Impulse für Organisationen – Teil 18

von | 11.04.2026

In der Online-Welt finden sich viele Impulse für die Zusammenarbeit in Organisationen. Der Großteil dieser Hinweise und Erfahrungen ist jedoch nur kurz sichtbar und verschwindet dann auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen der Social-Media-Plattformen. Auch in Teil 18 unserer Serie mit Impulsen in Organisationen möchte ich wieder Perspektiven von Fachleuten im t2informatik Blog „ins Schaufenster stellen“. Diesmal geht es um das schnelle Erledigen von Aufgaben, Führung und Demut, Resultate bei der Verwendung von KI und Schulden einer Organisation.

Los geht’s mit den wertvollen Impulsen!

Linda Janke1:

Darf ich Präkrastination?

Ja, das Wort gibt es. In echt und im Duden.

Prokrastination kennen viele. Bei unliebsamen Aufgaben lassen wir uns dankbar ablenken.

Ich vermute, dass viele Assistenzen sich eher in Präkrastination wiederfinden. Aufgaben werden lieber schnell und besser gestern erledigt. Das hört sich erstmal gut an. Jedes abgehakte To-do macht Endorphine, oder?

Präkrastination wird allerdings schnell zur Falle, durch die wir uns selbst torpedieren, wenn wir zuerst abarbeiten, was einfach ist und schnell geht. Abhaken fühlt sich einfach gut an. Zu gut, manchmal.

Das Tückische: Die Liste als Ganzes wird scheinbar kürzer, das gibt ein gutes Gefühl. Doch der ganze Rest, insbesondere komplexere und natürlich die unliebsamen Aufgaben bleiben. Und bleiben und bleiben und bleiben.

Im schlimmsten Fall blockieren sie uns dann erst recht, je mehr wir sie hinauszögern. Da ist die eilig beantwortete E-Mail nur ein besonders gepflegter Umweg.

Hinzu kommt: Nicht alles, was sofort erledigt wird, hat wirklich Priorität. Legen wir trotzdem gleich los, zahlen wir mit Zeit, die dann anderswo fehlt. Das rächt sich doppelt: bei den Aufgaben, die liegen bleiben, und bei den Pausen, die wir vielleicht nicht nehmen, obwohl wir sie brauchen.

Was tun? Die Aufgabenliste steht meist am Morgen. Was im Laufe des Tages dazukommt, wird eingeordnet: Muss das wirklich jetzt erledigt werden, oder kann es warten?

Damit Präkrastination sich nicht zur Prä-krass-tination auswächst, kommt bei mir alles in Outlook Aufgaben und wird terminiert.

Ich mag halt flache Wortspiele.

🌺

Vanessa Steffen2:

Gute Führung braucht Demut

Ich habe in den letzten Jahren viele Leadership-Programme gesehen. Typisch davor und dabei sind Diskussionen darüber, welche Kompetenzen Führungskräfte brauchen.

Es gibt Frameworks, Workshops, Bücher, Videos, tolle Modelle und natürlich Zertifikate. Viele Zertifikate. Die lieben wir ja. 😉

Ein Wort taucht dabei in den letzten Jahren besonders oft auf: HALTUNG

Was ich dagegen fast nie höre: DEMUT

Dabei ist genau das ein zentraler Skill. Demut bedeutet hier nicht, sich klein zu machen, sondern zu verstehen, dass man als Führungskraft nicht der wichtigste Mensch im „Raum“ ist. Die Menschen im Team sind es! Sie sind diejenigen, die Produkte bauen, Kunden betreuen, Systeme entwickeln, Probleme lösen.

Dabei ist die Aufgabe von Führung, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen andere ihre Arbeit richtig gut machen können. Das setzt voraus, dass ich anerkenne:

  • Ich muss nicht alles besser wissen.
  • Ich habe nicht automatisch die größte Expertise.
  • Im besten Fall sitzen in meinem Team Menschen, die in ihrem Fach deutlich besser sind als ich.

Und ja, genau davor darf man ruhig ein bisschen Demut haben.

Viele Organisationen würden deutlich besser funktionieren, wenn Führungskräfte weniger damit beschäftigt wären, wie sie wirken und mehr damit, wie sie ihre Leute stark machen.

Dr. Joël Krapf3:

Wer liefert das beste Resultat?

A: Expert:in
B: Künstliche Intelligenz
C: Expert:in mit KI
D: Amateur:in mit KI

Die Antwort:
Ein Amateur mit KI.

So nachgewiesen und ausgeführt von Garry Kasparov in seinem Buch Deep Thinking (2017).

Kasparov ist vielen Menschen ein Begriff. Er war 20 Jahre lang der beste Schachspieler der Welt. Und verlor aufsehenerregend gegen den Computer von IBM Deep Blue.

Im Jahr 2005 organisierte eben dieser Schachgrossmeister ein Freestyle-Turnier. Dort durften alle mögliche Kombinationen antreten:

Reine Computer gesteuerte Spieler.
Amateure mit Computer.
Grossmeister alleine.
Grossmeister mit Computer.

Am Ende gewann:
Ein Amateur mit Computer.

Weshalb:
Er wusste am besten, wann er dem Computer vertrauen konnte – und wann nicht.
Die Grossmeister misstrauten der KI zu oft und verloren.

Dieses Phänoment nennt sich „Overconfidence Bias“ und behindert auch viele Expert:innen in der Berufswelt an besserem Output.

Was können wir daraus für die Anwendung von KI lernen:

Die produktive Anwendung von KI gelingt nicht automatisch jenen besser, die bereits Experte in einem Fach sind. Expertise kann sogar hinderlich sein. Daraus lässt sich schliessen:

1️⃣ Der Totgesang von Juniors ist verfrüht. Juniors mit KI-Kompetenzen sind performanter als Expert:innen mit mangelhafter KI-Kompetenz.

2️⃣ KI-Kompetenz, oder wie es Melani N. treffend nennt „AI Literacy“, ist zwingend für alle. Es reicht nicht, KI einfach nach gutdünken zu nutzen.

3️⃣ KI alleine ist auch nicht die Lösung: Blinde Workflow-Automatisierung und Copy + Paste bringt dich nicht über Mittelmass hinaus.

Maike Küper4:

Organizational Debt: Der unsichtbare Zins auf alte Entscheidungen

Organisationsentwicklung hat oft einen schweren Stand. Gerade wenn sie bei HR angesiedelt ist, nehme ich wahr, dass die Verantwortlichen ihren Mehrwert gut erklären müssen – auch wenn alle sagen, dass es „so nicht bleiben kann“.

Ein hilfreiches Argument finde ich die „cost of doing nothing“. Was passiert, wenn wir gar nicht am System arbeiten? Dafür gibt es ein spannendes Konzept, was gerade in technischen Unternehmen anschlussfähig ist: Organizational Debt, also organisationale Schulden. Wenn wir unsere historisch gewachsenen Regeln oder Strukturen nicht regelmäßig prüfen und ausmisten, steht quasi irgendwann der ganze Keller voll mit nutzlosem Zeug.

Wie kann Organizational Debt konkret aussehen?

  • inkonsistente, bürokratische Prozesse
  • unpassende oder widersprüchliche Rollen
  • fehlendes Investment in Skills bzw. Mitarbeitende
  • veraltete Tools

Und wie kommt es dazu?

  • Priorisierung kurzfristiger Optimierung über Grundlagen für nachhaltigen Erfolg
  • Hektischer Aktionismus statt Zeit für Reflektion und Lernen
  • Wenig Investitionen in (vermeintlich!) nicht business-kritische Dinge wie Unternehmenskultur, Weiterbildung, Teamentwicklung
  • Probleme treten eher an der Basis auf, nicht im Top-Management

Die Leitfragen, die ich dann im Gespräch oder Workshop stelle:

  1. Sichtbar machen: Wo zahlt ihr gerade Zinsen auf alte Entscheidungen?
  2. Lösungen: Wie können wir Strukturen aufbauen, die uns ermöglichen, kontinuierlich zu reflektieren und zu überarbeiten, was angepasst werden muss?

Das geht auf Team- und auf Org-Ebene. Im Kleinen kann das eine Retro, ein Frühjahrsputz, ein „Kill a stupid rule“- Workshop sein. Entscheidender als das Format ist die Routine. Einmal Keller aufräumen reicht nicht für 5 Jahre 😉

Further Reading und Definitions-Quelle: How To Eliminate Organizational Debt.

Impulse und Fragen

Vier Themen, vier Fachleute, vier Impulse. Wieso ist es nicht immer sinnvoll, Aufgaben so schnell wie möglich zu erledigen? Wie können wir die Menschen im Team, die Systeme entwickeln und Kunden betreuen, wirklich in den Mittelpunkt stellen? Wie erzielen wir gemeinsam mit KI die bestmöglichen Resultate? Und was können wir aktiv gegen die Schulden einer Organisation tun?

Fragen über Fragen. Vielleicht haben Sie auch welche; großartig! Dann hat auch Teil 18 von „Impulse für Organisationen“ auf wundersame Art und Weise funktioniert. Schön, oder?

 

Hinweise:

[1] Linda Janke arbeitet als Assistenz der Geschäftsführung bei der EARN Elektroaltgeräte Service GmbH. Informationen über Linda Janke finden Sie in ihrem LinkedIn-Profil, den Impuls finden Sie hier im Original.

[2] Vanessa Steffen unterstützt Unternehmen im Bereich agiler Organisationsentwicklung und Unternehmensführung. Informationen zu Vanessa Steffen finden Sie in ihrem LinkedIn-Profil, den Impuls finden Sie hier im Original.

Im t2informatik Blog hat Vanessa Steffen mehrere Beiträge veröffentlicht, u. a. Die Zukunft gehört resilienten Organisationen und Die Kunst Dinge wegzulassen.

[3] Dr. Joël Krapf begleitet seit über 10 Jahren Transformationen von Unternehmen. Aktuell unterstützt er Organisationen als Senior Manager bei Accenture auf ihrer digitalen Reise. Informationen zu Dr. Joël Krapf finden Sie in seinem LinkedIn-Profil, den Impuls finden Sie hier im Original.

Im t2informatik Blog hat Dr. Joël Krapf einige Beiträge veröffentlicht, u. a. Agilität war erst der Anfang und Agile ist kein Mindset.

[4] Maike Küper arbeitet, denkt und spricht zu neuem Arbeiten in zukunftsfähigen Organisationen. Statt (fr)agiler Masterpläne setzt sie auf eine evolutionäre Organisationsentwicklung. Informationen zu Maike Küper finden Sie in ihrem LinkedIn-Profil, den Impuls Sie hier im Original.

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Hier finden Sie eine Auswahl weiterer Impulse im t2informatik Blog:

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Michael Schenkel
Michael Schenkel

Leiter Marketing, t2informatik GmbH

Michael Schenkel hat ein Herz für Marketing – da passt es gut, dass er bei t2informatik für das Thema Marketing zuständig ist. Er bloggt gerne, mag Perspektivwechsel und versucht in einer Zeit, in der vielfach von der sinkenden Aufmerksamkeitsspanne von Menschen gesprochen wird, nützliche Informationen – bspw. hier im Blog – anzubieten. Wenn Sie Lust haben, verabreden Sie sich mit ihm auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen; mit Sicherheit freut er sich darauf!

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