ein Team – von mir aus beim Fußball – einen „schlechten Tag“ hat, ist es erkennbar, wenn auch nicht greifbar, dass der „Teamgeist“ geschwächt oder gestört ist. Ein Team, das zuvor noch meisterlich gespielt hat, macht plötzlich unglaubliche Fehler im Zusammenspiel. Nicht zufällig ist Mentalcoaching auch für Teams ein populäres Werkzeug.

Ähnliches beobachte ich in Organisationen. Sie sind komplexe Systeme, in denen es eine große Rolle spielt, an welcher Stelle der Organisation Personen von Angst beeinflusst sind. Die Auswirkungen können erheblich sein.

Wenn sie z.B. hierarchisch geführt sind, ist es der Angst der Führungskraft – die übrigens deutlich verbreiteter ist, als viele zugeben möchten – zuzuschreiben, wenn sich die Angst im Team ausbreitet. Auch bei selbstorganisierten Teams spielt die Angst eine Rolle und zeigt sich ähnlich wie bei einer Fußballmannschaft: Die „Chemie“ ist gestört. Man könnte sagen: Das Team – als abstrakte Figur – hat Angst.

Grundlage dafür ist auch wieder: Stress. Es sind also die gleichen Mechanismen wie bei den Individuen, die zur Angst führen. Kein Wunder, es sind ja Menschen, die das Team bilden. Dementsprechend ist die Lösung: Gezielte Entspannung mit bewährten Methoden. Um dann, mit klarem Kopf die Realität in Ruhe anzuschauen und zu hinterfragen.

Fazit

Angst und Mut sind aus meiner Sicht zwei ungleiche Geschwister.

Es braucht manchmal Mut, den nächsten Schritt zu machen. Über die Grenze einer Sorge oder eine Furcht hinauszutreten. Sich zu exponieren. Lampenfieber zu spüren und die Aufregung als anregend zu genießen. Oder ein kalkulierbares Risiko einzugehen.

Angst erleben viele als belastend, als blockierend und versuchen deshalb die Auslöser zu vermeiden. Das kann dazu führen, dass sie zu lange warten, sich fälligen Veränderungen anzupassen – manchmal, bis es zu spät zu sein scheint. Aber auch dann gibt es noch Möglichkeiten, den Troll in uns zu verwandeln: Entspannung und Perspektivenwechsel.

Für Menschen in Organisationen gilt sinngemäß das gleiche. Anstatt die Unzufriedenheit im Job oder die Angst vor Veränderungen , z.B. Umstrukturierung, Digitalisierung, Wechsel in der Führung, zu ertragen und darüber vielleicht krank zu werden, lohnt es, so früh wie möglich die Ängste anzuerkennen, anzusprechen und zu bearbeiten.

Der Weg ist allerdings kein kurzer und kein einfacher. Es gibt keine Abkürzung. Die Menschen, die ihn gegangen sind, berichten aber immer wieder, wie lohnenswert es war, den neuen Weg einzuschlagen.

 

Hinweise:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/ABC-Theorie
[2] https://www.stern.de/panorama/wissen/mensch/stress-unter-druck-stuerzt-das-denken-in-den-keller-3330526.html
[3] https://bossimkopf.de/der-troll-bzw-das-ego-als-ursache-fuer-negatives-denken-fuehlen-und-verhalten/

Mario Hauff

Mario Hauff

Dipl.-Ing. Mario Hauff - Angstlotse · Wachstumsbegleiter - führt Menschen und Organisationen durch schwierige Phasen, die mit Angst zu tun haben und legt mit ihnen deren Potenziale frei. Wie ein Lotse geht er „an Bord“ bis wieder „sichere Fahrwasser“ erreicht sind und vermittelt dabei Selbstwirksamkeit und Selbstbefähigung. Nach 20 Jahren als Elektroingenieur für Mikroelektronik in einem amerikanischen Unternehmen bietet er heute in Einzel- und Gruppencoachings, Workshops und Impulsvorträgen Wachstum in Sicherheit mit modernsten, wissenschaftlich fundierten, Erkenntnissen.

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