Purpose? Habe ich: Am „Leben“ bleiben!

Gastbeitrag von | 16.04.2020 | Prozesse & Methoden | 1 Kommentar

Diskussionen im Kontext „Purpose-Driven-Organization“ haben seit geraumer Zeit Hochkonjunktur. Das kann ich auf der einen Seite verstehen. Auf der anderen Seite steht bei mir aber der feste Glaube, dass diese Diskussionen gar nicht geführt werden müssen, denn Sinn und Zweck von Unternehmen ist definiert und nicht verrückbar. Es geht um Selbsterhalt, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Auf genau diese These möchte ich am Anfang dieses Beitrags eingehen und damit belegen, dass die Diskussionen um Purpose nicht das Ziel haben können, auch wenn es gerne hoch gehalten wird, diesen zu definieren, da er inhärent im System Unternehmen gegeben ist. Am Ende schlage ich dann den Bogen, warum diese Diskussionen trotzdem einen besonderen Wert besitzen und deshalb notwendig sind.

Vielleicht reiche ich heute eine Sicht zu Purpose an, die für einige Leser schwer zu verdauen ist. Trotzdem ist diese Meinung zu meinem Erleben passfähig und vielleicht geht es einigen Lesern dieses Beitrags ja auch so. Jedenfalls ist dieser hier beschriebene Blickwinkel passfähiger für mich, als viele andere Sichten, die ich oft höre, wie zum Beispiel, Unternehmen sollten den Sinn und Zweck haben, Probleme im Markt oder in der Gesellschaft zu lösen. Das wäre super genial, wenn das ginge, ohne Frage. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber so funktionieren unsere Systeme in der Wirtschaft nicht, die wir uns übrigens selbst aufgebaut haben.

Die kommenden Sätze möchte ich auch komplett wertfrei zu verstehen wissen. Ich möchte einzig und allein meine Beobachtungen von Operationen in Unternehmen erklären. Jede Handlung hat einen guten Grund. Und diesen guten Grund möchte ich nun frei legen.

Diskussionen über Purpose müssen NICHT geführt werden

Meine These gleich am Anfang:

Es gibt genau einen Sinn und Zweck für Unternehmen: ihr Fortbestehen, ihr Leben. Leben kennt kein Warum. Das Warum wird über Geschichten konstruiert, damit es besser klingt.

Unternehmen drehen sich um sich selbst. Es gibt sie, weil es sie gibt. Der Grund dafür sind viele notwendig aufgebaute Pfadabhängigkeiten im Fortbestehen des Unternehmens, zu denen ich ein paar Zeilen weiter unten kommen werde.
Unternehmen gibt es, weil sie weiter bestehen wollen. Der Sinn und Zweck von Unternehmen sind sie selbst. Selbst Geld verdienen ist nicht Sinn und Zweck. Geld verdienen ist nur Mittel zum Zweck des (Weiter)Bestehens des Unternehmens. Das ist im System „Wirtschaft“ so definiert.

Ich habe oft erlebt, dass Unternehmen Kunden nicht glücklich machen oder ihre Shareholder nicht ausreichend mit Rendite versorgen oder nicht genügend Gewinn machen etc., trotzdem verschwinden sie sie nicht gleich vom Markt. Nein. Sie existieren weiter, weil Glücklich-Machen von Kunden nicht ihr Sinn und Zweck ist. Selbst wenn Unternehmen kein Geld verdienen, sogar viel Geld verlieren, wie Banken in der Finanzkrise 2008, werden sie gerettet. Oder, in Unternehmen wird gegen das Gesetz gehandelt, Stichwort Dieselskandal. Sie sterben trotzdem nicht. Warum? Weil ihr Sinn und Zweck Weiterleben ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich möchte schon eingestehen, dass Unternehmen oder andere Organisationen zum Zeitpunkt der Gründung einen guten Grund haben, einen Sinn und Zweck, zum Beispiel Probleme im Markt oder in der Gesellschaft lösen zu wollen. Das Unternehmen ist zu Beginn Mittel zum Lösen dieser Probleme. Dann beginnt das Unternehmen zu leben und wird unweigerlich zum Zweck. Strukturen werden aufgebaut, die immer wieder bestätigt werden müssen. Dann sind Kundenprobleme nur noch Mittel diesen Zweck zu bedienen. Zweck und Mittel werden vertauscht.

Wenn es Unternehmen erst einmal gibt, ist der ursprüngliche Sinn ihrer Gründung nur noch nebensächlich. Dann werden sogar oft Probleme im Markt erfunden, um weiter bestehen zu können. Siehe Apple. Dort wurde das Problem erfunden, dass Menschen jederzeit mit der Welt verbunden sein wollen. Als Lösung wurde dann das iPhone angeboten. Das Ausloben von Visionen und Strategien ist genau dafür institutionalisiert worden, Probleme im Markt zu erfinden. Würde man darauf vertrauen, dass Kunden sie von ganz allein entdecken würden, bräuchte man diese institutionalisierten Strukturen und Prozesse im Unternehmen nicht.

Nun könnte man natürlich behaupten, dass Kunden selbst auf die Idee kommen, ein Problem zu haben und dann zum Unternehmen gehen, damit ihnen geholfen wird dieses zu lösen. Warum gibt es denn aber Marketing? Den Kunden muss immer wieder suggeriert werden, dass sie ein Problem haben, dass sie unbedingt lösen möchten. Na klar. Die Kunden mit ihren Problemen werden zwingend benötigt, damit das Unternehmen weiter bestehen kann. Marketing, eine nächste institutionalisierte Funktion, die die Aufgabe hat, das Fortbestehen des Unternehmens zu sichern.

Es ist also nicht nur so, dass Unternehmen rein system- und strukturbedingt niemals kundenzentriert sein können. Nein, es ist noch ein Zacken schärfer. Unternehmen benötigen Kunden mehr, als Kunden Unternehmen benötigen. Und noch einmal: Ein Unternehmen entsteht sicher aus einem guten Grund heraus. Das ist die Geburt. Dann fängt das Unternehmen an zu leben und ab diesem Zeitpunkt gibt es nur noch den einen Zweck für das Unternehmen: (Weiter)Leben.

Ich habe noch nie erlebt, dass im Unternehmen gesagt wird: „So, wir haben jetzt alle Probleme gelöst, die wir zu Beginn unserer Gründung lösen wollten, jetzt muss es uns nicht mehr geben. Wir können sterben.“

Ich habe auch noch nie erlebt, dass in Unternehmen gesagt wird: „Unser Sinn und Zweck ist es Problem x zu lösen. Das Problem kann aber besser im Markt gelöst werden, wenn es uns nicht mehr gibt. Also lasst uns sterben.“

Haben Sie solche Sätze schon einmal gehört? Ein Nicht-Fortbestehen eines Unternehmens ist niemals im Lösungsraum zu finden und mir fallen einige Beispiel ein, wo das passfähige Lösungsoptionen wären.

So funktioniert Leben aber nicht. Leben will leben, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es werden stetig neue Mittel, also neue Kunden, neue Probleme etc. erfunden, damit der Zweck weiter zu leben, weiter bedient werden kann.

Diese Mechanismen beobachte ich nicht nur in Unternehmen, sondern bei jeglichen Organisationen, die Menschen gründen, um gemeinsam einem Zweck zu dienen. Nach der Gründung, also wenn die Organisation anfängt zu leben, ist das Bestehen dieser Organisation der alleinige Zweck, alles andere ist Mittel, um diesen Zweck zu erfüllen.

Geht es ihnen nicht auch so, dass sie Handlungen in Unternehmen beobachten und sich fragen: „Warum? Warum diese Prozesse, diese Aktivitäten, wenn doch das Kundenproblem im Mittelpunkt steht?“

Wenn sie das jetzt umdrehen. Das Unternehmen und sein Fortbestehen steht im Mittelpunkt, ist also Zweck, und Kundenprobleme müssen unweigerlich Mittel sein, dann machen für mich viele dieser Handlungen wieder Sinn. Dann kann ich mir diese erklären.

Diskussionen über Purpose müssen UNBEDINGT geführt werden

Leben möchte leben, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das ist Warum genug. Alles andere ist „Theater“, um diesen Fakt zu verdecken, da er schwer zu vermitteln ist. Na klar ist das schwierig zu kommunizieren. Wenn ein Unternehmen zu mir als Kunde sagt, dass ich nur Mittel bin, damit es überhaupt existieren kann, ist das komisch für mich. Dann würde ich dem Unternehmen schon sehr klar vermitteln, dass ich nicht nur Mittel bin. Also werden Geschichten erfunden. Denn wenn dieser Fakt offensichtlich wird, kommen Kunden bestimmt nicht mehr und lassen ihr Geld im Unternehmen. Wer möchte schon Mittel sein?

Ähnliches gilt aber auch für die Mitarbeiter im Unternehmen. Irgendwie suchen wir doch alle nach einem tieferliegenden Sinn und Zweck unseres Tuns, oder? Mir geht es jedenfalls so.

Leben kann nur dann weiter bestehen, wenn es auf eine gesunde Balance von Geben und Nehmen mit der Umwelt basiert. Also wird dieses Narrativ der Kundenzentrierung und der Sinnerfüllung der Arbeit für Mitarbeiter unbedingt benötigt. Und nun schließe ich den Kreis. Die Diskussionen rund um Purpose sind wichtig. Sie haben den Zweck dieses Narrativ immer wieder zu bedienen und die Umwelt von dem eigentlichen hier beschriebenen Muster des Selbsterhalts abzulenken.

 

Hinweis:

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Conny Dethloff

Conny Dethloff

Conny Dethloff ist im Jahr 1974 geboren und hat sein Studium als diplomierter Mathematiker 1999 abgeschlossen. Direkt im Anschluss ist er in die Wirtschaft aktiv eingestiegen, bis 2011 als Unternehmensberater bei PwC und IBM Deutschland GmbH und ab dem Jahre 2012 als Senior Manager im Bereich Business Intelligence bei der OTTO GmbH & Co KG. Dort war seine Aufgabe OTTO im Kontext BI, Big Data und Kultur in das digitale Zeitalter zu führen. Erkenntnisse, die er im täglichen Arbeitsleben generiert, reflektiert er seit 2009 in seinem Logbuch Reise des Verstehens.