Prädikat: Besonders lesenswert!

von | 03.02.2022

„Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“ – sagt eine humoristische Volksweisheit.

Die Anzahl der gelesenen Bücher ist die akzeptierteste Wohlfühlmetrik unter Erwachsenen, die nichts aussagt“ argumentierte der österreichische Vertriebs- und Marketingfachmann und Buchautor Alex Rammlmair vor kurzem. Leider sagt die Anzahl der ungelesenen Bücher auch nichts aus.

Und schon steht die Frage im Raum, welches Buch sollten Sie als nächstes lesen? Was ist besonders lesenswert? Nachfolgend finden Sie Buchempfehlungen von Stephanie Borgert, Katharina Nolden, Sascha Rülicke, Britta Redmann, Stephanie Huber, Dr. Annegret Junker, Anne Lamberts und Dr. Eric Heinen-Konschak.

Die Wahrheit als Erfindung

Stephanie Borgert, Wirtschaftsbestseller-Autorin, Kolumnistin der Frankfurter Rundschau und Komplexitätsforscherin

In „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners: Gespräche für Skeptiker“ führt der Journalist Pörksen ein Gespräch mit Heinz von Foerster. Der Physiker und Philosoph von Foerster gibt viel aus seinem Leben preis und erzählt launig. Die dringlichste Leseempfehlung für alle Menschen, die miteinander gut und erfolgreich interagieren wollen, liegt in der Auseinandersetzung mit dem Konstruktivismus. In den Gesprächen geht es um die Frage „Wie wir Wirklichkeit konstruieren“. Niemand hat die Realität für sich gepachtet und kennt DIE Wahrheit, denn wir alle generieren unser eigenes Bild der Wirklichkeit – zu jedem Zeitpunkt. Objektivität ist also ein Trugschluss. Das, was wie eine leichtverdauliche Erkenntnis klingen mag, ist bedeutsam, wenn wir es intensiv durchdenken und dann mit der Art, wie wir in unserem Arbeitsalltag miteinander kommunizieren, vergleichen.

Mein Wunsch: Dieses Buch ist Pflichtlektüre in jedem Unternehmen und bringt die Menschen dazu, sich ihrer Konstruktionen bewusst zu sein. Vom „Das ist so“ zum „So sehe ich das“.

Vorstellungsgespräche führen kann doch jeder!

Katharina Nolden, Expertin für moderne Arbeitsformen, Recruiting und Personalmarketing

Genau, wenn er oder sie sich mit der Methodik auseinandersetzt und diese gekonnt anwendet, kann in der Tat jeder Vorstellungsgespräche führen. Mein Lieblingsbuch für jede*n, der/die sich in dieses Thema einarbeiten möchte, ist „Effiziente Personalauswahl“ von Wolfgang Jetter. Es ist herrlich praxisorientiert und liefert gleichzeitig den theoretischen Hintergrund. Es deckt den gesamten Prozess von vorbereitenden Aufgaben wie der Erstellung eines Anforderungsprofils, über die Durchführung von strukturierten Einstellungsinterviews bis zu der anschließenden Auswertung und Entscheidungsfindung ab.

Besonders schätze ich den Anhang, denn dort gibt es Beispiele für mögliche Frageformulierungen und auch für mögliche Verhaltensanker. Verhaltensanker sind die Ausformulierung von dem Verhalten, welches wir uns von unserer*m neuen Kolleg*in wünschen und welches wir im Vorstellungsgespräch gezielt abfragen. Diese Anhänge machen den Schritt von der erlernten Theorie in die Anwendung in der Praxis sehr viel leichter. Sicher, wir können den Menschen immer nur vor dem Kopf gucken. Jedoch, um überhaupt eine Idee zu haben, wen wir da einstellen wollen, dafür eignet sich diese Methode am besten. Die Prognosen sind wesentlich besser als jegliches Bauchgefühl. Apropos Bauchgefühl. Es hilft uns schnell und intuitiv zu entscheiden, ist in der Personalauswahl aber nicht der beste Ratgeber, denn schließlich wollen wir nicht immer die gleiche Art Mitarbeiter*in einstellen, sondern ein diverses Team zusammenstellen.

Mitarbeitergespräche und das Management von Instabilität

Sascha Rülicke, Geschäftsführer und Experte für Organisationsentwicklung bei kleineren und mittleren Unternehmen

Ich möchte zwei besonders lesenswerte Bücher empfehlen:

Das Buch „Mitarbeitergespräche: Motivierend, wirksam, nachhaltig“ von Rüdiger Hossiep, Jennifer Zens und Wolfram Berndt hat mich tatsächlich in 2021 überrascht. Rüdiger Hossiep als Leiter des Teams Testentwicklung an der Ruhr-Universität Bochum ist als Diagnostiker (z.B. BIP und BIP-6F) anerkannt. Offensichtlich kann er aber auch zum Thema Mitarbeitergespräche einen gewichtigen Beitrag leisten. Doch fangen wir mal vorne an.

Welchen Umfang muss ein sehr gutes Buch haben – dazu findet man in diesem Buch ein beeindruckendes Beispiel. Es gibt rein wissenschaftliche Bücher zum Thema, es gibt nicht wenige rein auf die Anwendung ausgerichtete Bücher. Bei vielen dieser Anwendungsratgeber, Leitfäden und „Kochbücher“ vermisst man die wissenschaftliche Fundierung allerdings häufig komplett. Es ist beeindruckend, wie den drei Autoren um Rüdiger Hossiep hier auf nur etwa 170 Seiten (zzgl. der Praxiskarten) eine sehr gelungene Verbindung aus beiden Welten gelingt.

Was hat mir besonders gut gefallen, neben dieser Verknüpfung von Theorie und Praxis?

  1. Die grundlegenden Modelle – nach der Einführung in die Thematik – bilden neben dem TALK-Modell von Neuberger vor allem praktische Grundlagen, wie gutes Zuhören oder Feedback. Das zeigt einen häufig vergessenen Aspekt der Mitarbeitergespräche – hier geht es aus Sicht der Führungskraft nicht um das „Senden“ oder „Selbstdarstellen“, sondern häufig eben mehr um das Zuhören.
  2. Dies wird in Kapitel 3 mit der passenden Haltung (hier: Philosophie des Umgangs miteinander) und in Kapitel 4 mit den praktischen Problemen erweitert. Angefangen bei der wichtigen und ausreichenden Vorbereitung bis zur abschließenden Evaluation(!).
  3. Für wen dies noch nicht reicht, um dieses Wissen in bessere Gespräche zu transferieren, der erhält noch einen großen Block an Fallbeispielen sowie hilfreichen Literaturempfehlungen.
  4. Damit ist immer noch nicht Schluss. Der gelungene Transfer wird abgerundet mit zahlreichen Checklisten und praktischen, stabilen Karten für den „Live-„Einsatz im Gespräch.

Das zweite lesenswerte Buch ist „next practice: Erfolgreiches Management von Instabilität. Veränderung durch Vernetzung“ von Peter Kruse. Ich frage mich, ob man diesen Klassiker, des leider viel zu früh verstorbenen Prof. Kruse eigentlich noch vorstellen muss? Ich habe es mittlerweile mit einem Abstand von mehr als zehn Jahren zum zweiten Mal gelesen. Erst jetzt habe ich den Eindruck, dass ich das Buch richtig verstanden habe.

Peter Kruse schafft es bereits 2004, die heutige Zeit und die zunehmende Komplexität durch gestiegene weltweite Vernetzung treffend vorherzusagen, zu beschreiben und die richtigen Lösungsansätze zu geben. Sein Grundmodell eines sozialen Gehirns entwickelt er zu einem wissenschaftlich fundierten Ansatz zur hilfreichen Organisation für „instabil-komplexe“ Zustände von Systemen. Dabei hat er einfach begreifbare Strukturen entwickelt. Dies ist zum einen der Steuerungsansatz in Abhängigkeit des System-Zustands. Angefangen bei einer klaren Steuerung (Ursache-Wirkungs-Denken) bei stabilen-einfachen Zuständen bis hin zu gelebter Selbstorganisation (Musterwechsel) bei instabil-komplexen Zuständen. Dabei zeigt er auf, wie Selbstorganisation in Teams und die richtige Mischung (Diversität) im Team zu übersummativen Ergebnissen führen können oder sogar werden.

Die Zusammenstellung des Teams über seine Mitarbeitertypen „Broker“, „Creator“ und „Owner“ sorgen in der richtigen Zusammensetzung und bei passenden Rahmenbedingungen für die notwendigen Ergebnisse. Das Ziel ist die anpassungsfähige Organisation, die durch regelmäßige Prozessmusterwechsel lebensfähig und erfolgreich bleibt. Dabei können intelligente Netzwerke fast von selbst erreicht werden; es reicht häufig, die Vernetzung nicht (aktiv) zu verhindern, sondern zuzulassen.

Heute leben Peter Kruses Erkenntnisse in seinem Unternehmen „nextpractice“ weiter.

Innovative Personalarbeit

Britta Redmann, Fachbuchautorin, Anwältin und Coach 

Ein Buch, das mich positiv bewegt, ist „Rethinking HR: 32 Impulse für innovative Personalarbeit„, herausgegeben von Julia Collard und Sven Schnitzler.

Warum? Weil es super gut in unsere Zeit passt und das Thema Arbeitsverhältnis von vielen unterschiedlichen Seiten beleuchtet und eine Reise durch einen HR Prozess darstellt: von der Anbahnung, dem Recruiting, über die Möglichkeiten und Fragestellungen im bestehenden Arbeitsverhältnis, bis hin zur Beendigung.

Durch die vielen Aspekte, die im Buch beschrieben werden, finde ich viele Anknüpfungspunkte in meiner Praxis. Ach ja und das ist auch noch ein wichtiger Punkt: das Buch ist von Praktikern geschrieben. Auch das ist etwas, was mir gefällt und mich überzeugt.

Ein ungeschminktes Spiegelbild

Stephanie Huber, Geschäftsführerin und Expertin für Wirtschaftsmediation und Konfliktmanagement

Mein Lieblingsbuch heißt „ENT-WICKLE DICH“, Autorin ist Silvia Fink-Eisinger.

Auf dem Buchumschlag steht geschrieben: „Von klein auf sind wir mit unserem SELBST ver-wickelt – es liegt an Ihnen, sich selbst wieder zu ent-wickeln“.

Ich habe das Buch von einer sehr lieben Freundin in einer für mich schwierigen Lebensphase geschenkt bekommen. Sie wusste, es wird mir helfen und das tat es auch. Seitdem nehme ich dieses Buch immer wieder zur Hand. Es liegt seit Jahren auf meinem Schreibtisch, immer griffbereit. Diesen Wert hatte zuvor kein anderes Buch für mich!

Das dürfte daran liegen, dass die Autorin Silvia Fink-Eisinger ihr über 30-jähriges Fachwissen als Personal- und Führungskräftecoach hat einfließen lassen. „Dieses Buch kann Ihnen ungeschminkt und ehrlich ihr persönliches Spiegelbild zeigen! Sie könnten auf- und wachgerüttelt werden und eine positivere Lebensveränderung erreichen“ steht ebenfalls auf dem Buchumschlag. Durch 16 Lebenskapitel zieht sich der „goldene Faden“, sich selbst näher zu kommen. Dieses Buch ist keine Anleitung, es dient als Spiegel für die persönliche Selbstfindung.

ENT-WICKLE DICH – FINDE DEN GOLDENEN FADEN DEINES LEBENS – Viel Freude und Erfolg beim Lesen!

Objektorientierte Analyse – zurück zu den Wurzeln

Dr. Annegret Junker, Lead Architect und Expertin für Softwarearchitekturen 

Die Frage nach meinem Lieblingsbuch ist schwer zu beantworten. Eigentlich antworte ich auf diese Frage immer mit dem Buch, das ich gerade lese. Allerdings sind es in der Regel andere Bücher, die mich nachhaltig beeinflussen. Meine architektonischen Auffassungen und Überzeugungen wurden sehr von Grady Booch und seiner „Object-Oriented Analysis and Design with Applications“ (2. Auflage 1993, 3. Auflage 2007) geprägt. Die darin gemachten Aussagen bezüglich Modularisierung und loser Kopplung sind heute noch gültig. Auch deswegen wurde das Buch wurde immer wieder neu aufgelegt. Unsere Architektur-Beschreibungssprache UML ging aus seinen Arbeiten hervor. Obwohl es heute ein wenig angestaubt wirkt und natürlich noch nicht von Cloud und Microservices spricht, haben sich die beschriebenen Designprinzipien nicht geändert. Also „Back to the Roots“ und Lernen was heute noch wichtig ist.

Kommunikationsspychologie für Führungskräfte

Anne Lamberts, Systemische Organisationsberaterin für Unternehmen aus IT, Technologie und verwandten Branchen

Führung ist Kommunikation. Das ist eine Binsenweisheit. Was aber braucht es, damit Kommunikation in der Führungsrolle gelingt? Die Antworten von Friedemann Schulz von Thun, Johannes Ruppel, Roswitha Stratmann in „Miteinander reden: Kommunikationspsychologie für Führungskräfte“ sind inzwischen vier Jahrzehnte alt. Die Modelle der vierseitigen Nachricht und des Inneren Teams haben aber nicht an Relevanz verloren – im Gegenteil. Es lohnt sich deshalb, einen Blick in die Bücher des Modellerfinders zu werfen.

Wer auf der Suche nach fundiertem Handwerkszeug jenseits von Heilsversprechen ist, wird in diesem kurzen und kurzweiligen Band viel über sich selbst, die Komplexität von Führung, und den wirksamen Umgang mit ihr lernen.

Effectuation

Dr. Eric Heinen-Konschak, Experte für Digitalisierung und agile Transformation

Warum scheiterte mein bester Projektleiter? Er hatte doch die viel größerer Integration der IT-Systeme nach der Fusion der drei Unternehmen erfolgreich umgesetzt!

Die Gründe für das Scheitern verstand ich erst nachdem ich mich intensiv mit Effectuation auseinandergesetzt hatte. Jetzt kann ich als Führungskraft in jeder Situation, das richtigen Handwerkszeug einsetzen: planen, agil oder visionär arbeiten und effektuieren. Ich setzte es jetzt z.B. bei der Personalauswahl ein (mein Projektleiter konnte perfekt planen, aber nicht mit Unsicherheit umgehen).

Effectuation“ von Michael Faschingbauer ist der Schlüssel. Unterhaltsam geschrieben und informativ wird die Methode erklärt und durch viele praktische Beispiele lebendig. Beiträge anderer Autoren zeigen, wie man die Effectuation-Haltung erfolgreich in andere Bereiche übertragen kann. Abgerundet wird das Buch durch viele praxiserprobte Tools, die sofort zur Anwendung einladen. Seit Jahren ist es mein Business-Buch Nummer 1.

Was finden Sie besonders lesenswert?

Natürlich gehen die Meinungen auseinander, was „besonders lesenswert“ ist. Manche werden diesen Beitrag lesenswert finden, andere möglicherweise nicht. Ich persönlich freue mich über jede Empfehlung. Insbesondere die damit einhergehenden Begründungen verleihen dem Ganzen eine individuelle Note. Und das verdient aus meiner Sicht genau ein Prädikat: Besonders lesenswert!

 

Hinweise:

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Die Idee zu diesem Beitrag und damit auch zur Beitragsreihe „Lesenswert“ geht auf eine Frage von Heiko Bartlog an die Teilgebenden des PM Camp Berlin zurück. Schwuppdiwupp habe ich die Idee kopiert. Möglicherweise werde ich solche Empfehlungen auch noch ein viertes, fünftes oder sechstes Mal zum Thema hier im Blog machen. Danke, Heiko. 😉

Michael Schenkel hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u. a.

t2informatik Blog: Prädikat: Lesenswert!

Prädikat: Lesenswert!

t2informatik Blog: Mythos Verweildauer

Mythos Verweildauer

t2informatik Blog: Prädikat: Sehr lesenswert

Prädikat: Sehr lesenswert

Michael Schenkel
Michael Schenkel

Leiter Marketing, t2informatik GmbH

Michael Schenkel ist Diplom-Betriebswirt (BA) und macht Marketing mit Leidenschaft. Er bloggt gerne über Projektmanagement, Requirements Engineering und Marketing. Und er freut sich, wenn Sie ihn auf eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen treffen.