Von Haptik und Medienkompetenz

Gastbeitrag von | 27.01.2022

Der Umgang mit Medien – eine Bestandsaufnahme

Die meisten unserer Entscheidungen treffen wir ganz intuitiv aus dem Bauch heraus. Wir verlassen uns dabei auf unsere Sinne und unsere Gefühle [langjährige Erfahrung plus unbewusstes Wissen?].

„Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt aber nicht weiß.“ Dieses Zitat stammt vom russischen Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski (1821-1881). Wissen ist also nicht immer zwingend abhängig vom Verstand. Im besten Falle mag eine Ergänzung der beiden Werkszeuge von Vorteil sein. Die Intuition ist dabei alles andere als zu unterschätzen. Dieser Instinkt, der uns ursprünglich vor Gefahren schützen sollte, hat bestimmt dazu beigetragen, dass sich der Homo Sapiens im Laufe der Zeit zu einem hochintelligenten Lebewesen entwickeln konnte. Besonders schlau sind wir deswegen noch lange nicht – wenn wir einmal betrachten, wie wir mit unserem Planeten und unseren Mitmenschen manchmal umgeben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Weshalb wir endlich wieder mehr (be)greifen müssen

Unsere Sinne sind wichtige Werkzeuge in unserem Alltag. Insbesondere Menschen, die auf einen dieser Sinne (zum Beispiel den Sehsinn) verzichten müssen, wissen das und haben dafür Alternativen entwickelt. Einer unserer Sinne ist der Tastsinn. Die Haptik hilft uns dabei, die Dinge und die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Besonders bei Kleinkindern ist dies gut zu beobachten. Möglichst alles wird in die Hand genommen und genauestens begutachtet. Der berühmte Griff auf die heiße Herdplatte ist auch eine Art des Begreifens, auf die man jedoch gerne verzichten kann. Hingegen ist die zärtliche Berührung durch die Mutterhand für das Kleinkind eine wunderbare und schöne Erfahrung, die Wärme und Geborgenheit verspricht.

Wenn wir jemanden fragen „Wann begreifst du das endlich?“, dann wollen wir wissen, wann die gefragte Person das verstanden hat, was wir versucht haben, ihr zu erklären. Weil wir eben über die Jahrtausende gelernt haben, dass wir vieles erst oder besser über das Anfassen verstehen können. Nun führt uns die digitale Welt immer weiter fort von haptischen Erlebnissen. Statt Bargeld aus dem Portemonnaie zu greifen, halten wir nur noch kurz die EC-Karte ans Bezahlgerät. Statt im Geschäft die Ware in die Hand zu nehmen und zu prüfen, bestellen wir immer häufiger beim Onlinehändler und verlassen uns dabei fast nur noch auf unseren Sehsinn. Und auch das handschriftliche Schreiben verliert immer mehr an Bedeutung. Wie viele Postkarten hat man früher aus dem Urlaub verschickt? Brav beschrieben mit den schönsten Eindrücken vom Reiseziel. Und heute? Wenn überhaupt, dann reicht eine WhatsApp-Nachricht. Wenn man dort eine oder mehrere Gruppen angelegt hat, muss man sogar nur einmal auf den Absende-Knopf drücken.

Was das Lesen betrifft, so haben es die gedruckten Tageszeitungen und manches Buch in Papierform inzwischen deutlich schwerer am Markt. Das E-Paper der Zeitung oder das E-Book auf dem Reader haben sich seit geraumer Zeit ihren eigenen Platz geschaffen. Was wir bei all der Modernität unterschätzen ist, dass wir als analoge Leser das Blatt in der Hand halten. Wortwörtlich! Denn wir steuern unseren Lesefluss, unsere Auswahl. Wir erleben Printprodukte viel intensiver, weil mehr Sinne angesprochen werden. Und das macht uns doch um einiges reicher, als nur von digitalen Systemen und Algorithmen durch die Welt gesteuert zu werden.

Selbst in modernsten Softwareschmieden gibt es analoge Hilfsmittel wie z.B. das Kanban-Board, wo mit Post-It Aufgaben erfasst und in aufgemalten Feldern platziert werden. Und Google versendet auch heute noch gerne und häufig Postkarten, um für sich und die Dienstleistungen aufmerksam zu machen. Das Thema Haptik ist also weiterhin in unserem Alltag relevant. Auch im beruflichen Umfeld bzw. in Organisationen. Dinge anfassen zu können, fördert unser Denkvermögen und unsere Kreativität ungemein.

„Mit der Flut digitaler Instrumente stieg auch das Forschungsinteresse an vergleichenden Studien zum Thema Tippen vs. Handschrift. Zu den wiederkehrenden Ergebnissen einschlägiger Studien zählt, dass handgeschriebene Texte – ob Resümees von Vorträgen oder Ideensammlungen – höhere Kreativität spiegeln und komplexere Sätze aufweisen. Beim Einsatz von Kernspintomografen zeigte sich, dass die feinmotorische Akrobatik, die Handschrift verkörpert, im Gegensatz zur stereotypen Tippbewegung die komplexen, vernetzten Hirnareale für Motorik und Sensorik wesentlich stärker aktiviert und damit auch formt bzw. fördert. Haptische Erfahrungen wie das Schreiben von Hand sind essentiell für die Herausbildung unserer Persönlichkeit.“¹

Deshalb greifen Sie in Meetings mal wieder zu Buntstiften, machen Sie mit Ihrem Team einen Waldspaziergang und berühren mal mit den Händen einen Baumstamm. Sorgen Sie in Ihren Organisationen für echte Erlebnisse und berührende Augenblicke. Erwarten Sie dabei nicht gleich die großen Wunder. Wenn Sie jedoch auf Dauer haptische Spiele und Werkzeuge einsetzen, werden Sie mit der Zeit bestimmt feststellen können, dass sich eine positive Veränderung breitmacht!

Ein Kompetenztraining für Medien aller Art

Nun sind wir dank unserer Vorfahren über Jahrtausende hinweg im Training bezüglich unserer Sinne gut positioniert. Wie eingangs erwähnt, nutzen wir unsere Sinne und unser Bauchgefühl stets und oft – meist geschieht das im Autopilot. Und mit ein paar Abstrichen ist die Menschheit damit bislang ganz gut gefahren.

In unseren modernen Gesellschaften haben wir uns einen Umgang angeeignet, der uns meist friedlich miteinander leben lässt. Diskussionen sind gewünscht und fördern unser Demokratieverständnis. Und Debatten fördern auch die Weiterentwicklung ganzer Gesellschaften und von Systemen ungemein.

Doch vor einigen Jahren haben wir im Rahmen unserer digitalen Evolution damit begonnen, uns in eine von uns geschaffene Welt hinzubewegen, ohne dass wir wirklich die Zeit hatten, uns hier eine entsprechende Kompetenz aufzubauen. Die sogenannten Sozialen Medien spielen dabei eine zentrale Rolle. Das gesprochene – oder auch geschriebene – Wort kann ein scharfes Schwert sein. Dort, wo dies unkontrolliert und anonym stattfindet, wird es dann teilweise unerträglich oder gar schon gefährlich. Hinzu kommen die vielen Kanäle, die uns mit Nachrichten und Fakten informieren wollen. Doch wo enden neutrale Informationen und wo beginnen Meinungen? Welche Absichten verfolgen die Verfasser der Nachrichten? Was entspricht bei Kommentaren dem guten Ton? Wo ist Anonymität sinnvoll und wo wirkt sie zerstörend? Die Grenzen sind manchmal fließend und der ungeübte Medienkonsument kann hier oft die Trennlinien nicht erkennen. Manche wollen sie auch nicht erkennen und „schießen“ aus dem Hinterhalt auf ihre Mitmenschen. Beobachten lässt sich dies auf Plattformen, auf denen sogar zum Mord an Politkern, Journalisten und andersdenkenden Menschen aufgerufen wird.

Die Vielzahl der Fernsehkanäle buhlt inzwischen um jeden Zuschauer und bei manchem Format fällt einem nur noch der Spruch vom inzwischen verstorben Satiriker Dieter Hildebrandt ein: „Wir glauben nur das, was wir sehen. Darum glauben wir alles, seit es das Fernsehen gibt.“ Hier liegt die Gefahr, dass wir Realität und Show nicht mehr unterscheiden können. Und welchen Machtmissbrauch man mittels Medien erzielen kann, wissen wir zum einen sehr gut aus unserer eigenen Geschichte. Zum anderen gibt es in den USA das aktuelle Beispiel, wo der ehemalige US-Präsident Trump seine Anhänger über den Kurznachrichtendienst Twitter wegen des angeblich manipulierten Wahlergebnisses dermaßen emotional aufwiegelte, bis rund 1.000 Fanatiker das Kapitol stürmten und Menschen ums Leben kamen.

Wir brauchen daher wir eine Art digitalen Waffenschein. Ein Kompetenztraining für Medien aller Art, damit wir mit Sprache einen besseren Umgang lernen. In den „guten alten Zeiten“ mit einem überschaubaren Angebot an Printprodukten in Form von Tages- und Boulevardzeitungen und einem öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehprogramm war dies tatsächlich etwas einfacher. Einen anonymen Beschuss aus der digitalen Welt kannte man noch nicht. Natürlich hat jede Gattung ihre Stärken und Schwächen. Allein die Zunahme an Möglichkeiten macht es uns schwer, Medienkompetenz nachhaltig zu erlangen. Insbesondere gilt dies auch in Organisationen, die in der Kommunikation nach innen wie nach außen professionell arbeiten müssen. Diesen „Waffenschein“ sollten wir so früh wie möglich erwerben. Also in der Schule. Am besten beginnt es bereits in der Grundschule, bevor die Kinder ihr erstes eigenes Smartphone bekommen und dann oft ungebremst in die digitale Welt rasen.

Die Medienkompetenz, die alle Facetten abdecken sollte, wird dann mit zunehmendem Alter erweitert. Es geht hierbei nicht darum, die Menschen gleichzuschalten. Und es wird auch nicht gelingen, Hass und Falschinformationen komplett zu vertreiben. Es kann jedoch ein guter Ansatz sein, unsere Welt und unser Zusammensein in dieser Gesellschaft ein bisschen besser zu machen. Denn was Hänschen lernt, kann Hans später in Unternehmen und Organisationen wunderbar ein- und umsetzen. Dann erlangen auch diese Einrichtungen über das Team eine bessere und nachhaltige Medienkompetenz.

Gemeinsam stark und von allem das Beste

Wer jetzt denkt, das eine geht nur ohne das andere, täuscht sich. Es hat sich bisher fast immer gezeigt, dass durch neue Kanäle auch eine Chance für das Althergebrachte entstehen kann. Hybride Modelle schaffen den Zugang in breite Bevölkerungsschichten, die Menschen können genau dort erreicht und abgeholt werden, wo sie sich in der Regel aufhalten. Teams und Organisationen können optimaler arbeiten, wenn jeder auf seine bevorzugten Mittel zurückgreifen kann. „Nicht alles über einen Kamm scheren“ ist dabei die Devise. Wenn wir also die Vorzüge der Haptik mit den Vorteilen von digitalen Modellen verbinden, dann kann doch nur etwas Großes entstehen.

Haptisches Marketing lässt sich wunderbar auch mit dem Online-Bereich kombinieren. Die Verbindung von Haptik und digitalen Modellen können wir zudem inzwischen an einigen Stellen im Einzelhandel beobachten. Der klassische stationäre Einzelhändler mit seiner Fläche in der Innenstadt betreibt gleichzeitig einen Onlineshop, Concept-Stores vereinen unter einem Dach eine gute Auswahl an Angeboten und Dienstleistungen. Klassische Online-Anbieter setzen vermehrt auf Flagship-Stores, damit der Kunde das Produkt nicht nur auf dem Bildschirm sieht, sondern es vor Ort mit möglichst vielen Sinnen (vor allem dem Tastsinn) wahrnimmt und das mit dem Produkt verbundene Gefühl erfährt. Und das Café an der Ecke ist mit bestem WLAN und diskreten Sitzecken nun auch das neue Büro – also eine Art Coworking Space.

Unternehmen und Organisationen, die es schaffen, Bestehendes und Bewährtes mit neuen Ideen zu vermengen, sind auf dem richtigen Weg in eine erfolgreiche Zukunft. Radikale Umwälzungen mögen an manchen Stellen das beste Mittel der Wahl sein, in den meisten Fällen ist jedoch das behutsame Drehen des Dampfers ein Erfolgsgarant. Dabei gilt es, die Menschen von Anfang an mitzunehmen. Wer selbst am Veränderungsprozess mitwirken kann, der setzt diesen auch viel intensiver und freudiger um.

 

Hinweise:

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Daniel van Steenis betreibt mit JIVE ein regionales Magazin für Gesundheit, Wellness und Living. Ein Besuch lohnt sich bestimmt.

[1] Haptische Erfahrungen und kognitive Fähigkeiten

Daniel van Steenis
Daniel van Steenis

Daniel van Steenis kann auf eine über 30-jährige Erfahrung in der Medienbranche zurückblicken. Als gelernter Verlagskaufmann und Betriebswirt hat er bislang vornehmlich im Raum Freiburg für diverse Verlage gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt dabei in den Bereichen Vermarktung, Marketing und Projektmanagement. Er steht für das Medium Print ein und glaubt an dessen Zukunft – soweit die Produkte gut gemacht sind und sich im Dialog mit der digitalen Welt weiterentwickeln.

(Photo von: Sabine Rukatukl)