Effectuation beim Thema Nachhaltigkeit

Gastbeitrag von | 13.06.2022

Hat die Denk- und Entscheidungslogik Effectuation, die auf der wissenschaftlichen Erforschung der Handlungsweisen erfolgreicher Mehrfachgründer:innen beruht, auch Antworten beim Thema Nachhaltigkeit und auf die Herausforderungen durch die Klimakrise? Eine Frage, die meine Mitstreiter und mich schon seit längerem beschäftigt.

Konkrete, unmittelbare Antworten liefert Effectuation nicht, aber es bietet eine Haltung und Verhaltensweisen, die es erleichtern, bei komplexen Herausforderungen ins Handeln zu kommen. Sie macht ein Angebot, wie aus der Ohnmacht in die Handlung gewechselt werden kann. Psycholog:innen bezeichnen dies auch gerne als den Wechsel von der Lageorientierung in die Handlungsorientierung. In der Lageorientierung kreisen die Gedanken einer Person um die aktuelle Lage, statt Lösungsmöglichkeiten in den Blick zu nehmen. Währenddessen sind Menschen mit einer Handlungsorientierung aktionsfähig und richten ihre Aufmerksamkeit darauf, wesentliche Aufgaben in Angriff zu nehmen. Dieser dringend notwendige Shift gerade beim Thema Nachhaltigkeit wird unter anderem durch den im Effectuation üblichen Fokus auf die jetzt im Moment zur Verfügung stehenden Mittel geschärft.

Verfügbare Mittel nutzen

Werfen wir beim Thema Nachhaltigkeit und Klimakrise einen Blick auf die Entwicklungsgeschichte von Fridays for Future und insbesondere auf Greta Thunberg, dann können wir rückblickend sagen: hier wurde effectuiert. Die Schülerin aus Schweden ist das Gesicht der Fridays for Future Bewegung und beschäftigt sich seit ihrer Kindheit mit dem Klimawandel. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Mit ihrem Schild mit der Aufschrift „Schulstreik für das Klima“ setzte sie sich vor das schwedische Parlament, anstelle die Schule zu besuchen. Dort streikte sie anfangs täglich, nachher immer freitags.

Statt eine Haltung einzunehmen, die von Einflusslosigkeit gegenüber dem Thema Klimakrise geprägt ist, nutzte Greta Thunberg die ihr verfügbaren Mittel und handelte: Sie verzichtete auf die Schule, setzte ihre Priorität auf den Klimaaktivismus und begann ihre Zeit dafür zu nutzen, ein Zeichen zu setzen. Greats Beispiel zeigt, dass bereits eine Stimme viel Einfluss haben und auch andere für ein Thema gewinnen und zum Handeln animieren kann.

Die Prinzipien von Effectuation

Professorin Saras D. Sarasvathy hat 2001 als zentrales Ergebnis ihrer Forschungsarbeit mit erfolgreichen Mehrfachgünder:innen vier Prinzipien und ein übergeordnetes Meta-Prinzip abgeleitet. Diese Prinzipien werden auch in dem t2informatik Blogbeitrag von Heiko Bartlog Das Prinzip Effectuation erläutert. Um dies kurz zu verdeutlichen:

  1. Grundsätzlich wird sich im Zuge von Effectuation an den aktuell verfügbaren Mitteln (wie im Beispiel mit Greta Thunberg gesehen) orientiert, aus denen erst im Folgenden Ziele entwickelt werden.
  2. Da uns bewusst ist, dass nicht alles kontrollierbar ist, werden Zufälle als Chance gesehen, aus denen ein Nutzen gezogen werden kann.
  3. Weiterhin wird so gehandelt, dass nur ein verkraftbarer potenzieller Verlust in Kauf genommen wird.
  4. Partnerschaften bieten hierbei eine gute Möglichkeit, die zur Verfügung stehenden Mittel zu vergrößern und die möglichen Verluste zu verringern.

Was bedeuten diese Prinzipien im Zusammenspiel mit Nachhaltigkeit? Das Metaprinzip „die Zukunft ist gestaltbar“ ist per se schon ein Gegenspieler zur Ohnmacht und zur Grundhaltung „hat alles keinen Sinn / bewirkt eh nichts“. Dies ist zum einen verknüpft mit dem im Effectuation angewandten Fokus auf den Handlungsimpuls der Einzelnen, zum anderen verknüpft mit dem Grundgedanken, statt eines großen Tankers, der das gesamte Problem und Thema lösen soll, lieber viele kleine Schnellboote loszuschicken. Hier verbirgt sich ganz stark der Gedanke der Ermächtigung der/des Einzelnen und der Blick auf das Mutmachende. Gleichzeitig beinhaltet dies auch den Abschied von der Beweisführung, dass das eigene Vorhaben die beste, die einzig wahre und richtige Lösung ist. Stattdessen geht es um sinnvolle nächste Schritte mit Blick und Fokus auf die im Moment eigenen zur Verfügung stehenden Mittel. Somit wird es möglich, von der Ohnmacht zum Wollen und vom Wollen zum Machen zu kommen.

Return on Good Luck, Kooperation und Nachhaltigkeit

Das Prinzip „Return on Good Luck“ ist insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeit überaus aussichtsreich. Zufallserfindungen haben unseren Fortschritt bereits oft beschleunigt, sei es die Erfindung von Penicillin oder der Mikrowelle. Neuerdings fand sich eine vielversprechende Lösung für unsere hohe Nachfrage und unseren hohen Verbrauch von Energie, von der auf Freethink¹  berichtet wird: Die momentan üblichen Lithium-Ionen-Akkus sind umweltschädlich, groß, schwer und halten nicht lange. Eine Alternative dazu stellen Lithium-Schwefel-Akkus dar, deren Anzahl von Ladungen jedoch noch begrenzter ist. Auf der Suche nach einer Option, die Anzahl der Aufladungen zu erhöhen, kam es zu einer unfassbaren Zufallsentdeckung: eine Möglichkeit den Zerfall des Akkus zu stoppen und ihn damit erheblich langlebiger zu gestalten. Daraus würde sich eine Vielzahl an Nutzungsmöglichkeiten, wie beispielsweise in Flugzeugen und Passagierschiffen, ergeben. Dieser glückliche, zufällige Fund bietet somit eine riesige Chance für eine umweltfreundlichere Zukunft.

Darüber hinaus sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass sich das Prinzip Kooperation, also der Blick auf Partnerschaften, auch gerade bei dem Thema Nachhaltigkeit besonders anbietet, da es sich hier um ein Querschnittsthema handelt. Herausforderungen rund um Nachhaltigkeit sind hoch komplex, deshalb braucht es Haltungen, die Vernetzung und Ausprobieren unterstützen. Partnerschaften ermöglichen es, weitere Mittel und Vorstellungen zu entwickeln sowie gemeinsam die Ungewissheit zu reduzieren. So werden „Partnerschaften zur Zielerreichung“ auch in den Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen² aufgeführt.

Nachhaltige Schnellboote

Ein Beispiel der Anwendung von Effectuation beim Thema Nachhaltigkeit war ein digitaler Marktplatz der Macher:innen, bei dem im Jahr 2020 mit gut 30 Teilnehmenden 24 Schnellboote zum Thema Nachhaltigkeit entstanden sind.

Dabei entstanden zum Beispiel Ideen wie eine Nachhaltigkeitswerkstatt oder Gedanken zu nachhaltig produzierter Mode. Das Nutzen und geschickte Kombinieren vorhandener Mittel sowie die Kooperation auf Augenhöhe stand ebenfalls Pate bei dem Verein Citizens Forests³ unseres Kollegen Carsten Holtmann, der bis heute 15.000 Bäume gepflanzt hat. Citizens Forest e.V., dessen Vision eine Aufforstung gegen den Klimawandel beschreibt, wurde 2019 in Bönningstedt gegründet. Besonders die Aufforstung leistet einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit, da das Kohlendioxid vermindert werden kann und durch den neuen Lebensraum die Artenvielfalt bestehen bleibt. Der Verein bietet den Netzwerkpartnern kostenlose Unterstützung, mit der Idee, dass die Bürger:innen selbst Initiative für die Aufforstung zeigen und eigenständig aufforsten. Statt darauf zu warten, bis politische Maßnahmen etabliert werden, regt Citizens Forest dazu an, gemeinschaftlich zusammenzuarbeiten und gegen den Klimawandel anzukämpfen.

Hinweise zum Schluss

Abschließend noch der Hinweis, dass gerade bei solch ernsten und bedrohlichen Themen wie Nachhaltigkeit und Klimakrise jede Gelegenheit und Option genutzt und jede mögliche, wenn auch kleine, Maßnahme ergriffen werden sollte. Wichtig ist dabei, die Herausforderungen in Angriff zu nehmen und gemeinsam ins Handeln zu kommen. Und dabei ist der aktive Blick auf das Prinzip „Return on Good Luck“, also den Zufall als Chance zu nutzen, wesentlich.  

Hinweise:

Interessieren Sie sich für weitere Informationen von Rainer Oberkötter, dann empfehlen wir Ihnen gerne die Infotheke auf seiner Website. Definitiv einen Besuch wert!

[1] Freethink: An accidental discovery could change the world
[2] 17 UN-Nachhaltigkeitsziele
[3] Citizens Forests e.V.

Rainer Oberkötter
Rainer Oberkötter

Rainer Oberkötter ist seit gut 20 Jahren als Organisationsentwickler tätig. Mit dem Beratungsunternehmen Wolf&Oberkötter Personal- und Organisationsentwicklung und dem Institut für Wirksamkeitsanalyse deckt er ein breites Wirkspektrum vom Coaching, der Prozessberatung bis hin zur Evaluation ab. Seit 2018 ist er Effectuation Expert.