Nein!

Gastbeitrag von | 25.07.2022

Sagen Sie „Ja“ zu Ihren Bedürfnissen! 

Auch wenn ich persönlich eine große Freundin von „Ja“ und „einfach mal machen“ bin, erkenne ich im “Nein” eines der wichtigsten Worte, die Sie und ich vor allem in der Arbeitswelt immer wieder aussprechen sollten.

„Für mich bedeutet ein ‚Nein‘ zu einer Sache, ein ‚Ja‘ für mich selbst.“

Unsere Arbeitswelt im Wandel

Durch Digitalisierung und Technologisierung verändern sich unsere Tätigkeiten, die Arbeitsprozesse, der Arbeitsort und auch die Arbeitszeit ganz wesentlich. Dies bietet Chancen für die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Privatleben und lässt zudem Raum für individuelle Bedürfnisse. Natürlich nicht grenzenlos, denn viele von uns arbeiten nicht autark, sondern gemeinsam mit anderen Menschen. Genau hier treffen wir auf eine Herausforderung dieser Zeit: Lässt die sich verändernde Arbeitswelt einerseits mehr Raum für Individualität, so erfordert sie andererseits, dass wir unsere individuellen Grenzen im Blick behalten. Es geht darum, unsere physische und auch mentale Gesundheit zu schützen, und so auch unsere Arbeitsmotivation und Produktivität zu erhalten.

Insbesondere selbstverantwortliches Arbeiten von verschiedenen Orten aus, hybrid, auf Distanz, remote – wie immer man es auch nennen mag – bedeutet, dass wir uns (räumlich) nicht mehr so nah wie sind. Früher wurden wir bspw. von Kolleg:innen daran erinnert, in die Mittagspause zu gehen oder Pausen einzulegen. Es gab kleine Bewegungsmomente im beruflichen Alltag; der Weg in die Kaffeeküche war länger als der Weg vom Küchentisch zur Kaffeemaschine. Und wir gingen in den Feierabend, schlossen die Bürotür hinter uns, fuhren ein Weilchen nach Hause und es war klar, dass wir nicht noch einmal den PC anschalten würden, um „nochmal kurz die Mails zu checken“. Und heute?

Heute merken wir oftmals in der Hektik der Tage gar nicht, welche Automatismen sich bereits im „neuen Arbeiten“ eingeschlichen haben. Es braucht eine gewisse Wachsamkeit, vielleicht auch Achtsamkeit, um zu spüren, wie es uns wirklich gerade geht.

„Will ich wirklich das, was ich gerade tue?“ ist daher eine wichtige Frage, die Sie sich immer wieder stellen sollten. Die Frage adressiert Achtsamkeit und wie Sie diese – mit dem einen oder anderen bewusst formulieren „Nein“ – im Blick behalten, möchte ich in diesem Artikel beschreiben.

Ein Beispiel für ein eher leises „Nein“

Paul erhält am Montagmorgen mehrere E-Mails mit To-dos von seiner Führungskraft. Alle versendet am Sonntag in der Nacht. So entsteht bei ihm der Eindruck, dass die Aufgaben zügig zu erledigen sind. Der Montagmorgen dient ihm jedoch zum Strukturieren und Planen der nächsten Tage. Er startet eher ruhig in die Woche, ohne sofort in Hektik zu verfallen. Innerlich entsteht nun ein Dialog, der möglicherweise darin mündet ein „Nein, ich starte jetzt nicht mit diesen To-dos, sondern beginne den Tag mit Blick in meine Prioritätenliste und ordne dann meine To-dos ganz bewusst für die kommende Woche“.

Hier hat Paul innerlich ein “Nein” ausgesprochen und gut für sich gesorgt. Grundsätzlich ist es für und in Unternehmen hilfreich, Digitalisierungsspielregeln auszuhandeln.¹ Solche Spielregeln machen deutlich, wann worauf wie zu reagieren ist. Auf diese Weise erhalten Mitarbeiter:innen die Freigabe, ein “Nein” im vorgegebenen Rahmen auszusprechen, und Missverständnisse in der Zusammenarbeit werden vermieden.

Da solche Spielregeln noch nicht in jedem Unternehmen existieren, sind wir oftmals auf uns selbst angewiesen, um uns mental in Balance zu halten und damit auch unsere Motivation und Produktivität dauerhaft zu erhalten. Ein Zitat, um zu mehr Bewusstheit zu gelangen, stammt von Viktor Frankl:

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. Wir sollten diesen nutzen, denn das ist der Weg zur Freiheit.“

Konkret angewandt, bedeutet dies bei Ereignissen innezuhalten und zu hinterfragen, was gerade wirklich erforderlich ist. Und dabei helfen Reflexionsfragen wie bspw.

  • Was macht das mit mir?
  • Tut es mir und meiner Arbeit gut?
  • Warum ist das so wichtig?

Nur wenn es Ihnen gut geht, können Sie Ihre Tätigkeiten gut ausführen. Das klingt theoretisch sehr einfach, ist es aber in der Hektik der Zeit häufig eben nicht.

Ein Beispiel für ein eher lautes “Nein”

In zahlreichen Unternehmen lässt sich beobachten, dass Termine für Besprechungen in die Mittagspausenzeit gelegt werden. Manchmal geht diese Terminierung mit der Begründung einher, dass dies der einzige, gemeinsam verfügbare Termin wäre. Manchmal fehlt sogar diese schlechte Begründung.

Gibt es in Unternehmen keine Digitalisierungs- oder auch Meeting-Spielregeln, die besagen, dass die Mittagszeit unbedingt terminfrei gehalten werden sollte, liegt es hier an jeder/m einzelnen, zu sagen oder auch zu schreiben: “Nein, ich kann zu der Zeit nicht. Ich mache Pause. Ich brauche diese Zeit für mich.”

Folgende Reflexionsfragen bieten sich an:

  • Wie verhalte ich mich in einer solchen Situation?
  • Was ist bei mir im Unternehmen üblich?
  • Und wie leicht fällt es mir, ein „Nein“ über die Lippen zu bekommen?

 

Nicht reagieren oder mal eben schnell machen

Es findet ein virtuelles, nicht effizient moderiertes Meeting statt. Aufgaben schwirren umher. Claudia hat den Eindruck, dass sie Verantwortung übernehmen muss. Ihre inneren Stimmen schreit: „Es macht ja sonst schließlich keine:r und das Meeting dauert sonst noch ewig“. Eigentlich hatte Claudia bereits genug zu tun, aber das Verantwortungsgefühl in ihr wurde laut. Wenige Tage später ist sie gestresst, genervt, reagiert gereizt auf Kolleg:innen. Hätte sie doch ihren Mund gehalten und sich nicht auf die zusätzlichen To-dos eingelassen.

Oder auch „Ich mach nochmal schnell“. Die Kinder sind aus der Kita abgeholt, der Plan war eigentlich heute nicht mehr den Laptop anzuschalten und in die Mails zu gucken. Zu spät. Roman las bereits die eingehenden Mails. Die eine Nachricht war jetzt schon sehr übel, da muss sofort gehandelt werden. 3 Stunden später, müde und ausgelaugt geht Roman ins Bett. Schon wieder 23:00 Uhr, noch kurz durch die Instagram-Timeline scrollen. 6 Stunden später wacht er wie gerädert auf und fragt sich, warum er jetzt schon wach ist. Der Wecker klingelt doch erst in einer Stunde…

Wie kann ein “Nein” möglich werden?

Ein „Nein“ benötigt eine solide Basis und die Antwort auf die Frage: „Was brauche ich im jeweiligen Moment?“

Reflexionsfragen hierzu lauten bspw.:

  • Was sind meine persönlichen Ziele?
  • Was sind die Ziele im Team?
  • Welche Ziele hat das Unternehmen, für das ich arbeite?
  • Was erfordert meine Arbeit?

Ich persönlich fange stets gesund egoistisch bei mir selbst an und schaue, wie ich meine Bedürfnisse in den Einklang mit den Bedürfnissen der anderen Beteiligten bekomme. Alle individuellen Bedürfnisse jederzeit in der Arbeitswelt – und nicht nur hier – erfüllt zu bekommen, ist schlicht unrealistisch. Es geht um Aushandlung und die eigenen Grenzen, die es im Blick zu halten gilt. Und daher ist folgende Frage sehr wichtig.

  • Wie geht es mir eigentlich gerade wirklich?

Nur wenn Sie wissen, wie es Ihnen geht, können Sie ableiten, was Sie im jeweiligen Moment benötigen und dies entsprechend auch nach außen kommunizieren.

Stolpersteine im Blick

Es gibt Situationen, in denen können Sie jedoch noch so achtsam sein, Ihr inneres Programm, Ihr mentales Modell erlaubt kein “Nein”. Zum Beispiel kein „Nein“ gegenüber Vorgesetzten. „Ich darf doch nicht widersprechen“, vielleicht auch „Ich darf mich selbst doch nicht wichtiger nehmen als andere“. Oder wie oben: „Wenn nicht ich, wer macht es sonst?“.

Sollten Ihnen solche Stimmen bekannt vorkommen, lohnt es sich genauer hinzuhören und in Frage zu stellen, ob sie wahr sind und Sie ihnen folgen sollten, oder ob sie umformuliert und umgewandelt werden können. Umformuliert würden die Sätzen eher „Ich darf meine Grenzen wahren.“, „Ich darf ‚Nein‘ sagen.“ oder „Es soll mir gutgehen.“ lauten. Bis dahin ist es manchmal jedoch ein langer Weg.

Ein weiterer Stolperstein kann auch die Art und Weise des übermittelten „Neins“ sein. Ich möchte hier auf sämtliche Bücher und Modelle von Friedemann Schulz von Thun² verweisen und gern auch an das GfK-Modell von Rosenberg³ erinnern. Lassen wir vorwurfsfrei unsere Bedürfnisse aus uns heraus sprechen, dürften sich hoffentlich nicht allzu viele Reibungsmomente oder Konflikte mit anderen Beteiligten ergeben. Dabei sollten Sie allerdings nicht nur Ihre eigenen Bedürfnisse beachten, sondern auch das Miteinander mit Kolleg:innen, Mitarbeiter:innen und Vorgesetzten gut im Blick behalten.

Hilfe auf dem Weg zum „Nein“

Einerseits tut es mir leid, andererseits empfinde ich es als große Glück eines erwachsenen Menschen: Wir haben es selbst in der Hand. Nur selten übernehmen andere für uns Entscheidungen. Es liegt an uns.

„Eine Entscheidung gegen eine Sache ist stets auch eine Entscheidung für eine andere Sache.“

Wenn Sie sich darüber klar werden, was für ein Mensch, vielleicht auch was für ein:e Mitarbeiter:in oder Führungskraft Sie sein wollen, fällt es Ihnen möglicherweise leichter, nach Ihren inneren Leitplanken und Motiven zu leben. Diese innere Klarheit ist für mich stets der Startschuss für eine Veränderung.

Auf dem Weg einer Veränderung ist es zudem hilfreich, sich ein soziales Netz an Unterstützer:innen aufzubauen. Weggefährt:innen, die einen daran erinnern, auf welchen Pfad wir uns begeben wollten und uns dabei zur Seite stehen. Achtsamkeit und Geduld sind gefragt, denn Veränderung braucht Aufmerksamkeit und vor allem Zeit. Und so kommt Ihnen hoffentlich demnächst im entsprechenden Moment ein „Nein“ statt eines „Ja“ über Ihre Lippen.

 

Hinweise:

Sandra Brauer hat zu dem Thema „Was tun, wenn Du merkst, dass es gerade alles zu viel wird?“ ein tolles Video aufgenommen.

Was tun, wenn Du merkst, dass es gerade alles zu viel wird?

Und Dierk Söllner hat in seinem Podcast mit Sandra Bauer über die Kunst des Neinsagens gesprochen. Definitiv hörenswert.

[1] Prof. Dr. Stephan A. Böhm, Effekte der Digitalisierung auf die Gesundheit von berufstätigen Personen: Digitalisierungsspielregeln
[2] Friedemann Schulz von Thun: Das Kommunikationsquadrat
[3] Podcast Blickrichtung Zukunft, Episode 006: Gewaltfrei kommunizieren

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Sandra Brauer hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u. a.:

t2informatik Blog: Vom Umgang mit Veränderung

Vom Umgang mit Veränderung

t2informatik Blog: Digital Leadership - Führung in digitalen Zeiten

Digital Leadership – Führung in digitalen Zeiten

t2informatik Blog: Systemisch denken und handeln am Arbeitsplatz

Systemisch denken und handeln am Arbeitsplatz

Sandra Brauer
Sandra Brauer

Sandra Brauer - Veränderungsbegleitung mit System - ist als systemische Beraterin und Trainerin für Stressmanagement, Achtsamkeit und Entspannung im Einsatz. Die studierte Betriebswirtin begleitet Unternehmen und Einzelpersonen in Veränderungsprozessen. Ihre Schwerpunkte sind dabei die Begleitung von Digitalisierungsvorhaben und Veränderungsprojekten, vor allem im Zuge des kulturellen Wandels. Sandra Brauer kann für Workshops, Teamreflexionen, Einzelberatung und -coachings, Moderation von Podiumsdiskussionen sowie Impulsvorträgen gebucht werden.