Agilität als Buzzword? Ja, bitte!

Gastbeitrag von | 06.10.2022

Agilisten, Agile Coaches oder Scrum Master sind sicherlich kurz davor, Schnappatmung zu bekommen. Aus gutem Grund, schließlich ist der Aufschrei danach, Agilität nicht als Buzzword zu nutzen, ja selbst schon ein “Buzz Sentence”. Dennoch sollten sie Agilität als Buzzword benutzen. Warum und wann erfahren Sie hier.

Was ist eigentlich ein Buzzword?

Das wohl bekannteste Synonym für Buzzword ist das „Schlagwort“. Sinnbildlich können Sie sich vorstellen, wie wir einen Buzzer „schlagen“, um uns selbst das Wort zu erteilen. Klingt doch gar nicht mal so schlecht, erstmal auf sich aufmerksam zu machen und sich im gleichen Zuge Gehör zu verschaffen. Schließlich ist es höchste Zeit für Agilität. Wer das jetzt nicht erkennt, wird langfristig verlieren, oder? Nun ja, es stellt sich die Frage:

Wessen Aufmerksamkeit soll erbuzzert werden?

Und warum? Viele Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass da was ist: „Agilität“. Offensichtlich braucht man das heutzutage.

Doch wofür? Hier beginnt die Reise des Buzzwords, denn wer nicht weiß, wozu Agilität gebraucht wird und entsprechend die Vorzüge einer agilen Organisation nicht erkannt hat, wird Agilität erst gar nicht als etwas anderes als ein Buzzword nutzen können.

Das Resultat: Wenn der wirtschaftliche Nutzen nicht erkannt wird, werden auch die notwendigen, fundamentalen Veränderungen nicht als wichtig genug betrachtet.

Agiles Arbeiten ist nicht die reine Verwendung von Methoden, Rahmenwerken oder Praktiken, sondern richtig angewandt in erster Linie ein Seins-Zustand. Agil zu arbeiten, ohne es zu sein, ist, wie Loriot es sagen würde, „möglich, aber sinnlos“. In der Praxis ist agiles Arbeiten ohne agil zu sein nicht zielführend und erweist sich häufig als Problemherd.

Die Problematik bei Veränderungen

Wer möchte Veränderung?

Als bequemer Gen-Klops neigt der Mensch dazu, etwas sein zu wollen, es jedoch nicht zu werden. Veränderungen sind aufwändig und das kulturelle Sein zudem weitaus schwerer messbar als das sichtbare Erreichen von Zielen. Langfristig werden zwar auch die kulturellen Veränderungen sichtbarer, doch für den Zeitraum des Wandels kann es, je nach Aufstellung, eben sein, dass Ziele weniger sichtbar sind oder die Zahl der messbaren Misserfolge steigt.

Die Problematik zeigt sich hier vor allem in den eingefahrenen Denkweisen zur Messung von Ergebnissen. Um dem entgegenzuwirken, müssen die richtigen Fragen zur korrekten Messbarkeit gestellt werden und klar sein, was tatsächlich damit erreicht werden soll. Eben die Vision, das Ziel oder wie Simon Sinek sagt, das „Warum“. Entsprechende Fragestellungen zur Ermittlung des „Warum“ könnten wie folgt lauten:

Welche akuten Herausforderungen haben wir?

  • Sind es zu langsame Prozesse?
  • Unzufrieden Mitarbeitende?
  • Unzufriedene Kunden?
  • Zu hohe Kosten?
  • Fehlende Konkurrenzfähigkeit?

Woran liegt das?

  • Entspricht das Angebot nicht (mehr) der Vorstellung des Marktes?
  • Sind Mitarbeitende zu unmotiviert? Und, wenn ja: Warum?
  • Liegt es an dem bösen Fachkräftemangel?

Dabei natürlich immer wieder: Und warum?

Die Liste lässt sich bis ins Unermessliche weiterführen, dennoch hoffe ich, dass Sie zumindest schon mal einen ersten Eindruck notwendiger zu verändernder Gedankengänge bekommen können.

Agilität – das unattraktive Buzzword

Warum hat das Buzzword Agilität einen so schlechten Ruf? Es ist besonders dann negativ behaftet, wenn die praktische Anwendung und das Leben jener Agilität nicht oder nur mangelhaft vorhanden sind. Es scheint, als ginge es ausschließlich darum, dass Unternehmen sich das Wort zuschreiben, ohne es tatsächlich zu leben. Dies zeigt sich beispielsweise in Aussagen wie: „Wir sind agil, wir haben ein Kanban-Board.“

Methoden, Rahmenwerke und Praktiken eignen sich wunderbar als Werkzeuge und je nach Grad und Offenheit der Organisation auch als erster messbarer Ansatz. Allerdings macht die Verwendung eines Werkzeuges noch kein Unternehmen agil oder um es zu veranschaulichen: Ein gutes Messer macht noch keinen Sternekoch.

Leider zeigt sich das auch häufig bei diversen Schulungs- oder Beratungsanbietern, die erkennen, dass Agilität eine Kuh ist, die nicht nur gemolken, sondern bestenfalls komplett ausgeschlachtet werden soll. Bei altbekannten Rollen oder Vorgehensweisen das Wörtchen „agil“ hinzuzufügen, öffnet neben neuen Märkten auch den Geldbeutel potentieller Kunden.

Und ja, als Anbieter agiler Organisationsentwicklung und Unternehmensführung, nehme ich mich dort auch nicht ganz raus, doch schließt sich an dieser Stelle der Kreis.

Denn es bringt nichts mit der agilen Flagge durch die Gegend zu laufen und allem diesen Stempel aufdrücken zu wollen. Ganz im Gegenteil, teilweise wird aus dieser Flagge schnell mal eine „Red Flag“, die entsprechend eher als Warnung statt als Einladung angesehen wird. Das ist der Punkt, an dem die Bezeichnung „Buzzword“ unattraktiv wird. Diese Unattraktivität kollidiert dann auch mit der Notwendigkeit, die „agil sein“ aktueller denn je mit sich bringt.

Was also tun?

Der beste Zeitpunkt für Veränderungen

Sie wissen mittlerweile, dass sich die Problematik nicht im Wort, sondern in der (fehlenden) Anwendung zeigt.

Wie werden Agilität, die Vorteile, aber auch Herausforderungen, denn tatsächlich praktisch angewandt?

Erstmal ist wichtig zu verstehen, dass wir nicht allem einen Namen geben müssen. Mitarbeitende dürfen sich mit Erneuerungen nicht überfordert fühlen und auch Partner oder Kunden müssen nicht direkt abgeholt werden. Transparenz ist ein wichtiger Wert, welcher jedoch nicht bedeutet, dass automatisch alle Beteiligten die gleiche Sprache sprechen. Auch dann nicht, wenn identische Ziele erreicht werden wollen.

Insbesondere Mitarbeitende, die im operativen Geschäft tätig sind, fühlen sich von „fancy“ Bezeichnungen häufig eher abgeschreckt, statt abgeholt. Gründe dafür sind schlechte Erfahrungen, Angst oder weil sie von anderen Seiten mitbekommen haben, was Buzzwörter anrichten können. Insbesondere dann, wenn viel geredet, jedoch wenig für die Beteiligten mit ihren individuellen Zielen getan wird.

Der Wunsch nach Veränderung und vor allem Verbesserung schlummert in vielen Arbeitnehmenden. Und auch Kunden sagen sicher nicht nein, wenn Sie schnellere Rückmeldung und bessere Produkte erhalten. Dabei handelt es sich nicht um einen Modetrend, sondern um Ansprüche, die trotz steigender Intransparenz und Unvorhersehbarkeit weiterwachsen werden.

An dieser Stelle wird auch gerne auf das Akronym VUCA verwiesen, welches mittlerweile bereits durch BANI ersetzt wurde. Je nach eigener Betrachtungsweise oder Assoziationen findet man in der einen oder anderen Darstellung eine Zuordnung. Ich stelle Ihnen in folgender Grafik einmal Beides zur Verfügung und Sie können für sich entscheiden, welche Einordnung Sie zum jetzigen Zeitpunkt vornehmen. Beide Akronyme erhalten zudem einen eigenen Lösungsansatz, was aber an dieser Stelle zu weit vom ursprünglichen Thema abweichen würde.

VUCA und BANI

Es ist offensichtlich, dass vieles nicht so weitergehen kann wie bislang. Technologien und Innovationen sorgen für stetige Veränderungen, und zwar mit einer rasenden Geschwindigkeit, dass Erneuerungen von heute bereits am Tagesende veraltet sein können. Davor kann man die Augen verschließen, wird damit langfristig jedoch das Boot gegen eine Mauer steuern. Wer sich weigert, das eigene Unternehmen so umzustrukturieren, dass es auf diese Veränderungen reagieren kann, und den aktuellen sowie zukünftigen Anforderungen des Marktes gerecht wird, wird langfristig nicht überlebensfähig bleiben. Die aktuellen Zeiten, insbesondere die Präsenz des Fachkräftemangels sowie der Energiekrise, zeigen dies ganz deutlich.

Doch ist aufgrund dieser Umstände denn aktuell überhaupt der richtige Zeitpunkt für eine solche Veränderung? Ist es nicht schon zu spät oder sollten die Prioritäten anders gesetzt werden?

Der beste Zeitpunkt für eine agile Transformation ist bereits vorbei, doch wie hätte man es auch wissen sollen, ohne dass „Agilität“ gebuzzert wurde? Fehlende Präsenz führt zu fehlender Aufmerksamkeit, aber keine Sorge: Der zweitbeste Zeitpunkt für eine Veränderung ist immer jetzt. Jetzt, wo Ihre Aufmerksamkeit erbuzzert wurde und Sie zugleich verstanden haben, dass es nur mit der Verwendung des Wortes nicht getan ist.

Fazit

Irgendetwas wird immer erbuzzert. Derweil ist es sogar schon die „Postagilität“. Wir müssen nicht allem einen Namen geben. Fragen Sie sich stattdessen, was Sie erreichen möchten.

Leben Sie Veränderung, entwickeln Sie sich weiter, schaffen Sie neue Räume und benutzen Sie manchmal einen Buzzer, um sich Gehör zu verschaffen. Denn je nachdem, wen Sie erreichen wollen, ist es notwendig und genau richtig.

Die Definition von Agilität geht weit auseinander. Zum „bösen Buzzword“ wird es vor allem dann, wenn grundlegende Inhalte nicht verstanden werden.

Agilität als Buzzword? Ja, bitte! Wichtig ist dabei, dass das Verständnis gleich ist. Dass offen über Überschneidungen gesprochen wird:

  • Wie wird Agilität definiert?
  • Bin ich bereit, an der Basis zu arbeiten?
  • Wenn nicht, bin ich bereit mit Menschen zusammenzuarbeiten, die eine identische Definition von Agilität haben?
  • Oder ist es nicht sogar besser, mit jenen ins Gespräch zu gehen, die eine andere haben?
  • Was kann ich tun, um die eigene Definition von Agilität transparent zu kommunizieren?

Wir werden in der Definition des Wortes niemals eine 100-prozentige Übereinstimmung finden, umso wichtiger ist es, bereits bei der Nutzung des Wortes in einen offenen Dialog zu gehen.

Wenn es passt, wenn es dazu dient, Aufmerksamkeit zu kreieren, wenn es dazu dient, bessere Ergebnisse sowie einen Raum zur Kreation dieser Ergebnisse zu schaffen. Wenn wir damit etwas verändern können und voraussetzen, es auch zu tun. Ja, genau dann ist Agilität als Buzzword genau das, was wir brauchen.

Die Verwendung von Buzzwörtern werden wir nicht aufhalten. Zu verstehen, warum und wann Ihr Gegenüber sie benutzt, ist garantiert von Vorteil. Und wie Sie wissen, manchmal muss man eben einfach buzzern, um eine Veränderung anzustoßen.

 

Hinweise:

Interessieren Sie sich für konkrete Vorschläge, um agiles Denken und Handeln in Ihrem Unternehmen zu implementieren? Dann besuchen Sie die schöne Website von Vanessa Steffen unter https://truelutions.de/ und nehmen Sie Kontakt mit ihr auf.

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Vanessa Steffen
Vanessa Steffen

Vanessa Steffen gründete Truelutions mit der Absicht, zukunftsorientierte Unternehmen im Bereich agiler Organisationsentwicklung und Unternehmensführung zu unterstützen. Dabei bringt sie die Bedürfnisse von Arbeitnehmenden sowie Arbeitgebenden zusammen und stellt gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit sicher.