Die hohe Kunst der organisatorischen Selbstsabotage
Erinnern Sie sich noch an Meister Konfus, den stillen Strategen im Hintergrund? Jenen Großmeister der Verwirrung, dessen Wirken selten offen benannt wird, dessen Spuren aber in nahezu jeder Organisation zu finden sind?
Falls Sie noch nie von ihm gehört haben: Meister Konfus ist jener unbekannte Lehrmeister, der Organisationen seit Generationen prägt wie kaum ein anderer. Obwohl ihn kaum jemand beim Namen kennt, begegnet man seinen Schülerinnen und Schülern in nahezu jedem Unternehmen, jeder Behörde und jeder Institution. Sie wirken überall dort, wo viel geregelt, wenig geklärt und noch weniger verantwortet wird.
Mit seinen Lehrsätzen trägt Meister Konfus täglich dazu bei, dass Organisationen weit unter ihren Möglichkeiten bleiben, nicht wertschöpfende Arbeit zuverlässig maximieren und ihre eigene Selbstsabotage zur stillen Routine machen. Einige vermuten mittlerweile sogar, dass seine Nachfolger längst höchste Ämter in Politik und Verwaltung weltweit unterwandert haben und dort besonders erfolgreich am Werk sind.
Nun sind in einem vergessenen Archiv neue Lehrsätze des Großmeisters der Verwirrung aufgetaucht. Schauen wir uns an, welche Schätze der Konfusion wiederentdeckt wurden.
Geschäftigkeit ohne Sinn
„Geschäftigkeit ohne Sinn ist, was wir anstreben. Wichtig ist, dass alle beständig beschäftigt sind. Das Ergebnis spielt keine Rolle, wenn wir Muda maximieren wollen.“
Ein Klassiker aus der Schule des Meister Konfus. Und aktueller denn je. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der Selbstoptimierung, Effizienzrhetorik und hektisches Management allgegenwärtig sind. Wichtig ist vor allem, dass alle Beteiligten möglichst beschäftigt wirken. Ob diese Geschäftigkeit tatsächlich zu einem brauchbaren Ergebnis führt, ist zweitrangig. Oder, im Sinne des Meisters: vollkommen unerheblich.
Echten Mehrwert erzeugen und diesen dann auch noch als Maßstab für die eigene Arbeit nehmen? Wo kämen wir denn da hin? Viel wirkungsvoller ist es, möglichst viele Aktivitäten zu entfalten, Termine zu füllen, Abstimmungen anzusetzen und Aufgaben zu produzieren, die wiederum neue Aufgaben erzeugen.
Das hat gleich mehrere Vorteile: Niemand kommt zur Ruhe, alle sehen wichtig aus und es bleibt kaum Zeit für die gefährlichste aller Fragen: Tun wir eigentlich die richtigen Dinge? Denn genau diese Frage wäre der Verschwendung abträglich. Wer Muda maximieren will, muss dafür sorgen, dass Bewegung wichtiger erscheint als Wirkung.
Organisierte Unverantwortlichkeit
„Die organisierte Unverantwortlichkeit, bei der scheinbar alles geregelt ist, aber niemand zuständig ist, das ist die höchste Kunst der Konfusion. Danach sollt ihr streben.“
Aktive Verantwortungsübernahme? Um Himmels willen. Das wäre viel zu gefährlich. Am Ende erkennt noch jemand ein Problem, benennt es klar, entwickelt eine Lösung und setzt sie womöglich auch noch um. Für Meister Konfus wäre das ein schwerer Rückschlag.
Das geht besser. Und ganz einfach: Man regelt möglichst viele Details, schafft Zuständigkeiten, Schnittstellen, Freigabeschleifen und Gremien. Idealerweise so, dass es nach außen aussieht, als wäre alles sauber organisiert und irgendjemand verantwortlich. In Wahrheit entsteht ein System, in dem jeder beteiligt ist, aber niemand zuständig.
Es gibt nichts Schöneres, als sagen zu können, dass man dafür leider nicht zuständig ist, weil die Zuständigkeit woanders liegt. Die Fachabteilung wartet auf die Entscheidung der Leitung, die Leitung auf die Vorlage der Fachabteilung, die Arbeitsgruppe auf das nächste Gremium und das Gremium auf eine belastbare Entscheidungsgrundlage.
So bleibt alles in Bewegung, ohne dass sich etwas bewegt. Die hohe Kunst besteht darin, Zuständigkeit vorzutäuschen und Verantwortung zuverlässig zu vermeiden. Genau dort entfaltet Meister Konfus seine volle Wirkung: Alles scheint geregelt, aber sobald etwas entschieden, verbessert oder tatsächlich gelöst werden müsste, liegt die Verantwortung garantiert woanders. Selbstsabotage kann kaum eleganter organisiert werden.
Realitätsferne Entscheidungen
„Wenn du möglichst realitätsferne Entscheidungen treffen willst, dann begebe dich niemals an den Ort des Geschehens, um zu beobachten. Entscheide immer in der Stille deines Büros und fernab des Geschehens.“
Vom Elfenbeinturm aus entscheidet es sich bekanntlich besonders gut. In der Stille des eigenen Büros, fernab des Geschehens und ohne störende Rückkopplung zur operativen Ebene, entfaltet Meister Konfus seine ganze Kraft. Niemand widerspricht, niemand weist auf Denkfehler hin und niemand bringt die unangenehme Frage auf, ob das Ganze überhaupt umsetzbar ist.
Der Ort des Geschehens ist ohnehin gefährlich. Dort könnte man beobachten, wie die Dinge wirklich laufen. Man könnte erfahren, was tatsächlich gebraucht wird. Im schlimmsten Fall würde sogar sichtbar, welche Auswirkungen eine Entscheidung auf Arbeit, Abläufe, Kundinnen, Kunden oder Mitarbeitende hat. Das wäre natürlich fatal.
Viel besser ist es, auf Abstand zu bleiben. Schließlich lässt sich aus sicherer Entfernung wesentlich ungestörter entscheiden. Ob sich das Ganze operativ umsetzen lässt, spielt dabei keine zentrale Rolle. Ebenso wenig, welche Folgen es haben kann. Entscheidend ist, dass die Entscheidung getroffen wurde. Ausbaden müssen es ohnehin andere.
So entsteht jene besondere Form der Klarheit, die nur dort möglich ist, wo die Realität zuverlässig draußen bleibt.
Intransparenz als Strategie
„Je mehr Intransparenz du schaffst, desto mehr werden alle damit beschäftigt sein, Gerüchte zu verbreiten. Das ist eine gute Voraussetzung, um den Konkurrenzkampf aller gegen alle in der Organisation zu befeuern.“
Aber hallo, so muss es doch sein. Transparenz wird in Organisationen ohnehin vollkommen überschätzt. Wenn alle wüssten, wohin die Reise geht, was entschieden wurde und warum etwas geschieht, würden sie am Ende vielleicht noch anfangen, sinnvoll zusammenzuarbeiten. Im schlimmsten Fall kämen sie sogar auf die Idee, Verbesserungen zu entwickeln und umzusetzen. Das geht natürlich gar nicht.
Viel besser ist es, möglichst viel Unklarheit zu erzeugen. Niemand sollte so genau wissen, was Sache ist, welche Ziele gelten, wer woran arbeitet oder welche Entscheidungen bereits getroffen wurden. So entstehen Freiräume für wilde Spekulationen, Flurfunk und die besonders wertvolle Disziplin des gegenseitigen Misstrauens.
Das lenkt zuverlässig von lösbaren Problemen ab. Energie, Zeit und Ressourcen fließen nicht mehr in Klärung, Verbesserung oder Wertschöpfung, sondern in Deutungen, Vermutungen und taktisches Verhalten. So lässt sich die nicht wertschöpfende Arbeit ungemein steigern.
Und das Beste daran: Intransparenz sorgt dafür, dass alle beschäftigt sind, ohne dem eigentlichen Problem zu nahe zu kommen. Gerüchte wachsen, Konkurrenzkämpfe blühen auf und niemand kommt auf die gefährliche Idee, den Stuhl wackeln zu lassen. Selbstsabotage wird hier nicht offen betrieben, sondern elegant durch Unklarheit ermöglicht.
Werkzeuge statt Ergebnisse
„Die Wahrscheinlichkeit, dass sich alle mit den Werkzeugen und Methoden beschäftigen, statt mit dem Ergebnis, steigt, je mehr Werkzeuge und Methoden es gibt.“
Wer kennt es nicht? Noch bevor überhaupt klar ist, wie die Zusammenarbeit gestaltet werden muss, beginnt bereits die große Debatte über das passende Werkzeug, die richtige Methode und den nächsten vielversprechenden Ansatz. Meister Konfus weiß: Je früher man über Tools spricht, desto später muss man über Ergebnisse reden.
Das Ganze lässt sich hervorragend steigern, indem man möglichst viele Werkzeuge und Methoden ins Spiel bringt. Je mehr, desto besser. Dann sind alle damit beschäftigt, Daten von Werkzeug A nach Werkzeug B zu schieben, Informationen zusammenzusuchen, Formate abzugleichen, Berechtigungen zu klären und Schnittstellenprobleme zu diskutieren.
Fehler lassen sich dadurch ebenfalls sehr gut steigern. Denn wo viele Werkzeuge im Einsatz sind, entstehen viele Übergaben. Wo viele Übergaben entstehen, entstehen viele Missverständnisse. Und wo viele Missverständnisse entstehen, öffnet sich ein wunderbares Feld für Scheindebatten.
Und die Arbeitsergebnisse? Ach ja, die gibt es auch noch. Dafür haben wir im Moment leider keine Zeit. Wir müssen erst Daten übertragen, die nächste Methode bewerten, das neue Tool einführen und herausfinden, warum die Informationen schon wieder nicht dort liegen, wo sie gebraucht werden.
So gerät langsam in Vergessenheit, was eigentlich erreicht werden sollte. Und genau darin liegt die besondere Schönheit dieses Lehrsatzes: Man beschäftigt sich intensiv mit allem, was Arbeit organisiert, nur nicht mit dem, was Arbeit bewirken soll.
Dauerbeschäftigung als Denkverhinderung
„Wer wie ein Hamster im Rad rotiert, wird nicht darüber nachdenken, was er oder sie anders machen kann. Sorge daher stets dafür, dass sie nie zur Ruhe kommen.“
Damit übertrifft Meister Konfus wirklich alle Erwartungen. Wer Verbesserungen verhindern will, muss nur dafür sorgen, dass alle möglichst dauerhaft ausgelastet sind. Am besten so sehr, dass niemand mehr innehält, nachdenkt oder auch nur kurz die Frage stellt, ob die Richtung überhaupt noch stimmt.
Denn wer wie ein Hamster im Rad rotiert, wird nicht darüber nachdenken, was er oder sie anders machen kann. Genau darin liegt die Eleganz dieses Lehrsatzes. Bewegung ersetzt Reflexion. Abarbeiten ersetzt Verstehen. Reaktion ersetzt Gestaltung.
Für Reflexion und das Erarbeiten echter Problemlösungen braucht es Freiraum. Und genau dieser Freiraum darf natürlich nicht entstehen, wenn die Vermehrung von Verschwendung das oberste Ziel ist. Wer ständig im reaktiven Modus unterwegs ist, kommt schließlich nicht auf die Idee, stromaufwärts nach der Quelle der Probleme zu suchen.
Und da alle gut beschäftigt sind, kann auch niemand behaupten, es würde nichts passieren. Im Gegenteil: Es passiert ständig etwas. Nur eben nichts, was wirklich weiterhilft. Aber das lässt sich hervorragend kaschieren, denn wir haben ja keine Zeit, weil wir so fleißig sind. Und genau so tarnt sich Selbstsabotage am liebsten: als Einsatzbereitschaft.
Fazit: Selbstsabotage mit System
Jetzt, da wir wissen, wie sich unnötige, nicht wertschöpfende Arbeit in Organisationen zuverlässig steigern lässt, heißt es: Ärmel hochkrempeln und die Lehren von Meister Konfus weiter mit Leben füllen.
Denn die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos. Man kann Geschäftigkeit erzeugen, ohne Wirkung zu erzielen. Man kann Verantwortung so organisieren, dass sie nirgends mehr auffindbar ist. Man kann Entscheidungen möglichst weit entfernt von der Realität treffen, Transparenz durch Gerüchte ersetzen, Werkzeuge wichtiger nehmen als Ergebnisse und Menschen so dauerhaft beschäftigen, dass für Nachdenken, Verbesserung und Ursachenarbeit garantiert keine Zeit mehr bleibt.
So entsteht eine Organisation, die nach außen hochaktiv wirkt, innen aber vor allem eines perfektioniert: die Kunst, sich selbst im Weg zu stehen. Alle sind beschäftigt, vieles ist geregelt, zahlreiche Methoden sind im Einsatz, Entscheidungen werden getroffen und trotzdem bleibt der eigentliche Fortschritt erstaunlich überschaubar. Ein Meisterstück der Konfusion.
Natürlich wäre es auch möglich, die Dinge anders zu betrachten. Man könnte fragen, welche Arbeit tatsächlich Wert schafft. Man könnte Verantwortung klären, Entscheidungen näher an die Realität rücken, Transparenz herstellen, Werkzeuge als Mittel zum Zweck behandeln und Freiräume schaffen, in denen Menschen über bessere Lösungen nachdenken können.
Aber Vorsicht: Genau dort beginnt die Gefahr. Denn wer solche Fragen stellt, könnte am Ende Verschwendung reduzieren, Zusammenarbeit verbessern und Organisationen wirksamer machen. Für die Anhängerinnen und Anhänger von Meister Konfus wäre das ein schwerer Schlag.
Bis dahin bleibt noch viel zu tun. Und das ist erst der Anfang. Schließlich gibt es noch viele weitere inspirierende Lehrsätze des Meisterstrategen zu entdecken. Die Kunst der organisatorischen Selbstsabotage ist reich an Tradition und ihre Zukunft scheint, wenn man sich in vielen Organisationen umsieht, bestens gesichert.
Hinweise:
Thomas Michl veröffentlicht in seinem Gedankenblog regelmäßig neueste Erkenntnisse von Meister Konfus. Definitiv ein Besuch wert!
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Thomas Michl hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u. a.

Thomas Michl
Thomas Michl ist Dipl.-Verw.Wiss. und MBA. Zehn Jahre lang war er im öffentlichen Dienst tägig, bevor er 2018 für borisgloger consulting GmbH und im Anschluss für die Exxeta AG arbeitete. Heute ist der leidenschaftliche Agilist für die FourEnergy GmbH als Senior Business Consultant aktiv.
Thomas Michl zählt zu den Gründungsmitgliedern des Forums Agile Verwaltung und ist Vorstandsmitglied des Trägervereins. Das Forum Agile Verwaltung wird ehrenamtlich getragen und hat sich zum Ziel gesetzt, die Idee des Agilen Manifests in die öffentliche Verwaltung zu tragen, in dem es eine Plattform für den Austausch und die kollegiale Beratung bietet.
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