Aktiv Loslassen

Gastbeitrag von | 05.01.2023

Warum sollten Sie Loslassen üben? In einer verwirrenden, unsicheren Zeit wie dieser tendieren wir eher dazu, uns an den wenigen noch stabilen und uns vertrauten Dingen festzuhalten…

Das Loslassen ist ein besonderer Ansatz, gerade für diese Zeit. Was wir festhalten, hält auch uns fest. Das können Gegenstände, Gewohnheiten, Alltags- und Arbeitsrituale sein, aber auch Gedanken und Gefühle. Wir wollen das Loslassen also nicht aus Selbstzweck üben, sondern für ein Leben, in dem Sie Ihre Zukunft nach Ihren Vorstellungen bestimmen können.

Dies ist der vierte Versuch, diesen Artikel mit einem tollen Beispiel oder einer passenden Metapher anzufangen. Die ersten drei Versuche haben mich die letzte Stunde gekostet. Doch ich habe sie rigoros gelöscht und die fast volle DIN A4 Seite komplett losgelassen.

Ich behaupte, dass ich ziemlich gut im Loslassen bin. Ich lasse Dinge und Themen, Arbeitgeber, Häuser und Ehepartner, sogar Länder und Nationalitäten los. Gleichzeitig weiß ich, warum das Loslassen für viele eine schwierige Aufgabe ist. Sollten Sie also ein bisschen wie ich sein, und Loslassen ist voll Ihr Ding, dann schreiben Sie mir gern oder schicken Sie mir ein Beispiel aus Ihrem Leben.

Sollten Sie dagegen gern mehr über dieses Thema erfahren wollen, samt Beispielen und Übungen, dann kommt hier jetzt ein kleines Potpourri aus der Arbeitserfahrung einer Organisationspsychologin.

Endlich Freitag?

Das Erste, was mir beim Start meines Arbeitslebens 1997 auffiel, war die immense Freude der Kollegen auf den Freitag. Montag war dagegen – und da stimmten alle zu – ein Tag, den man zu vermeiden versuchte. Leider ließ sich der Kalender nicht mit sich reden. Montag ist immer noch der Start der Arbeitswoche, Freitag für die meisten ist der letzte Arbeitstag der Woche, und auf den freuen sich immer noch sehr viele Arbeitnehmer.

Was wäre nun, wenn wir das umdrehen könnten? Was wäre nötig, damit die Welt in einem „Endlich Montag“-Modus lebt? Wenn der Abend des Sonntags nicht mit einem tiefen Seufzer beendet wird, weil etwas Schönes vorbei ist?

Eine kleine Revolution der Arbeitswelt wäre nötig, das höre ich sehr oft. Weniger arbeiten wollen wir, mehr leben. Weniger sinnlose Meetings und mehr sinnstiftende Aufgaben, die im Idealfall etwas mit unseren persönlichen Stärken zu tun haben.

Wer wäre dann für diese gewünschten Veränderungen verantwortlich? Ja, die Unternehmen, die Manager, die Führungsriege…

Sehr schnell lässt sich ableiten, warum das immer noch nicht passiert ist. Es fehlt irgendwas oder irgendjemand, und schon machen wir die Tür zu unserem Arbeitsgefängnis von innen zu und verriegeln sie. Seufz.

Das muss doch auch anders gehen, finden Sie nicht auch? Was, wenn für diese kleine Arbeitsrevolution auch unser eigener Beitrag von Bedeutung ist, vielleicht sogar von einer viel größeren Bedeutung?

Loslassen, Sie ahnen es schon, ist eine solche Möglichkeit. Lassen Sie uns anschauen, was wir – jeder von uns – loslassen kann.

Da wäre ganz zu Beginn unser Bild von dem, was Arbeit bedeutet: Kampf, Anstrengung, Leistung, Müssen. Lassen Sie uns dieses Verständnis von Arbeit loslassen!

Falls Sie jetzt verwundert die Augenbrauen nach oben ziehen, kann ich Ihnen hoch und heilig versichern: Das ist eine normale menschliche Reaktion, denn Loslassen ist schmerzhaft und wird vom Gehirn vermieden.

Alle unsere bis heute gewonnenen Überzeugungen darüber, was Arbeit ist und wie sie sein sollte, bilden nämlich in unserem präfrontalen Cortex¹ eine Art Denk-Autobahn. Diese Autobahn erlaubt es uns, schnell und sicher auf der breiten Fahrbahn zu sein – sprich, schnell im Denken und Entscheiden. Versuchen wir, eingefahrene und bekannte Denk-Autobahnen loszulassen, dann bilden sich erstmal „Baustellen“ auf der Autobahn, dadurch auch „Stau“ und großen Zeitverlust. Das Gehirn versucht also mit aller Kraft, die Autobahn dreispurig zu behalten und bloß nichts umbauen zu lassen.

Aber was, wenn das alte Denken gar nicht mehr hilfreich ist? Wir fahren zwar schnell und ohne Staus, aber in eine falsche Richtung?

Leider ist dies unserem Gehirn egal. Umbau vermeiden steht ganz oben. Das Denken und das Handeln soll mit möglichst wenig Aufwand passieren können. Die Richtung zu wechseln oder sogar neue Denk-Autobahnen zu bauen, ist auf keinen Fall erwünscht.

Und so behalten wir lieber etwas, was uns gar nicht guttut, anstatt es loszulassen. Das Sprichwort „Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück“ fasst das ziemlich gut zusammen. Lieber fährt unser Gehirn weiterhin mehrere hundert Kilometer in eine ungünstige Richtung, statt sich der Anstrengung vom Umbau hinzugeben. Das Loslassen der inneren Bilder und Überzeugungen ist keine leichte Aufgabe.

Einige Dinge zum Loslassen

Wie wäre es dann mit einer Aufgabe, die weniger gefährlich aussieht? Kleinere Baustelle oder bloß eine Standstreifen-Sperrung im gleichen Bild bleibend. Hier sind ein paar Vorschläge für Sie:

  1. Lassen Sie die E-Mails los. Natürlich nicht alle auf einmal. Aber seien wir mal ehrlich, mindestens 40 Prozent der E-Mails sind unnötig. Beschäftigungstherapie. Anstrengend. Mit sehr wenig Mehrwert.
  2. Lassen Sie die Meetings los. Einige Besprechungen lassen sich mit einer E-Mail ersetzen, andere mit einigen kurzen Telefonaten.
  3. Lassen Sie bewusst etwas los, was in den letzten Monaten unnötig wurde. Es kann ein Kleidungsstück sein, eine Gewohnheit, ein extra Löffel Zucker, ein unnötiger böser Blick oder ein Witz, über den niemand lacht. Betrachten Sie ein „weil es schon immer so gemacht wurde“ Thema kritisch und riskieren Sie es, eine sonst immer monatlich bereitgestellte Dokumentation nicht zur Verfügung zu stellen. Warten Sie, ob sich jemand meldet und danach fragt. Experimentieren Sie mit allen Bestandteilen des Arbeitslebens, die sich unrund anfühlen.

Ein gewohntes Verhalten loszulassen heißt, es erstmal bewusst NICHT tun. Und dann merken, was sich ungewohnt anfühlt oder das Unwohlsein verursacht. Und das ist der Moment, wo die Loslassen-Arbeit anfängt.

Das Paradoxe am Loslassen

Loslassen hört sich ja so an, als hätte man danach weniger von etwas. Also „Ich minus das, was ich losgelassen habe“. Doch das stimmt nicht. Zuerst bedeutet Loslassen, dass Sie mehr Aufwand und mehr Arbeit haben. Die Autobahnbaustelle und der Stau, Sie erinnern sich.

Etwas loszulassen hat viel mit Verlernen zu tun. Also alt gelerntes nicht mehr tun, plus etwas Neues lernen. Es ist fast doppelt so viel Aufwand wie das Lernen. Aber Sie schaffen das.

Suchen Sie sich einen Bereich, der möglichst sinnvoll erscheint. Oder ungefährlich, weil andere wenig betroffen sind. Oder dringend notwendig. Definieren Sie, was Sie üben wollen. Dann lassen Sie los. Stück für Stück. Schritt für Schritt. Tag für Tag.

Warum sich Loslassen lohnt

Wenn Sie loslassen, wachsen Sie. Sie verlassen Ihre Komfortzone. Sie üben das sogenannte Growth Mindset und sind Vorbild für andere Menschen. Und Sie bekommen einiges hinzu:

  • Sie gewinnen neue Erfahrungen, mit denen Sie ihr Selbstbild bereichern können.
  • Je nach Thema bekommen Sie mehr Zeit oder mehr Raum für etwas, was wichtiger ist.
  • Sie erhalten eine neue Kompetenz (bzw. neue Fähigkeit) und neues Wissen über sich selbst und Ihre Umwelt.
  • Vielleicht bekommen Sie auch ein neues Ansehen oder eine neue Beziehung bzw. eine neue Arbeitsstelle.

Und, was denken Sie nun über ein Leben, in dem Sie Ihre Zukunft nach Ihren Vorstellungen bestimmen können?

 

Hinweise:

Nadja Petranovskaja bietet einen 6-Wochen-Kurs „Stark von innen“ an. „Loslassen“ ist ein Teil davon. Den Kurs gibt es als Selbstcoaching-Buch oder als virtuellen Online-Kurs auf der sehr lesenswerten Website von Nadja.

Wenn Sie mit Nadja Petranovskaja in Kontakt treten oder ihr ein Beispiel aus Ihrem Leben schicken wollen, in dem Sie etwas losgelassen haben, dann bietet sich ihre Website an.

[1] Präfrontaler Cortex

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Nadja Petranovskaja
Nadja Petranovskaja

Nadja Petranovskaja ist als Organisationspsychologin unterwegs in eine bessere Welt, in der Arbeit Spaß macht. Für ihr Psychologie-Studium ist sie in ein fremdes Land gezogen. Inzwischen hat sie über 30 Jahre internationale Erfahrung als Beraterin, Projektmanagerin und Führungskraft gesammelt.

Nadja hat Flugzeuge gebaut, Banken umstrukturiert, Fernsehshows gedreht, Bücher geschrieben und (mittlerweile) Tausende von Führungskräften ausgebildet. Seit 2011 ist sie Unternehmerin und arbeitet mit aufgeweckten Organisationen zusammen, um das Neue mit dem Alten zu verbinden und Zukunftsszenarien zu entwickeln, die von Bedeutung sind.  

  • Leben ohne Spaß? Nein, danke!
  • Endlich Montag? Jede Woche!

Sie schreibt über die Zukunft der Arbeit und die unzähligen Möglichkeiten, die wir manchmal übersehen, weil wir so furchtbar beschäftigt sind. Damit gestaltet sie aktiv die Zukunft.

Sie hält praktische und inspirierende Vorträge und moderiert Sessions, die diese Möglichkeiten zum Leben erwecken. Für Coachings gibt es aktuell eine Warteliste.