Das Märchen von der Augenhöhe

Gastbeitrag von | 20.01.2020 | Prozesse & Methoden | 0 Kommentare

Es war einmal ein Team, das hatte seine Struktur verloren, seinen Sinn und seine Vorbilder. Es drohte auseinanderzufallen und sich aufzulösen. Der König des Unternehmens nahm die Bedrohung kaum wahr, wohl aber einzelne Untertanen. Die Lage wurde immer ernster. Der König hörte seine Untertanen, aber er hörte ihnen nicht zu. Bis schließlich einige von ihnen so vehement auf Veränderung pochten, dass auch der König nicht mehr anders konnte – er ließ ihnen ihren Willen. Er hieß es nicht gut, er befürwortete es nicht, er hatte schlichtweg keine bessere Idee.

Zwei Musketiere

Wenn nichts rundherum passt, dann muss man zusammenhalten. Es mag anderen seltsam erscheinen, aber der feste Wille und der Glaube an die Zukunft, heiligt die Mittel. Manchmal ist es nicht die Tradition, die Erfahrung, der Familienname, der zählt. Es ist ein Bauchgefühl. Vielleicht auch ein bisschen Aschenputtelgeschichte – wenn zwei sich zusammentun, die vermeintlich alleine nicht die herrschaftlichen Voraussetzungen zur Stärkung des Königreichs hätten, dann aber doch ganz neue Fähigkeiten entwickeln. Der König war zunächst gekränkt in seiner Ehre, aber er ließ es zu. Im Namen des Volkes. Er regierte an anderen Schauplätzen weiter, schlug andere Schlachten.

Ein Team von Stadtmusikanten

So machte sich das Team auf die gemeinsame Reise. Es war kein Kurztrip und auch keine Vergnügungsfahrt. Man plante, veränderte, diskutierte, überlegte. Man verwarf, trennte sich, suchte neue Partner, lernte und agierte. Mit der Zeit stellten sich erste Wirkungen ein. Jeder für sich fand seinen Platz, seine Aufgabe, neue Talente fanden ihren Raum. Man wurde mutiger – Erfolge stellten sich ein. Zahnräder begannen ineinander zu greifen und Respekt war eines der führenden Prinzipien. Aber auch das Wissen darüber, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Mal mehr zusammen, mal allein. Es war eine Phase des Ausprobierens, mal vorsichtiger, mal ungezügelt, mal scheinbar willkürlich. Aber irgendwann hatte man die Ordnung gefunden. Stabile Basis – oben leuchtete der stolz geschwellte Hahnenkamm.

Schlaraffenland – süßer Honig floss wie Wasser

Dem König blieben die Veränderungen nicht unbemerkt. Grund genug, die Entwicklungen genauer zu betrachten und für gut zu befinden. Und die Idee als die eigene zu deklamieren. Dem Team war es gleichgültig – es konnte frei agieren, selbstorganisiert. Man fühlte sich mit dem König auf Augenhöhe, der die Entscheidungen mittrug. So schien es. Den sie aber auch, sofern sie zum gewünschten Ergebnis führten, nicht einmal mehr interessierten. Das Team trotze der Ignoranz – wusste man doch um die frühere Dominanz der Hierarchie. Strategien wurden ausgefeilt, Prozesse hinterfragt und die zu Beginn ausgerufene Parole „wir machen alles neu“ bekam langsam ein Gesicht. Untertanen, die nicht erfahren hatten, initiativ zu handeln, ändern sich nicht disruptiv – das musste auch das Team erfahren. Es änderten sich auch nicht alle. Auch das eine Erkenntnis, die zunächst auf Dysfunktion und Scheitern und erst schleichend als natürlich angesehen wurde.

Die Grade der Freiheit stiegen konstant mit dem Erfolg. Rückblickend war genau das jedoch ein Trugschluss: sie stiegen eben nicht mit dem Erfolg der Struktur, des Teams, einer neuen Art der Führung, sondern sie stiegen mit dem Erfolg gemessen in Zahlen. Mit dem Umsatz, dem Gewinn, der Reputation des Königs.

Doch noch waren alle auf einer gemeinsamen Reise. Mit dem König. Warum also nicht das Team vergrößern, das System ausdehnen? Denen, die sich engagierten, die mit vollem Einsatz für das Königreich ihre Ideen einbrachten und die Untertanen integrierten, noch ein einige weitere Aufgaben anvertrauen? Das musste zu noch mehr Freude, Engagement und Projektinnovation führen. Gesagt – getan. Das Team wuchs stetig unter den Augen des Königs. Mit dem König auf Augenhöhe. Vermeintlich. Es war stolz auf sich und vertraute darauf, dass es wirksam im Sinne des Königs war. Im Sinne aller Untertanen und der eigenen. Das war die Motivation.

Dornröschen schlafe 100 Jahr’…

Dornenhecken wachsen langsam. Aber sie besitzen die Gefahr zu erdrücken. Anfangs pieken sie nur. Andere Untertanen beobachteten das Team mit Argwohn oder Belustigung. Das Königreich im Königreich mit der scheinbar speziellen Protektion. Erstere, weil sie die neue Symbiose von Menschen und Aktionen nicht recht einschätzen konnten, andere, weil sie das Engagement für das Königreich für überflüssig hielten. Um das Team herum brodelte es im Königreich. Untertanen verließen es. „Reisende soll man nicht aufhalten“ – die Reaktion des Königs. Aber auch die Bedrohungen außerhalb des Königsreichs wurden stärker. Teams, wie das neu entstandene, waren anderenorts viel stärker, noch freier, innovativer, mächtiger. Das Königreich schottete sich stark ab gegen Entwicklungen von außen. Es fühlte sich unbesiegbar in seinen Überzeugungen, in seiner Macht.

Zum Ende eines Jahrzehnts zeichnete es sich ab: die Reise ging bei aller Achterbahnfahrt nicht mehr so steil voran. Wie positiv, wenn ein Team dann erst recht alle Kräfte bündelt in neue Maßnahmen, wenn es zusammen steht, wenn Herausforderungen als das angenommen werden, was sie sind:

  • Möglichkeiten zu wachsen,
  • Mut zu beweisen,
  • ein Risiko einzugehen,
  • Fehler machen zu dürfen,

um gestärkt daraus hervor zu gehen.

Tischchen deck‘ dich, Goldesel & Knüppel aus dem Sack

Plötzlich war die Erkenntnis da, dass Augenhöhe der Vergangenheit angehört.

  • Fehler machen – nicht auch das noch!
  • Risiken eingehen – nicht in dieser Situation!

Der neue Weg konnte der alte sein. Weil der König festzustellte, dass er die Untertanen zu lange hatte spielen und rumprobieren lassen. Weil er wieder das Regime aus Überzeugung übernehmen wollte, um wieder einzugreifen, da ihn scheinbar nichts lief. Weil er Beziehungen für überflüssig, wertschätzende Teamstrukturen für Luxus und Druck für das einzig sinnvolle Führungselement hielt.

Was macht das mit Kollegen, Mitarbeitern, Freunden und Ihnen, wenn unterschwellig klar wird, dass einem neuen System nie wirklich vertraut wurde, dass den Individuen des Teams nie vertraut wurde und man wieder zu Untertanen wird? Dass man immer Untertan war?

Und die Moral von der Geschicht‘ …

Das Team ist stark. Es wird nicht so schnell aufgeben – nicht das, was es für das Königreich erreicht hat, und auch für sich selbst. Aber die Dornenhecke hinterlässt tiefe Kratzer. Ein Gefühl, dass die Gleichsetzung von Augenhöhe und Vertrauen kaum möglich ist – wenn sie sich nicht in Zahlen messen lässt. Zumindest nicht in diesem Königreich. Zu dieser Zeit.

Märchen gehen gut aus. Sie sind zwischenzeitlich grausam, bis der (gute) Protagonist siegt und der (böse) Gegenspieler getötet, verbannt oder verhext wird. Aber am Ende ist alles gut. Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Vor allem ist meist auch alles wieder wie vorher. Märchenhaft.

Unternehmen ticken anders. Die Trennung von gut und schlecht ist nicht immer ganz so einfach und die Waffen sind keine vergifteten Äpfel, Dornenhecken oder Wölfe. Es sind vielmehr die Zahlen, die Erfahrungen, die Ängste, die die stärksten Feinde der Erfolgsgeschichte sind. Zumindest dann, wenn diese nicht nach einem vorgezeichneten Weg laufen, nicht linear aufwärts.

Brotkrumen reichen längst nicht aus, um den besten Weg raus aus dem Schatten hinein in eine erfolgreiche gemeinsame Zukunft zu finden. Umgekehrt wird auch selten jemand im Ofen verbrannt, wenn auch die Feuer, auf denen Menschen gegrillt werden, ständig überall glühen. Ob aber Kontrolle, Druck und Rückwärtsgewandheit probate Stilmittel für Geschichten sind – das darf wohl bezweifelt werden. Der Glaube daran, dass Selbstorganisation und flache Hierarchien nur etwas für die guten Zeiten sind – der ist noch weitverbreitet. Und der Glaube daran, dass der König es richten muss – weil auch er allein den Kopf hinhalten muss, wenn es nicht gut läuft.

Ein Element des Märchens bleibt also erhalten: es kämpfen klein gegen groß, unten gegen oben. Die Machtverhältnisse sind klar verteilt. Und so lange nicht verstanden wird, dass es kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander ist, kein Kampf im Sinne einer Schlacht, sondern bestenfalls ein Wettkampf um den nächsten Höhepunkt der Geschichte, solange bleibt die Idee der Führung auf Augenhöhe ein Märchen. Eines, das sich gut erzählen lässt, solange die Zahlen stimmen. Und eines, das viel Phantasie bedarf, wenn mehr Asche als Erbsen im Töpfchen liegt oder der Goldesel gerade nicht zur Hand ist.

Schade, denn das Team kann gerade jetzt beweisen, dass es hinter dem König steht und für ihn einsteht, denn auch sein Königreich ist nur eines in einem noch viel größeren Herrschaftsbereich, in das er sich einfügen muss. Wäre es nicht schön, dann dem Team vertrauen zu können? Wäre es nicht schön, dann sieben Geißlein hinter sich zu wissen oder gar 70 Räuber? Denn letztlich stehen der König und der Kaiser ohne Kleider da, wenn ihnen keiner mehr die Wahrheit sagt und zu ihnen steht.

Königreiche in Alleinherrschaft haben ausgedient, moderne Märchen erzählen sich anders. Sie können aber durchaus gut ausgehen. Nur ist dann nichts mehr ist wie vorher.

Dieses Märchen ist selbstverständlich frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig.

 

Hinweis:

Auf doppel[t]spitze.de finden Sie interessante Informationen zu den beiden Autoren Julia Collard und Sven Schnitzler. Sehr lesenswert ist auch ihr bekannter Netzwerkblog.

Julia Collard & Sven Schnitzler
Julia Collard & Sven Schnitzler

Julia Collard und Sven Schnitzler sind Doppel[t]spitze. Netzwerken & Lernen sind ihre Leidenschaften und der persönliche & sowie virtuelle Austausch von Wissen. Als Wissensnetzwerker machen sie Ihre Meinung, Ihr Unternehmen und Ihre Arbeit sichtbar. Auf Augenhöhe und miteinander. Weil NewWork ohne Machtspiele & Konkurrenzdenken auskommt, sondern die individuelle Leistung in den Vordergrund stellt. Und im Zusammenspiel dann den Erfolg des Teams ermöglicht. Im „Hauptjob“ leiten Julia Collard und Sven Schnitzler als Doppelspitze die Bereiche Vertrieb & strategisches Marketing sowie die Business School der EUFH. Dabei sind sie verantwortlich für ein Team von 40 Mitarbeitern über 3 Standorte hinweg & bilden das gesamte Key Account Management der Hochschule ab.