Handyfreie Zone – Detox totales

Gastbeitrag von | 25.01.2020 | Prozesse & Methoden | 0 Kommentare

Ich kann mich nicht wirklich erinnern, wie ich zu meinem ersten mobilen Telefon kam. Bei meinem ersten Smartphone weiß ich es genau. Ich war 30. Ein Bekannter testete Technikspielzeug und drückte mir irgendwann eins in die Hand. Sicher weil er es leid war, dass er mich Spätzünder nicht so erreichen konnte, wie seine übrigen Freunde. Seitdem bin ich quasi immer irgendwie online. Vor meinem Jahresend-Retreat in Portugal habe ich mich gefragt, ob mir nicht eine Woche offline gut tun würde. Für besseren Schlaf und inneren Frieden. Das Vorhaben schien mir schon sehr verrückt, fast unvorstellbar. Meine Mitreisende Wibke fand die Idee aber gut. Unsere Gastgeberin Michelle erklärte sich bereit, mein Handy einzuschließen und auch auf heftige Nachfrage nicht rauszugeben. Je näher der Abflugtag rückte, desto nervöser wurde ich… Und so habe ich es erlebt:

Tag null

Sonnenuntergang in Ericeira, Portugal. Angekommen in unserem Retreat-Ort, stehen wir auf der Terrasse und genießen das Farbspektakel. Zeit, das Handy auszuschalten. Ich nehme es in beide Hände und überreiche es Michelle wie ein asiatischer Businessmann seine Visitenkarte – mit einem leichten Kopfnicken. Nimm es! Die Sonne versinkt im Atlantik und sie fragt: „Willst du das wirklich?“ „JA!“ antworte ich bestimmt. Hinter Michele reagiert Gitu aus Manchester geschockt: „Müssen wir alle unsere Telefon abgeben?“ Nein, auf das Telefon verzichte nur ich. Neben Kaffee, Zucker, Alkohol, Nikotin, Fisch und Fleisch. Eine Woche lang. Detox totales.

Ich fühle mich unmittelbar erleichtert. Befreit vom ständigen Display-Check. Und wie ich jetzt feststelle auch von der Zeit. Denn ich habe vergessen eine Uhr mitzunehmen. Vor dem Abendessen machen wir einen Spaziergang. Ich muss nichts mitnehmen und an nichts denken. Schön.

24 Stunden ohne

Es läuft erstaunlich gut. Ich denke viel seltener an das Handy als erwartet. Blöd nur, dass ich nie weiß, wie spät es ist. Ich versuche meine Begleitung nicht zu oft zu nerven mit einer Frage nach der Uhrzeit. Wir sind im Urlaub. Aber einen Zeitplan hat es eben auch hier. Selbst wenn so schöne Sachen wie Essen, Massage, Yoga oder Meditation draufstehen. Ich bin gern „in time“.

Ich frage mich, ob mir schon jemand geschrieben hat und jetzt womöglich vergebens auf eine Antwort wartet. So ist das nämlich, wenn ich jemandem texte. In dem Moment des Abschickens beginne ich auf eine Antwort zu warten. Bei allen Leuten, denen ich schreibe – sogar meiner Mutter. Wie anstrengend. Von der ständigen Warte-Position wollte ich mich in dieser Woche frei machen. Und gestehe mir ein: Es wird sich wohl eh niemand melden. Ich habe aller Welt Bescheid gesagt, dass ich offline bin.

Tag zwei ohne

Entspannung auf hohem Niveau. Kann ich handyfreie Zeiten vielleicht auch „im richtigen Leben“ einbauen? Noch denke ich: schwer möglich. Auch weil mir langsam klar wird, was ich alles mit dem Telefon mache. So wird es von diesem Urlaub nur sehr wenige Fotos geben. Gut, dass Ericeira so klein ist. Wir können uns leicht am Meer orientieren, wenn wir nachmittags in der Sonne hierhin und dorthin gehen, um den Wellen beim Brausen zuzusehen. Ich habe eine Liste angefangen. Handschriftlich, nicht elektronisch. Sachen zum Googeln für später. Hatte Che Guevara eigentlich Kinder? Wie sieht die Kunst von Lucian Freud aus? Was genau ist eine Tajine? Wer ist John Friend? Und ist die neue Successions-Serie so gut wie alle sagen? Was man halt so wissen will.

Tag drei ohne

Nach dem Aufwachen möchte ich das Handy und die News checken. So wie ich das sonst morgens als erstes mache, um klar zu haben, dass es über Nacht keinen Atomkrieg gab. Ich rede mir zu: Du verklingelst immer so viel Zeit damit, die du vielleicht lieber mit Schlafen verbracht hättest. Nur bin ich ziemlich ausgeschlafen heute. Ich fühle mich ein bisschen abgeschnitten von der Welt.

Am Tag gibt es genug zu tun, so dass ich gar nicht dazu komme, an das Telefon zu denken. Außer oben an den Klippen, wo wir sitzen, um die letzten Sonnenstrahlen des Jahres zu genießen. Eine Frau schiebt sich unbekümmert in unseren Ausblick, um ein Selfie von sich und dem Meer zu machen. Irgendwie sieht es von außen immer lächerlich aus. Mich befällt die Sorge, dass sie zu denen gehören wird, die auf der Webseite mit den unglücklichen Selfie-Toten landen, so nah kommt sie dem Abgrund. Die jungen Menschen auf den Steinen nebenan ziehen ihre Displays dem Schauspiel Natur & Mensch vor. Ich frage sie, wie spät es ist. Meine innere Uhr lag nur zehn Minuten daneben. Zeit zurückzugehen und sich für den Silvesterabend vorzubereiten. Wir schreiben auf kleine Zettel, die wir später im Kamin verbrennen, was wir 2019 alles hinter uns lassen wollen. Auf meinem stehen ein Dutzend Sachen. Darunter: Handyabhängigkeit.

Tag vier ohne

Ich denke morgens erst an das Telefon als der Vater von Wibke anruft. Er wünscht ihr ein schönes neues Jahr. An einem Neujahrstag ist es schon traurig ohne Verbindung zu Freunden und Familie. Am Nachmittag sitze ich auf der Terrasse und jammere. Wibke hat gestern Nacht mit ihren Lieben telefoniert und viele Nachrichten bekommen. Ich war ganz begierig, daran teilzuhaben. Ohne meine eigenen Neujahrsgrüße. Außerdem hatte ich einen Handytraum: Ich schreibe meinem Ex und er antwortet und antwortet und antwortet nicht. Freud hätte seine Freude. Nun gut, die Sonne scheint. Das Jahr ist jung. Und ich bin frei. Vom Phone. Und vom dem Ex eh schon lang.

Tag fünf ohne

Soweit, so entspannt. Es fällt mir schwerer am Nachmittag am Strand auf Kaffee und Kuchen zu verzichten als auf das Telefon. Stattdessen frisch gepresster Orangensaft und ein leerer Kopf. Ich mache eine Extrarunde Meditation und freue mich auf 2020. Bin gespannt wie es sein wird, das Handy wieder einzuschalten und dann bewusster damit umzugehen. Michelle will es mir morgen kurz vor der Abreise geben. Ich beschließe, es erst am Tag darauf in Lissabon anzumachen, um mir auch noch einen Extratag in digitaler Freiheit zu schenken. Am Abend frage ich Ingrid aus Belgien, ob sie bei Facebook ist, weil ich gern mit ihr in Kontakt bleiben möchten. Sie lacht und sagt, sie habe mir schon vor vier Tagen eine Freundschaftsanfrage geschickt.

Tag sechs

So ganz klappt es nicht mit dem Extratag detox totales. Am Morgen muss ich mich für den Rückflug einchecken. An Wibkes Notebook versuche ich blinzelnd nur die Mail von TAP Air rauszufischen und die 375 Mails im Posteingang zu übersehen. Puh. Nicht drüber nachdenken. Nach dem Frühstück reicht mir Michelle ohne viele Worte meinen weißen kleinen Flachbildschirm. Ich sage: „Danke!“ Und meine es so. Das Gerät verschwindet im Rucksack. Akku ist eh leer.

Unterwegs nach Lissabon fällt mir wieder ein, dass meine liebe Begleiterin viele Fähigkeiten hat, nur keine navigatorischen. Wibke gibt mir ihr Telefon, damit ich den Weg zum Hotel finde. Es fühlt sich ganz natürlich an. Nach dem Kofferabstellen, mäandern wir durch die Straßen und ich bemühe mich zumindest, mir zu merken, wo wir sind, damit wir nicht verloren gehen. Wie haben wir das früher gemacht? In dieser Stadt ist es unmöglich ohne Wibkes Navi klarzukommen.

Bevor der Tag vorbei ist, habe ich Schluss gemacht mit dem Schlussmachen. Das portugiesische Puddingteilchen ist nach einer Woche ohne Zucker noch leckerer als sowieso. In den Galao schütte ich Zucker. Zum Fisch-Dinner gibt’s Portwein. Unglaublich gut. Im Hotel: Fernsehen im Bett. Welch Wunder – am Ende kann ich nicht einschlafen. Das Handy liegt eingestöpselt auf dem Nachttisch und ich weiß, dass es schon nach Mitternacht ist. Der Tag, an dem auch der digitale Detox vorbei sein soll. Also mache ich es an. Warte. Bis sich das portugiesische Netz mit meinem deutschen Anbieter verbrüdert. Die kleinen roten Bubbles auf den Nachrichtenkanälen machen „plopp“. Ich bin wieder online. Es fühlt sich mindestens so gut an wie der Zuckerflash am Nachmittag.

Meine digitalen Vorsätze

Basierend auf den Erfahrungen der letzten Tage habe ich mir – für besseren Schlaf und inneren Frieden – folgendes vorgenommen:

  • Ich werde das Smartphone nur von 8 bis 22 Uhr benutzen.
  • Das gleiche gilt für Laptop und Tablet.
  • Das Handy verschwindet aus dem Schlafzimmer. Der alte Wecker wird wiederbelebt.
  • Während der Arbeit gehört das Handy in die Tasche und nur in der Mittagspause herausgeholt.
  • Ich brauche eine Uhr fürs Handgelenk.
  • Für kleine und große Listen besorge ich ein Notizbuch. Und am besten gleich noch einen Kalender.

Kamera und Navigation werde ich weiter auf dem Smartphone benutzen – beides ist wirklich unersetzlich. 😉

 

Hinweise:

Che Guevara hatte fünf Kinder: Hilda, Aleida, Camilo, Celia und Ernesto.
Lucian Freund war einer der wichtigsten Porträtmaler des 20. Jahrhunderts. Weitere Informationen finden Sie hier.
In der nordafrikanischen Küche bezeichnet eine Tajine sowohl einen runden, in Ton gebrannten Eintopf mit gewölbtem oder spitzem Deckel als auch das darin gekochte Gericht.
John Friend ist ein amerikanischer Yogalehrer und der Erfinder des Anusara Yoga.
Succession hat auf IMDB eine Bewertung von 8,4 (von 10 möglichen Punkten), aber ob die Show so gut ist, wie alle sagen, ist sicherlich eine Frage des Geschmacks.

Anne Wäschle
Anne Wäschle

Anne Wäschle studierte Soziologie, Medienwissenschaften und Medientechnik und arbeitete als Journalistin und PR-Redakteurin bei verschiedenen Verlagsgesellschaften in Hamburg, Moskau und Berlin. Als Redaktionsleiterin erstellt sie heute Magazine für eine große deutsche Krankenkasse.

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