Groupthink

Wissen kompakt: Groupthink bezeichnet ein Phänomen, bei dem sich Menschen der angenommenen oder tatsächlichen Mehrheitsmeinung einer Gruppe anschließen, um einen Gruppenkonsens zu wahren.

Groupthink – das Streben nach Einmütigkeit in einer Gruppe

Groupthink ist ein Phänomen, das auftritt, wenn Mitglieder einer Gruppe irrationale oder voreilige Entscheidungen treffen, da sie gefühlt oder tatsächlich unter Druck stehen, sich dem Gruppenkonsens anzupassen, oder sie den Gruppenzusammenhalt aufrechterhalten wollen. Häufig führt dies zu einer schlechten Entscheidungsfindung und einem Mangel an kritischer Bewertung von Ideen.

Als Erfinder des Begriffs – der im Deutschen mit Gruppendenken übersetzt wird – gilt der Psychologe Irving Janis, der 1972 Groupthink als Denkmodus beschrieb, „den Personen verwenden, wenn das Streben nach Konsens in einer kohäsiven Gruppe derart dominant wird, dass es dahin tendiert, die realistische Abschätzung von Handlungsalternativen außer Kraft zu setzen“.1 Dieses Streben kann unbewusst oder bewusst erfolgen.

Akzeptanz - das Streben nach Einmütigkeit in einer Gruppe
Interessanterweise hatte William H. Whyte bereits 1952 in seinem Werk „The Organization Man“2 bereits die Entlassung eines hervorragenden Mitarbeiters mit folgenden Worten umschrieben: „Das Management war unzufrieden mit der Entscheidung, aber es führte an, dass harmonisches Gruppendenken oberstes Firmenziel war, und wenn man den hervorragenden Mitarbeiter befördert hätte, hätte das die ganze Kette der zwischenmenschlichen Beziehungen durcheinander gebracht. Was also, klagten sie, hätten sie tun sollen?“

Wieso tritt Groupthink auf?

Es gibt mehrere Gründe, warum Groupthink auftreten kann:

  • Hoher Gruppenzusammenhalt: Wenn die Gruppenmitglieder einander und den Zielen der Gruppe stark verpflichtet sind, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie sich dem Konsens der Gruppe anschließen.
  • Isolierung der Gruppe: Wenn die Gruppe von Meinungen und Informationen von außen abgeschottet ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Gruppenmitglieder alternative Perspektiven in Betracht ziehen, geringer.
  • Starke Führungskraft: Eine starke Führungspersönlichkeit kann die Gruppenmitglieder dazu bringen, sich den Meinungen und Entscheidungen der Führungspersönlichkeit anzuschließen.
  • Ähnlichkeit der Mitglieder: Wenn sich die Gruppenmitglieder in Bezug auf ihren Hintergrund, ihre Werte und ihre Erfahrungen ähneln, ist es wahrscheinlicher, dass sie einander zustimmen und weniger geneigt sind, die Entscheidungen der Gruppe zu hinterfragen.
  • Hoher Stress: Wenn eine Gruppe unter großem Stress steht, neigen die Mitglieder eher dazu, schnelle Entscheidungen zu treffen, ohne die Optionen vollständig abzuwägen.
  • Illusion der Unverwundbarkeit: Wenn eine Gruppe glaubt, sie sei unverwundbar gegenüber Misserfolgen, trifft sie eher riskante Entscheidungen, ohne die möglichen Folgen zu bedenken.
  • Druck zur Anpassung: Der Druck, sich der Gruppe anzupassen, kann sehr stark sein und dazu führen, dass der Einzelne seine eigenen Meinungen und Ideen ignoriert.

 

Was sind die Risiken des Gruppendenkens?

Zu den Risiken des Gruppendenkens gehören:

  • Schlechte Entscheidungsfindung: Gruppenmitglieder können irrationale oder voreilige Entscheidungen treffen, weil sie unter dem Druck stehen, sich dem Gruppenkonsens anzupassen, oder weil sie den Gruppenzusammenhalt aufrechterhalten wollen.
  • Mangel an kritischer Bewertung: Die Gruppenmitglieder bewerten Ideen und Alternativen möglicherweise nicht kritisch, was zu mangelnder Kreativität und potenziellen Misserfolgen führt.
  • Unfähigkeit, Probleme vorherzusehen: Da die Gruppenmitglieder möglicherweise zu sehr auf die Aufrechterhaltung des Gruppenzusammenhalts konzentriert sind, können sie mögliche Probleme oder negative Ergebnisse nicht vorhersehen.
  • Ausschluss von abweichenden Meinungen: Gruppenmitglieder können abweichende Ansichten und Perspektiven ausschließen, was zu einem Mangel an Ideenvielfalt und einer möglichen Blindheit gegenüber wichtigen Informationen führt.
  • Riskantes Verhalten: Die Gruppenmitglieder gehen möglicherweise mehr Risiken ein, ohne die möglichen Folgen vollständig abzuschätzen, was zu schädlichen Ergebnissen führt.
  • Ethische Verstöße: Gruppenmitglieder können sich unethisch verhalten, z. B. lügen oder betrügen, weil sie glauben, dass dies notwendig ist, um den Gruppenzusammenhalt zu wahren oder die Ziele der Gruppe zu erreichen.
  • Konflikte mit anderen Gruppen: Groupthink kann zu Konflikten und Missverständnissen mit anderen Gruppen oder Organisationen führen, die andere Ansichten oder Ziele haben.

Und zu guter Letzt kann Groupthink dazu führen, dass es den Gruppenmitgliedern an Kreativität, kritischem Denken und Motivation mangelt, was eine geringere Produktivität zur Folge hat.

Wie lässt sich Groupthink erkennen?

Es gibt mehrere Anzeichen dafür, dass Groupthink vorhanden ist:

  • Druck zur Anpassung: Die Gruppenmitglieder fühlen sich möglicherweise unter Druck gesetzt, sich dem Konsens der Gruppe anzupassen, und äußern keine abweichenden Ansichten.3
  • Illusion der Einstimmigkeit: Die Gruppenmitglieder glauben möglicherweise, dass alle in der Gruppe mit der Entscheidung einverstanden sind, auch wenn dies nicht der Fall ist.
  • Rationalisierung von Fehlentscheidungen: Gruppenmitglieder können schlechte Entscheidungen rationalisieren, indem sie Wege finden, sie zu rechtfertigen, anstatt sie kritisch zu bewerten.
  • Stereotypisierung von Außenseitern: Gruppenmitglieder können Außenseiter oder Personen, die mit den Entscheidungen der Gruppe nicht einverstanden sind, stereotypisieren oder dämonisieren.
  • Selbstzensur: Die Gruppenmitglieder zensieren möglicherweise ihre eigenen Gedanken und Meinungen, um sich dem Konsens der Gruppe anzupassen.
  • Mindguards: Gruppenmitglieder können sich selbst oder andere zu „Wächtern“ ernennen, um die Gruppe vor abweichenden Meinungen und Informationen zu schützen.
  • Unvollständige Prüfung von Alternativen: Die Gruppenmitglieder ziehen möglicherweise alternative Ideen oder Perspektiven nicht vollständig in Betracht.
  • Uneingeschränkte Akzeptanz der Ansichten der Führungskraft oder des Managements: Die Gruppenmitglieder akzeptieren möglicherweise die Ansichten der Führungskraft oder des Managements, ohne sie wirklich zu hinterfragen.

Es ist wichtig zu wissen, dass Groupthink in jeder Gruppe vorkommen kann, unabhängig von ihrer Größe, Art oder ihrem Zweck. Es handelt sich um eine kognitive Voreingenommenheit, die auf die Dynamik der Gruppe und nicht auf die Eigenschaften des Einzelnen zurückzuführen ist.

Maßnahmen zur Vermeidung von Groupthink

Es gibt mehrere Strategien, die zur Vermeidung von Groupthink eingesetzt werden können:

  • Abweichende Meinungen ermutigen: Organisationen sollten ein Klima schaffen, in dem sich die Gruppenmitglieder wohl fühlen, wenn sie abweichende Ansichten und Meinungen äußern.
  • Ernennen eines Advocatus Diaboli (Fürsprecher des Teufels): Organisationen können einen oder mehrere Gruppenmitglieder mit der Rolle des „Advokaten des Teufels“ beauftragen, um die Entscheidungen der Gruppe in Frage zu stellen und alternative Perspektiven zu prüfen.
  • Externe Meinungen einholen: Es kann Sinn ergeben, Experten oder Außenstehende einzuladen, um Eindrücke und Perspektiven zu den Entscheidungen der Gruppe zu liefern.
  • Rollierende Führung: Manche Organisationen machen gute Erfahrungen beim Wechsel von Führungsrollen innerhalb einer Gruppe, da sie so kontinuierlich sicherstellen, dass unterschiedliche Perspektiven gehört werden.
  • Pausen machen: Es empfiehlt sich, den Gruppenmitgliedern Zeit einzuräumen, um ihre individuellen Meinungen unabhängig zu überdenken und sich ggf. auch temporär vom Entscheidungsprozess zurückzuziehen.
  • Verwendung von formalen Entscheidungsfindungstechniken: Oftmals ist es auch sinnvoll, formale Techniken wie Mehrfachabstimmungen oder die Delphi-Methode zu verwenden, um Meinungen zu sammeln und qualifizierte Entscheidungen zu treffen.
  • Offenheit für Veränderungen: Organisation sollten bis zu einem gewissen Grad bereit sein, Entscheidungen zu überdenken, sofern neue Informationen oder Perspektiven verfügbar sind.

Grundsätzlich ist Gruppendenken eher subtil und daher oftmals schwer zu erkennen. Dies führt dazu, dass die Vermeidung von Groupthink aktive Bemühungen und die Bereitschaft erfordern, den Status quo in Frage zu stellen.4

Impuls zum Diskutieren:

Wie wichtig ist es, dass die Teilnehmer einer Diskussion wissen, dass es das Phänomen des Gruppendenkens gibt?

Hinweise:

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[1] Victims of Groupthink: A Psychological Study of Foreign-Policy Decisions and Fiascoes, Houghton Mifflin, Boston 1972
[2] The Organization Man
[3] Den Druck zur Anpassung untersuchte Salomon Asch 1951 mit einem Konformitätsexperiment, bei dem der Gruppenzwang die Gruppenmitglieder so stark beeinflusste, dass sie offensichtlich falsche Aussagen als richtig bewerteten. 1979 untersuchte Serge Moscovici, wie Minderheiten Einfluss auf Mehrheiten nehmen können, was folglich auch als Umkehrung des Asch-Experiments bezeichnet wurde.
[4] In manchen Publikationen wird empfohlen, das Mindset der Gruppenmitglieder zu verändern. Leider wird praktisch nie beschrieben, wie das funktionieren kann.

Und hier finden Sie ergänzende Informationen aus dem t2informatik Blog:

t2informatik Blog: Unconscious Bias - die Welt in unseren Köpfen

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t2informatik Blog: Die Macht des Unbewussten

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