Coding Agents – Eine neue Ära in der Softwareentwicklung

Gastbeitrag von | 09.03.2026

Ein Entwickler sitzt vor einem schwierigen Problem. Anstatt im Internet nach ähnlichen Problemen zu recherchieren, um auf der Basis eine Lösung zu erarbeiten, fragt er seinen Coding Agent und dieser macht sich an die Arbeit. Der Entwickler steht auf und holt sich in Ruhe einen Kaffee aus der Küche. Als er an seinen Arbeitsplatz zurückkommt, ist das Problem gelöst.

Das ist keine Science Fiction, Anfang 2026 ist das bereits häufig Realität. Können wir da noch von Programmieren sprechen?

Der Weg zum autonomen Coding Agent

Noch vor wenigen Jahren war Auto-Completion ein großer Fortschritt. Bei jeder Codezeile bekam der Nutzer Vorschläge, wie diese und die nächsten Zeilen aussehen könnten. Später konnte man sich mit Inline-Completion den Code mehrerer Zeilen überarbeiten lassen. Heutige Coding-Agenten-Systeme können die gesamte Codebasis verstehen und überarbeiten.

Evolution der Coding Agents

Abbildung 1: Evolution der Coding Agents

Coding Agents sind KI-Systeme, die eigenständig Code schreiben, debuggen, und umschreiben (refactoren) können. Sie können nicht nur einzelne Zeilen schreiben, sondern ganze Features implementieren. Dafür nutzen sie den Zugriff auf die gesamte Codebasis und nicht nur den aktuellen Cursor-Kontext.

Spezialisierte Systeme richten sich an verschiedene Nutzer

Bei Coding Agents lassen sich verschiedene Systemen unterscheiden. Einige richten sich explizit an Nicht-Programmierer und lassen sich rein über den Browser bedienen. Bei Replit [1] oder Lovable [2] beispielsweise können Sie Programme über reines Prompting erstellen.

Ähnlich funktionieren Junie [3] oder Jules [4]. In beiden Fällen können Sie ein GitHub-Repository integrieren und die Systeme erstellen Programmcode direkt im Repository.

An klassische Programmierer richten sich Agenten, die direkt in die integrierte Programmieroberfläche eingebettet sind (wie zum Beispiel Cursor [5] , Google’s Antigravity [6], oder Windsurf [7]). Sie müssen sich aber nicht an bestimmte Programmieroberflächen binden, sondern können Claude Code [8], Gemini CLI [9] oder OpenAI Codex [10] über die Kommandozeile ausführen.

Woher kommt diese Entwicklung und wird Programmieren überflüssig?

Diese Entwicklung ist natürlich eng verbunden mit dem Durchbruch großer Sprachmodelle wie Claude Open 4.5, OpenAI GPT-5, oder Google’s Gemini 3. Diese Systeme haben einen sprunghaften Anstieg im Verständnis und der Generierung von Code gezeigt und können mittlerweile von jedem genutzt werden.

Für Entwickler heißt das, dass mit dem sogenannten „Vibe Coding“ ein Paradigmenwechsel stattfindet. Weg vom Schreiben einzelner Codezeilen und stattdessen hin zum Orchestrieren von Code in dessen Einbettung in ein Gesamtsystem. Klassische Programmierer sollten immer noch die Syntax kennen und den Code in der Gänze verstehen und prüfen, anstatt ihn ungesehen zu übernehmen.

Der Trend aber geht hin zum Architekten, der das Gesamtsystem im Blick hat. Programme werden durch natürliche Sprache anstatt nur durch Programmiersprache gebaut. Es findet ein Demokratisierungsprozess statt, da nicht nur eine kleine Tech-Elite in der Lage ist Code zu schreiben, sondern auch Nicht-Entwickler.

Wo stehen wir derzeit und was ist in der Zukunft zu erwarten?

Aktuell nutzt bereits die Mehrheit der Programmierer KI-Coding-Tools, aber nur knapp die Hälfte aller Entwickler nutzen vollwertige Coding Agenten.
„Vibe Coder“, die komplette Applikationen auf Basis von Prompting erstellen, sorgen bei Anbietern wie Vercel [11]oder Netlify [12], welche solche Applikationen Nutzern über das Internet zur Verfügung stellen, für sprunghafte Zuwächse.

Daraus sollte man aber nicht schließen, dass Agentic Coding nur ein Thema für Anfänger ist. Bereits im April 2025 berichtete Satya Nadella, dass KI 30% des Codes bei Microsoft erzeugt. Ähnliches wird von Salesforce berichtet. Boris Cherny, einer der Entwickler hinter Claude Code, berichtet, dass innerhalb der letzten 30 Tage 100% seiner Code-Beiträge von Claude geschrieben wurden. [13]

Für klassische Entwickler heißt das, dass neue Fähigkeiten erlernt werden müssen. Prompt Engineering und der sichere Umgang mit Coding Agents sind essentielle Fähigkeiten, die definitiv beherrscht werden müssen.

Und wie sieht es mit den Programmierfähigkeiten von Coding Agents im Vergleich mit Entwicklern aus?

  • Solange sie nur Code-Schnipsel bereitstellen konnten, boten Coding Agents nur kleine Zeitersparnisse, stellten aber noch keine ernsthafte Bedrohung für Entwickler dar.
  • In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Möglichkeiten jedoch schon so stark verbessert, dass die meisten Junior-Entwickler nicht mehr mithalten können und ihre Chancen auf einen Job-Einstieg deutlich sinken.
  • Und nun, Anfang 2026, haben sich die Systeme so stark weiterentwickelt, dass oft auch Senior-Entwickler übertroffen werden. Und es ist nicht damit zu rechnen, dass Coding Agents in ihrer Entwicklung stehenbleiben.

Die folgende Grafik spiegelt diese Wahrnehmung wider:

Programmierfähigkeit von Entwicklern und Coding Agents

Abbildung 2: Programmierfähigkeit von Entwicklern und Coding Agents

Die Landschaft der Coding Agents

Wenn Sie einen Blick auf die Landschaft der Coding Agents werfen, erkennen Sie drei verschiedene Architektur-Paradigmen, die jeweils unterschiedliche Use Cases adressieren und verschiedene Trade-offs zwischen Kontrolle, Komplexität und Autonomie bieten:

Verschiedene Agentic Coding Ansätze

Abbildung 3: Verschiedene Agentic Coding Ansätze

Der klassische Ansatz bleibt der direkte Dialog zwischen Entwickler und einem einzelnen Coding Agent. Hierfür können Tools wie GitHub Copilot, Cursor oder auch Claude Code verwendet werden. Der Entwickler gibt einen Prompt ein, woraufhin der Agent Code generiert, welchen dann wiederum der Entwickler reviewt und akzeptiert oder verwirft.

Diese Architektur dominiert bei der täglichen Nutzung, weil sie einfach, transparent und relativ deterministisch ist. Der Entwickler behält die volle Kontrolle, kann jeden Schritt nachvollziehen und entscheidet dann selbst über die Integration. Der Nachteil bei dem Ansatz ist, dass es bei komplexen Aufgaben schnell repetitiv wird, d.h. der Entwickler muss den Agenten durch jeden Teilschritt führen. Bei dem Ansatz fühlt es sich an, als würde der (Senior)-Entwickler den Junior-Entwickler (Coding Agent) unter enger Aufsicht führen.

Die nächste Generation nutzt spezialisierte Sub-Agents, die parallel oder sequentiell verschiedene Teilaufgaben übernehmen. Hier orchestriert der Nutzer nicht mehr den einen Allzweck-Coding-Agent, sondern dirigiert eine Gruppe von Experten. Zum Beispiel kann ein Sub-Agent sich auf die Backend-Logik, ein anderer auf die Frontend-Logik konzentrieren. Der Vorteil liegt in der Spezialisierung. Jeder Sub-Agent nutzt seinen eigenen Kontext für seinen Bereich, was die Code-Qualität erhöht.

Der neueste Ansatz sind Multi-Agent-Teams mit hierarchischer Struktur. Der Entwickler interagiert mit dem Teamlead-Agenten, der die Anforderungen in Teilaufgaben zerlegt und nun an spezialisierte Sub-Agents delegiert. Diese können auch untereinander kommunizieren, sich gegenseitig ihre Ergebnisse reviewen.

Diese Architektur verspricht maximale Produktivität. Der Entwickler orchestriert nicht mehr Code, sondern allgemeinere Anforderungen. Der Ansatz ist aber nicht ohne Risiko, denn zum Gesamtbild gehört auch, dass KI-generierter Code häufig Sicherheitslücken enthält. [14] An einer Überprüfung des durch KI generierten Codes führt also kein Weg vorbei.

In der Realität kommen häufig hybride Ansätze zum Einsatz, wobei einfache Coding Agents für Routine Aufgaben, Sub-Agents für die strukturierte Einzel-Entwicklung von Features, und Agent Teams für die gleichzeitige Entwicklung mehrerer Features eingesetzt werden.

Fazit

Coding Agents sind im Mainstream angekommen, stellen aber kein Allheilmittel dar. Sie können in kurzer Zeit viel Code erzeugen, aber dabei unbemerkt Sicherheitslücken einbauen, Randfälle übersehen oder bestehende Architekturprinzipien unterlaufen. Hier sind klare Qualitätsmechanismen gefordert. Wer Coding Agents nutzt, muss sie wie einen sehr schnellen, aber nicht fehlerfreien Kollegen behandeln: Ergebnisse kritisch prüfen, Annahmen hinterfragen und Änderungen nachvollziehbar halten.

Wer das beherzigt, gewinnt mehr als nur Geschwindigkeit. Coding Agents schaffen Freiraum für die wirklich wertvollen Aufgaben und damit verschiebt sich die Rolle von Entwicklern: Weniger Tipparbeit, mehr Orchestrierung sowie mehr Verantwortung für Qualität und Wirkung.

Jedem Entwickler, der noch keine Erfahrungen mit solchen Systemen gewonnen hat, kann ich nur ans Herz legen, sich damit zu befassen. Denn genau wie für KI gilt auch hier: Sie sind gekommen, um zu bleiben und den Bereich grundlegend zu verändern. Wer früh lernt, sie sinnvoll einzuhegen und sicher einzusetzen, wird nicht nur produktiver, sondern bleibt auch anschlussfähig in einer Softwarewelt, in der „Programmieren“ immer stärker bedeutet, Ergebnisse zu steuern statt nur Code zu schreiben.

 

Hinweise:

Wollen Sie sich mit Bert Gollnick über die Zukunft mit Code Agents austauschen, dann schreiben Sie ihm einfach auf LinkedIn. Und falls Sie sich für seine KI-Trainings interessieren, dann lohnt sich ein Blick auf seine Website.

[1] Replit
[2] Lovable
[3] Junie
[4] Jules
[5] Cursor
[6] Antigravity
[7] Windsurf
[8] Claude Code
[9] Gemeni CLI
[10] OpenAI Codex
[11] Vercel
[12] Netlify
[13] Fortune: Top engineers at Anthropic, OpenAI say AI now writes 100% of their code – with big implications for the future of software development jobs
[14] Zum Gesamtbild gehört auch, dass es inzwischen verschiedene Studien gibt, die einen Rückgang der Effizienz nahelegen.

Wollen Sie als Multiplikatorin oder Meinungsführer über Code Agents diskutieren? Dann teilen Sie diesen Beitrag in Ihren Netzwerken.

Hier finden Sie weitere Inhalte von Bert Gollnick im t2informatik Blog:

t2informatik Blog: Oh, Bücher mit Wirkung

Oh, Bücher mit Wirkung

Bert Gollnick
Bert Gollnick

Bert Gollnick hat Luftfahrttechnik und Wirtschaftswissenschaften studiert und begann nach seinem Abschluss als Aerodynamikingenieur bei einem Hersteller von Windkraftanlagen zu arbeiten. Später war er als Analyst für standortspezifisches Windkraftanlagenverhalten tätig und verlagerte schrittweise seinen Schwerpunkt in Richtung Datenwissenschaft, maschinelles Lernen und Digitalisierung.

Heute ist er als Datenwissenschaftler mit umfassenden Fachkenntnissen im Bereich erneuerbare Energien, insbesondere Windenergie, aktiv.

Im t2informatik Blog veröffentlichen wir Beträge für Menschen in Organisationen. Für diese Menschen entwickeln und modernisieren wir Software. Pragmatisch. ✔️ Persönlich. ✔️ Professionell. ✔️ Ein Klick hier und Sie erfahren mehr.