Die Maschine rechnet, der Mensch heilt
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Ein imaginäres Gespräch zwischen Peter Drucker und dem Mediziner Dr. Rashid über die Zukunft der Medizin und den wahren Wert der Effizienz
Dies ist der sechste Teil einer Serie mit fiktiven Gesprächen. Peter Drucker trifft darin bekannte Personen und Menschen wie Sie und mich. Menschen mit unterschiedlichen Rollen in Organisationen, die den technologischen Optimismus, die pragmatische Anwendung, die historische Warnung und die ökonomische Realität verkörpern. Heute unterhält er sich mit dem Mediziner Dr. Rashid.
Das Krankenhaus von Dr. Rashid gleicht einem Bienenstock. Menschen eilen hektisch über die langen Flure. Apparate piepen auf den Stationen. Pflegekräfte schieben Betten rasch durch die Gänge. Das Telefon klingelt ununterbrochen. Peter Drucker sitzt in einem kleinen Büro. Er blickt durch eine Glasscheibe direkt auf die Notaufnahme. Die Szene draußen ist laut und chaotisch. Dr. Rashid schließt die Tür. Die plötzliche Stille im Raum bildet einen starken Kontrast zur Hektik draußen. Der Arzt wirkt müde. Er setzt sich zu seinem Gast an den runden Tisch. Die beiden Männer beginnen ein Gespräch über die Zukunft der Medizin.
Bürokratie in der Medizin
Dr. Rashid: Willkommen in meinem Krankenhaus, Herr Drucker. Sie sehen das Chaos überall. Wir ertrinken in Arbeit. Die viele Bürokratie nimmt uns die Luft zum Atmen. Ich setze große Hoffnung auf künstliche Intelligenz. Meine Flure sind überfüllt. Die Wartezimmer platzen aus allen Nähten. Das Personal arbeitet am absoluten Limit. Wir haben einen extremen Mangel an qualifizierten Leuten und gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Dokumentation jeden Tag.
Peter Drucker: Ich freue mich über die Einladung, Dr. Rashid. Krankenhäuser sind faszinierende Orte. Ich habe viele Betreiber von Krankenhäusern in meiner Laufbahn beraten. Ein Krankenhaus ist eine sehr anspruchsvolle Organisation. Es gibt kaum eine schwerere Aufgabe in der Welt des Managements. Sie haben hoch spezialisierte Experten unter einem Dach, komplexe Abläufe und täglich mit Leben und Tod zu tun. Das ist eine gewaltige Verantwortung für alle Beteiligten.
Dr. Rashid: Die viele Arbeit erdrückt uns regelrecht. Meine jungen Ärzte verbringen unzählige Stunden vor Bildschirmen. Sie tippen endlose Berichte. Sie werten Daten aus, füllen Formulare für die Versicherungen aus und schreiben Berichte für die Behörden. Die eigentliche Arbeit am Patienten leidet massiv unter diesem Zustand.
Jetzt testen wir gerade eine neue Software zur Bilderkennung, die Krankheiten oft genauer diagnostiziert als junge Ärzte. Was meinen Sie: Sollen wir die Diagnose komplett an die Maschine abgeben? Sollen wir diesen Prozess vollständig automatisieren?
Zeit für Menschen gewinnen
Peter Drucker: Wir müssen hier sehr vorsichtig sein. Effizienz ist wichtig. Ohne Effizienz kann keine Organisation überleben. Aber wir müssen den Zweck der Effizienz kritisch hinterfragen. Warum wollen Sie die neuen Programme genau einsetzen? Geht es um das reine Senken der Kosten? Wollen die Eigentümer der Klinik mehr Profit machen? Sollen am Ende sogar Stellen gestrichen werden?
Dr. Rashid: Auf gar keinen Fall. Es geht mir einzig und allein um die Zeit. Wir wollen dringend Zeit für das menschliche Gespräch gewinnen.
Die Medizin ist im Kern ein Handwerk der Heilung. Das ausführliche Gespräch mit dem Patienten ist ein enorm wichtiger Teil davon. Wir müssen aufmerksam zuhören. Wir müssen trösten. Wir müssen Ängste nehmen und Behandlungswege gemeinsam besprechen. All das bleibt momentan völlig auf der Strecke.
Peter Drucker: Dann haben Sie das richtige Ziel vor Augen. Nur dieses hehre Ziel rechtfertigt den Einsatz der neuen Technik. Sie dürfen die Maschine nicht als reines Instrument zum Sparen sehen. Sie müssen die Maschine als Befreier der menschlichen Arbeit betrachten. Die Technik muss dem Menschen dienen. Sie darf ihn nicht ersetzen.
Medizin ist vor allem Beziehungsarbeit. Ein Programm kann große Mengen an Daten in Sekunden analysieren. Es kann komplexe Muster in Röntgenbildern erkennen oder Blutwerte extrem präzise auswerten. Aber eine Maschine kann niemals eine echte Beziehung zu einem Menschen aufbauen und auch kein Vertrauen spenden. Heilung braucht aber genau dieses tiefe Vertrauen.
Dr. Rashid: Die Geschäftsführung sieht das leider oft ganz anders. Dort zählen in erster Linie nackte Zahlen. Dort zählen kurze Liegezeiten der Patienten. Dort zählen eingesparte Stellen bei den Ärzten und Pflegekräften. Dort zählt die maximale Auslastung aller Betten. Wie kann ich mein medizinisches Personal vor diesem enormen Druck schützen? Die Zahlen diktieren unseren gesamten Alltag.
Peter Drucker: Sie müssen die durch Technik gewonnene Zeit eisern verteidigen. Nutzen Sie die künstliche Intelligenz als Ihr stärkstes Werkzeug. Lassen Sie die Computer die lästige Routine erledigen. Schreiben Sie ärztliche Briefe in Sekunden mit der Software. Werten Sie tausende Bilder mit den Algorithmen aus. Aber füllen Sie die gewonnene Zeit sofort wieder mit menschlicher Zuwendung. Schließen Sie die Lücke nicht mit noch mehr Patienten. Schließen Sie die Lücke mit Qualität. Das ist die eigentliche Aufgabe eines Arztes. Das ist Ihre wichtigste Verantwortung als Führungskraft in diesem Haus.
Falsche Logik der Verwaltung
Dr. Rashid: Das ist sehr schwer. Die neuen Programme kosten viel Geld. Der Druck zum Sparen ist extrem hoch. Die Budgets sind sehr knapp bemessen. Wenn ein Computer die Arbeit von drei Ärzten bei der Diagnose macht, will die Verwaltung sofort zwei Ärzte entlassen. Die Verwaltung rechnet in reiner Arbeitszeit. Sie rechnet nicht in Zuwendung, sie sieht nur die Kosten.
Peter Drucker: Das ist allerdings ein fataler Fehler im Denken der Verwaltung. Das Management in einem Krankenhaus ist völlig anders als in einer Fabrik. Im Krankenhaus produzieren Sie keine Autos am Fließband. Sie produzieren Gesundheit und heilen kranke Menschen. Das erfordert ein Höchstmaß an Empathie. Das erfordert menschliches Urteilsvermögen in komplexen und unklaren Situationen. Ein Auto braucht keine Zuwendung, ein kranker Mensch hingegen braucht sie dringend.
Sie können den sozialen Bereich nicht mit den Maßstäben der reinen Industrie steuern!
Dr. Rashid: Wie vermittle ich das der Verwaltung erfolgreich? Ich brauche sehr gute Argumente für die nächste Verhandlung. Ich muss die Sprache der Manager sprechen und den Wert der Zuwendung in deren System übersetzen. Wie mache ich das am besten?
Peter Drucker: Zeigen Sie die langfristigen Kosten auf und machen Sie die versteckten Verluste für die Klinik sichtbar.
Was passiert bei fehlender Zuwendung konkret? Patienten kommen häufiger krank zurück. Behandlungen schlagen fehl. Patienten verstehen die Therapie nicht und nehmen Medikamente falsch ein. Behandlungsfehler passieren viel häufiger. Ärzte brennen völlig aus. Pflegekräfte kündigen frustriert ihren Job. Der ständige Wechsel von Personal kostet die Klinik enorm viel Geld.
Eine Maschine heilt keine gebrochenen Seelen. Ein motivierter und präsenter Arzt tut das. Die Technik soll den Arzt entlasten, sie soll ihn nicht ersetzen.
Dr. Rashid: Wir müssen also die Rolle des Arztes grundlegend neu definieren. Der Arzt wird in Zukunft weniger Daten manuell sammeln. Die Maschine bereitet alles vor. Der Arzt wird viel mehr zum direkten Begleiter für den Patienten. Er wird zum Übersetzer der maschinellen Ergebnisse. Er ordnet die Fakten in das Leben des Patienten ein.
Peter Drucker: Genau das ist der springende Punkt. Die Maschine liefert Wahrscheinlichkeiten aufgrund riesiger Datenmengen. Sie liefert reine Fakten. Die endgültige Entscheidung trifft jedoch immer der Arzt gemeinsam mit dem Patienten. Das erfordert exzellente Kommunikation. Das erfordert sehr viel Zeit und großes Einfühlungsvermögen. Nutzen Sie die Technik für das schnelle Berechnen und den Menschen für das tiefe Verstehen.
Kulturwandel braucht starke Führung
Dr. Rashid: Das erfordert einen enorm großen Kulturwandel in unserer Klinik. Wir alle müssen lernen, die Technik richtig einzusetzen. Wir dürfen uns niemals von den Systemen beherrschen lassen. Wir müssen die Technik beherrschen und unsere eigenen menschlichen Stärken neu entdecken und wertschätzen.
Peter Drucker: Ein Kulturwandel beginnt immer ganz oben bei der Führung. Sie sind der Chefarzt dieser Klinik. Sie setzen den Standard für alle anderen Mitarbeiter. Machen Sie jeden Tag klar, was wirklich wertvoll ist. Messen Sie nicht nur die schlichte Anzahl der Operationen. Bewerten Sie auch die Qualität der Betreuung. Fragen Sie die Patienten regelmäßig nach ihrem Empfinden. Konzentrieren Sie sich auf die Stärken der Menschen.
Der Mensch hat ein Herz und einen Verstand. Die Maschine hat Prozessoren und Algorithmen. Setzen Sie beides an der genau richtigen Stelle ein. Dann wird Ihr Krankenhaus dauerhaft erfolgreich sein.
Dr. Rashid: Ich werde diese klaren Gedanken in die nächste Sitzung der Geschäftsführung mitnehmen. Wir müssen den Wert der ärztlichen Zuwendung sehr deutlich machen. Wir müssen zeigen, dass gute Medizin viel mehr ist als eine schnelle Diagnose durch einen schlauen Computer. Wir kämpfen für die Menschlichkeit in der Medizin.
Peter Drucker: Das ist Ihre allerwichtigste Aufgabe als Manager. Verlieren Sie nie den Menschen aus den Augen. Die Technik ist ein wunderbarer Diener für uns alle, aber sie ist ein sehr schlechter Herr. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für diesen anspruchsvollen Weg.
Dr. Rashid: Ich danke Ihnen für dieses klare und offene Gespräch. Es gibt mir viel Kraft für die anstehenden Veränderungen in unserem Haus.
Hinweise:
Dieses fiktive Gespräch baut auf den theoretischen Grundlagen auf, die Dierk Söllner im ersten Beitrag dieser Serie – Peter Drucker trifft KI – beschrieben hat. Dort geht es unter anderem um den wahren Wert von Wissensarbeit.
Dierk Söllner unterstützt Fach- und Führungskräfte bei aktuellen Herausforderungen durch professionelles Coaching und bietet nützliche Trainings zu KI an.
Peter Drucker liefert in seinem Buch Management: Tasks, Responsibilities, Practices interessante Einblicke als Berater für große und kleine Unternehmen, Behörden, Krankenhäuser und Schulen.
Die wichtigste Erkenntnis aus dem heutigen Gespräch lautet: Nutzen Sie die durch Technologie gewonnene Zeit für die wirklichen Stärken der Menschen. Stärken wie Empathie, Kommunikation oder die Begleitung in schwierigen Phasen der Veränderung. Führungskräfte sollten den Wert der menschlichen Zuwendung erkennen und schützen. Sie sollten die Sprache der reinen Zahlen durch die Sprache der menschlichen Qualitäten ergänzen, denn nur so bleiben Mitarbeiter motiviert und gesund, und Kunden fühlen sich gut aufgehoben. Es gilt die richtige Balance zwischen Maschinen und Menschen zu finden, und den Weg zu einer menschlichen und effizienten Organisation aufzuzeigen.
Im nächsten fiktiven Gespräch trifft Peter Drucker auf Satya Nadella, den CEO von Microsoft. In den letzten Jahren hat Nadella das Unternehmen Microsoft komplett umgebaut und eine Kultur des ständigen Lernens etabliert. Das Gespräch dreht sich um das Zusammenspiel von Empathie und Technologie in einem globalen Konzern, und die Aufgaben, die sich daraus für Führungskräfte ergeben.
Wollen Sie als Multiplikatorin oder Meinungsführer über die Zukunft der Medizin und den wahren Wert der Effizienz diskutieren? Dann teilen Sie diesen Beitrag in Ihrem Netzwerk.
Dierk Söllner hat weitere Beiträge mit Peter Drucker im t2informatik Blog veröffentlicht, u. a.:

Dierk Söllner
Die Vision von Dierk Söllner lautet: „Menschen und Teams stärken – empathisch und kompetent“. Als zertifizierter Business Coach (dvct e.V.) unterstützt er Teams sowie Fach- und Führungskräfte bei aktuellen Herausforderungen durch professionelles Coaching. Kombiniert mit seiner langjährigen und umfassenden fachlichen Expertise in IT-Methodenframeworks macht ihn das zu einem kompetenten und empathischen Begleiter bei Personal-, Team und Organisationsentwicklung. Er betreibt den Podcast „Business Akupunktur„, hat einen Lehrauftrag zu „Moderne Gestaltungsmöglichkeiten hoch performanter IT-Organisationen“ an der NORDAKADEMIE Hamburg und das Fachbuch „IT-Service Management mit FitSM“ publiziert.
Seine Kunden reichen vom DAX-Konzern über mittelständische Unternehmen bis zu kleineren IT-Dienstleistern. Er twittert gerne und veröffentlicht regelmäßig Fachbeiträge in Print- und Online-Medien. Gemeinsam mit anderen Experten hat er die Initiative „Value Stream“ gegründet.
Im t2informatik Blog veröffentlichen wir Beträge für Menschen in Organisationen. Für diese Menschen entwickeln und modernisieren wir Software. Pragmatisch. ✔️ Persönlich. ✔️ Professionell. ✔️ Ein Klick hier und Sie erfahren mehr.


